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Audio: Die Priorisierung für die Corona-Impfung ist aufgehoben. Auch für Kinder ab zwölf Jahren. Ein Impfstoff ist für sie zugelassen. Stiko-Mitglied Rüdiger von Kries sieht aber derzeit keine Notwendigkeit, Kinder ab zwölf generell impfen zu lassen.

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Corona-Impfung für Kinder? Das müssen Sie wissen - ein FAQ

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer ist in der EU für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen worden. Die Stiko empfiehlt die Impfung nur für Kinder mit Vorerkrankungen. In Deutschland wird weiterhin kontrovers über die Corona-Impfung für Kinder diskutiert.

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Von
  • Tanja Fieber
  • Susi Weichselbaumer

Bei Kindern verläuft eine Infektion mit SARS-CoV-2 bislang häufig symptomlos. Sie erkranken in der Regel milde. Zeigen Kinder Symptome, sind sie allerdings meist länger krank. Lange, schwere Post-Covid-Erkrankungen (Kawasaki-Syndrom oder PIMS-Syndrom) sind bei Kindern bislang äußerst selten. Warum sollen also auch Kinder gegen Corona geimpft werden?

Warum wird erst jetzt über Corona-Impfungen für Kinder gesprochen?

Diskutiert wird das erst jetzt, weil Kinder bislang von der Corona-Pandemie wenig betroffen waren: Zu Beginn der Corona-Pandemie erkrankten weniger Kinder als alte Menschen. Dann zeigte sich, dass Kinder die Infektion mit SARS-CoV-2 oft symptomlos durchmachen. Doch durch die Corona-Mutanten hat sich die Lage geändert. Auch Menschen unter 50 Jahren infizieren sich nun vermehrt mit SARS-CoV-2.

Das kann auch für Mütter gefährlich werden, wenn sie schwanger sind und sich bei ihrem Nachwuchs anstecken. Oder für Neugeborene, wenn sie sich bei der Mutter anstecken. Noch gibt es nicht viele Fälle von Schwangeren mit einer SARS-CoV-2-Infektion, aber es gibt mehr dramatische Verläufe als im Vergleichszeitraum 2020.

Kinder impfen, um Herdenimmunität zu erlangen?

Soll man Kinder impfen, obwohl sie weniger schwer erkranken, um Erwachsene zu schützen? Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen profitieren von einer Impfung. Aber gesunde Kinder? Bei ihnen gilt es, Risiken und Nutzen abzuwägen. Sie seien mehr durch Verkehrsunfälle oder Ertrinken gefährdet, als durch das Coronavirus, sagt Professor Johannes Hübner, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Kann man gesunden Kindern die Corona-Impfung zumuten, um eine Herdenimmunität in Deutschland zu erlangen? An dieser Frage scheiden sich die Geister, auch die von wissenschaftlichen Experten. In Israel stellt sich diese Frage beispielsweise nicht. Die Gesellschaft ist deutlich jünger als in Deutschland. Ohne die Impfung von Kindern, würde eine Herdenimmunität nicht erreicht. Für Schwangere gibt es in Israel seit Januar 2021 eine Impf-Empfehlung.

Warum werden nicht einfach die vorhandenen Impfstoffe verwendet?

Kinder sind keine "kleinen Erwachsenen". Impfstoffe müssen für ihre Organismen speziell getestet werden. Je nach Alter bekommen sie eine höhere oder niedrigere Impfstoff-Dosis als Erwachsene.

Wie laufen Impfstudien mit Kindern ab?

Impfstoffstudien mit Kindern liefen im Prinzip so ab wie bei Erwachsenen, erklärt Bodo Plachter, Virologe an der Universität Mainz. Man fange mit einer geringen Dosis an, beobachte und gehe dann bei der nächsten Dosis weiter. In der Regel teile man in Altersgruppen auf, 2- bis 5-Jährige, 6- bis 8-Jährige. Ein Unterschied zu Studien mit Impfstoffen gegen andere Krankheiten sei bei Covid-Impfstoffen der, dass man bei Kindern nicht auf die Erkrankungen schaue, da die Kinder ja nicht krank würden. "Da schaut man, ob die Kinder Antikörper entwickeln, ob die reagieren auf den Impfstoff und wie stark sie reagieren", sagt Plachter.

Gibt es Corona-Impfstoffe für Kinder?

Der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer ist am 31. Mai 2021 in der EU für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen worden. Cominarty von Biontech/Pfizer ist damit der erste Corona-Impfstoff in der EU, der für Kinder dieser Altersgruppe freigegeben wurde. Grundlage der Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) und der EU-Kommission ist eine US-Studie, die am 27. Mai 2021 im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde.

