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Die Hochschule München hat das umstrittene Modell der Klarsichtmaske getestet. Aerosole verbreiten sich.

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    Pilotstudie: Umstrittene Klarsichtmaske bietet keinen Schutz

    Bayerns Gesundheitsministerium gibt dem Hotel- und Gaststättenverband eine Bestätigung für bestimmte Klarsichtmasken, die heftig umstritten sind. Nun haben Forscher die Masken getestet. Das Ergebnis: Aerosole verbreiten sich stark. Ein #Faktenfuchs.

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    Von
    • Sophie Rohrmeier

    Neue Untersuchungsergebnisse zeigen: Klarsichtmasken mit einem Spalt zwischen Plastik und Gesicht führen dazu, dass andere Personen den Aerosolen ausgesetzt werden. Sie könnten also mit dem SARS-CoV-2-Virus infiziert werden.

    Der #Faktenfuchs hatte in den vergangenen Wochen zahlreiche Hinweise bekommen auf eine neuartige Plastikmaske, die an Schulen, in Kitas und auch an anderen Stellen Verbreitung findet. Sie verspricht, in der Corona-Pandemie als Mund-Nasen-Bedeckung zu funktionieren - und wirbt mit einer schriftlichen Bestätigung des bayerischen Landesamts für Gesundheit (LGL) und des bayerischen Gesundheitsministeriums.

    • Alle aktuellen Faktenfuchs-Artikel finden Sie hier

    Darüber, wie fragwürdig diese Bestätigung und die Funktionsweise der Klarsichtmasken sind, berichteten wir in diesem #Faktenfuchs. Das Corona-Virus Sars-CoV-2 verbreitet sich auch durch Aerosole. Gerade darüber aber, wie diese sich beim Tragen dieser Maske ausbreiten, ließ sich bisher nichts sagen. Das räumte auch der Hersteller ein. Die Hochschule München veröffentlichte jetzt Untersuchungsergebnisse, die deutlich machen: Die Masken sind als Infektionsschutz wirkungslos.

    Was sagt die Wissenschaft zu den Klarsichtmasken?

    Die Hochschule München untersuchte genau diese umstrittenen Plastikmasken, die einen deutlichen Spalt zwischen Gesicht und Maske lassen. "Aus den Ergebnissen ist klar erkennbar, dass dieses Maskendesign für den Infektionsschutz in keiner Weise geeignet ist", sagte Christian Schwarzbauer, Professor für Medizintechnik und Medizininformatik an der Fakultät für angewandte Naturwissenschaften und Mechatronik der Hochschule München.

    Schwarzbauer und seine Kollegen bauten für die Untersuchung an der Hochschule München ein wissenschaftliches Experiment auf, um die Eignung von Klarsichtmasken als Mund-Nase-Bedeckung zu evaluieren. "Mit unserem Versuchsaufbau können wir genau vermessen, wie die Ausbreitung von Aerosolen durch Masken dieser Art beeinflusst wird", sagte Schwarzbauer, wissenschaftlicher Leiter der Pilotstudie.

    Das Forscherteam hatte sich laut eigenen Angaben für dieses Modell entschieden, weil es vor allem im süddeutschen Raum sehr verbreitet sei und zunehmend auch in Schulen und Kitas zum Einsatz komme. "Die Klarsichtmaske wurde unter realistischen und praxisnahen Bedingungen untersucht", heißt es in der Mitteilung der Hochschule. Demnach wurden typische Alltagssituationen berücksichtigt, wie man sie häufig in Schulen, Kitas, Büros oder auch in öffentlichen Verkehrsmittel vorfindet.

    Was bedeutet die Studie für Lehrerinnen und Lehrer?

    In der Untersuchung von Schwarzbauer und seinen Kollegen sitzt eine Person auf einem Stuhl und atmet durch die Nase aus. In der Abbildung zeigt sich im Versuch die typische Ausbreitung des Aerosols. Zunächst strömt das Aerosol entlang des Körpers nach unten - "wie das auch vom Hersteller beworben wird", heißt es in der Mitteilung der Hochschule. Kurz darauf wird das Aerosol nach vorne umgelenkt und dehnt sich dann weit in den Bereich vor der Versuchsperson aus. "Eine direkt gegenüber sitzende Person wäre dadurch dem ausgeatmeten Aerosol direkt ausgesetzt", so das Forscherteam. Gut zu erkennen sei auch, dass das Aerosol während der Ausbreitung zunehmend nach oben steigt, was durch den typischen Temperaturunterschied zwischen ausgeatmeter Luft und Raumluft begünstigt wird.

