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Hörbuch der Woche "Helene Hegemann über Patti Smith"

"Man braucht Menschen, die einen in Momenten größter Not in der Welt halten", schreibt Helene Hegemann über Patti Smith, der vielbeschworenen "Godmother of Punk". Ihr hat Hegemann ein kleines, feines Buch gewidmet. Die Autorin, die als Teenager mit ihrem Debüt "Axolotl Roadkill" schlagartig bekannt wurde, traf Patti Smith zum ersten Mal im Jahr 2005 in einer Wiener Mehrzweckhalle, die als Probebühne für Christoph Schlingensiefs "Area 7" diente. Warum diese Zeit für die damals 13-jährige Hegemann wirklich lebensrettend war, liest sie selbst vor - für Kirsten Böttcher das Hörbuch der Woche.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 11.10.2021

B5 aktuell: Das Hörbuch der Woche | Bild: colourbox.com/#257659; Montage: BR

"Bei unserer ersten Begegnung hielt ich Patti Smith für eine Obdachlose. Wahrscheinlich ging ihr das mit mir nicht anders."

Zitat aus Hörbuch

Niemandem wünscht man so eine Kindheit, geprägt vom Hartz-4-Alltag in der Bochumer Betonmietskaserne und von der allein erziehenden Mutter, die sich im kranken Taumel zwischen schizophrenen Rauschzuständen und Melancholieschüben bewegt. Musik und Helene Hegemann, das sei bis zum Tod ihrer Mutter im Jahr 2005 – da war sie 13 Jahre alt – eine toxische, angstbesetzte Verbindung gewesen, erzählt die Schriftstellerin betont unsentimental in ihrem autobiografischen Essay. Entweder lief zuhause gar keine Musik, oder – wenn die Mutter im Wahn war – sehr laute, darunter auch Songs von Patti Smith. Warum dann schreiben über die allüberall als "Godmother of Punk" bekannte Künstlerin im Lotter-Look, wenn ihre Musik doch alte Wunden aufreißt?

"Es ist, als wäre ihre Stimme ein Gefäß, in dem sich jemand anders als sie selbst aufhalten kann (…) Gewagte These, aber ihre Stimme kommt mir wirklich wie eine Art Medium vor. Ein Medium im Körper einer protestantischen Missionarin. Ihre Stimme ist ein Ort, an dem ihr Kräfte zu Verfügung stehen, die über ihre eigenen Kräfte hinausgehen und zwar nicht nur ihr - auch denen, die ihr zuhören."

Zitat aus Hörbuch

In scheinbar assoziativen Gedankenschleifen erzählt die heute 29-jährige Autorin, Regisseurin und Schauspielerin auf den Moment hin, als sie Patti Smith in Wien - kurz nach dem Tod der Mutter -  zum ersten Mal vor sich sieht und nicht weiß, wen sie vor sich sieht.

Bis dahin kontrastiert Hegemann zunächst sehr direkt und frotzelnd die Patti Smith von heute, die unverzeihlicherweise auf Instagram (!) postet und sich für elitäre Veranstaltungen zum "Maskottchen der Hochkultur" machen lasse, mit der jungen Patti Smith von damals, der poetischen Rebellin im New York der 70er, deren Stimme für eine Kettenreaktion sorgen könne, die "die gesamte Gegenwart abfackelt" und Jay-Z "wie einen steifen Banker" aussehen lasse. Ganz nebenbei stellt die Autorin vier Jahrzehnte Emanzipationsbewegung in Frage.

"Ich will hier nicht die These aufstellen, dass die Studentenbewegung zur Wahl von Donald Trump geführt hat, aber wenn ich mich an Patti Smith abarbeite, dann kurz auch an den Verhältnissen, gegen die sie rebelliert hat – oder eben genau nicht rebelliert hat, ich kann das gerade nicht mehr beurteilen."

Zitat aus Hörbuch

Nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 2005 dreht Hegemann durch - allein in der Bochumer Wohnung -  zerschmettert sich ihren Arm, reißt schreiend Tapeten runter. Der Zufall will, dass ihr Vater anruft, der Dramaturg Carl Hegemann, und ihr was von Schlingensief und Parsifal, einem Hasenkadaver und Namibia erzählt. Das sagt ihr alles nichts - dennoch fliegt sie sofort nach Wien, zu den Proben von Schlingensiefs Projekt "Area 7", an dem dessen enge Freundin Patti Smith beteiligt ist.  So kommt es zur Begegnung der beiden Frauen. Der Song "Birdland" ist einer der wichtigsten für Hegemann, er trifft ins Herz der damals 13-Jährigen.

"Ich hielt mich für ein schwächliches Monster ohne Existenzberechtigung, für etwas, dass besser ins All oder ins Jenseits gehörte als auf die Welt. Der Unterschied zwischen meinem 13-jährigen Ich und dem 11-jährigen Sohn von Wilhelm Reich besteht darin, dass ich im weitesten Sinn tatsächlich von diesem Raumschiff abgeholt worden bin...Das Raumschiff war kein Raumschiff, sondern eine Linienmaschine von Easyjet…"

Zitat aus Hörbuch

Diese Reise zu den "Aliens", zu Schlingensief, ihrem Vater, zu Patti Smith, die alle Gesetze außer Kraft und Hierarchien sprengen wollten - das war ihre Rettung.

Eine temporeiche, schmerzende, selbstironische Hörbuchstunde mit Helene Hegemann, die den "Aliens" dieser Erde Mut macht. Ihre Lesung über Patti Smith ist als Download im Argon Verlag erschienen. 


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