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Bildrechte: picture alliance / Zoonar | Patrick Daxenbichler

Wann kommt das Medikament gegen das Corona-Virus? Und welche Mittel gibt es schon? Dr. Christoph Spinner vom Münchner Klinikum Rechts der Isar berichtet u.a. über die Rolle des Antikörpermittels von Roche.

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Corona-Mittel: Kommt das Medikament gegen das Virus?

Impfen, impfen, impfen – das ist das Motto im Kampf gegen Corona. Die Forschung beschäftigt sich aber nicht nur mit vorbeugenden, sondern auch mit therapeutischen Maßnahmen. Doch wann kommt das Heilmittel gegen das Virus? Was ist der Stand der Dinge?

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Von
  • Leander Beil

Zwar schätzen es die meisten Forschenden als unwahrscheinlich ein, dass man ein rundum wirksames Mittel gegen Sars-CoV-2 finden wird. Nichtsdestotrotz werden im Moment Hunderte verschiedene Substanzen in Studien auf ihre Wirksamkeit gegen den Erreger hin geprüft.

Besonders wichtig ist, zwischen den verschiedenen Typen von Medikamenten zu unterscheiden. An welchen Stellen setzen die Wirkstoffe an? Zu welchem Zeitpunkt erzielen sie während des Krankheitsverlaufs die beste Wirkung? Was sind die zu erwartenden Nebenwirkungen? Alles Fragen, bei denen die Forschung meist noch keine abschließende Antwort hat. Und doch lassen sich ein paar zentrale Erkenntnisse beispielhaft für einige Mittel bereits zusammentragen.

Entzündungshemmende Mittel: Die Immunreaktion ist entscheidend

Mittlerweile weiß man, dass die Art der Immunreaktion ein entscheidender Faktor für den weiteren Verlauf einer Corona-Erkrankung ist – besonders wichtig sind die sogenannten T-Zellen. Um eine überschießende Reaktion des Immunsystems zu unterdrücken, werden bei Menschen, die in die Klinik eingeliefert werden müssen, entzündungshemmende Mittel eingesetzt: Dabei spielt bisher unter anderem "Dexamethason" eine wichtige Rolle, ein Kortison-Medikament.

Laut einer Oxford-Studie verringert Dexamethason das Sterberisiko erheblich bei schwer kranken Corona-Patienten. Die Sterblichkeit werde um ein Drittel bei an Beatmungsgeräten angeschlossenen Patienten verringert, bei Patienten mit Sauerstofftherapie um ein Fünftel.

Neue Hoffnung macht ein Asthmaspray

Im Moment sind noch andere antientzündliche Mittel in der Diskussion. So könnte in absehbarer Zeit der Wirkstoff „Tocilizumab“ zugelassen werden. Bei hospitalisierten Covid-19-Patienten mit Sauerstoffdefizit und systemischer Entzündung erhöhte Tocilizumab die Überlebenschancen, so die Studie eines Teams um Peter Horby von der Universität Oxford.

Neue Hoffnung macht auch ein bereits zugelassenes Asthmaspray: Das inhalative Glukokortikoid „Budesonid“ senkte die Häufigkeit von schweren Verläufen, also dass man aufgrund von Atemproblemen auf die Intensivstation eingeliefert wird, bei täglich zweimaliger Anwendung um ca. 90 Prozent. Auch diese neuen Ergebnisse stammen von der Universität Oxford.

Antivirale Mittel: keine guten Aussichten

Seit einiger Zeit schon steht das Medikament „Remdesivir“ in der öffentlichen Diskussion. Doch zunächst wegen seiner angeblichen Wirksamkeit gegen das Ebola-Virus. Der eigentlich ausrangierte Stoff soll durch Eindringen in die Viren-RNA bewirken, dass sich das Virus nicht mehr weiter vermehren kann. Remdesivir hat mittlerweile in der EU eine bedingte Zulassung, kommt aber in der Praxis, wie Ärzte berichten, wohl kaum zum Einsatz.

Auch „Chloroquin“ wurde auf seine antiviralen Eigenschaften hin untersucht. Hierbei handelt es sich um ein erprobtes und günstiges Malaria-Medikament. Der Wirkstoff erwies sich aber als nicht wirksam. Und darüber hinaus führten die schweren Nebenwirkungen, die bei Chloroquin-Studien mit Corona-Patienten auftraten, sogar zum Abbruch einzelner Untersuchungen.

Antikörpertherapie: eine wichtige Waffe gegen Corona?

Nach einer Infektion sollen sogenannte monoklonale Antikörper das Corona-Virus effektiv bekämpfen können. Dabei sind alle eingesetzten Antikörper gleich aufgebaut und nehmen einen fest definierten Bereich des Virus ins Visier. Polyklonale Antikörper hingegen – so nennen Forschende die Art Antikörper, die der Mensch bildet – binden das Virus an verschiedenen Stellen.

