Nach Glasgow ist vor dem nächsten Klimagipfel

Internationale Klimapolitik Nach Glasgow ist vor dem nächsten Klimagipfel

Stand: 16.11.2021

Der Klimawandel wartet nicht, bis die Politik auf Klimakonferenzen entschieden hat. Er schreitet voran und die Dringlichkeit nimmt zu, politische Entscheidungen zu treffen, um mit strikten Klimazielen auf internationaler Ebene einen Wandel herbeizuführen. Zu diesem Zweck treffen sich mittlerweile 191 Staaten, die der UN-Klimakonferenz angehören. Bei dieser seit 1995 jährlich stattfindenden Vertragsstaatenkonferenz (Conference of the Parties, COP) sucht die Politik nach besserem Klimaschutz, wenn auch nicht mit dem Tempo und Nachdruck, den sich viele Klimaforscher, Umweltschützer und "Fridays for Future"-Anhänger wünschen. Häufig hinken die Ergebnisse den Erfordernissen hinterher.

Nach zweijähriger Corona-Pause tagte zuletzt im November 2021 die Klimakonferenz COP 26 im schottischen Glasgow. Der UN-Klimagipfel hätte eigentlich schon ein Jahr zuvor stattfinden sollen, wurde aber wegen der akuten Corona-Pandemie im April 2020 abgesagt.

Nach einer eintägigen Verlängerung einigten sich die knapp 200 Staaten des Glasgower Klimagipfels auf einen Abschlussbericht. Darin zu finden: Absichtserklärungen, Forderungen und Pläne zum Klimaschutz. Vor allem der dort festgehaltene Kohleausstieg sticht heraus. Ein Überblick über die Ergebnisse von COP 26 findet sich hier.

Ist das 1,5-Grad-Ziel schon verloren?

Doch auch nach COP 26 sind nicht nur viele Umweltverbände und Klimaaktivisten unzufrieden. Wissenschaftler warnen, dass die Welt gerade dabei ist, das im Paris-Protokoll festgelegte 1,5 Grad-Ziel zu verpassen. Der Klimagipfel in Glasgow sei hinsichtlich der Frage, "ob wir tatsächlich die Kurve bekommen", nicht der große Wurf, sagt der Direktor für wasserbezogene Klimafragen bei der UN-Weltorganisation für Meteorologie (WMO). Auf Grundlage der Beschlüsse von Glasgow sei eher eine Erderwärmung um die 2 Grad (im Vergleich zur vorindustriellen Zeit) zu erwarten - sofern die Verpflichtungen überhaupt eingehalten würden.

Verschärfung der nationalen Klimaziele Ende 2020 nicht erreicht

Ein wichtiges Ziel des Paris-Protokolls wurde bereits 2020 weit verfehlt: Die Staaten hatten sich verpflichtet, im 5-Jahres-Rhythmus die nationalen Klimaschutzbeiträge (Nationally Determined Contributions, NDCs) jeweils nachzubessern, da schon 2015 bei der ursprünglichen Vereinbarung klar war, dass diese nicht ausreichen würden, um die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Ende 2020 wären die neuen NDCs fällig gewesen: Alle Vertragsstaaten des Pariser Klimaabkommens waren aufgefordert, schärfere Klimaziele vorzulegen.

Internationale Klima-Zugeständnisse

Die Europäische Union hat ihre Ziele angepasst und statt der ursprünglichen Reduktion von vierzig Prozent der Treibhausgasemissionen bis 2030 eine um 55 Prozent höhere Einsparung beschlossen. Damit ist aber noch nicht gesagt, dass die Einsparung auch gelingen wird. Beispiel Deutschland: Zum Ende der Regierungszeit Angela Merkels zeigten Analysen, dass Deutschland seine Klimaschutzziele bis 2030 wohl eher verpassen wird. Auch China hat sich ebenfalls verpflichtet, seinen Ausstoß an Treibhausgasen bis 2030 effektiv zu senken und bis 2060 komplett klimaneutral zu werden.

Erderwärmung schreitet voran

Die Teilnehmer der UN-Klimakonferenzen sind sich immerhin einig, dass die Erderwärmung zumindest gebremst werden muss. Doch statt den Ausstoß von Treibhausgasen zu reduzieren, bläst die Menschheit immer mehr davon in die Erdatmosphäre. Die Konzentration an CO2 in der Erdatmosphäre steigt Jahr für Jahr an, warnt die Weltorganisation für Meteorologie (WMO).

"Wir müssen uns klar darüber werden, dass wir heute noch Entscheidungsoptionen haben. Wir haben ein Zeitfenster von vielleicht zwanzig Jahren, in dem wir darüber befinden, wie nachfolgende Generationen das Klima auf dieser Erde erleben werden."

Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut, anlässlich der Veröffentlichung des zweiten Teils des fünften Weltklimaberichts des Weltklimarats IPCC im April 2014

Nach Einschätzung des Weltklimarats (IPCC) könnte die Temperatur Ende des Jahrhunderts bis zu vier Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau liegen, falls keine Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Die Weltklimaberichte des IPCC zeigen das deutlich.

