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In Israel sind Herzmuskelentzündungen nach Corona-Impfungen aufgetreten, meist bei jungen Männern. Zufall oder besteht ein Zusammenhang?

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    Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfung werden geprüft

    Myokarditis (Herzmuskelentzündung) ist eine Sammelbezeichnung für entzündliche Erkrankungen des Herzmuskels. In Israel und den USA gab es Fälle bei jungen Männern kurz nach Corona-Impfungen. Ob es einen Zusammenhang gibt, wird derzeit untersucht.

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    Von
    • Tanja Fieber

    Sehr seltene Fälle von Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) sind seit Zulassung der ersten Corona-Impfstoffe ein Thema. Einzelfälle sind in den Sicherheitsberichten des zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts dokumentiert. Bei der Zulassung des Biontech-Impfstoffs für Zwölfjährige wies die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) darauf hin, dass weiterhin sehr seltene Fälle von Myokarditis untersucht werden, die hauptsächlich bei Menschen unter 30 Jahren aufgetreten sind. Vor allem in Israel, wo weltweit die meisten Menschen gegen Corona geimpft sind und ausschließlich der Impfstoff von Biontech/Pfizer verwendet wurde.

    Auch die US-amerikanische Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) empfahl eine weitere Untersuchung. Aus einer entsprechenden Beobachtungsstudie sind sieben Fälle in den USA bekannt. Es wurde mit den Impfstoffen von Biontech/Pfizer und von Moderna geimpft. Was sind die Hintergründe?

    Junge Männer mit Herzmuskelentzündungen in Israel und den USA

    Die Zeitung Jerusalem Post berichtete am 25. April 2021 in ihrer Online-Ausgabe, dass Myokarditis-Fälle in zeitlicher Nähe zu Corona-Impfungen mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer aufgetreten sind. Am 2. Juni 2021 hat das israelische Gesundheitsministerium eine Pressemitteilung veröffentlicht. Demnach sind von Dezember 2020 bis Mai 2021 148 Fälle von Myokarditis nach Impfungen aufgetreten. 27 Fälle traten nach der ersten Dosis auf, bei 5.401.150 Millionen Geimpften. 121 Fälle traten nach der 2. Dosis auf, bei 5.049.424 Personen Geimpften. Die Betroffenen waren fast ausschließlich männlich und zwischen 16 bis 19 Jahren alt. Die meisten wurden bis zu vier Tage im Krankenhaus behandelt. 95 Prozent der Herzmuskelentzündungen verliefen milde und heilten ohne Komplikationen aus. Israel empfiehlt die Impfung weiterhin auch für diese Altersgruppe und hat das Impfalter inzwischen auf 12 bis 15-Jährige erweitert.

    Die CDC hat am 27. Mai 2021 bekanntgegeben, dass auch in den USA wenige Fälle von Herzmuskelentzündungen bei vorwiegend jungen Männern ab 16 Jahren aufgetreten sind. Auch hier waren die Verläufe mild und verheilten ohne Komplikationen.

    Pfizer: Weltweit keine weiteren Fälle von Herzmuskelentzündungen nach Impfung aufgefallen

    Der Pharmakonzern Pfizer, der mit Biontech bei der Herstellung des Impfstoffs Comirnaty zusammenarbeitet, wurde über die Fälle von Myokarditis in Israel informiert. Im April 2021 hieß es dort, dass weltweit keine weiteren Fälle von Herzmuskelentzündungen aufgefallen sind.

    In einem israelischen Gesundheitsbericht, aus dem die Jerusalem Post zitiert, ist allerdings vermerkt, dass das auch daran liegen könnte, dass weltweit noch nicht so viele junge Menschen geimpft wurden wie in Israel. Inzwischen sind auch einige Myokarditis-Fälle aus den USA, Spanien und Deutschland bekannt geworden.

    Phase IV-Studie in Israel deckt seltene Nebenwirkung auf

    Aufgefallen sind die Herzmuskelentzündungen, weil Israel im weltweiten Vergleich schon überdurchschnittlich viele Menschen geimpft hat und entsprechende Gesundheitsdaten schnell an Biontech/Pfizer weitergibt. Möglich ist das, weil Israel die medizinischen Daten seiner gesamten Bevölkerung digitalisiert hat.

    Für den Informationsaustausch über die Wirksamkeit der Corona-Impfung wurde das Land bevorzugt mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer beliefert. Nur so war es möglich großangelegte Impfkampagnen durchzuführen und inzwischen fast 60 Prozent der Bevölkerung (9,3 Millionen Einwohner) vollständig gegen Corona zu impfen. Selten gibt es für eine sogenannte Phase IV-Studie so viele Patienten. In diesen werden zugelassene Arzneimittel gezielt überprüft und auf seltene Nebenwirkungen abgeklopft.

