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Remdesivir und andere Medikamente im Kampf gegen Coronavirus | BR24

© Bayerischer Rundfunk / IQ - Wissenschaft und Forschung
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Robert Michael

Medikamente gegen Covid-19 - neben Remdesivir werden mehr als 200 Mittel erprobt.

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Remdesivir und andere Medikamente im Kampf gegen Coronavirus

Die Forschung für ein Mittel gegen Covid-19 läuft weiterhin auf Hochtouren. Viele Medikamente werden momentan getestet, manche scheinen vielversprechend, andere erweisen sich als wirkungslos.

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Von
  • Yvonne Maier
  • Georgia Tscharke

HIV-Medikamente, die dazu dienen, die Viruslast im Körper zu dämpfen, hatten bei anderen Coronaviren wie MERS und SARS vor Jahren einzelne Erfolge gezeigt. Daran knüpften Forscher weltweit an. Sie hofften, mit antiviralen Arzneien auch beim aktuellen Coronavirus SARS-CoV-2 etwas ausrichten zu können.

Ende Juni 2020 lagen die Ergebnisse aus einem Studienarm der Recovery-Studie der Universität Oxford vor. Ein Teil der Patienten war mit den beiden HIV-Medikamenten Lopinavir und Ritonavir behandelt worden. Dabei stellte sich heraus, dass die beiden Mittel bei schwer erkrankten Patienten nicht wirksam sind. Die Studienleitung brach die Behandlung wegen fehlender Erfolgsaussichten vorzeitig ab.

Mögliche Medikamenten-Kandidaten bei Covid-19

Das Milken Institut in Kalifornien listet mehr als 200 Wirkstoffe auf, die Forscher auf der ganzen Welt gegen Corona testen. Im Labor, und teils auch schon am Menschen. Folgende Medikamente könnten die Behandlung von Covid-19-Patienten ergänzen.

Kortison-Präparat Dexamethason

In schweren Fällen von Covid-19 kommt es zu einer überschießenden Reaktion des Immunsystems, was den Verlauf der Krankheit massiv beeinträchtigen kann. Hier soll Dexamethason ansetzen. Es ist ein Kortison-Medikament, schon viele Jahre ist es zum Beispiel für die Behandlung von Arthrose zugelassen und dabei dämpft es ebenfalls den Kampf des Immunsystems gegen den eigenen Körper. Die Anwendung des Steroids auch bei Covid-19 liegt also nahe.

Mögliche Wirkung bei schwer erkrankten Covid-19-Patienten

In Großbritannien testen Forscher im Rahmen der Studie "Recovery Trial" eine ganze Reihe von schon bekannten Medikamenten auf ihre Wirkung auf das SARS-Cov-2-Virus, auch Dexamethason.

An der Universität Oxford wurden rund 2.100 schwer betroffene Patienten mit Dexamethason behandelt, eine Kontrollgruppe von 4.000 Patienten ohne das Medikament. Das Ergebnis der Studie ist beeindruckend. Mit der Einschränkung: Sie ist noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlicht worden und hat damit noch kein peer-review durchlaufen, in dem Fachkollegen die Qualität der Studie beurteilen.

Demnach verringert das Medikament die Sterblichkeit um ein Drittel bei Patienten, die an ein Beatmungsgerät angeschlossen waren und um ein Fünftel bei Patienten, die nur eine Sauerstofftherapie bekommen haben.

Immunsystem möglicherweise gedämpft

Die Forscherinnen und Forscher führen das auf die dämpfende Wirkung von Dexamethason auf das Immunsystem zurück. Patienten, die keinerlei Atemunterstützung im Krankenhaus bekommen haben, hatten von Dexamethason keinen Vorteil.

Sollten sich diese Ergebnisse bestätigen, kann Dexamethason ein wichtiges Element in der Behandlung von schwer erkrankten Covid-19-Patienten werden. Darüber hinaus ist der Patentschutz für das Medikament schon abgelaufen, es wird also auch kostengünstig als Nachahmerpräparat (Generikum) angeboten.

WHO: Remdesivir zeigt keine Wirkung

Am 17. Oktober 2020 meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass das als Corona-Medikament eingesetzte Mittel Remdesivir, ursprünglich gegen Ebola entwickelt, nur wenig bis keinen Nutzen habe. Das geht aus Daten der von der WHO koordinierten Solidarity-Studie hervor, die bislang aber noch nicht in einem begutachteten Fachjournal erschienen ist. Mitte November bekräftigte die WHO ihr Urteil und sprach sich gegen eine Behandlung im Krankenhaus aus.