In den USA ist es auf Basis der US-Studie seit 10. Mai 2021 möglich, Kinder ab zwölf Jahren mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer zu impfen. Das wurde per Notfallzulassung beschlossen. In den USA laufen zudem bereits Studien zur Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Impfstoffs bei noch jüngeren Kindern zwischen sechs Monaten und elf Jahren. Erste Ergebnisse für Kinder ab 5 Jahren könnten laut Biontech im Sommer 2021 vorliegen. Die jungen Teilnehmer der US-Studie werden laut Biontech/Pfizer aus Sicherheitsgründen noch bis zu zwei Jahre nach der ersten Impfdosis beobachtet. Dazu sollte man wissen, dass es weltweit unterschiedliche Voraussetzungen und entsprechend Vorgehensweisen gibt. In den USA ist zum Beispiel das metabolische Syndrom bei Kinder weiter verbreitet als in Deutschland.

Das US-Unternehmen Moderna hat die Zulassung des hauseigenen Corona-Impfstoffs für Kinder ab zwölf Jahren in der EU, Kanada und den USA beantragt. Die EMA wird im Juli über eine Empfehlung der Zulassung entscheiden. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa) ist optimistisch, dass es noch im Laufe dieses Jahres, sowohl für die Jugendlichen, als auch für jüngere Kinder zugelassene Impfstoffe geben wird. Laut vfa-Sprecher Rolf Hömke "gleich mehrere".

Wie lief die US-Impfstoff-Studie an Kindern ab, die der EU-Zulassung zugrunde liegt?

Forscher um Robert Frenck vom Cincinnati Children's Hospital (US-Staat Ohio) werteten Daten von insgesamt 2.260 Kindern zwischen 12 und 15 Jahren aus. Die Kinder hatten für die Studie im Abstand von 21 Tagen zwei Dosen des Impfstoffes Biontech (1.131 Kinder) oder Placebo-Spritzen mit Kochsalzlösung (1.129 Kinder) erhalten. Die Teilnehmer notierten für jeweils sieben Tage nach den Injektionen, ob Impfreaktionen auftraten. Bis zu sechs Monate wurden zudem unerwünschte Wirkungen nach der zweiten Spritze erfasst. Ergebnis: In der Gruppe der mit Biontech geimpften Kinder trat kein Covid-19-Fall auf, aber 1,3 Prozent der Kinder zeigten schwere Impfreaktionen. In der etwa gleich großen Vergleichsgruppe mit ungeimpften Kindern erkrankten 16 Teilnehmer an Covid-19.

Den Forschern zufolge wirkt die zweifache Impfung damit zu 100 Prozent. Auch Labortests zeigten, dass die Impfung eine stabile Immunantwort erzeugte - sogar eine bessere als in der Gruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren. Die Studie wurde am 27. Mai 2021 im Fachmagazin New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Biontech für Kinder - Traten bei der US-Studie Nebenwirkungen auf?

Traten Impfreaktionen auf, waren sie mild bis moderat und traten häufiger nach der zweiten als nach der ersten Dosis auf. Genannt wurden Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Fieber. Es gab keine Fälle von Thrombosen oder anaphylaktischen Schocks.

Die EMA untersucht jedoch weiterhin sehr seltene Fälle von Herzmuskelentzündungen (Myokarditis), die hauptsächlich bei Menschen, überwiegend Männern, unter 30 Jahren aufgetreten sind. Wegen der geringen Zahl an Kindern und Jugendlichen in der US-Studie ist sie nicht geeignet, sehr seltene Nebenwirkungen aufzudecken, heißt es aus der EMA. Man sei aber überzeugt, dass auch in dieser Altersgruppe die Vorteile der Impfung die Risiken übersteigen. Die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs werde weiterhin genau überwacht.

Corona-Impfstoffe für Kinder - Warum keine generelle Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko)?

Die Stiko empfiehlt die Impfung für 12- bis 17-Jährige nur, wenn sie bestimmte Vorerkrankungen haben. Die Begründung: Die Datenlage ist der Kommission noch zu dünn. Erwachsene profitieren mehr von der Impfung und es gibt immer noch zu wenig Impfstoff in Deutschland. Der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens sagte bereits am 1. Juni 2021 im Corona-Update des NDR: "Die Zahl der in der Studie geimpften Kinder ist einfach zu gering, um eine belastbare Aussage über die Sicherheit in dieser Altersgruppe zu machen. Immerhin 1,3 Prozent der 1.100 in der Studie geimpften Kinder haben schwere Reaktionen gezeigt." In der US-Studie, die für die Impf-Empfehlung für Kinder in den USA und der EU herangezogen wurde, wurden mehr als 1.100 Kinder getestet. Bei den Studien mit Erwachsenen waren es rund 43.500.

