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Es ist einer der größten Streitpunkte zwischen Eltern, Lehrerverbänden und Staatsregierung: Gibt es in Bayern einen Lehrermangel?

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    #Faktenfuchs: Gibt es in Zukunft in Bayern einen Lehrermangel?

    Es ist einer der größten Streitpunkte zwischen Eltern, Lehrerverbänden und Staatsregierung: Gibt es genügend Lehrkräfte in Bayern? Teil 2 der #Faktenfuchs-Recherche: Wie wird sich die Lage in den nächsten zehn Jahren voraussichtlich entwickeln?

    Von
    Fabian DilgerFabian DilgerClaudia KohlerClaudia Kohler
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    Die Lehrersituation an Bayerns Schulen führt immer wieder zu heftigen politischen Diskussionen. Vor einigen Wochen beklagte die Vorsitzende des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Simone Fleischmann, einen "eklatanten Lehrermangel". Das bayerische Kultusministerium hielt dagegen: Das Schüler-Lehrer-Verhältnis an Grund- und Mittelschulen habe sich in den letzten zehn Jahren sogar verbessert und mit 100.000 staatlichen Lehrkräften seien so viele an den bayerischen Schulen tätig wie noch nie.

    Gibt es einen Lehrermangel in Bayern?

    Der #Faktenfuchs sieht sich dieses Thema in zwei Teilen an: Im ersten Teil geht es darum, anhand von Kennzahlen wie der Klassengröße und dem Verhältnis zwischen Schülerzahlen und Lehrerstellen die jüngsten Entwicklungen zu verstehen. In diesem Artikel wird die sogenannte Lehrerbedarfsprognose, also der Blick in die Zukunft, thematisiert.

    Was ist die Lehrerbedarfsprognose?

    Die "Bayerische Lehrerbedarfsprognose" (BLP) erscheint jedes Jahr und ist ein Blick in die Zukunft. Denn in der BLP versucht das Kultusministerium, den jährlichen neuen Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern für jedes einzelne der nächsten zehn Jahre zu berechnen, aufgeschlüsselt nach den Schularten Grundschule, Förderschule, Mittelschule, Realschule, Gymnasium und den Berufsschulen. In der neuesten BLP von 2021 wird zum Beispiel berechnet, dass es im Jahr 2028 an bayerischen Grundschulen 1.880 neue Lehrer braucht und dass in ganz Bayern 2.610 Lehrer eingestellt werden sollen. Die Einstellungszahlen sind immer unter der Bedingung zu lesen, dass der bayerische Landtag das Geld für die Stellen bewilligt.

    Die BLP deckt sowohl öffentliche als auch private Schulen ab. Öffentliche Schulen sind Schulen, an denen der Freistaat die Lehrkräfte einstellt und bezahlt. Kommunale Schulen sind Realschulen und Gymnasien, an denen auch die Kommunen die Lehrer einstellen und bezahlen. Insgesamt gab es im Schuljahr 2019/20 in Bayern insgesamt 121.182 Lehrkräfte an den bayerischen allgemeinbildenden Schulen. An den privaten, allgemeinbildenden Schulen arbeiteten im Schuljahr 2019/20 16.832 Lehrkräfte. An den kommunalen, allgemeinbildenden Schulen arbeiteten im Schuljahr 2019/20 5.130 Lehrkräfte. Circa fünf Sechstel aller bayerischen Lehrkräfte werden also vom Freistaat beschäftigt.

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    Wie werden die Zahlen der Lehrerbedarfsprognose berechnet?

    Die entscheidenden beiden Zahlen der Lehrerbedarfsprognose sind der jährliche Bedarf an neuen Lehrkräften und die jährlich möglichen Neueinstellungen von Lehrern. Um den jährlichen Bedarf zu ermitteln, wird zuerst der Gesamtbestand an schon vorhandenen Lehrkräften für die nächsten zehn Jahre ermittelt. Bei dieser Berechnung fließen Fluktuationen wie Pensionierungen, Teilzeit-Modelle oder Elternzeiten ein.

    Dann wird für jedes Jahr der Gesamtbedarf einer Schulart an sogenannten Lehrerwochenstunden berechnet. In diesen Gesamtbedarf fließen zum Beispiel die Geburten- und Zuwanderungszahlen ein. Mehr Kinder bedeuten mehr Bedarf an Lehrkräften in den Schulen und damit mehr benötigte Lehrerwochenstunden.

