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Audio (Juni 2021): Kinder ab zwölf Jahren können sich gegen Corona impfen lassen, ein Impfstoff ist für sie zugelassen. Stiko-Mitglied Rüdiger von Kries sieht noch keine Notwendigkeit, Kinder ab zwölf generell impfen zu lassen.

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FAQ: Was Sie über die Corona-Impfung für Kinder wissen sollten

Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna sind für Kinder ab zwölf Jahren in der EU zugelassen. Die Stiko empfiehlt die Impfung aber nur für Kinder mit Vorerkrankungen. Was Sie über die Corona-Impfung für Kinder wissen sollten.

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Von
  • Tanja Fieber
  • Yvonne Maier

Bei Kindern und Jugendlichen verläuft eine Infektion mit SARS-CoV-2 bislang häufig symptomlos. Sie erkranken in der Regel milde. Zeigen Kinder Symptome, können sie manchmal auch länger krank sein, vor allem, wenn sie Vorerkrankungen haben. Es gibt auch erste Berichte von Post-Covid/Long Covid bei Kindern und Jugendlichen, also Spätfolgen durch eine Covid-19-Infektion. Schwere Entzündungsprozesse, die durch Covid-19 und andere Virus-Infektionen ausgelöst werden können (Kawasaki-Syndrom oder PIMS-Syndrom), sind bei Kindern bislang äußerst selten und der Zusammenhang ist auch noch nicht abschließend geklärt. All das wirkt sich aus auf die Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche.

Wie lautet die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko)?

Seit dem 7. Juni können sich Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren in Deutschland impfen lassen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den Impfstoff aber nur bestimmten Risikogruppen mit Vorerkrankungen.

  • Adipositas
  • angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression,
  • angeborene zyanotische Herzfehler
  • schwere Herzinsuffizienz
  • schwere pulmonale Hypertonie
  • chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion
  • chronische Niereninsuffizienz
  • chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen
  • maligne Tumorerkrankungen
  • Trisomie 21
  • syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung
  • ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus

All diese Gruppen haben in der Regel ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung.

Darüber hinaus empfiehlt die Stiko die Impfung bei Kindern und Jugendlichen, wenn sich in ihrem Umfeld erwachsene Kontaktpersonen befinden, die selbst nicht geimpft werden können und die ein hohes Risiko für einen schweren Verlauf haben.

Da die EU-Kommission und die EMA den Impfstoff in der EU für die Altersgruppe 12 bis 17 zugelassen haben, können sich aber auch in Deutschland Kinder und Jugendliche auf individuellen Wunsch und nach einer ärztlichen Aufklärung impfen lassen, selbst wenn sie nicht den Risikogruppen angehören. Und auch, wenn die Eltern nicht zustimmen.

Aktuelle Zahlen zu den Corona-Impfungen in Bayern.

Warum gibt es keine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko)?

Die Stiko gibt mehrere Gründe für diese Entscheidung an:

  • In der Regel sei Covid-19 für Kinder und Jugendliche eine „milde Erkrankung“, nur wenige hätten einen schweren Krankheitsverlauf. Auch Todesfälle seien in dieser Altersgruppe sehr selten. Schwer betroffen seien vor allem diejenigen mit den oben genannten Vorerkrankungen, denen die Impfung empfohlen wird.
  • Schwere Komplikationen wie das PIMS oder das Kawasaki-Syndrom seien sehr selten, in Deutschland sei bislang (Stand 10. Juni 2021) noch kein Kind an PIMS verstorben.
  • Zu Long-Covid bei Kindern und Jugendlichen sieht die Stiko die Datenlage als noch zu dünn an, um daraus eine generelle Impfempfehlung abzuleiten.
  • Kinder und Jugendliche verbreiten laut Stiko das Virus in der Bevölkerung nur zu einem geringen Maße, ihre Impfung ist für die „Herdenimmunität“ weniger wichtig.
  • Die Zulassungsstudie umfasste bei den Kindern und Jugendlichen nur rund 2.000 Teilnehmende. Statistisch ist sie darum weniger aussagekräftig als die Zulassungsstudien bei den Erwachsenen. Die Nutzen-Risiko-Abwägung muss darum von den Erwachsenen mit abgeleitet werden. Zwar schützt der Impfstoff von Biontech/Pfizer sehr gut, so die Stiko. Da gesunde Kinder und Jugendliche aber insgesamt ein sehr geringes Risiko für schwere Verläufe haben, ist der Effekt der Impfung nicht so stark wie bei den Erwachsenen, vor allem der Älteren.
  • Demgegenüber stehen die Impfreaktionen, die bei Kindern und Jugendlichen stärker sind als bei Erwachsenen. Dazu zählen Schmerzen an der Einstichstelle oder Fieber. Die Stiko bemängelt, dass die Zulassungsstudie mit relativ wenigen Teilnehmenden und über einen relativ kurzen Zeitraum dazu führen, dass zu seltenen Nebenwirkungen keine oder kaum Daten vorliegen. Es liegen zum Beispiel Verdachtsfälle zu Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) vor, vor allem bei jungen Männern. Auch in der Zulassungsstudie zum zweiten mRNA-Impfstoff von Moderna wird über diese Fälle berichtet. Eine noch nicht begutachtete Studie aus den USA ergab allerdings: Männliche Jugendliche, die mit dem Virus infiziert waren, hatten ein 6-mal höheres Risiko, eine Myokarditis zu entwickeln, als diejenigen, die mit einem RNA-Impfstoff geimpft worden waren.
  • Wenn man alle Kinder und Jugendlichen impft, so die Stiko, habe das vor allem Auswirkungen auf die Erwachsenen, die sich dann seltener bei den Jüngeren anstecken können. Der gesundheitliche Vorteil für Kinder und Jugendliche ohne Vorerkrankungen sei gering – immer mit dem Risiko für seltene Nebenwirkungen durch die Impfung. Doch Menschen über 16 Jahren könnten sich schon jetzt selbst impfen lassen – und in Anbetracht von knappem Impfstoff sei das die wichtigere Strategie, schreibt die Stiko in ihrem Bericht.

