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Geschichten aus der Geschichte (1) Die Neandertaler

In einer Grotte bei Mettmann fanden Steinbrucharbeiter im Sommer 1856 Skelettteile - die Reste eines Urmenschen. Seither wird gerätselt, ob der Neandertaler zu unseren Vorfahren zählt. Jüngste Genomforschungen belegen: Erbgut heutiger Menschen enthält tatsächlich Neandertaler-DNA.

Stand: 29.06.2012

Neandertaler im Neandertalermuseum in Mettmann | Bild: picture-alliance/dpa

Als Steinbrucharbeiter im August 1856 im Neandertal bei Mettmann auf ein altes menschliches Gerippe stießen, sorgte der Fund kaum für Aufsehen. Man fragte den Eberfelder Naturkundler und Gymnasiallehrer Johann Carl Fuhlrott (1803-1877), einen in der Gegend bekannten "Steinesammler", um Rat. Fuhlrott untersuchte das Skelett, erkannte im Knochenbau deutliche Abweichungen von der gewohnten Anatomie und kam zu dem Schluss, dass es sich um die Überreste eines eiszeitlichen Urmenschen handeln musste. Bald war - in der historischen Schreibweise des Fundortes - vom "Neanderthaler" die Rede.

Heftige Kontroversen unter Forschern

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Die Vertreter der Wissenschaft vom Alten Menschen, die Paläontologen, reagierten verblüfft. Schnell begann eine erregte Debatte und Fuhlrott hatte mit seiner Hypothese einen schweren Stand. Einige renommierte Forscher glaubten nicht an die Existenz des Urmenschen und hielten die besondere Kopfform mit den großen Augenhöhlen für eine krankhafte Deformation. Andere meinten, das im Neandertal gefundene Gerippe gehöre zu den Überresten eines russischen Soldaten, der 1813 bei den Kämpfen gegen die Truppen Napoleons ums Leben gekommen war. Andere wiederum hoben die Ähnlichkeit mit Flachkopf-Funden aus dem Westen der USA hervor.

Neandertaler und der "Darwinismus"

Doch die Theorie von der unbekannten Menschenart fand auch Befürworter. Als der Neandertaler entdeckt wurde, lebte man in einer Zeit des Umbruchs, die Industrielle Revolution breitete sich in Deutschland aus. In der Wissenschaft wurde die biblische Genesis als allein gültige Begründung der Menschwerdung mehr und mehr angezweifelt. 1859 veröffentlichte Charles Darwin (1809-1882) sein Buch "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" - eine Kampfansage an den Bibelglauben des Alten Testaments. Darwin ging davon aus, dass die Artenvielfalt auf der Erde nicht durch einen göttlichen Schöpfungsakt entstand, sondern evolutionär im Laufe von Millionen Jahren. Für die Anhänger Darwins war der Neandertaler ein direkter Beleg für die Entwicklungsgeschichte des Menschen.

Ein Publikumsmagnet - das Neanderthal Museum

Vom zunehmenden industriellen Abbau von Bodenschätzen profitierte währenddessen die Forschung, denn das Gestein gab immer mehr Schätze frei. Fossilien wie der Fund im Neandertal rückten ins Blickfeld von Wissenschaftlern, die sich mit der Abstammungsgeschichte beschäftigten. 1863 erhielt die von Johann Carl Fuhlrott entdeckte Menschenart die Bezeichnung Homo neanderthalensis. Nach dem Tod Fuhlrotts gingen die Fossilien an das Rheinische Provinzialmuseum in Bonn. 1937 bekam das Neandertal ein eigenes Ausstellungsgebäude. In den 1990er Jahren wurde das Neanderthal Museum erweitert und modernisiert.

Homo sapiens und Neandertaler haben sich vermischt!

Der Fund in Neandertal, der auf ein Alter von 42.000 Jahren datiert wird, blieb nicht der einzige. In den vergangenen 150 Jahren wurden etwa 300 vergleichbare Individuen an mehreren Orten in Europa und in angrenzenden Gebieten Asiens aufgespürt. Mittlerweile scheint das Rätsel um den Neandertaler weitgehend gelöst. Der Leipziger Forscher Svante Pääbo hat im Rahmen eines Genomprojektes Knochen von Neandertalern untersucht, eine DNA ermittelt und diese mit dem längst entschlüsselten Erbgut des Homo sapiens verglichen. 2010 legte er die Ergebnisse vor. Demnach enthält das Erbgut der Menschen unserer Tage ein bis vier Prozent Neandertaler-DNA. Das bedeutet: Es gab Sex zwischen Neandertalern und modernen Menschen - möglicherweise in der Region des Mittleren Osten, wo beide nachweislich lebten.

Wie waren die Neandertaler?

Mit dem Homo sapiens war der Neandertaler durchaus ebenbürtig. Lange Zeit galt er als grober, affenartiger, Keulen schwingender Primitivling. Dieses Bild wird von Wissenschaftlern nun korrigiert. Die Sendung stellt die Urmenschen vor, berichtet über u. a. Kleidung, Behausung, Jagd und Ernährung. Rekonstruktionen des Neanderthal Museums bei Mettmann zeigen, wie Neandertaler-Männer, Frauen und Kinder vermutlich aussahen.

Informationen zur Sendereihe

Unsere Städte und Landschaften stecken voller historischer Schauplätze und Bauwerke, voller Legenden und Erinnerungen. In einfachen Filmerzählungen sollen Schülerinnen und Schülern Ereignisse, Personen, Fundstücke näher gebracht werden, die sie (vielleicht) aus ihrer Umgebung kennen. Dabei soll auch vermittelt werden, wie die moderne Forschung zu ihren Erkenntnissen über längst vergangene Zeiten kommt.


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