    Dann wird aus diesen beiden Faktoren, dem schon vorhandenen Gesamtbestand an Lehrkräften und den benötigten Lehrerwochenstunden, der Bedarf an Lehrkräften für jedes Jahr errechnet. Das Kultusministerium schreibt in der BLP: "Aus einem Vergleich der vor Einstellung insgesamt verfügbaren Lehrerkapazität mit dem erforderlichen Gesamtbedarf ergibt sich der jährliche Bedarf an Neueinstellungen." In diesen jährlichen Bedarf könne man auch politische Entscheidungen mit einrechnen, zum Beispiel wenn die Politik zusätzliche Lehrerstellen beschließt, so das Kultusministerium.

    Neben dieser Bedarfs-Berechnung gibt es die Prognose des jährlichen Angebots an Lehrkräften, die eingestellt werden können. Diese ist ungenauer: Denn ausschlaggebend ist hier die Anzahl der Studierenden, die sich für ein Lehramtsstudium entscheiden und dieses nach einigen Jahren erfolgreich abschließen. In der BLP werden für die meisten Schularten die derzeitigen Zahlen der Lehramts-Studienanfänger einfach auch für die Zukunft unterstellt. Im Bereich Mittelschule nimmt das Kultusministerium aber zum Beispiel höhere Zahlen an, da der Freistaat hier das Angebot an Studienplätzen ausbauen möchte.

    Noch ungenauer wird es bei der zweiten Säule des jährlichen Lehrkräfte-Angebots. Diese besteht nicht aus den frisch ausgebildeten Lehrkräften des aktuellen Jahrgangs. Sondern aus den Bewerbern früherer Jahrgänge, die wegen ihrer Note auf einer Warteliste stehen, den Bewerbern, die die Schulart wechseln, Bewerbern aus anderen Bundesländern oder Bewerbern, die nicht auf Lehramt studiert haben, sondern über Sondermaßnahmen in den Beruf gelangen. Die Zahlen hierfür müssen teilweise geschätzt werden, heißt es in der BLP am Beispiel der Sondermaßnahmen: "Zur Anzahl der künftigen Teilnehmer/-innen an Sondermaßnahmen müssen ebenfalls Annahmen getroffen werden, die zwar aus heutiger Sicht plausibel erscheinen, für die es aber kein Ist-basiertes Quoten-Modell gibt."

    Am Ende können für die nächsten zehn Jahre ein prognostizierter Bedarf an Lehrkräften und eine vorausgesagte Zahl an möglichen Neueinstellungen gegenübergestellt werden - für jede Schulart in Bayern. Das Kultusministerium gibt anhand dieser Prognosen auch Empfehlungen an Studienanfängerinnen. Für jedes Jahr bis 2031 wird derzeit etwa prognostiziert, dass es weniger Mittelschul-Lehrkräfte gibt, als der Freistaat eigentlich einstellen möchte. Deswegen seien hier die Chancen auf eine Anstellung nach dem Studienabschluss "sehr gut", heißt es in der BLP, die damit zum Teil auch Steuerungselement ist.

    Ist die Lehrerbedarfsprognose verlässlich?

    Das Kultusministerium schreibt auf #Faktenfuchs-Anfrage, dass die Rechenmodelle der Prognose immer neu überprüft würden: "Um die verschiedenen Annahmen der Vorausberechnung möglichst treffsicher zu gestalten, werden die Basisdaten, die Modellstruktur und die Prognoseansätze für eingeleitete Maßnahmen jährlich anhand der jüngsten Entwicklung überprüft und erforderlichenfalls angepasst. Aktuelle Erkenntnisse fließen somit unmittelbar in die nächstjährige Fortschreibung der Lehrerbedarfsprognose ein."

    In der Vergangenheit habe sich die BLP als zuverlässig erwiesen, so das Ministerium: "Insgesamt konnte die Prognoserechnung dadurch die signifikanten Veränderungen bei Bedarf und Angebot an Lehrkräften in den jeweiligen Schularten stets zuverlässig vorzeichnen und die richtige Tendenz für die Beratung der am Lehrerberuf interessierten Schulabgängerinnen und Schulabgänger und für bildungspolitische Planungen angeben."

