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Derzeit sinken die Corona-Infektionszahlen rapide - warum ist das so?

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    Warum die Corona-Zahlen gerade so schnell sinken

    Seit einem Monat sinken die Zahlen zu Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland und die 7-Tage-Inzidenz rapide. Warum ist das so? Schlagen hier schon die Impfungen durch?

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    Von
    • Johannes Roßteuscher

    Vor einem Monat, am 21. April, wurden pro Tag rund 25.000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland gemeldet. Die 7-Tage-Inzidenz lag bei 160. Seither sinken die Zahlen - immer schneller und schneller. Und nicht nur bei uns in Deutschland, sondern in einigen Ländern Europas. Woran liegt das?

    Ganz einfach lässt sich das nicht beantworten, denn es kommen mehrere Ursachen zusammen, die die Infektionsraten sinken lassen.

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    Seit dem 21. April 2021 sinken die Corona-Zahlen. Ist das schon der Impferfolg?

    Einfluss des Wetters: Corona ist eine saisonale Krankheit

    Beim Blick aus dem Fenster in den letzten Wochen mag man es kaum glauben, aber ein Grund, warum die Zahl der Corona-Infektionen sinkt, ist auch im Wechsel der Jahreszeiten begründet, meint zumindest Bernd Salzberger, Chef-Infektiologe am Uniklinikum Regensburg.

    "Jede Welle hat irgendwann auch mal ein Ende. Wir haben jetzt eine sehr, sehr lange Welle über die Winterzeit gehabt. Die Welle hat sich dann durch die Variante noch einmal geändert: Es sind viel mehr Jüngere infiziert worden." Bernd Salzberger

    Der bisherige Einfluss der Corona-Impfung ist noch überschaubar

    Mittlerweile sind in Deutschland fast vierzig Prozent einmal und etwas mehr als zehn Prozent zweimal geimpft. Geimpfte werden nur noch sehr selten krank und geben das Virus nach bisheriger Studienlage kaum weiter. Das ist aber noch weit entfernt von der Herdenimmunität und beeinflusst das Infektionsgeschehen daher bislang nur zu einem begrenzten Anteil.

    Nur etwa zwanzig Prozent der möglichen Ansteckungen werden vom derzeitigen Impfstatus verhindert, schätzen Fachleute. Denn einfach Geimpfte sind noch nicht vollständig geschützt. Und die zehn Prozent der deutschen Bevölkerung, die durch beide Impfdosen schon einen vollständigen Schutz haben, sind meist ältere oder sogar ganz alte Menschen, die häufig weniger Kontakte haben und daher im Infektionsgeschehen von Haus aus eine kleinere Rolle spielen, sieht man von Heimbewohnern ab.

    Ab jetzt werden Impfungen die Infektionszahlen deutlicher beeinflussen

    Je jünger der Durchschnitt der Geimpften wird, umso deutlicher wird sich aber der Effekt der Corona-Impfungen auf das Infektionsgeschehen abzeichnen, erklärt Cornelius Römer, der als Physiker seit einem Jahr den Corona-Verlauf beobachtet und modelliert.

    "Erst jetzt, wo wir angefangen haben, in die Mitte der Gesellschaft, in die Leute mit vielen Kontakten zu impfen, erwartet man einen größeren Einfluss auf die Reproduktionszahl. Das fängt eben jetzt erst an." Cornelius Römer, Physiker und Modellierer

    Laut Römer haben demnach die bisherigen Impfungen also die Infektionszahlen nur zu einem überschaubaren Teil gedrückt, doch auf die Reproduktionszahl könnten die bisherigen Impfungen schon den entscheidenden Einfluss genommen haben.

    Denn der R-Wert, die Zahl also, die angibt, wie viele Personen durchschnittlich durch eine infizierte Person angesteckt werden, ist unter die entscheidende Marke von 1 gesunken. Ein R-Wert von 1 bedeutet, jeder Infizierte steckt im Schnitt eine weitere Person an. Steigt der R-Wert über 1, wächst die Zahl der täglichen Infektionen exponentiell. Sinkt der R-Wert jedoch darunter, nimmt auch die Zahl der täglichen Infektionen immer stärker ab. Momentan liegt der R-Wert etwa bei 0,8 und damit deutlich von der 1 entfernt.

    Mehr Corona-Tests - Sinkende Infektionszahlen

    Auch die Corona-Tests haben einen deutlichen Einfluss auf das Infektionsgeschehen. Seit einigen Wochen wird deutlich mehr getestet. Corona-Tests sind mittlerweile in den Schulen Pflicht, am Arbeitsplatz immerhin möglich, aber auch für manche Freizeitaktivtäten vorgeschrieben. Werden dadurch die Infektionszahlen "hochgetestet", wie man manchmal als Sorge hört?

