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Die Milch macht's: gesund oder krebserregend? | BR24

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Jahrzehntelang wurde Kuhmilch geradezu gefeiert: als Kalziumlieferant, Vitaminspender und Kraftspritze für Kinder im Wachstum. Doch ihr schneeweißes Image hat die Milch inzwischen verloren. Autorin: Iska Schreglmann

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Die Milch macht's: gesund oder krebserregend?

Müde Männer munter, unsere Knochen stark, bei manchen einen dicken Blähbauch, bei anderen weniger Asthma - all das macht Milch angeblich. Vielleicht macht sie sogar Krebs. Wir haben der Milch unter die Haut geguckt.

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Am 1. Juni ist weltweit der Tag der Milch: Seit 1958 feiert die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization FAO der UN) an diesem Tag das schneeweiße Lebensmittel als kleines Ernährungswunder.

Milch: Heute Alltag, früher nur für Säuglinge

Die Milch extra zu feiern kommt uns, die wir in Deutschland jährlich gut fünfzig Liter Milch trinken und dazu noch etwa 24 Kilogramm Käse essen, fast schon seltsam vor, so alltäglich ist Milch für uns. Aber das ist sie eigentlich erst seit kurzer Zeit: Bis vor einem Jahrhundert war Milch nicht sonderlich beliebt als Nahrungsmittel. Bis uns in den 1920er-Jahren die Milch in großen Werbekampagnen schmackhaft gemacht wurde, war Milch vor allem eins: Säuglingsnahrung.

Und dafür hat Mutter Natur die Milch zunächst einmal vorgesehen: für frisch Geborene, die möglichst schnell wachsen müssen und dafür gut ernährt werden sollen.

"Durch diesen fortgesetzten Milchkonsum halten wir uns in einem Dauerzustand des Säuglings. Von Natur aus ist es nicht vorgesehen, dass wir als Erwachsene noch Milch verarbeiten können. Und viele Menschen spüren das ja auch in ihrer Laktose-Intoleranz." Agrarhistorikerin Dr. Barbara Orland

Unverträglichkeit von Milch

Um Milch überhaupt verdauen zu können, sind Babys speziell gerüstet: Das Enzym Laktase haben Menschen eigentlich nur im Säuglingsalter. Sobald das Stillen beendet wird, verschwindet auch die Laktase, ohne die der Milchzucker in der Muttermilch nicht aufgespalten werden kann.

💡 Was ist Laktose-Intoleranz?

Etwa 15 Prozent der Deutschen haben eine Laktose-Intoleranz, eine Unverträglichkeit von Milchzucker. Sie können Milch nicht gut verdauen, da bei ihnen das Enzym Laktase nicht oder nur unzureichend vorhanden ist. Nehmen diese Menschen Milch zu sich, leiden sie unter Blähungen, Übelkeit und Durchfall. (Erklärt von Iska Schreglmann, Redaktion IQ - Wissenschaft und Forschung, Bayern 2)

Hört man mit dem Milchkonsum nicht auf, bleibt bei vielen das Enzym erhalten und Milch verdaubar - mit einem unglaublichen evolutionären Wettbewerbsvorteil für den Menschen, denn Milch ist eben ausgesprochen nahrhaft.

Milch als wichtiger Nährstofflieferant

Milch ist in unserer Ernährung ein wichtiger Lieferant für Eiweiß, aber auch für Mineralstoffe wie Kalzium, Zink und Jod und versorgt uns mit einem Großteil des Bedarfs an den Vitaminen B2 und B12. Letzteres ist ohne tierische Produkte schwer zu erlangen. Und wir decken einen nicht unerheblichen Teil unseres Energiebedarfs über das Fett in der Milch. Daher gilt für die Deutsche Gesellschaft zur Ernährung (DGE) nach wie vor die Empfehlung: täglich 200 bis 250 Gramm Milch (möglichst frische) und Milchprodukte und dazu etwa 50 Gramm Käse.

"Wir profitieren davon, dass sehr viel Eiweiß, sehr viel Kalzium, sehr viele Vitamine in der Milch enthalten sind und sie deshalb weiterhin als sehr gesund eingestuft wird." Prof. Bernhard Watzl, MRI

Milch hilft nicht gegen Osteoporose, aber vielleicht gegen Asthma

Prof. Watzl vom Max-Rubner-Institut (MRI) beschäftigt sich seit Langem mit der Milch, ihren Vorzügen, aber auch den Mythen um sie. Und räumt mit einem Mythos gleich auf: Milch helfe nicht gegen Osteoporose. Das Kalzium der Milch helfe zwar, die Knochen während der Wachstumsphase eines Menschen zu stärken. Doch die Krankheit Osteoporose habe komplexe Ursachen, die nicht mit Milch zu bekämpfen sind, so der Wissenschaftler.