    Der renommierte Bildungsforscher Klaus Klemm stellt der Methodik der BLP ebenfalls ein gutes Zeugnis aus: " Also ich finde, das ist nachvollziehbar, was sie machen. Und das ist auch nicht zu kritisieren." Klemm, der an der Universität Duisburg-Essen 30 Jahre lang Professor für empirische Bildungsforschung und Bildungsplanung war, lobt die BLP grundsätzlich: "Also Bayern ist, das muss man ausdrücklich sagen, bei der Entwicklung und Präsentation von Bedarfsprognosen im Bundesgebiet ausgesprochen vorbildlich."

    Daten-Analyse Lehrerbedarfsprognose

    Die neueste Bayerische Lehrerbedarfsprognose aus dem Jahr 2021 gibt vor allem für bestimmte Schularten einen besorgniserregenden Ausblick: Treten die Berechnungen der BLP ein, kommt auf viele Schulen in Bayern ein konstanter Lehrermangel zu. Nicht nur über einige Jahre, sondern über eine ganze Dekade hinweg. Besonders für Förder- und Mittelschulen zeichnet die Prognose ein düsteres Bild, aber auch die voraussichtliche Lehrerversorgung für die Grund- und Realschulen kommt in dieser Prognose nicht gut weg. Der #Faktenfuchs hat die fünf allgemeinbildenden bayerischen Schularten näher betrachtet.

    Grundschulen: Erst 2025 können genügend Lehrer eingestellt werden

    Der jährliche Bedarf an neu einzustellenden Lehrkräften an den Grundschulen liegt laut der BLP zwischen 1.370 und 1.990. Bis 2024 gibt es jedes Jahr nicht genügend verfügbare Lehrkräfte. Der Staat kann also gar nicht genügend Lehrer einstellen. "Insbesondere die zuletzt stark angestiegenen Geburtenzahlen, aber auch der Nachhall der in den vergangenen Jahren verstärkten Zuwanderung, lassen in der ersten Hälfte dieses Jahrzehnts den Einstellungsbedarf auf hohem Niveau verweilen", analysiert das Ministerium. Außerdem gibt es Lehrkräfte, die ursprünglich für Realschule und Gymnasium ausgebildet waren, wegen schlechter Stellenaussichten aber dank einer Zweitqualifizierung an die Grundschule gingen. Weil diese Lehrkräfte zurück an ihre eigenlichen Schularten wechseln, entstehe weiterer Bedarf.

    Erst im Jahr 2025 werde das Gesamtangebot wieder den Einstellungsbedarf übersteigen, ab 2026 der Bedarf dauerhaft vollständig mit ausgebildeten Grundschullehrkräften gedeckt werden können, schreibt das Kultusministerium in der BLP. Das liege unter anderem daran, dass das Lehramtsstudium für die Grundschule seit einem Jahr keinen Numerus clausus in Bayern mehr hat - jeder mit einer Hochschulzugangsberechtigung kann sich dafür einschreiben. Und für die jetzigen Studienanfängerinnen und Studienanfänger sieht es gut aus: Denn laut BLP ist geplant, von 2025 bis 2031 alle Lehrkräfte, die neu auf den Arbeitsmarkt kommen, komplett einzustellen, unabhängig vom errechneten Bedarf. Sofern dies so eintritt, würde der Mangel aus den Jahren 2021 bis 2024 damit deutlich ausgeglichen.

    © Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus
    Bildrechte: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus

    Prognostizierte Einstellungssituation an bayerischen Grundschulen bis 2031

    Förderschulen: Mangel in neun von zehn Jahren

    Der jährliche Bedarf an neu einzustellenden Lehrkräften an den bayerischen Förderschulen liegt laut der BLP zwischen 710 und 420 unbefristeten Stellen. Doch an den Förderschulen wird laut der BLP in den kommenden zehn Jahren nur in einem einzigen Jahr dieser Bedarf gedeckt: Nur im Jahr 2031 werden so viele Lehrkräfte eingestellt wie eigentlich benötigt.