Info: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat eine Checkliste für Eltern erstellt, die Eltern bei der Entscheidung für oder gegen die Impfung ihres Kindes helfen soll. Die Checkliste finden Sie hier (Pdf).

Welche Corona-Impfstoffe gibt es für Kinder?

Der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist am 31. Mai 2021 in der EU für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen worden. Cominarty von Biontech/Pfizer war damit der erste Corona-Impfstoff in der EU, der für Kinder dieser Altersgruppe freigegeben wurde. Grundlage der Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und der EU-Kommission ist eine US-Studie, die am 27. Mai 2021 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde.

In den USA laufen zudem bereits Studien zur Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Impfstoffs bei noch jüngeren Kindern zwischen sechs Monaten und elf Jahren. Erste Ergebnisse für Kinder ab 5 Jahren könnten laut Biontech im Sommer 2021 vorliegen. Die jungen Teilnehmer der US-Studie werden laut Biontech/Pfizer aus Sicherheitsgründen noch bis zu zwei Jahre nach der ersten Impfdosis beobachtet.

Ende Juli 2021 wurde auch der Impfstoff Spikevax des US-Unternehmens Moderna in der EU für die Altersgruppe 12-17 zugelassen. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) ist optimistisch, dass es noch im Laufe dieses Jahres, sowohl für die Jugendlichen, als auch für jüngere Kinder zugelassene Impfstoffe geben wird. Laut vfa-Sprecher Rolf Hömke "gleich mehrere".

Wie laufen Impfstudien mit Kindern generell ab?

Die Zulassung eines Impfstoffs für Kinder kann erst beantragt werden, wenn es belastbare Daten gibt, die die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs zeigen. Impfstoff-Studien werden erst bei Erwachsenen durchgeführt, dann bei Kindern und nach Altersklassen gestaffelt.

Generell gilt: Kinder sind keine "kleinen Erwachsenen". Impfstoffe müssen für ihre Organismen speziell getestet werden. Je nach Alter bekommen sie eine höhere oder niedrigere Impfstoff-Dosis als Erwachsene.

Impfstoffstudien mit Kindern laufen dann im Prinzip so ab wie bei Erwachsenen, erklärt Bodo Plachter, Virologe an der Universität Mainz. Man fange mit einer geringen Dosis an, beobachte und gehe dann bei der nächsten Dosis weiter. In der Regel teile man in Altersgruppen auf, 2- bis 5-Jährige, 6- bis 8-Jährige. Ein Unterschied zu Studien mit Impfstoffen gegen andere Krankheiten sei bei Covid-Impfstoffen der, dass man bei Kindern nicht auf die Erkrankungen schaue, da die Kinder ja nicht krank würden. "Da schaut man, ob die Kinder Antikörper entwickeln, ob die reagieren auf den Impfstoff und wie stark sie reagieren", sagt Plachter.

Wie lief die US-Impfstoff-Studie an Kindern ab, die der EU-Zulassung zugrunde liegt?