Studien zeigen aber auch, dass Milch sehr wohl gegen manche Krankheiten helfen kann: Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen und viel frische Rohmilch trinken, leiden beispielsweise weniger unter Asthma. Auch fieberhafte Erkrankungen sind seltener. Der Grund dafür sind die Immunstoffe der Kuh, die diese mit der Milch an ihr Kalb weitergeben "will".

Frischmilch ist nicht gleich Frischmilch

Der immunisierende Effekt fand sich in der Studie beim Konsum von Milch frisch aus der Kuh, wohlgemerkt. Der Effekt ist bei pasteurisierter Milch zwar noch spürbar, bei H-Milch allerdings gar nicht mehr zu finden. Dafür finden sich in der aber wiederum keine Keime wie beispielsweise Tuberkulose oder EHEC, die durchaus über unbehandelte Milch weitergegeben werden könnten.

💡 Was ist pasteurisierte Milch?

Beim Pasteurisieren wird Milch kurzzeitig auf bis zu 70 Grad Celsius erhitzt, um Keime abzutöten. Die Milch soll damit schonend haltbarer gemacht werden, ohne Geschmack und Nährwert zu stark zu beeinträchtigen.

💡 Was ist H-Milch?

H-Milch ist ultrahocherhitzt auf mindestens 135 Grad Celsius, um die Keime abzutöten, und homogenisiert, um die Fetttröpfchen in der Milch zu verkleinern. Dabei werden die Proteine in der Milch teilweise zersetzt, was den Geschmack verändert, die Milch aber besser verdaubar machen kann.

💡 Was ist ESL-Milch?

"Extended Shelf Life"-Milch ist Milch, die mehr erhitzt wird als beim Pasteurisieren, aber weniger stark als H-Milch. Sie ist etwas länger haltbar als pasteurisierte Milch, muss aber ebenfalls gekühlt werden.

Massentierhaltungs-Milch mit zu viel Hormonen

Die meisten Menschen in Deutschland sind aber weit davon entfernt, Rohmilch zu trinken, quasi frisch aus dem Euter. Vielen würde sie vermutlich auch gar nicht schmecken. Milch ist längst ein Massenprodukt, das meist industriell gefertigt wird: Etwa vier Millionen Milchkühe geben in Deutschland tagtäglich 40 bis 50 Liter Milch - mehr als 60 Milliarden Liter werden im Jahr aus den Eutern gezapft.

Und die Kühe geben die Milch oft auch noch dann, wenn sie bereits wieder trächtig sind. Dann aber, so zeigte eine Studie der Harvard Universität aus dem Jahr 2007, ist die Milch extrem Hormon-belastet: Das Östrogen in der Milch steht jedoch in Verdacht, Hoden-, Brust- und Prostatakrebs auszulösen.

Hilft Milch vielleicht auch gegen Krebs?

Das MRI wertete 2015 verschiedene Studien zur Milch aus und kam zu dem Schluss, dass Milch weiterhin als Nahrungsmittel zu empfehlen sei. Die Studien hätten bis dahin ein erhöhtes Krebsrisiko nicht hinreichend nachweisen können. Es gebe sogar Studien, die nahelegen, dass ein erhöhter Milchkonsum das Risiko von Dickdarmkrebs senkt, so Prof. Watzl vom MRI:

"Da können wir sagen, dass viele Studien uns entsprechend Hinweise darauf geben, dass der Verzehr von Milch mit einem verringerten Risiko für Dickdarmkrebs einhergeht. Also je mehr Milch getrunken wird, desto geringer ist das Risiko für Dickdarmkrebs. Und Dickdarmkrebs ist für Männer und Frauen eine der häufigsten Krebsarten." Prof. Bernhard Watzl, MRI

Nur ein Krebsrisiko sei sicher nachgewiesen: Männer, die deutlich mehr Milch trinken (ca. 1,2 Liter pro Tag), haben ein erhöhtes Risiko für einen Prostata-Tumor.

Neuer Verdacht auf Krebs durch Milch

Inzwischen ist jedoch Milch erneut unter Krebs-Verdacht geraten, ausgerechnet bei Harald zur Hausen, der 2008 den Medizin-Nobelpreis gewann, weil er humane Papillomviren (HPV-Viren) als Auslöser für Gebärmutterhalskrebs entdeckte. Schon damals kündigte der Forscher an, dass er sich auf die Suche nach krebserregenden Stoffen in Rindfleisch und Milchprodukten machen werde.