EU-Komission lässt Remdesivir in der EU zu

Die EU-Kommission hatte Anfang Oktober einen Vertrag mit Gilead über die Lieferung von bis zu 500.000 Dosen Remdesivir in den kommenden sechs Monaten unterzeichnet. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA empfahl am 25. Juni 2020 eine Zulassung unter Auflagen für das Mittel mit dem Handelsnamen Veklury, am 03. Juli 2020 hat die EU-Kommission das Medikament in der EU zugelassen. Die Empfehlung der EMA gilt für die Behandlung von Erwachsenen und Heranwachsenden ab 12 Jahren. Voraussetzung für eine Behandlung ist, dass der Patient eine Lungenentzündung hat und mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden muss, aber noch nicht beatmet wird.

Zwar kann das Medikament möglicherweise die Zeit bis zu einer Genesung im Schnitt um vier Tage verkürzen, das zeigte eine internationale Studie mit über 1.000 Teilnehmern bei Covid-19-Patienten mit leichten bis mittleren Verläufen (Stand: 9.6.2020). Die Sterblichkeit ging in der Untersuchung aber nur geringfügig zurück.

Aktuelle Informationen zum Coronavirus lesen Sie hier im Liveticker.

Mehr zum Start der europaweiten Studie zu Medikamenten lesen Sie hier.

Wie wirkt das Medikament Remdesivir?

Der Wirkstoff Remdesivir, der ursprünglich gegen Ebola entwickelt wurde, erwies sich im Tierversuch als wirksam gegen SARS und Mers-CoV. Remdesivir hat zudem schon erste Tests an gesunden Probanden und Ebola-Patienten durchlaufen und sich darin als verträglich erwiesen.

Der Wirkstoff des Mittels ähnelt den RNA-Bausteinen, die RNA-Viren wie SARS und Mers-CoV zur Vervielfältigung ihres Erbgutes benötigen. Wird von den viralen Oberflächen-Enzymen Remdesivir in die Viren-RNA, dem Träger der Erbinformation, eingebaut, soll sich das Virus nicht mehr vermehren können. So beschreibt Matthias Gotte von der University of Alberta in Kanada die Wirkungsweise von Remdesivir im Journal of Biological Chemistry vom 24. Februar 2020.

Remdesivir in Phase-3-Studien

Laut Pharmahersteller Gilead laufen momentan (Stand: 17.06.2020) weltweit sieben klinische Studien mit Remdesivir, zunächst zwei in China, dann zwei weitere internationale Studien in den USA, Europa und Asien. Bei einer werden sehr stark an Covid-19 erkrankte Patienten eingeschlossen, bei der anderen weniger stark betroffene. Bei allen vier Studien wird darauf geachtet, dass evidenzbasiert gearbeitet wird, dass es zum Beispiel Kontrollgruppen gibt.

Dabei handelt es sich um klinische Phase-3-Studien, das sind die Vorläufer für die endgültige behördliche Zulassung einer Behandlung. Sie sollen bestätigen, dass ein Arzneimittel sowohl sicher als auch wirksam ist, indem sie seine Reichweite auf einen größeren Pool von Patienten ausweiten.

Eine fünfte Studie ist in den USA angelaufen, eine weitere in Europa, die Inserm DisCoVeRy-Studie, und dann gibt es noch die große Solidarity-Studie der WHO.

Herz-Kreislauf-Medikamente

Bei schwer kranken Covid-Patienten hat sich Heparin bewährt, sagt der Intensivmediziner Bernhard Zwissler vom Münchner Uniklinikum Großhadern: "Das liegt einfach daran, das Covid-19 ganz offensichtlich v.a. das Gefäßsystem betrifft. Das kann zu Thrombosen und zu Embolien führen. Weswegen wir heute viel konsequenter auf die Blutgerinnungshemmung achten."

In Studien werden auch andere Gerinnungshemmer untersucht. Recht spezielle, aber auch weit verbreitete wie Aspirin. Und darüber hinaus auch Blutdrucksenker wie Valsartan oder Ramipril.