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    Aerosolausbreitung beim Ausatmen durch die Nase. Die Versuchsperson atmet gleichmäßig durch die Nase aus, ohne sich zu bewegen oder zu sprechen.

    In einem weiteren Versuchsaufbau geht eine Person durch den Raum und hustet dabei. In diesem Szenario ist eine besonders starke Ausbreitung des Aerosols zu beobachten. Durch mehrmaliges Husten entsteht eine ausgedehnte Aerosolwolke, die sich unmittelbar danach weiter im Raum ausdehnt. "Die Ausbreitung des Aerosols erfolgt dabei relativ schnell", schreiben die Forscher. Die beiden Bilder wurden demnach im Abstand von nur zwei Sekunden aufgenommen. "Sitzende Personen auf den Stühlen im Hintergrund wären einer hohen Aerosolkonzentration ausgesetzt, vor allem im Bereich des Gesichts und Oberkörpers."

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    Aerosolausbreitung beim Husten. Die Versuchsperson geht durch den Raum und hustet dabei mehrmals.

    Forscher sieht dringenden Handlungsbedarf bei Behörden

    Ähnliche Situationen können sich in Kitas ergeben oder in der Hotel- und Gastronomiebranche - aus der der Hersteller der Maske kommt und deren Verband Dehoga die Bestätigung des Gesundheitsministerium erwirkt hatte.

    "Aus meiner Sicht besteht deshalb dringender Handlungsbedarf seitens der zuständigen Behörden und Ministerien", schrieb Schwarzbauer dem #Faktenfuchs.

    Plastik filtert nicht - und Aerosole können in den Raum dringen

    Generell gilt: Einige transparente Produkte können den Infektionsschutz nicht leisten, zum Beispiel Face Shields, also Gesichtsvisiere, bei denen lediglich ein Plastik-Schild vor Mund und Nase steht, die Atemluft aber außen herum frei herausströmen kann - und auch die Atemluft anderer zum Träger oder zur Trägerin hin. Dass solche Face Shields ungeeignet sind, darin sind sich auch zum Beispiel bayerisches Gesundheitsministerium und die Landeshauptstadt München einig.

    Aber auch bei Klarsichtmasken von verschiedenen Herstellern, die zwar enger anliegen, aber an den Rändern eine deutliche Lücke zum Gesicht lassen, kann die ausgeatmete Luft seitlich und nach unten entweichen. Das luftundurchlässige Material filtert die Luft nicht.

    Dominic Dellweg vom Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft GmbH, dem Akademischen Lehrkrankenhaus der Philipps-Universität Marburg, sagte dazu dem BR: "Masken haben die Eigenschaft, in Abhängigkeit von ihrer Filterleistung Aerosolpartikel abzufiltern. Schutzschilde aus luftundurchlässigen Materialien haben diese Eigenschaft nicht. Schutzschilde lenken zwar den Luftstrom um und verhindern, dass die Aerosole unmittelbar auf mein Gegenüber zuströmen, allerdings verhindern sie nicht, dass die volle Aerosoldosis in den Raum gelangt. Auch bei der Einatmung filtern sie keine Aerosole ab. Sie bieten damit weder einen Fremd- noch einen Selbstschutz und können daher nicht empfohlen werden."

    Diese allgemeine Einschätzung wird nun durch die wissenschaftliche Pilotstudie der Hochschule München konkret in Bezug auf die umstrittenen Klarsichtmasken des Herstellers ergänzt. Dieser hatte vom Gesundheitsministerium eine umstrittene Bestätigung erhalten, dass seine Masken als Mund-Nasen-Bedeckung (MNB) gelten.

    Masken spielen zentrale Rolle im Pandemie-Bevölkerungsschutz

    Die Maskenpflicht spielt aus Sicht von Experten eine wichtige Rolle in der Bekämpfung des Corona-Virus. "Das halte ich persönlich für eine der schärfsten Waffen, die wir im Kampf gegen die Pandemie haben", sagte etwa der Münchner Virologe Oliver Keppler dem BR. "Wir sollten im öffentlichen Raum, im Beruf auch in Innenräumen, die nächsten Monate einfach sehr konsequent Masken tragen.” Es gebe klare Studien aus verschiedensten Ländern und auch experimentelle Studien, die zeigten: “Die Masken wirken, insbesondere auch die zertifizierten Masken." Klarsichtmasken sind jedoch keine zertifizierten Masken.

    Fazit

    Klarsichtmasken, die einen Spalt zwischen Plastik und Gesicht frei lassen, leisten in der Corona-Pandemie keinen Infektionsschutz. Eine Untersuchung der Hochschule München zeigt, dass sich Aerosole beim Tragen der Maske im Raum stark ausbreiten.

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