Hinter dem Begriff bestimmte Vorerkrankungen verbergen sich rund ein Dutzend Krankheitsbilder, die mit erhöhtem Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf einhergehen. Dazu zählen: Adipositas (Fettleibigkeit), angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression, angeborene zyanotische Herzfehler, schwere Herzinsuffizienz, schwere pulmonale Hypertonie, chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion, chronische Niereninsuffizienz, chronische neurologische oder neuromuskuläre Erkrankungen, maligne Tumorerkrankungen, Trisomie 21, syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung sowie ein schlecht eingestellter Diabetes mellitus.

Eine Impfempfehlung wurde auch für Kinder und Jugendliche ausgesprochen, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren Covid-19-Verlauf befinden. Gemeint sind damit Menschen, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht besteht, dass der Schutz nach der Impfung nicht ausreicht.

Den Nutzen, auch Kinder für die Herdenimmunität zu impfen, schätzt Mertens als gering ein:

"Man sollte die Hoffnung auf den epidemiologischen Effekt nicht übertreiben. So lange der Impfstoff knapp ist, muss man sich entscheiden, ob man lieber Jugendliche oder Erwachsene impft." Thomas Mertens, Vorsitzender der Stiko

Auch Impfkampagnen an Schulen steht die Stiko kritisch gegenüber: Laut Thomas Mertens ist es "nicht besonders sinnvoll", das Thema Schule mit der Impfdebatte zu verknüpfen. "Die Stiko - und ich glaube auch viele andere vernünftige Leute - halten diese sprachliche Verbindung von Impfung als Voraussetzung für das normale Leben der Kinder für einen Irrweg."

Empfehlungen der Stiko beeinflussen die Regelung von Haftung und Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und 27 andere Fachgesellschaften stärken der Stiko den Rücken und weisen auf ihre Funktion in Deutschland hin:

"Impfempfehlungen der Stiko sind eine wichtige Vorbereitung von politischen Entscheidungsfindungen bei der SARS-CoV-2 Pandemiebekämpfung in Deutschland, in dem ein strukturierter Prozess der Risikobewertung auf den derzeit besten verfügbaren, wissenschaftlichen Erkenntnissen und hieraus abgeleitet die Verabschiedung konkreter wissenschaftlicher Empfehlungen auf einer gesetzlich verankerten Basis erfolgt. Dem Auftrag der Herausgabe von Impfempfehlungen und von Kriterien einer Priorisierung ist die Stiko bislang in wissenschaftlich begründeter und der verfügbaren Evidenz verpflichteten Weise nachgekommen. Hieraus resultierte bisher auch der notwendige breite gesellschaftliche Konsens." Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und von 27 Fachgesellschaften

Wann wird ein Impfstoff für Kinder zugelassen?

Die Zulassung eines Impfstoffs für Kinder kann erst beantragt werden, wenn es belastbare Daten gibt, die die Sicherheit und Wirksamkeit des Impfstoffs zeigen. Impfstoff-Studien werden erst bei Erwachsenen durchgeführt, dann bei Kindern und nach Altersklassen gestaffelt.

Wie könnte eine Impfung für Kinder ablaufen?

Seit dem 7. Juni 2021 können sich Kinder ab zwölf Jahren - theoretisch - impfen lassen. Nach eingehender Beratung beim Arzt und bei einer nachvollziehbaren Begründung auch ohne elterliche Zustimmung. Praktisch gibt es aber noch viele Fragen: Der logistische Ablauf, wie und wo Kinder geimpft werden sollen, ist noch völlig unklar. In Deutschland wird es auch nicht mehr Impfstoff-Dosen geben. Impfwillige Kinder müssen sich also wie alle anderen in die Schlange der Wartenden einreihen.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sagte Anfang Mai, dass Kinderärzte in die Organisation von Impfungen für Kinder einbezogen werden sollen. Eine verpflichtende Impfung werde es nicht geben.

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Gesundheitsminister Spahn will Kindern und Jugendlichen bis Ende August Impftermine anbieten. Aber die Ständige Impfkommission bremst: Zur Zeit könne noch nichts über Nebenwirkungen bei dieser Altersgruppe gesagt werden.

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