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Post-Covid: Mehr Corona-Spätfolgen bei Kindern und Jugendlichen | BR24

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Experten gehen davon aus, dass die Post-Covid- oder Long-Covid-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen.

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    Post-Covid: Mehr Corona-Spätfolgen bei Kindern und Jugendlichen

    Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen Corona-Infektionen oft mild oder sogar ganz ohne Symptome. Doch auch sie sind von Spätfolgen betroffen. Experten gehen davon aus, dass die Post-Covid- oder Long-Covid-Fälle bei jüngeren Menschen zunehmen werden.

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    Von
    • Alexandra Klockau

    Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 verlaufen bei Kindern oft symptomlos und deshalb vielfach unbemerkt. Schwere Krankheitsverläufe sind auch bei an Covid-19 erkrankten Jugendlichen selten. Doch auch bei Minderjährigen wird von Spätfolgen nach einer Infektion mit dem Coronavirus berichtet. Wenn Beschwerden selbst noch nach Wochen bestehen, sich verschlechtern oder vielleicht sogar erst auftreten, spricht man von Post-Covid- oder Long-Covid-Erkrankungen. Bei Erwachsenen mehren sich die Fälle schon seit Längerem.

    Bei Minderjährigen können verschiedenste Spätfolgen auftreten

    "Das Krankheitsbild ist sehr variabel", erläutert Markus Hufnagel, pädiatrischer Infektiologe vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg. Ihm sind zum Beispiel diese Folgen bekannt, die auch in Kombination auftreten können: chronische Erschöpfung, eine generelle Leistungsminderung, Gelenk- und Muskelschmerzen oder Hautveränderungen, ähnlich Frostbeulen an den Zehen. Seiner Erfahrung nach spielt ein anhaltender Geruchs- und Geschmacksverlust bislang im Vergleich zu Erwachsenen bei Kindern und Jugendlichen eine untergeordnete Rolle.

    Hinter vermeintlicher Post-Covid-Erkrankung könnten auch andere Virusinfektionen stecken

    "Generell sind die Symptome nicht SARS-CoV-2-spezifisch. Das heißt, wir kennen solche anhaltenden gesundheitlichen Einschränkungen auch von anderen Virusinfektionen wie dem Pfeifferschen Drüsenfieber", sagt Hufnagel. Ärzte und Ärztinnen würden deshalb die Kinder und Jugendlichen testen, um andere Infektionen auszuschließen. In der Regel äußerten Eltern den Verdacht auf einen Zusammenhang mit einer Corona-Infektion, teilweise gebe es bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen auch schon einen Antikörpernachweis.

    Hufnagel warnt davor, die möglichen Corona-Spätfolgen bei Kindern und Jugendlichen zu unterschätzen. Er geht davon aus, dass die Zahlen der Betroffenen steigen, je höher die Fallzahlen insgesamt sind: "Das Problem wird derzeit eher größer als kleiner, wir sehen schon jetzt deutlich mehr Post-Covid-Fälle." Betroffen seien eher Teenager als Kinder: "Das sind eher Patienten im Jugendalter. Fälle in den ersten zehn Lebensjahren sind deutlich seltener", beschreibt Hufnagel.

    Wie viele Kinder und Jugendliche sind von Long-Covid betroffen?

    Umfangreiche Daten aus Deutschland zu dem Thema gebe es bislang nicht, sagt Hufnagel. Zusammen mit Kollegen der Dresdner Universitätskinderklinik hat er deshalb ein Register zu den Krankheitsverläufen aller stationär behandelten Kinder und Jugendlichen mit SARS-CoV-2-Infektion der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie etabliert. Eine Studie, bei der Haushalte mit Corona-Fällen über längere Zeit begleitet wurden, habe gezeigt, dass fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 14 Jahren drei Monate nach einer Infektion noch mindestens ein Symptom aufwiesen. Bei Erwachsenen betreffe es hingegen bis zu jeden Dritten, schildert Hufnagel.

    Eine Studie vom britischen Office for National Statistics (ONS) geht davon aus, dass in Großbritannien der Anteil derjenigen, die fünf Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion noch mindestens ein Symptom wie Husten, Fieber oder Müdigkeit aufweisen, bei den Zwei- bis Elfjährigen bei rund 13 Prozent liegt. Bei den 12- bis 16-Jährigen sind es 14,5 Prozent.

    "Wir rechnen durch die Lockerungen der Maßnahmen mit mehr Betroffenen mit meist diffusen, länger anhaltenden gesundheitlichen Problemen." Markus Hufnagel, pädiatrischer Infektiologe vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg

    Kinder und Jugendliche werden noch nicht gegen Covid-19 geimpft

    Noch dürfen Kinder und Jugendliche in der EU nicht gegen Covid-19 geimpft werden. Einige Unternehmen testen ihren Corona-Impfstoff bereits an Minderjährigen: Biontech und Pfizer führen seit Donnerstag Studien bei Kindern ab sechs Monaten durch, auch Moderna und Astrazeneca testen ihre Impfstoffe bereits an Kindern, Johnson & Johnson will bald folgen. Üblicherweise arbeiten sich die Hersteller von Vakzinen dabei zu immer jüngeren Altersgruppen vor.