    "Insbesondere aufgrund der Maßnahmen zur Umsetzung der Inklusion und zum Ausbau des Ganztagsangebots ist an den Förderschulen in den kommenden Jahren ein hoher Bedarf an Berufseintritten zu erwarten. Aufgrund der zu erwartenden Bewerberzahlen werden nicht alle rechnerischen Einstellungsbedarfe gedeckt werden können", schreibt das Kultusministerium.

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    Prognostizierte Einstellungssituation an bayerischen Förderschulen bis 2031

    Mittelschulen: Chronische Unterversorgung

    Noch schlechter sieht es für die bayerischen Mittelschulen aus. Für sie wird in der BLP prognostiziert: In keinem einzigen der nächsten zehn Jahre können so viele Lehrkräfte eingestellt werden, wie eigentlich benötigt. Im Jahr 2025 würden zum Beispiel 1.050 neue Mittelschul-Lehrer gebraucht, eingestellt werden aber nur 610, so die Prognose. Das hier die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit so stark auseinander klafft, hat vor allem mit dem fehlenden Angebot zu tun: Es gibt in der Zukunft einfach nicht genügend neue Mittelschul-Lehrkräfte, weil es zu wenige Studierende für das Mittelschul-Lehramt gibt.

    Das Kultusministerium erwartet auch nicht, dass sich das ändert. Das Angebot an fertig ausgebildeten Lehrern sinkt von 2025 auf 2031 in der Rechnung stetig ab, von 570 auf 370 Lehrkräfte. "Ein Anstieg der Studienanfängerzahlen für das Lehramt an Mittelschulen ist dringend angezeigt", heißt es in der BLP.

    Deswegen sollen auch fünf neue Lehrstühle für das Lehramt Sonderpädagogik in Bayern eingerichtet werden. Allerdings sind diese neuen Studiumsplätze schon eingerechnet, so das Kultusministerium auf #Faktenfuchs-Anfrage: "Die fünf neuen Lehrstühle sind bei der Lehrerbedarfsprognose bereits berücksichtigt."

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    Prognostizierte Einstellungssituation an bayerischen Mittelschulen bis 2031

    Realschulen: Lücken ab dem nächsten Jahr

    Bei den Realschulen fallen die berechneten Diskrepanzen zwar geringer aus, doch auch hier erwartet das Kultusministerium nichts Gutes. Nur in zwei von zehn Jahren im Zeitraum 2021 bis 2031 könne der Bedarf an neuen Lehrkräften gedeckt werden. In diesem Jahr und ganz knapp 2024 werden so viele Lehrerinnen eingestellt, wie auch benötigt werden.

    Weil bei der Realschule die Lehrkräfte nach Fächer-Kombinationen unterrichten, muss man hier aber differenzieren. Denn in einigen Fächern herrsche bereits jetzt Mangel, schreibt das Kultusministerium: "Vor allem der Bedarf an Lehrkräften in Fächerverbindungen mit dem Fach Informatik, mit dem Fach Psychologie mit schulpsychologischem Schwerpunkt, mit den Fächern Biologie, Kunst oder Französisch sowie für rein sprachliche Fächerverbindungen und sprachliche Fächerverbindungen mit zweitem Fach Mathematik, Musik oder Sport ist bereits jetzt sehr hoch."

    Auch hier ist der Knackpunkt: Es studieren zu wenige Personen im Lehramt Realschule. "Wegen der in der ersten Hälfte des vorangegangenen Jahrzehnts stark rückläufigen Studienanfängerzahlen und der damit verbundenen geringen Anzahl an Absolventen/-innen der Lehramtsausbildung sowie aufgrund des deutlichen Abschmelzens der Wartelisten in den meisten Fächerverbindungen wird auch bald in allen weiteren Fächerverbindungen die Bewerberzahl den Bedarf unterschreiten", schlussfolgert das Kultusministerium in der BLP. Auf den Wartelisten stehen die Bewerber aus vorherigen Jahren, die nicht sofort an den Schulen eingestellt wurden.

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    Prognostizierte Einstellungssituation an bayerischen Realschulen bis 2031

    Gymnasien: Besondere Situation im Jahr 2025

    In den nächsten Jahren sind für Lehrerstellen an den bayerischen Gymnasien mehr Bewerber als offene Plätze vorhanden, so die Prognose der BLP. Auch hier muss man aber fächerspezifische Unterschiede beachten. Während vor allem bei den modernen Fremdsprachen die Einstellungsaussichten für Lehramtsstudierende bis 2024 bei "ungünstig bis mittel" liegen, besteht für Lehrkräfte in Physik, Informatik und Kunst wiederum "vergleichsweise großer Einstellungsbedarf".