    Herzmuskelentzündungen - unbefriedigende Datenlage in Deutschland

    In Deutschland überwacht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) die Sicherheit von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln. In Sicherheitsberichten informiert das PEI regelmäßig über alle in Deutschland gemeldeten Verdachtsfälle von Nebenwirkungen oder Ereignisse im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gegen Covid-19. Der mit Spannung erwartete neue Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Institut (PEI), der am 10. Juni 2021 herausgegeben wurde, enttäuscht jedoch die Erwartungen beim Thema Myokarditis (Seite 24 bis 27). Dafür kann die Behörde nichts, denn es fehlen ausreichend auswertbare Daten in Deutschland.

    Die Datenlage: Seit Beginn der COVID-19-Impfungen am 27.12.2020 wurden dem PEI insgesamt 92 Fälle gemeldet, "in denen die Diagnose einer Peri- und/oder Myokarditis im zeitlichen Zusammenhang mit einer Impfung gegen die COVID-19-Erkrankung gestellt wurden". Zwei Fälle mussten wegen besonderer Bedingungen oder fehlender Daten abgezogen werden. Von den übrigen 90 Fällen sind "lediglich bei 19 der 90 berichteten Fällen weiterführende Informationen zur Diagnostik bekannt, in denen die Diagnose durch entsprechende bildgebende Untersuchungen bestätigt werden konnte. Zumeist fehlen auch Angaben zu Begleiterkrankungen und Begleitmedikation."

    Auf Basis dieser schwachen Datenlage kann man zusammenfassend nur sagen: Bei allen drei in Deutschland verbreiteten Impfstoffen von Biontech/Pfizer, Moderna und Astrazeneca kam es zu wenigen Fällen von Myokarditis oder Perikarditis oder Perimyokarditis. Am häufigsten beim Impfstoff von Biontech/Pfizer, der allerdings bislang auch am meisten in Deutschland verimpft wurde. Der Impfstoff von Johnson und Johnson ist zu kurz auf dem Markt, um über ihn Aussagen treffen zu können. Von den Nebenwirkungen betroffen waren bei den gemeldeten Fällen in Deutschland, genauso wie in Israel, überwiegend junge Männer zwischen 16 bis 29 Jahren. Bei den Fällen, bei denen Daten greifbar waren, zeigte sich bei mit Comirnaty-Geimpften Herzmuskelentzündungen häufiger nach der zweiten Impfdosis als nach der ersten. Comirnaty ist wie gesagt, der am weitesten verbreitete Corona-Impfstoff in Deutschland.

    Wie hoch die Genesungsrate unter den Betroffenen war, kann man aus dem Bericht des PEI aufgrund der dünnen Datenlage nicht herauslesen. Ob die jüngere Altersgruppe tatsächlich statistisch überwiegt, kann das PEI nicht berechnen, denn "bedauerlicherweise sind derzeit keine aktuellen alters- und geschlechtsstratifizierten Impfquoten der niedergelassenen Ärzte verfügbar, sodass nicht berechnet werden kann, ob die Zahl der gemeldeten Fälle einer (Peri)myokarditis in jüngeren Altersgruppen höher ist, als statistisch zufällig in ihrer Altersgruppe zu erwarten wäre. Außerdem ist zu berücksichtigen, dass milde Verläufe möglicherweise unerkannt bleiben und im Rahmen der Spontanerfassung nicht alle Fälle berichtet werden (Dunkelzifferrate)"

    Herzmuskelentzündungen nach Impfungen und Virusinfektionen nicht ungewöhnlich

    Generell ist es nicht ungewöhnlich, dass Herzmuskelentzündungen nach Impfungen und Virusinfektionen auftreten. Laut PEI tritt das bei 15 Prozent der Patienten nach einem viralen Infekt auf. Der Kardiologe Dirk Westermann vom Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf (UKE) sagte auf BR-Nachfrage, dass das Auftreten von Herzmuskelentzün­dungen auf etwa 10 bis 20 Fälle pro 100.000 Einwohner pro Jahr geschätzt wird. Die Erkrankung trete norma­lerweise vermehrt bei jüngeren Patienten auf, nicht jedoch speziell bei einem Geschlecht. Auslöser seien unter anderem Virusinfektionen.

    Auch als seltene Nebenwirkung von Impfungen sind Herzmuskelentzündungen bekannt und traten zum Beispiel bei der Pocken-Impfung in den USA 2003 auf. Von mRNA-Impfstoffen (Comirnaty, Moderna) war das bisher nicht bekannt.

    Nach Corona-Impfung - Auf Symptome achten!

    Wer sich nach einer Impfung deutlich krank fühlt, sollte generell zum Arzt gehen und die Symptome abklären lassen. Auf eine Herzmuskelentzündung können folgende Anzeichen hindeuten: Druck auf der Brust, Schmerzen oder Brennen in der Brust, Kurzatmigkeit, starkes Herzrasen oder -klopfen.

    Professor Westermann sagt, dass das Risiko größer ist, an Covid-19 zu erkranken und Komplikationen oder Post Covid zu bekommen als Myokarditis durch eine Impfung. Eine solche Komplikation kann eine Herzmuskelentzündung sein. Das bestätigt auch diese Studie, in der US-Sportler nach einer Covid-19-Erkrankung untersucht wurden.

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