    Stark steigende Fallzahlen besonders bei Kindern und Jugendlichen

    Bis Kinder und Jugendliche einen Corona-Impfstoff bekommen, rechnet Hufnagel im Zuge gelockerter Corona-Maßnahmen und schrittweisen Schul- sowie Kita-Öffnungen mit mehr Corona-Ansteckungen bei jungen Menschen - und damit auch mit mehr Spätfolgen. Tatsächlich berichtet das Robert Koch-Institut in seinen aktuellen Lageberichten, dass die Covid-19-Fallzahlen gerade in allen Altersgruppen wieder ansteigen, "besonders stark jedoch bei Kindern und Jugendlichen". Covid-19-bedingte Ausbrüche beträfen momentan insbesondere nicht nur private Haushalte und das berufliche Umfeld, sondern "zunehmend auch Kitas und Schulen".

    Medizin noch nicht auf Kinder und Jugendliche mit Post-Covid vorbereitet

    Markus Hufnagel ist besorgt, wenn damit auch die Zahlen der von Corona-Spätfolgen betroffenen Kinder und Teenager steigen: "Darauf ist die Pädiatrie im Vergleich zur Versorgungssituation bei Erwachsenen nach überstandener Infektion noch nicht vorbereitet." Um betroffenen Minderjährigen und deren Eltern zu helfen, gebe es Überlegungen zum Aufbau von Spezialambulanzen für Kinder und Jugendliche. In Großbritannien hat sich bereits die Selbsthilfe-Initiative "Long Covid Kids" gegründet, bei der Kinder beziehungsweise deren Eltern von Langzeitfolgen berichten und Gleichgesinnte sowie Hilfe suchen.

    Trotzdem dürfe nicht vergessen werden, dass beim Auftreten von Spätfolgen nach einer Covid-19-Erkrankung auch die generell belastende und ermüdende Pandemie-Situation eine Rolle spielen könne - und nicht nur das Coronavirus allein, darauf weist Markus Hufnagel hin.

    "Der Lockdown ist ein großer Stressfaktor. Wenn sich die Pandemiesituation bessert, dürften zumindest bei einem Teil der Betroffenen auch die Ermüdungsanzeichen besser werden." Markus Hufnagel, pädiatrischer Infektiologe vom Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Freiburg

    Schweres Entzündungssyndrom PIMS / MIS-C nach Covid-19

    Einige Studien geben Hinweise auf weitere Folgen einer Covid-19-Erkrankung, unter denen Kindern leiden können. Sie werden jedoch häufig einem eigenen Krankheitsbild zugeschrieben und nicht als Post-Covid-Erkrankung gesehen. Nichtsdestotrotz können Kinder auch davon Langzeitschäden - etwa am Herzen - davontragen. In wenigen Fällen kann es zum Beispiel vier bis sechs Wochen nach einer SARS-CoV-2-Infektion zu einer unspezifischen Reaktion des Immunsystems kommen. Die Betroffenen entwickeln dann ein schweres Entzündungssyndrom, das den gesamten Körper umfasst.

    Dieses sogenannte multiinflammatorische Syndrom (MIS-C ; oder auch PIMS oder PIM-Syndrom für: Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) kann unter anderem Fieber, starke Bauchschmerzen, Durchfall, Erbrechen, Hautausschläge, Bindehautentzündungen und Entzündungen der Blutgefäße und Gewebe verursachen. Wird es nicht behandelt, kann es zu einem Kreislaufkollaps und Schäden an den Herzkranzgefäßen führen. Diese Erkrankung ähnelt dem Kawasaki-Syndrom, einer Autoimmunkrankheit, die infolge einer Covid-19-Erkrankung vor allem bei Kleinkindern auftritt, ist jedoch schwerwiegender. MIS-C kann auch tödlich enden, weil es viele Organsysteme angreift. Das fanden Forscher um Mubbasheer Ahmed vom Texas Children’s Hospital im September 2020 heraus.

    Caroline Diorio vom Children’s Hospital of Philadelphia und ihre Kollegen zeigten im Dezember 2020, dass eine Coronavirus-Infektion bei Kindern das Blutgerinnungssystem stören, zu Mikrothrombosen führen, die Blutgefäßwände und auch die Nieren schädigen kann.

    Studie zu Kindern und Covid-19-Erkrankung am Uniklinikum Augsburg

    Wie Kinder Corona-Infektionen überstehen und warum sie zum Beispiel manchmal eine plötzliche Entzündungsreaktion, das sogenannte PIM-Syndrom aufweisen, das will zum Beispiel das Augsburger Uniklinikum jetzt herausfinden. Für die Studie "Augsburg plus" sollen etwa 500 Kinder - Mädchen und Jungen aus Kindergärten, Grundschulen und weiterführenden Schulen - mehrfach getestet und begleitet werden. Die Augsburger Mediziner nehmen die mögliche Gefahr von Covid-19-Langzeitfolgen für Kinder und Jugendliche sehr ernst. Michael Frühwald, der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Augsburg, mahnt: Auch für Kinder sei Covid-19 keine harmlose Infektion.

    "Wir wissen immer noch viel zu wenig darüber, wie die Langzeitverläufe sind." Michael Frühwald, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Augsburg

    Kinder und Jugendliche genau untersuchen und engmaschig begleiten

    Die Mediziner, die sich mit Corona-Spätfolgen bei jungen Menschen beschäftigen, sind sich einig, wie wichtig es ist, auch Kinder und Jugendliche mit einer SARS-CoV-2-Infektion genau zu untersuchen und gegebenenfalls engmaschig medizinisch zu überwachen - und auch längerfristig zu begleiten. Und eben nicht nur diejenigen, die schwerere Verläufe von Covid-19 aufweisen, sondern auch die mit vermeintlich milden Symptomen. Mögliche Spätfolgen können jeden treffen, deshalb sei es auch wichtig, auf symptomlose Infektionen zu testen.

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