Denn ein statistischer Zusammenhang ist längst klar: Die Länder, in denen die meisten Produkte des europäischen Rinds (Fleisch und Milchprodukte) verzehrt werden, sind zugleich die Länder mit den höchsten Raten an Brust- und Darmkrebs. Und in den Ländern, in denen der Konsum erst kürzlich oder in den vergangenen Jahrzehnten begonnen hat, sind steile Steigerungsraten der Erkrankungen zu verzeichnen, etwa in Japan und Korea seit den 1950er-Jahren oder in einigen Regionen Indiens. Wo kaum Milch verzehrt wird oder hohe Laktose-Intoleranz vorherrscht wie in Asien, sind die Brustkrebsraten niedriger. Und Länder wie Bolivien oder die Mongolei, in denen zwar viel Rindfleisch verzehrt wird, aber nicht vom europäischen Rind, haben kein Problem mit erhöhten Darmkrebsraten.

Diese Auffälligkeiten brachte eine Forschergruppe um Harald zur Hausen am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) dazu, nach den Auslösern des Krebses zu suchen - im Fleisch und Blut der Rinder sowie in Milchprodukten. So eindeutig fündig wie im Falle des Gebärmutterhalskrebses wurden die Wissenschaftler nicht. Sie fanden keinen Erreger, der den Krebs direkt auslöst. Doch zur Hausen und seine Kollegen entdeckten sogenannte BMMFs (Bovine Meat and Milk Faktors) - kleine DNA-Stücke, weder Bakterium noch Virus, die vom Rind stammen und sich im Körper der Krebspatienten wiederfanden, wo sie reproduziert werden und Entzündungen auslösen, die Jahrzehnte später wiederum die Ursache für die Entstehung eines Krebsgeschwürs sein könnten, vermuten die Forscher. Nachweisen lässt sich ein so indirekter Zusammenhang natürlich schwerlich, weshalb das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) aufgrund dieser Studie noch kein erhöhtes Krebsrisiko durch Rindfleisch oder Milch annimmt.

Folgt man allerdings der Empfehlung von zur Hausen, kann man der Gefahr recht leicht aus dem Weg gehen: Die Forscher vermuten, dass sich die BMMFs im ersten Lebensjahr beim Menschen einnisten, wenn sein Immunsystem noch nicht stark genug sei. Daher empfehlen sie, Kinder nach der Geburt zwölf Monate lang zu stillen, bevor Kuhmilch auf ihren Speiseplan kommt. Eine längere Stillzeit stärke zudem das Immunsystem genau gegen solche Erreger. Einmal mit BMMFs infiziert, kann man wieder so viel Fleisch und Milch konsumieren, wie man will: Dann sei es sowieso zu spät, so zur Hausen.

"Essen Sie munter weiter, weil Sie ohnehin alle infiziert sind." Harald zur Hausen, DKFZ
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Wissenschaftler sind in Milch und Rindfleisch auf der Spur bestimmter Erbgutelemente gekommen, die ein erhöhte Krebsrisiko auslösen könnten.

Es geht auch anders - in ganz Asien

Keine Frage: Es geht auch ohne Milch. Kalzium etwa findet sich ebenso in Nüssen, Brokkoli oder Grünkohl. Der Großteil der Asiaten ernährt sich völlig frei von Milch oder Milchprodukten und kann sich dennoch gesund ernähren. Umgekehrt beginnt in Ländern wie China gerade der Milch-Boom: Hier werden Kinder langsam an den dauerhaften Genuss von Milch gewöhnt. Kein Wunder: Milch ist nicht nur nahrhaft, sie ist auch noch preiswert - wenn auch nicht überall so billig wie bei uns.

Ungesund für die Umwelt

Einen Patienten hat hoher Milch- und Fleischkonsum in jedem Fall: die Natur. Klima und unsere Umwelt zahlen auf jeden Liter Milch drauf. Denn die Viehhaltung ist eine unserer größten Treibhausgas-Quellen: Die CO2-Emissionen aus der Tierhaltung machen etwa 70 Prozent des Kohlendioxid-Ausstoßes der Landwirtschaft aus, rechnet man die Futtermittelproduktion dazu. Und die Landwirtschaft ist wiederum nach der Energieerzeugung der größte Faktor in der Treibhausgas-Produktion Deutschlands.

Mit jedem Glas Milch werden umgerechnet etwa 0,25 Kilogramm CO2 (oder seine Äquivalente an Methan) frei - so viel, wie ein Auto auf einer Strecke von zwei Kilometern in die Luft bläst. Und in jedem Glas Milch stecken außerdem 250 Liter virtuelles Wasser.