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Meilenstein im Kampf gegen AIDS Eine Spritze alle zwei Monate verhindert HIV

AIDS ist bis heute nicht heilbar und wird es in absehbarer Zeit auch nicht sein. Es gibt aber Methoden, eine Infektion im Vorfeld medikamentös zu verhindern. Hier hat die Forschung einen großen Sprung gemacht.

Stand: 26.11.2020

Ein Mensch wird geimpft | Bild: picture-alliance/dpa/Eibner-Pressefoto

Im Juli 2020 fand die 23. Welt-AIDS-Konferenz statt – in diesem Jahr aufgrund der Corona-Epidemie erstmals virtuell. Eigentlich sollte sie in San Francisco stattfinden - dort, wo sich das Virus in den 1980er Jahren rapide ausgebreitet hatte. Bei der Konferenz kommen alle zwei Jahre Wissenschaftler, Betroffene und Patienten aus aller Welt zusammen, tauschen sich aus und stellen neue Forschungsstände und Therapien vor.

HIV-Prävention: zweimonatige Spritze statt tägliche Pille

So wurde auf der Konferenz eine Studie vorgestellt, die eine neue und bessere Methode zur Verhinderung einer HIV-Infektion verspricht. Medikamente, die eine Ansteckung mit HIV verhindern, gibt es schon länger. Die sogenannte "PrEP" steht für Pre-Exposure Prophylaxis. Dass sie funktioniert, ist bewiesen. Momentan wird zur Vorbeugung einer HIV-Infektion eine Tablette (Truvada) verabreicht, die täglich eingenommen werden muss.  

Forschung an wirksamen Medikamenten

Medikament Truvada

Truvada schützt zu rund 90 Prozent davor, sich mit HIV zu infizieren. Mehr über Truvada zur Prä-Expositionsprophylaxe erfahren Sie hier:

Die neue Studie wurde von dem US-Forschungszentrum Institute for Allergies und Infectious Diseases durchgeführt. Das internationale Forscherteam setzt dabei auf das langwirkende HIV-Arzneimittel Cabotegravir. Es muss nur alle zwei Monate gespritzt werden und soll dabei wirksamer sein als die tägliche Tabletten-Einnahme. Diese Spritze könnte ein Meilenstein im Kampf gegen AIDS sein.

Im Südlichen Afrika sind HIV und AIDS Alltag

Zwei Drittel der weltweiten Neuinfektionen entfallen auf das südliche Afrika. Im Kampf gegen die Immunschwächekrankheit verzeichneten diese Regionen in den vergangenen Jahren durchaus Erfolge: Die Sterberate ging deutlich zurück, und auch die Zahl der Neuinfektionen ist in einigen Ländern gesunken. Trotzdem hat Südafrika nach wie vor die höchsten Infektionszahlen, mehr als sieben Millionen Südafrikaner sind HIV-positiv.

Vor allem Frauen sind betroffen

Erschreckend dabei ist, dass es vor allem Mädchen und junge Frauen sind, die infiziert werden. Ihre Wahrscheinlichkeit, sich mit HIV zu infizieren, ist statistisch gesehen doppelt so hoch wie das Risiko von Männern. Seit mehr als vier Jahren wird an bestimmte Gruppen Truvada ausgegeben. Die tägliche Dosis verhindert weitgehend, dass Frauen sich mit dem HI-Virus infizieren.

Truvada ist verschreibungspflichtig

Frauen und Männer, die eine Monatspackung Truvada bekommen wollen, müssen bei einem Arzt begründen, warum sie besonders gefährdet sind. Prostituierte und homosexuelle Männer haben die besten Argumente, Schulmädchen hingegen nicht. In Ländern, wo es viele Sexualstraftaten gibt, ist das ein Problem. Hinzu kommen die Kosten für das Medikament - umgerechnet 30 Euro im Monat.

Bis zur Zulassung vergeht noch einige Zeit

Die neue Therapie - eine Spritze mit dem Wirkstoff Cabotegravir - hat zwei Vorteile gegenüber Truvada: Zum einen muss sie nur alle acht Wochen verabreicht werden, zum anderen hat sie sich als wirksamer erwiesen. Erste Ergebnisse der Studie klingen sensationell. Noch ist das Medikament nicht zugänglich und es ist unklar, wie es weitergehen wird. Es gibt noch viele offene Fragen. Forscher schätzen, dass es noch zwei bis drei Jahre dauert, bis Cabotegravir verabreicht werden kann.