Chloroquin – altbekanntes Mittel mit offenen Fragen

Weltweit wurde in den vergangenen Monaten auch das Medikament Chloroquin auf seine Wirksamkeit auf das SARS-Cov-2-Virus untersucht. Chloroquin ist ein weit verbreitetes Medikament gegen Malaria und Autoimmunerkrankungen und wurde auch als potenzielles antivirales Breitbandmedikament beschrieben. Neben seiner antiviralen Aktivität besitzt Chloroquin eine immunmodulierende Aktivität, die seine antivirale Wirkung in vivo verstärken könnte. Chloroquin ist ein kostengünstiges und erprobtes Malaria-Medikament, das als Tablette geschluckt wird.

Die Ergebnisse dazu waren aber widersprüchlich. Bei in vitro-Versuchen, also Versuchen, die nicht im lebenden Organismus (in vivo) stattfinden, hat sich auch das Mittel Chloroquin als wirksam gegen das Coronavirus gezeigt.

Chloroquin wirkt nicht gegen Covid-19

Eine Studie, die am 22. Mai 2020 im renommierten Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht wurde, wurde mittlerweile zurückgezogen. Die Forscher waren dabei zum Schluss gekommen, dass Hydroxychloroquin und der verwandte Wirkstoff Chloroquin möglicherweise keinen Nutzen hätten. Am 15. Juni schließlich nahm die US-Arzneimittelbehörde FDA die Sondergenehmigung für die Malaria-Mittel Hydroxychloroquin und Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 zurück. Am 17. Juni stellte auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die klinischen Studien zur Wirksamkeit des Medikaments Hydroxychloroquin im Kampf gegen das Coronavirus endgültig ein.

Problematisch sind insbesondere seine Nebenwirkungen, deswegen wurde in Brasilien (Stand 17.04.2020) schon eine kleine Studie mit Chloroquin abgebrochen, weil es bei den behandelten Patienten zu lebensgefährlichen Herzrhythmusstörungen oder Herzmuskelschäden gekommen war.

Die britischen Wissenschaftler der Recovery-Studie hatten ihre Untersuchungen zu Chloroquin am 5. Juni 2020 abgebrochen. Sie gehen nicht davon aus, dass das Medikament bei Covid-19 helfen kann.

Rekonvaleszentenserum – Therapie mit Antikörpern

Wissenschaftler arbeiten im Fall von Corona auch an einem Rekonvaleszentenserum (monoklonale Antikörper), besser bekannt als passive Immunisierung: Man gewinnt Antikörper von einem Menschen, der bereits mit Corona infiziert ist und reichert diese künstlich im Labor an. Ähnliche Verfahren wurden bei Ebola bereits verwendet und haben dort Erfolge gezeigt. Auf diese Weise wird ein natürliches Medikament entwickelt, das eine sehr hohe Wirksamkeit haben soll.

Antikörper-Medikamente gegen Corona: "Wunder" oder Enttäuschung?

Der Vorteil der Methode: Das Medikament zeigt häufig wenige bis keine Nebenwirkungen. Der Nachteil: Die Produktion ist recht teuer und kann in den meisten Fällen nur als Reservemedikament bei Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf eingesetzt werden.

Im Rahmen der britischen RECOVERY-Studie wurde am 30. Oktober die klinische Prüfung mit den monoklonalen Antikörpern der Firma Regeneron bei schwer erkrankten COVID-19-Patienten gestoppt, die auf eine "high-flow" oder mechanische Beatmung angewiesen sind. Auch die Pharmafirma Lilly hat ihre klinische Studie mit dem Antikörper Bamlanvivimab gestoppt, weil nicht gezeigt werden konnte, dass schwer erkrankte Patienten davon messbar profitieren. Möglicherweise helfen die Antikörper besser, wenn sie früher im Krankheitsverlauf eingesetzt werden, dieser Zweig der Prüfung der RECOVERY-Studie wird darum weiter geführt.

Eine Corona-Impfung wäre langfristig die beste Lösung

Doch egal welches Medikament letztendlich das Rennen im Kampf gegen das Coronavirus gewinnt: Es könnte den Arzneimittelherstellern entscheidende Zeit verschaffen, einen sicheren und wirksamen Impfstoff zu entwickeln. Denn nur ein wirksamer Impfschutz hilft, damit die Menschen nicht dauerhaft mit dem Coronavirus leben müssen.

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Weltweit suchen Forscherinnen und Forscher unter Hochdruck nach einem Wirkstoff gegen das neue Corona-Virus. Ein vielversprechender Kandidat hat dabei die Nase vorn.

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