Forscher um Robert Frenck vom Cincinnati Children's Hospital (US-Staat Ohio) werteten Daten von insgesamt 2.260 Kindern zwischen 12 und 15 Jahren aus. Die Kinder hatten für die Studie im Abstand von 21 Tagen zwei Dosen des Impfstoffes Biontech (1.131 Kinder) oder Placebo-Spritzen mit Kochsalzlösung (1.129 Kinder) erhalten. Die Teilnehmer notierten für jeweils sieben Tage nach den Injektionen, ob Impfreaktionen auftraten. Bis zu sechs Monate wurden zudem unerwünschte Wirkungen nach der zweiten Spritze erfasst. Ergebnis: In der Gruppe der mit Biontech geimpften Kinder trat kein Covid-19-Fall auf, aber 1,3 Prozent der Kinder zeigten schwere Impfreaktionen. In der etwa gleich großen Vergleichsgruppe mit ungeimpften Kindern erkrankten 16 Teilnehmer an Covid-19.

Den Forschern zufolge wirkt die zweifache Impfung damit zu 100 Prozent. Auch Labortests zeigten, dass die Impfung eine stabile Immunantwort erzeugte - sogar eine bessere als in der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren.

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Audio: Wie sehr leiden Kinder unter einer Corona-Infektion? Akut verläuft sie meist milde. Aber was ist mit den Langzeitfolgen? Wissenschaftler tun sich schwer, diese bei Kindern klar zu belegen.

Post-Covid bei Kindern - die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion

Kinder erkranken meist eher leicht an Covid-19 oder sogar symptomlos. Trotzdem kam es im Verlauf der Pandemie auch bei Kindern schon zu schweren Krankheitsverläufen. Wie Erwachsene können sie auch bei symptomlosen, leichten oder schweren Covid-19-Infektionen ein Post-Covid-Syndrom (auch Long Covid genannt) entwickeln, wenn auch bisher deutlich seltener. Die wenigen Daten, die es bislang gibt, zeigen, dass sich vor allem Jugendliche und junge Erwachsene in Kliniken für Kinder- und Jugendmedizin vorstellten. In Deutschland stieg die Zahl der an Post-Covid erkrankten Kinder erst ab der zweiten Pandemie-Welle. In Großbritannien und den USA waren schon früher mehr Kinder betroffen.

Jakob Armann von der Kinderklinik der TU Dresden sagte gegenüber dem Fachmagazin Nature: "Wenn 10 oder 15 Prozent der Kinder, unabhängig von der Schwere ihrer anfänglichen Erkrankung, langfristige Symptome haben, ist das ein Problem, dass untersucht werden muss." Nötig seien Kontrollgruppen bei Studien, um herauszufinden, was wirklich mit der Infektion zusammenhänge. Denn möglich sind auch andere Krankheitsursachen oder die Belastung durch die Pandemie. Erste Studienergebnisse der TU Dresden vom Mai 2021 deuten auf eine geringe einstellige Prozentzahl hin und damit auf weniger Fälle als befürchtet. Je nachdem, wie lange die Symptome anhalten - Monate, Jahre oder ein Leben lang - können aber auch wenige Fälle schwerwiegend sein.

Weil sowohl eine Covid-19-Infektion, als auch die wiederholten Lockdowns und die Pandemie generell bei Kindern gesundheitliche Spuren hinterlassen können, ist eine Unterscheidung zwischen Long Covid und Long Lockdown oft schwierig. Deshalb entstehen derzeit interdisziplinäre Netzwerke sowie Ambulanzen und Krankenhausabteilungen in Bayern. Die Spezialambulanz der Münchner Universitäten LMU und TUM soll im September öffnen, eine Krankenhausabteilung wird in Passau angesiedelt und vom Bezirk Niederbayern unterstützt. Diese wird Kinderklinik mit Kinder- und Jugendpsychiatrie, inklusive Psychosomatik, verbinden.

Meist erkrankten Kinder direkt nach einer Covid-19-Infektion an Post-Covid/Long Covid, das heißt mindestens eins der Symptome hielt auch vier Wochen nach einer Infektion noch an. Bei unklarer Diagnose spricht man bei Kindern nach etwa drei Monaten mit Symptomen von Post-Covid. Das sind Richtwerte, denn eine klare Definition von Post-Covid, den vielfältig auftretenden Symptomen und dem zeitlichen Verlauf der Erkrankung gibt es noch nicht. Wie Erwachsene leiden Kinder und Jugendliche bei Post-Covid an Chronischer Erschöpfung (Fatigue), Schlafstörungen, Husten, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Konzentrationsstörungen oder an einem anhaltenden Verlust des Geruchs- oder Geschmackssinns. Nur bei Kindern tritt das seltene PIMS-Syndrom auf (multiinflammatorisches Syndrom / MIS-C / Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome), bei dem nach einer Covid-19-Infektion chronische Entzündungen im ganzen Körper ausbrechen, die lebensgefährlich sein können.

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