    Im Jahr 2025 kommt es dann zu einem Ausnahmefall: In diesem Jahr kommen beim neuen neunjährigen Gymnasium die Schülerinnen und Schüler zum ersten Mal in die Jahrgangsstufe 13. In diesem Jahr, so berechnet es die BLP, stehen knapp 2.900 benötigen Lehrkräften nur gut 2.000 Einstellungen gegenüber. In den darauffolgenden Jahren bis 2031 "kann der Einstellungsbedarf bestenfalls knapp gedeckt werden. Hinzu kommt, dass ggf. noch Nachholbedarfe aus dem Jahr 2025 zu decken sind", heißt es in der Lehrerbedarfsprognose. Im Zeitraum 2025-2031 erwartet das Kultusministerium zwar keinen so großen Mangel wie bei den übrigen Schularten, aber die Situation ist eher "auf Kante" genäht als großzügig geschneidert.

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    Prognostizierte Einstellungssituation an bayerischen Gymnasien bis 2031

    Was kann gegen den drohenden Lehrermangel getan werden?

    Dass die zukünftigen Jahre schwierig werden, das ist allen Beteiligten in der Bildungspolitik klar. Mehr Schüler und Schülerinnen pro Klasse oder weniger Unterricht sollen aber vermieden werden. Deshalb hat das Kultusministerium schon jetzt ein ganzes Bündel an Maßnahmen auf den Weg gebracht, das vor allem Grund-, Mittel- und Förderschulen betrifft.

    Zum einen will das Kultusministerium das Angebot erhöhen: Gymnasial- und Realschullehrer, die keine Einstellung in ihren originären Schularten finden, können sich zum Beispiel zu Grund-, Mittelschul- und Förderschullehrern umqualifizieren lassen. Zudem wurde der Numerus clausus beim Grundschul-Lehramtsstudium abgeschafft. Als Sondermaßnahme können auch Master-Absolventinnen das Mittelschul-Referendariat beginnen, die bisher kein Lehramtsstudium und damit keine Studieninhalte in Pädagogik und Didaktik bestanden haben.

    Zum anderen versucht das Kultusministerium, bei den vorhandenen Lehrkräften die Unterrichtszeit zu erhöhen: Die Lehrkräfte an den Grund-, Mittel- und Förderschulen dürfen seit diesem Schuljahr erst mit 65 in den Ruhestand gehen, sogenannte Sabbatjahre gibt es nicht mehr. Die Mindestarbeitszeit für Teilzeitmodelle wurde höher angesetzt. Beim gebundenen Ganztag an Mittel- und Förderschulen bekamen die anbietenden Schulen bisher zwölf zusätzliche Lehrerwochenstunden pro Klasse, von diesem Schuljahr an sind es nur noch neun. Für diese Kürzung bekommen die Schulen mehr Geld, damit sie externes Personal für die fehlenden Stunden einstellen. De facto werden also Lehrer-Stunden durch andere Angebote ersetzt.

    Doch reichen diese Maßnahmen, um den in der BLP prognostizierten Lehrermangel für die nächsten zehn Jahre aufzufangen? Auf #Faktenfuchs-Anfrage für die Beispiele Grund- und Förderschulen antwortet das Kultusministerium knapp: "Für die Abdeckung der Unterrichtsversorgung" bis zum Jahr 2024 beziehungsweise 2031 kämen alle genannten Maßnahmen "in Betracht". Keine Auskunft darüber, ob die Maßnahmen die Unterrichtsversorgung tatsächlich sicherstellen oder welche Alternativpläne es gibt, falls sie nicht richtig greifen.

    Knackpunkt beim Lehrermangel sind die Studierendenzahlen

    Klaus Klemm und die BLLV-Vorsitzende Simone Fleischman sind der Meinung: Das wird alles nicht reichen. Klemm sagt, im Grundschulbereich seien diese Maßnahmen zwar sinnvoll. "Aber sie werden nicht die 400 Mittelschullehrer jährlich zusätzlich schaffen können, indem sie die Teilzeitgrenze ein bisschen anheben. Das sind jetzt alles erst einmal Hilfsmaßnahmen, aber die werden nicht bedarfsdeckend sein", sagt Klemm.

