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Neandertaler-Gene stecken auch in Afrikanern | BR24

© dpa/colourbox. Montage BR

Nicht nur Europäer, sondern auch Afrikaner tragen Erbgut der Neandertaler in sich.

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    Neandertaler-Gene stecken auch in Afrikanern

    Nicht nur Europäer, auch Afrikaner tragen das Erbgut von Neandertalern in sich. Das haben US-Forscher mit einem neuen Verfahren nachgewiesen. Demnach sind Frühmenschen nicht nur von Afrika nach Europa gewandert, sondern auch umgekehrt.

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    Ein US-Team um die Paläogenetiker Joshua Akey veröffentlichte am 30. Januar 2020 eine Studie im Fachmagazin Cell. Demnach sind die Gene des ausgestorbenen Neandertalers auch bei heute lebenden Afrikanern nachweisbar.

    Homo sapiens und Neandertaler hatten gemeinsame Nachkommen

    Die Wiege der Menschheit liegt in Afrika. In Marokko haben Forscher Fossilien des Homo sapiens entdeckt, die rund 300.000 Jahre alt sind. Afrikanische Frühmenschen vom Typus Homo sapiens breiteten sich vor etwa 50.000 Jahren in Europa und Asien aus. Die Einwanderer aus Afrika mischten sich teilweise mit den bei uns lebenden Neandertalern.

    Es gab eine Rückwanderung des Homo sapiens nach Afrika

    Bisher war nicht bekannt, dass es offenbar auch Wanderungsbewegungen in die andere Richtung gab - also von Europa nach Afrika. Denn nur so ließe sich erklären, warum sich Neandertaler-Erbgut auch bei modernen Afrikanern nachweisen lässt. Wobei demnach keine Neandertaler nach Afrika ausgewandert sind, sondern moderne Menschen, die auch einen kleinen Anteil an Neandertaler-Genen in sich trugen.

    "Zum ersten Mal können wir nun die Neandertaler-Abstammung bei Afrikanern nachweisen. Und es zeigte überraschenderweise ein höheres Niveau als wir bisher dachten." Lu Chen, Princeton University

    Neue US-Methode orientiert sich allein an Neandertaler-Genen

    Um Neandertaler-Erbgut in einem Genom zu identifizieren, wurde bislang das Erbgut bestimmter afrikanischer Bevölkerungsgruppen als Referenz genommen. Das waren Genome, von denen man dachte, dass sie keine Neandertaler-Spuren enthalten würden. Die US-Forscher wählten nun einen anderen Ansatz: Sie nutzten kein modernes Referenzgenom, sondern verwendeten nur Merkmale bekannter Neandertaler-Sequenzen als Vergleich.

    Neandertaler aus dem Altai-Gebirge wird zum Vergleich herangezogen

    Konkret heißt das: Die US-Forscher glichen das urzeitliche Genom eines Neandertalers aus dem Altai-Gebirge mit dem Erbgut von 2.504 modernen Individuen unterschiedlicher Abstammung ab. Dabei berechneten sie, welche Ähnlichkeiten im Genom durch die gemeinsame Abstammung von Neandertaler und Homo sapiens erklärt werden können und welche dagegen auf Kreuzungen in jüngerer Vergangenheit zurückgehen müssen.

    Millionen Basenpaare der DNA stammen von Neandertalern

    Es zeigte sich: Auch heute lebende Afrikaner haben einiges an Neandertaler-DNA geerbt. Im Schnitt besaßen die größtenteils nordafrikanischen Individuen aus der Stichprobe 17 Millionen Basenpaare mit solchen Wurzeln. Dagegen gingen frühere Studien von weniger als einer Million Basenpaaren aus, wie die Wissenschaftler berichten. Bei Europäern liegt der Neandertaler-Anteil bei 50 bis 55 Millionen Basenpaaren pro Person.

    Afrikaner bestehen zu etwa einem Prozent aus Neandertal-Genen

    Bis heute tragen Europäer etwa zwei Prozent Neandertaler-DNA im Erbgut. Bei den Afrikanern sind es - der neuen Studie zufolge - etwas weniger als ein Prozent. Wir verdanken unseren eiszeitlichen Vettern beispielsweise Teile unserer Immunabwehr. Was die Forscher außerdem herausfanden: Ostasiatische Menschen haben weit weniger Neandertaler-Gene als bisher angenommen.

    "Insbesondere fanden wir bei Europäern, Ostasiaten und Südasiaten ähnliche Neandertalerstämme. Überraschenderweise beobachteten wir nur eine bescheidenen Anteil von acht Prozent der Neandertaler-Gene in Ostasien. Das steht im Gegensatz zu früheren Berichten, denen zufolge die Neandertaler-Abstammung der Ostasiaten im Vergleich zu den Europäern 20 Prozent betragen haben soll." Joshua Akey, Princeton University

    Urmenschen leben in allen modernen Menschen weiter

    Neandertaler galten lange Zeit als rückständige Affenmenschen. Neue Erkenntnisse belegen aber, dass sie dem Homo sapiens, dem modernen Menschen, in nichts nachstanden. Auch Neandertaler besaßen Werkzeuge, hatten Jagdgeschick, konnten Feuer machen und besaßen eine eigene Kultur. Warum unsere entfernten Verwandten einst ausstarben, ist bis heute ungeklärt. Das gilt auch für die Denisova-Menschen, die mit den Neandertalern eng verwandt waren.

    "Alles in allem enthüllen unsere Ergebnisse, dass Relikte von Neandertaler-Genomen in jeder Population moderner Menschen überlebt haben, die bisher untersucht wurde. Wahrscheinlich lebt das Erbe der Neandertaler in allen modernen Menschen weiter - das untermauert unsere gemeinsame Geschichte." Joshua Akey, Princeton University

    Die US-Studie hat somit zweierlei zu Tage befördert: Zum einen, dass es in der Evolution des Menschen nicht nur Migrationsbewegungen von Afrika in den Rest der Welt gab, sondern auch umgekehrt. Und dass moderne Afrikaner deshalb mehr Neandertal-Gene in sich tragen als bisher vermutet.