Der monoklonale Antikörper „Bamlanivimab“ von Eli Lilly wird in den USA bereits nicht mehr eingesetzt. Er helfe nicht gegen viele der neuen Corona-Varianten. Gegen die in Deutschland dominante Variante B.1.1.7. scheint Bamlanivimab jedoch laut Robert Koch-Institut wirksam zu sein. Deshalb kündigte Jens Spahn im Januar 2021 die Bereitstellung des Antikörpers für spezialisierte Kliniken an. Bis Anfang März sei Bamlanivimab zumindest an der München Klinik fast gar nicht eingesetzt worden.

Antikörper kommen bisher kaum zum Einsatz

Nach neuen Studiendaten des Schweizer Pharmakonzerns Roche kann dagegen durch die Einnahme eines Cocktails aus zwei monoklonalen Antikörpern „Casirivimab“ und „Imdevimab“ das Risiko symptomatischer Corona-Infektionen um circa 81 Prozent reduziert werden. Auch die Krankheitsdauer verringerte sich auf etwa eine Woche. Die Antikörper-Kombination hatte Roche zusammen mit Regeneron entwickelt. In die Schlagzeilen geriet das Mittel bereits letztes Jahr, als Donald Trump nach seiner vergleichsweise raschen Genesung öffentlich von der Wirkung des Präparats schwärmte.

Wichtig anzumerken ist in diesem Zusammenhang: In Europa ist bisher jedoch noch kein monoklonales Antikörpermedikament zugelassen. Bamlanivimab und der Cocktail von Roche werden derzeit von der Europäische Arzneimittel-Agentur EMA geprüft.

Noch recht unterschiedliche Aussagen zum Nutzen von Rekonvaleszentenplasma

Einem ähnlichen Wirkmechanismus im Körper folgt auch sogenanntes Rekonvaleszentenplasma. Dafür extrahiert man zunächst Antikörper von Menschen, die bereits mit Corona infiziert waren, um diese dann künstlich anzureichern. Die Einschätzungen zu diesem Serum, das bei einer Corona-Erkrankung möglichst innerhalb der ersten 72 Stunden nach Symptombeginn eingesetzt werden soll, sind noch sehr unterschiedlich. Fest steht, die kostenintensive Produktion ist ein zentraler Nachteil. Die Nutzung für den regulären stationären Bereich wird im Moment nicht empfohlen; zumindest als Therapiealternative wurde das Rekonvaleszentenplasma bereits vom Robert Koch-Institut ins Spiel gebracht.

Antibakterielle Mittel: häufig verabreicht, nur selten sinnvoll

Während der Pandemie stiegen die Verschreibungen von Antibiotika prozentual an. Dass die Behandlung eines Virus wie Corona mit Antibiotika nicht sinnvoll ist, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass Corona kein Bakterium ist. Nichtsdestotrotz werden Antibiotika wegen der Gefahr einer zusätzlichen bakteriellen Infektion häufig verschrieben. Besonders eine prophylaktische Antibiotika-Gabe ohne Hinweis auf bakterielle Infektion wird vom Robert Koch-Institut ausdrücklich nicht empfohlen. Denn der leichtfertige Einsatz von Antibiotika birgt immer auch das Risiko der Bildung von Resistenzen.

Herz-Kreislauf-Medikamente: Heparin hilft bei gefährlichen Thrombosen

Da auch Thrombosen und Lungenembolien eine häufige Todesursache bei Covid-19 sind, greift die Ärzteschaft gern zu blutverdünnenden "Heparinen". Ihr Einsatz wird explizit empfohlen. Bei einer Studie aus dem letzten Jahr stellte sich für Patienten, die aufgrund eines schweren Krankheitsverlaufs beatmet werden mussten, heraus: 62,7 Prozent der nicht mit Gerinnungshemmern Behandelten starben – im Vergleich zu 29,1 Prozent der explizit mit Gerinnungshemmern Behandelten. Einen heilenden Rundumschlag kann aber auch dieses Mittel nicht leisten.

Fazit: Der große Wurf steht wohl noch aus

Zieht man einen Schlussstrich unter die vorläufige Bilanz, wird klar: Für bestimmte Symptome und Phasen einer Corona-Erkrankung gibt es unterschiedliche Wirkstoffe, von denen sich die Medizin Erfolg verspricht. Einige Mittel sind schon zugelassen, andere warten noch auf eine Zulassung in der EU. Fest steht, dass der große Wurf noch aussteht und auch wohl kaum kommen wird. Denn bei Corona verhält es sich ähnlich wie bei der Grippe. Auch da fehlen bislang direkte Heilmittel. Und so ruht die Hoffnung weiter auf den Impfstoffen, mit denen medikamentös zu behandelnde Corona-Erkrankungen vorgebeugt werden können.

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