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Analyse des menschlichen Genoms Hinweise auf Wanderwege des Homo sapiens

Eine evolutionäre Hypothese besagt: Von Afrika aus eroberte der Homo sapiens die Welt. Doch wann und auf welchen Wegen zogen unsere Vorfahren um die Welt? Genom-Analysen internationaler Forscherteams geben neue Einblicke.

Stand: 14.10.2016

Aborigines, Community Mutitjulu Northern Territory, Australien | Bild: dpa-Bildfunk

Gleich mehrere Studien verschiedener wissenschaftlicher Teams liefern nach Auswertung von genetischen Daten Informationen darüber, wie der moderne Mensch aus Afrika kommend die Welt eroberte. Die Untersuchungen von mehr als 280 unterschiedlichen Populationen sind im September 2016 im Fachblatt "Nature" erschienen. Sie alle versuchen herauszufinden, wie die Wanderwege des Homo sapiens waren.

Modelle zur Wanderung und Entstehung des Menschen

Out-of-Africa-These I

Homo erectus

Die erste große Wanderung in der Geschichte der Menschheit war vor etwa 1,9 bis 1,8 Millionen Jahren, als der Homo erectus von Afrika aus in die übrige Welt zog. Dabei gelangte er über die Länder des östlichen Mittelmeerraums nach Asien und Europa. Dafür sprechen neben den paläontologischen Funden in Afrika, auch die Funde aus China, Java, Georgien und verschiedenen weiteren Teilen Europas. Wie und auf welchem Weg die Auswanderer Asien erreichten, können Forscher allerdings noch nicht sagen. Es gibt auch keine Funde, die Etappen oder Ziele der Reise belegen.
Da es sich um die erste große Wanderung von Afrika aus handelt, wird sie auch als "Out-of-Africa"-These I bezeichnet.

Out-of-Africa-These II

Der anatomisch moderne Mensch, Homo sapiens, entstand vor etwa 200.000 Jahren in Afrika. Es gibt verschiedene Hypothesen, wie sich diese Gattung über die Welt verteilte. Nach der gegenwärtig am stärksten vertretenen These begann sich der Homo sapiens von Afrika aus auszubreiten. Diese sogenannte Out-of-Africa-These geht davon aus, dass sich aus dem Homo erectus in Europa der Neandertaler, in Afrika der Homo sapiens entwickelte. Dieser moderne Mensch verließ dann vor rund 75.000 Jahren den afrikanischen Kontinent Richtung Asien und Europa. Später besiedelte er Australien und Amerika. Dabei vermischten sich die anatomisch modernen Menschen zum Teil mit den einheimischen Menschenarten, die auf den verschiedenen Erdteilen ansässig waren – in Europa mit dem Neandertaler. Letztlich starben aber die anderen Menschenarten innerhalb kurzer Zeit aus.

Alle heute lebenden Nicht-Afrikaner sind gemäß dieser Theorie Nachfahren einer einzigen afrikanischen Auswanderer-Population.

Out-of-Africa-These II - Tübingen

Wanderroute des Homo sapiens nach Meinung der Tübinger Forscher

Eine weitere Theorie geht davon aus, dass die ersten anatomisch modernen Menschen schon vor gut 125.000 Jahren von Afrika aus den Südosten Arabiens erreichten, sowie den australasiatischen Raum besiedelten. Forscher der Universität Tübingen vertreten diese These.

Eine erste Gruppe unserer Vorfahren brach demnach vor rund 130.000 Jahren aus Afrika auf und wanderte an der Küste der Arabischen Halbinsel entlang bis nach Australien und in das Gebiet des Westpazifiks (grüner Pfeil). Eine zweite Ausbreitungswelle ins nördliche Eurasien erfolgte ihren Untersuchungen zufolge vor rund 50.000 Jahren (roter Pfeil). Bisherige Studien gingen von einer einzigen Wanderungsbewegung vor 50.000 bis 75.000 Jahren aus.