    Das grundsätzliche und größte Problem ist die Anzahl der Studierenden. Ist diese zu niedrig, wie bei Mittel- und Förderschulen, dann ist der Lehrermangel schwer zu vermeiden. So heißt es auch in der BLP: "Zur langfristigen Sicherung der Unterrichtsversorgung ist es zudem erforderlich, wieder mehr Lehramtsstudierende zu gewinnen."

    Nur wie? Klaus Klemm sagt: "Das ist schwierig. Wir müssten also aus dem gleichen Reservoir von Studienberechtigten mehr Leute gewinnen, die in die Lehramtsstudiengänge gehen. Und das wird in allen Fächern, in denen es konkurrierende Arbeitsmärkte gibt, nicht gelingen." Damit meine er vor allem die mathematischen, technischen und naturwissenschaftlichen Fächer, sagt Klemm.

    Simone Fleischmann fordert Maßnahmen, um in Zukunft mehr Studierende für das Lehramt zu gewinnen. Eine "gleichwertige Besoldung" für alle Schularten, das heißt, eine Grundschullehrerin solle genauso viel wie eine Kollegin am Gymnasium verdienen. Die Lehrerausbildung müsse außerdem möglichst lange Schulart-unabhängig erfolgen. Erst kurz vor dem Ende solle es dann in Richtung einer bestimmten Schulart gehen, so Fleischmann. "Und dann braucht es bessere Arbeitsbedingungen jetzt", fordert sie, und die gesellschaftliche Anerkennung, damit Lehrerin als attraktiver und angesehener Beruf gelte. "Ich kann an diesen vier, fünf Bedingungen drehen und da sind wir überzeugt davon, dass das zusammen dazu führen würde, dass wir dann die passgenaue Anzahl an Lehrerinnen und Lehrern für den Bedarf der Schularten in der Zukunft hätten", sagt Fleischmann.

    Eine gleiche Bezahlung von Grund- und Mittelschullehrern hatte die CSU/Freie Wähler-Koalition erst kürzlich Anfang Oktober im bayerischen Landtag abgelehnt, als SPD, Grüne und FDP dies beantragten. Das sei viel zu teuer, so die Argumentation der Koalition.

    Eine noch weitreichendere Idee für mehr Studierende formuliert Bildungsforscher Klemm: "Die einzige Maßnahme, die wirklich langfristig helfen würde, wäre, wenn das Parlament sagen würde, wir garantieren für die Jahre bis 2030 oder 2035 eine Mindesteinstellungszahl." Eine politische Garantie über die Legislaturperiode hinaus, dass eine bestimmte Anzahl an Lehrkräften auf alle Fälle eingestellt wird, "egal was demographisch passiert".

    Eine solche Garantie gibt es in Bayern nicht, es sind auch keine entsprechenden Pläne bekannt. "Damit könnte man mittelfristig und langfristig bessere Planung machen", sagt Klemm, schränkt aber ein: Das sei vielleicht eine politische Utopie.

    Fazit

    Das bayerische Kultusministerium erstellt jährlich eine Lehrerbedarfsprognose, die Bedarf und Angebot von Lehrkräften für die nächsten zehn Jahre aufstellt. Nach der neuesten Prognose können für Mittel-, Förder- und Realschulen fast durchgängig bis 2031 nicht genügend Lehrkräfte pro Jahr eingestellt werden. Für die Grundschulen bessert sich die Lage erst ab Mitte der Zwanziger-Jahre. An den Gymnasien wird kein solcher drastischer Mangel prognostiziert, doch bereits jetzt wie auch in Zukunft gibt es in den MINT-Fächern zu wenige Lehrer.

    Die hauptsächliche Ursache für diesen prognostizierten Lehrkräftemangel sind zu wenige Studierende in den entsprechenden Lehramtsstudiengängen. Um die Studierendenzahlen zu erhöhen, schlagen Lehrerverbände und Experten unterschiedliche Maßnahmen vor, von besserer Bezahlung bis zu Einstellungsgarantien. Das Kultusministerium plant solche weitergehenden Maßnahmen bisher noch nicht.

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