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Virtuelle Welt-Aids-Konferenz im Schatten von Corona | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Die 23. Welt-Aids-Konferenz sollte eigentlich in San Francisco abgehalten werden, doch durch Corona muss die Konferenz nun virtuell stattfinden.

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Virtuelle Welt-Aids-Konferenz im Schatten von Corona

Am Montag begann die 23. Welt-Aids-Konferenz - eigentlich in San Francisco geplant, wegen der Ausbreitung des Coronavirus findet sie nun digital statt. Das Ziel, Aids bis 2030 zu besiegen, befindet sich auch wegen der aktuellen Pandemie in Gefahr.

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Von
  • Katrin Klaus

Aids ist noch nicht (bei jedem) heilbar. Aber es gibt mittlerweile neue Medikamente und Therapie-Möglichkeiten, die ein langes Leben mit der Krankheit versprechen und den gefährlichen HI-Virus in Schach halten, der das Immunsystem zerstört. Das Ziel der Weltgemeinschaft ist es dennoch, das Virus bis 2030 zu besiegen. Dafür dürften sich jährlich maximal 500.000 Menschen weltweit mit dem Virus infizieren. 2019 waren es nach aktuellen Schätzungen allerdings 1,7 Millionen.

Video-Veranstaltungen statt persönlichen Treffen

Mit dieser eher traurigen Nachricht der Vereinten Nationen für HIV/Aids (UNAIDS) startete am 06. Juli die alle zwei Jahre stattfindende 23. Welt-AIDS-Konferenz, bei der Wissenschaftler, Betroffene und Patienten aus aller Welt zusammenkommen, sich austauschen, neue Forschungsstände und Therapien vorstellen. Sie sollte in San Francisco stattfinden - dort, wo sich das Virus in den 1980er Jahren rapide ausbreitete. Dort, wo die revolutionäre Gesundheitspolitik aber auch ihrem Ziel immer näher kommt, keine Neuinfektionen mehr zu verzeichnen. Nun gibt es eine virtuelle Zusammenkunft mit über 600 Video-Veranstaltungen in fünf Tagen.

Maximal 500.000 Tote jährlich

Derzeit sind weltweit etwa 38 Millionen Menschen mit HIV infiziert. 2019 starben 690.000 Menschen in Folge ihrer Infektion - das sind 39 Prozent weniger als 2010. An sich eine gute Nachricht, aber zu viele für 2020: Es sollten nur noch maximal 500.000 Menschen jährlich sterben, um das Virus ganz besiegen zu können.

“Die Welt hat zu wenig investiert, zu wenig Menschen Zugang zu Behandlungen verschafft und dabei versagt, die Kurven mit neuen HIV-Infektionen und Todesfällen im Zusammenhang mit Aids bedeutend abzuflachen”, Bericht der Welt-Aids-Konferenz vom 06. Juli

Länder von Plänen abgekommen

Das liegt auch daran, dass die einzelnen Länder zu sehr von ihrem Plan abgekommen sind: 2019 hätten nur gut zwei Drittel der finanziellen Mittel für Aufklärung und Behandlung zur Verfügung gestanden. Die Fortschritte sind laut UNAIDS-Exekutivdirektorin Winnie Byanyima ungleich verteilt. Gerade in Osteuropa, Zentralasien, Lateinamerika, im Nahen Osten und Nordafrika geben die Zahlen Anlass zur Sorge. Und dann kam Corona:

“Die Coronavirus-Pandemie droht, uns noch weiter vom Kurs abzubringen”, UNAIDS-Exekutivdirektorin Winnie Byanyima

Weniger Medikamente wegen Corona

Das liegt an mehreren Faktoren: Die eingeschränkte Wirtschaft führt zu mehr Armut, die wiederum zu höherer häuslicher Gewalt und das lässt prekäre Situationen für HIV-Infektionen steigen. Dazu kommt, dass Infizierte teilweise nicht mehr zum Arzt gehen können. Laut dem Bericht sei auch die Kondom- und Arzneiproduktion eingeschränkt: Der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge besteht bereits bei 73 Ländern die Gefahr, dass ihnen die Medikamente ausgehen. Wenn Patienten nicht mehr entsprechend therapiert werden können, könnte das zu 110.000 zusätzlichen Todesfällen führen.

Beratung der Patienten fehlt

Dabei geht es aber nicht nur um Medikamente, sondern auch um die Beratung, also die Interaktion mit Ärzten, Krankenschwestern und Sozialarbeitern, die erheblich eingeschränkt, aber essentiell wichtig ist, wie der Infektiologe Christoph Spinner vom Münchner Klinikum “Rechts der Isar” im BR-Interview erzählt. Das sei vor allem in strukturschwachen Regionen wie Afrika ein großes Problem. Auch fürchtet er eine Verschiebung von Forschungsgeldern weg von Infektionskrankheiten wie HIV hin zur Erforschung des Coronavirus.

Sorge vor Stigmatisierung

Sorge bereitet Spinner vor allem auch eine bevorstehende Stigmatisierung wie sie damals zur Hochzeit der Aids-Pandemie herrschte:

“Es ging zunächst darum, dass Menschen sehr viel Angst vor Erkrankten hatten, dass Erkrankte dann isoliert werden sollten, dass es erhebliche Schwierigkeiten auch im Zugang zu Medizinsystemen gab. Alles Dinge, die wir schon kannten. Wenn man sich zurück an den Anfang der Aids-Erkrankungszeit erinnert, sollten Betroffene oder Risikopersonen möglichst auf eine Insel oder weit weg von der Gesellschaft gebracht werden und so ein bisschen geht es einem hier doch auch wieder so.” Infektiologe Christoph Spinner, Klinikum Rechts der Isar München

Maskenpflicht essentiell

Auch weist er nochmals darauf hin, dass die Maskenpflicht zwar eine einschneidende Maßnahme sei, aber auch eine der mit Abstand effektivsten, um Infektionen mit Sars-CoV-2 zu vermeiden. Gerade bei immungeschwächten HIV-Infizierten besteht die Möglichkeit, einen schweren Verlauf des Coronavirus durchzumachen.

Impfstoff gegen Corona

Während die Suche nach einem Impfstoff gegen HIV trotz erfolgversprechender internationaler Impfstoffprojekte noch in der Zukunft liegt, könnte das beim Coronavirus besser aussehen: Denn ein Impfstoff gegen eine vorübergehende Infektion lässt sich leichter entwickeln als gegen eine Krankheit, die Patienten ein ganzes Leben begleitet. Zusätzlich können die Erkenntnisse der HIV-Erkrankung und der Aids-Pandemie hilfreich sein im Kampf gegen das Coronavirus.

Ziel noch erreichbar

Das Ziel, das HI-Virus bis 2030 einzudämmen, kann laut Byanyima mit neuen Anstrengungen noch immer erreicht werden. Ein gutes Beispiel dafür sei das kleine Königreich Eswatini (früher Swasiland): Das Land im südlichen Afrika habe seine Infektionszahlen von 13.000 im Jahr 2010 auf 6.500 im Jahr 2019 halbiert. Positiv ist auch, dass im vergangenen Jahr 25,4 Millionen der weltweit 38 Millionen Infizierten mit einer antiretroviralen Therapie behandelt wurden - das sind dreimal so viele wie noch 2010.

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