Warum die Einigung im Klimaschutz so schwierig ist

Industriestaaten gegen Schwellenländer

Historisch betrachtet sind die heutigen Industrieländer die Hauptverantwortlichen für die Erderwärmung. Zwar stößt heutzutage das Schwellenland China pro Jahr deutlich mehr Treibhausgase aus als die USA. Aber CO2 wirkt in der Atmosphäre etwa 100 Jahre lang nach. Werden alle Emissionen seit Beginn der systematischen Aufzeichnungen um 1850 zusammengerechnet, führen die USA gefolgt von der EU die Liste an (Daten 1850-2004). Aus dieser Tatsache leiten aufstrebende Wirtschaftsnationen ab, sie hätten in Sachen Treibhausgase noch etwas gut, um in ihrer Entwicklung weiterzukommen.

Pro-Kopf-Ausstoß

Je nach Statistik lässt sich die Bevölkerung des einen oder eines anderen Landes zum Sündenbock in Klimafragen erklären. So kann man auch den Pro-Kopf-Ausstoß, also wie viel jeder einzelne Bürger eines Staates zur Erderwärmung beiträgt, in den Mittelpunkt der Berechnungen stellen. Nimmt man statt der nationalen Gesamtemissionen den Pro-Kopf-Ausstoß als Richtmaß, sind Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate, Australien und Kanada die Hauptsünder (Stand 2018).

Nicht eingerechnet in die Pro-Kopf-Emissionen ist allerdings der exportierte CO2-Ausstoß - wenn die Produktion von emssionsstarken Produkten in andere Länder ausgelagert wird, aus denen Waren importiert werden.

Entwicklungsländer zahlen drauf

Die klimatischen Veränderungen werden allen Vorhersagen und Statistiken zufolge besonders die Menschen in Entwicklungsländern treffen. Niedrig liegende Küstengebiete in Bangladesch und Inseln wie die Malediven sind von einem steigenden Meeresspiegel bedroht. In der Sahelzone werden durch mehr Dürren und Überschwemmungen die Nahrungsmittel und Trinkwasser noch knapper. Diesen Ländern mangelt es jedoch nicht nur an Geld und Technologie, um sich besser auf die Folgen des Klimawandels vorzubereiten. Sie haben kaum Lobby und nur eine schwache Verhandlungsposition in den internationalen Gesprächen.

Nationale Wirtschaftsinteressen

Häufig kollidieren internationale verbindliche Zusagen mit wirtschaftlichen oder machtpolitischen Interessen im eigenen Land. Für die Schwellenländer hat das Wirtschaftswachstum Priorität. Die Golfstaaten leben vom Export von Erdöl, Deutschland vom Export energie- und kostenintensiver Technologie. Brasilien rodet Amazonas-Regenwälder und belastet damit das Weltklima. Australien, die USA und Kanada setzen noch immer hauptsächlich auf fossile Brennstoffe. In der Vergangenheit haben diese Staaten die Verhandlungen oft ausgebremst.

Innenpolitische Abhängigkeiten

Die Klimapolitik eines Landes kann sich durch veränderte innenpolitische Konstellationen schnell ändern. In Deutschland ließ der Atomausstieg und der schleppende Ausbau regenerativer Energien die CO2-Emissionen zwischenzeitlich wieder ansteigen. Die australischen Konservativen haben sich gegen die Klimaschutz-Steuer ihrer Vorgänger entschieden. Dem ehemaligen US-Präsident Obama fehlte die Mehrheit im Kongress, um sein geplantes Klimagesetz durchzusetzen. Sein Nachfolger Donald Trump kehrte die Marschrichtung beim Klimaschutz komplett um. Langfristige Klimapolitik ist so innenpolitisch oft nur schwer durchsetzbar.

Historische Schuld und künftige Sünder

Im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter ist die weltweite Durchschnittstemperatur bereits deutlich gestiegen. Der größte Teil der Treibhausgase wird weiterhin von den Industrieländern und Schwellenländern ausgestoßen. Die Pro-Kopf-Emission wird dort noch auf Jahre die der Entwicklungsländer deutlich übersteigen. Die Industrieländer haben daher eine historische wie aktuelle Verantwortung im Kampf gegen den Klimawandel. Doch es ist auch klar, dass die Entwicklungsländer den Industriestaaten auf dem Weg des Fortschritts folgen wollen und somit mehr Treibhausgase ausstoßen werden.

Aufschwung ohne Emissionszuwachs

Besonders in Schwellenländern wie China und Indien nehmen die Emissionen stark zu und werden es weiter tun, wenn es nicht gelingt, das erwünschte wirtschaftliche Wachstum von der Zunahme der Treibhausgase zu entkoppeln. Doch gerade viele ärmere Staaten fürchten: Strenge globale Regeln für den Klimaschutz könnten ihr dringend erhofftes Wirtschaftswachstum bremsen. Das Kyoto-Protokoll hatte die Entwicklungsländer von allen Verpflichtungen ausgenommen. Umso dringender war es, mit dem Abkommen von Paris ein neues globales Klimaabkommen zu finden, dem sich auch Schwellen- und Entwicklungsländer anschließen konnten. Beim Glasgower Klimagipfel wurde zudem beschlossen, das reiche Länder in einen Topf einzahlen, um Klimafolgen in armen Staaten durch technische Hilfe abzufedern. Eine Kompensation der Klimafolgen, auch solcher in der Vergangenheit, soll es nicht geben. Bleibt abzuwarten, ob die ärmeren Staaten beim kommenden Klimagipfel COP27 im ägyptischen Scharm el-Scheich im Jahr 2022 mehr erreichen werden.