Multiregionales Modell

Eine gegensätzliche Theorie zum Out-of-Africa-Modell ist das multiregionale Modell. Das vor allem von asiatischen und einigen US-amerikanischen Wissenschaftlern vertreten wird. Es geht davon aus, dass der Homo erectus vor etwa zwei Millionen Jahren aus Afrika ausgewandert ist und anschließend Asien und Europa besiedelt hat. Alle Menschen stammen demnach von einem etwa eine Million Jahre alten Vorfahren ab.

Der moderne Mensch hat sich nach dieser Theorie in verschiedenen Regionen der Erde unabhängig voneinander aus ansässigen Urpopulationen entwickelt. Diese Theorie schließt also im Gegensatz zur Out-of-Africa-Theorie die großen Migrationswellen und die Verdrängung von evolutionären Homo-Formen wie in Europa aus.

David Reich von der Harvard Medical School im US-amerikanischen Boston und sein Team sequenzierten die Genome von 300 Individuen aus 142 Populationen. Anschließend analysierten sie die kleinen Abweichungen im Aufbau des Erbguts. Da sich in den Populationen unterschiedliche Genom-Muster herausbilden, die auch nach einem Umzug in neue Lebensräume noch zu finden sind, erfährt man durch die Analyse mehr über die Herkunft und die Vorfahren der Untersuchten.

Traditionelle Papua-Tänzer

Für Reich und seine Kollegen legen die Ergebnisse nahe, dass sich die Gruppe, auf die letztlich alle heute lebenden Menschen zurückzuführen sind, bereits vor 200.000 Jahren in Afrika aufzuspalten begann. Ein Teil verließ den afrikanischen Kontinent und teilte sich dann in eine ost- und eine westeurasische Gruppe auf. Die osteurasische besiedelte später den ostasiatischen und den australasiatischen Raum. So sind nach dieser Theorie heutige Menschen in Australien und Papua Neuginea Nachfahren dieser Auswanderer.

Eine Auswanderungswelle aus Afrika

Eske Willerslev (l) mit Aborigines-Ältesten

Eske Willerslev von der Universität Kopenhagen hat mit seinem Team das Erbgut von insgesamt 83 Aborigines, den ursprünglichen Bewohnern Australiens und 25 Papua, der indigenen Bevölkerung Papua-Neuguineas, analysiert. Auch er kommt nach der genetischen Untersuchung zu der Ansicht, dass es nur eine Auswanderungswelle von Homo sapiens aus Afrika gegeben hat. Diese Gruppe trennte sich von der der Europäer und Asiaten vor etwa 58.000 Jahren. Vor etwa 37.000 Jahren spalteten sich dann die Linien der Papuas und der Aborigines voneinander ab – lange vor der weiten räumlichen Trennung der beiden Populationen vor 10.000 Jahren. Nach Ansicht der dänischen Forscher bildeten sich innerhalb des australischen Kontinents Subgruppen heraus, getrennt durch natürliche Barrieren wie die damals entstehenden Wüsten.

"Die genetische Vielfalt unter den australischen Aborigines ist erstaunlich. Vielleicht, weil der Kontinent schon so lange besiedelt ist, finden wir, dass sich Gruppen aus den südwestlichen Wüstengebieten Australiens genetisch stärker von Gruppen des nordöstlichen Australiens unterscheiden als zum Beispiel Amerikas Ureinwohner und Menschen aus Sibirien – und das auf einem Kontinent."

Anna Sapfo Malaspinas, Universität Kopenhagen

Die Forscher fanden zudem Spuren von ausgestorbenen Menschengruppen, etwa den Denisova-Menschen sowie einer bislang unbekannten Gruppe.

Dennoch: Mehrere Auswanderungswellen sind möglich

Auch wenn die beiden Studien von Reich und Willerslev, Belege für eine einzige Auswanderungsgruppe von Homo sapiens aus Afrika finden – die Forscher möchten dennoch mehrere Auswanderungswellen aus Afrika nicht vollkommen ausschließen. Denn auch hierfür gibt es Hinweise. So entdeckte ein Forscherteam vom Estonian Biocentre im estischen Tartu im Erbgut von Menschen aus Papua Neuguinea Merkmale, die darauf hinweisen, dass ihre Vorfahren früher Afrika verlassen hatten als andere Eurasier.


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