    Nein. Mehr Tests lassen zwar zunächst die Zahlen steigen: Man findet mehr Menschen, die infiziert sind. Infiziert und vor allem infektiös wären diese aber auch, wenn sie nicht getestet wären. Langfristig, sagen Statistiker, senken mehr Tests daher die Infektionszahlen. Denn sie verhindern ein sonst unbemerktes Infektionsgeschehen. Helmut Küchenhoff, Statistiker der LMU München, erklärt das genauer:

    "Das vermehrte Testen, das ist ein wichtiger Punkt. Jeden, den du rausholst, der steckt einfach weniger Leute an. Es gibt auch theoretische Arbeiten, die sagen: Je früher du jemand rausholst, desto stärker wird der R-Wert reduziert." Helmut Küchenhoff, Statistiker, LMU München

    Spürbar: Risikovermeidung kurz vor der Corona-Impfung

    Doch am meisten wird das Infektionsgeschehen offenbar davon beeinflusst, wie wir uns alle verhalten. Ob sich die Menschen an die Corona-Regeln halten, Abstand halten, Masken tragen, sich möglichst nur im Freien treffen - und sich freiwillig testen lassen.

    Noch ein interessanter Nebenaspekt könnte dazukommen: In einer britischen Studie beschreiben die Autoren den Effekt, dass Menschen sich in den Tagen und Wochen vor dem Impftermin seltener infizieren. Möglicherweise reduzieren sie ihre Kontakte noch einmal stärker, um quasi auf den letzten Metern ja nichts mehr zu riskieren.

    Ohne all die drastischen Verhaltensänderungen wäre man nie auch nur in die Nähe eines R-Wertes von eins gekommen, sagt Römer. Die Reproduktionszahl läge dann eher bei zwei oder drei, trotz der bisherigen Impfungen.

    Gibt es jetzt schon Entwarnung?

    Nein, sagen Fachleute. Je mehr die Corona-Regeln gelockert werden, umso stärker wird der Effekt des weiteren Impferfolges ausgebremst. Ist man dagegen weiterhin vorsichtig, könnten die Infektionszahlen noch schneller sinken. Und vor allem aus Sicht der Intensivmediziner ist viel daran gelegen, die Zahl der Neuinfektionen weiter zu senken.

    Johannes Bogner, Chef der klinischen Infektiologie an der Münchner LMU warnt eindringlich vor Leichtsinn: "Es ist ja nicht so, dass unsere Krankenhausbetten jetzt plötzlich alle leer sind. Wir haben in der Hochphase der dritten Welle auf meiner Station bis zu 20 Patienten gehabt. Jetzt sind es immer noch neun oder acht. Also das geht noch nicht auf Null. Und auch die Tausende von Neuinfektionen, die trotzdem jeden Tag gemeldet werden, sind natürlich substanziell."

    Bogner warnt sogar vor einer möglichen vierten Welle schon im Sommer, wenn wir jetzt einfach alle Vorsicht fahren lassen. Entscheidend dürfte sein: den Impffortschritt nicht zu verspielen durch zu großen Leichtsinn. Auch deshalb, weil man nicht weiß, was die indische Variante bringen könnte.

    R-Wert bei Lockerungen immer im Auge haben

    Römer, der Modellierer, empfiehlt, die Reproduktionszahl zunächst bei 0,7 bis 0,8 zu stabilisieren – also ungefähr da, wo wir gerade sind – mit genügend Abstand zur 1: "Wir haben jetzt die Chance, das zu erreichen, ohne der Bevölkerung weitere Maßnahmen aufbürden zu müssen. Das ist psychologisch sehr gut. Das heißt, wenn wir nur langsam genug lockern, kommen wir dahin. Und dann sollte man schauen, dass man die Lockerung so macht, dass man ungefähr bei diesem R-Wert von 0,8 bleibt und von der 1 wenn möglich wegbleibt. Denn sobald man wieder bei 1 ist, kommt man in den kritischen Bereich, in dem es ganz schnell geschehen kann, dass man eine weitere Welle kriegt."

    Andersherum gerechnet könnten die Zahlen immer schneller sinken, natürlich auch durch die weiteren Impfungen. Und wir könnten tatsächlich zu so niedrigen Zahlen kommen, dass man es tatsächlich zum hundertfach zitierten Nachverfolgen schafft – und dann so gut wie alles wieder öffnen kann.

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