HIV-Erkrankte sollten sich in jedem Fall behandeln lassen

Für Betroffene, die eine HIV-Infektion haben, wird eine medikamentöse Behandlung in jedem Fall dringend empfohlen. Die "START-Studie" von Mai 2015 hat gezeigt, dass jeder Patient mit HIV unabhängig von seiner Helferzellenzahl unverzüglich behandelt werden sollte. Zuvor galt ein Richtwert von über 350 Helferzellen. Ob der Strategiewechsel auch alle Patienten erreicht hat, ist allerdings fraglich. Das beginnt schon bei den HIV-Tests: In Deutschland weiß jeder sechste Betroffene gar nicht, dass er infiziert ist - solange, bis sich die Erkrankung bemerkbar macht.

Wie begann die moderne AIDS-Therapie?

1996 stellten Forscher die Dreifachkombinationstherapie vor. Damit revolutionierten sie die HIV- und AIDS-Behandlung. Mithilfe der antiretroviralen Therapie (ART) beziehungsweise der hochaktiven antiretroviralen Therapie (HAART) kann die Vermehrung der HI-Viren im Körper gebremst werden, was den Ausbruch von AIDS um Jahre und Jahrzehnte hinauszögert. Mittlerweile gibt es rund 30 verschiedene Therapien, die miteinander kombiniert werden können und etwa 20 einzelne Substanzen.

Wie wirken die Medikamente?

Der Stand der Forschung



Die Medikamente greifen an mehreren Stellen in den Entwicklungszyklus des Virus ein. Die Therapie bewirkt, dass die Anzahl der Viren (die sogenannte Virenlast) zurückgeht und die Zahl der CD4-Helferzellen zunimmt. In regelmäßigen Abständen misst der Arzt die CD4-Zellen-Anzahl und die Virenlast, um den Therapieerfolg zu überwachen. Verschlechtern sich die Werte oder treten starke Nebenwirkungen auf, muss die Behandlung umgestellt werden. Bei vielen HIV-Infizierten kann die Viruslast sogar unter die Nachweisgrenze gedrückt werden, das Virus wird allerdings nie komplett verschwinden.

Problem Resistenzen

Was es unter anderem so schwierig macht, das HI-Virus zu attackieren, ist seine Fähigkeit, sich schnell zu verändern und dadurch gegen einzelne Medikamente resistent zu werden. Zwar halten sich diese Resistenzen bei HIV-Infizierten auf einem niedrigen Niveau und es lässt sich ein Rückgang verzeichnen. Ärzte führen immer früher Resistenztests durch und die Medikamente wirken stärker und besser, was diesen Trend erklären könnte. Doch für die Patienten, die Resistenzen entwickelt haben, stellt dieses Phänomen nach wie vor ein großes Problem dar.

Medikamente wirksamer und verträglicher

Inzwischen haben die Mediziner die Dreifachkombinationspräparate erheblich verbessert. Im Regelfall müssen Patienten nur noch einmal täglich eine Tablette einnehmen. Wer frühzeitig behandelt wird, hat gute Aussichten: Mit hoher Wahrscheinlichkeit bleiben Nebenwirkungen aus. Die Behandlung zahlt die gesetzliche Krankenkasse.

Patienten mit nicht nachweisbarer Virenlast und hervorragendem CD4-Wert müssen manchmal überhaupt nicht (mehr) therapiert werden. Denn wer keine Symptome zeigt, auch sonst gesund und nicht schwanger ist, außerdem ein bestimmtes Alter nicht überschritten hat, wird heute nicht mehr ohne Weiteres sofort therapiert.

Deutliche Besserung bei Nebenwirkungen

In der Regel hat die Behandlung inzwischen keine Nebenwirkungen mehr - wenn Patienten frühzeitig behandelt werden. In ungünstigen Fällen können auftreten: Durchfall, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Nervenentzündungen. Manche Menschen vertragen die Medikamente schlecht, wodurch sich die Leber entzünden kann. Eine noch wenig erforschte Begleiterscheinung kann die Fettverteilungsstörung Lipodystrophie sein, bei der Gesicht, Arme und Beine abmagern, während sich am Bauch und manchmal im Nacken Fett ansammelt.


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