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Impfdurchbrüche sind Reinfektionen von Corona-Geimpften. Wie es dazu kommen kann.

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Impfdurchbrüche: Warum sich manche trotz Impfung anstecken

Wie kann es sein, dass sich Menschen, die zweifach gegen Corona geimpft sind, mit SARS-CoV-2 infizieren? Antwort: Das Risiko besteht bei jeder Impfung. Es ist aber sehr gering, da die Corona-Impfstoffe gut wirken.

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Von
  • Tanja Fieber

SARS-CoV-2 ist ein sehr überlebensfähiges Virus: Es kann besser als andere an menschliche Zellen andocken. Es kann mutieren, Varianten ausbilden und sich dabei jeweils noch besser an den Menschen anpassen. Und Corona-Varianten wie Delta können sich dazu noch besonders schnell im Menschen vermehren, was zu einer hohen Viruslast führt und dazu, dass Infizierte mehr Menschen anstecken können als Menschen mit dem Wildtyp, der zu Beginn der Pandemie aktiv war.

Der größte Teil der seit Februar 2021 erfassten Covid-19-Fälle betraf laut Robert Koch-Institut (RKI) Ungeimpfte. Aber auch von Covid-19-Genesene können sich nochmal anstecken (Reinfektion) sowie Menschen mit Corona-Impfung. Bei letzteren spricht man von Impfdurchbruch. Ein seltenes Ereignis, das aber grundsätzlich bei jeder Impfung vorkommen kann.

Was heißt Impfdurchbruch?

Das RKI definiert Impfdurchbruch als SARS-CoV-2-Infektion (mit klinischer Symptomatik), die bei einer vollständig geimpften Person mittels PCR oder Erregerisolierung diagnostiziert wurde. Ein vollständiger Impfschutz wird angenommen, wenn nach einer abgeschlossenen Impfserie (2 Dosen Moderna-, Biontech- oder Astrazeneca-Vakzine bzw. 1 Dosis Janssen-Vakzin) mindestens zwei Wochen vergangen sind.

Impfdurchbrüche bei Impfungen sind bekannt

Infektiologen und andere Experten wissen schon lagen, dass fast keine Impfung eine Schutzwirkung von 100 Prozent hat. Impfdurchbrüche gibt es schon lange:

"Das ist im Prinzip bei jeder Impfung so. Ich kenne keine Impfung, die einen Schutz von hundert Prozent erzeugt. Es gibt einige, die fast 100 Prozent erzeugen. Aber es gibt für jede Impfung Versager, das wissen wir. Zum Beispiel haben wir bei den Biontech- und Moderna-Impfstoffen eine Wirksamkeit von 95 Prozent gehabt. Mit den alten Corona-Varianten. Mit den neuen Corona-Varianten ist etwas schlechter und die die Wirksamkeit liegt bei ungefähr 80 bis 90 Prozent. Und das heißt wirklich: Zehn Prozent Infektionen können tatsächlich durchbrechen." Professor Bernd Salzberger, Infektiologe am Uniklinikum Regensburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie

Ein Schutz von 95 Prozent sei aber schon sehr gut und auch 80 Prozent seien noch sehr gut, sagt Bernd Salzberger. Durch die Impfung habe man zusätzlich nach der Impfung - auch bei Geimpften mit Impfdurchbrüchen - bei Infektionen einen Schutz vor Komplikationen. "Das ist extrem wichtig!", betont Salzberger.

Impfdurchbrüche - warum die Zahlen aus England wichtig sind

Dementsprechend schützt auch die Corona-Impfung vor einer Infektion, aber nicht zu 100 Prozent, sondern je nach Impfstoff und Corona-Variante zu 55 bis 90 Prozent, wie der aktuelle Vaccine Surveillance Report aus Großbritannien (KW33, Seite 6-7) zeigt. Und der Blick nach England lohnt sich, denn die Daten sind dort vernetzt und zeigen ein realistischeres Bild der Corona-Lage, als bei uns, wo Daten nicht vernetzt sind und teils händisch eingepflegt werden müssen, um an anderer Stelle abgerufen werden zu können.

"Unsere Daten sind in der Beziehung nicht ganz so einfach zu verwerten, wie die britischen Daten. Die Briten haben eine Verbindung zwischen Impfregister und dem Fallregister. Mehrere Register sind direkt miteinander verbunden. Wenn dort ein positiver Fall gemeldet wird mit einer National-Health-Service-Nummer, dann können die sofort sagen: Das ist ein Patient, der ist am 3. Mai das zweite Mal geimpft worden. Das können die Briten aus dieser Nummer ablesen. Die Dinge sind direkt miteinander verlinkt. Einen solchen Link über eine einfache Nummer haben wir nicht." Professor Bernd Salzberger

Spiel der Wahrscheinlichkeiten - Gründe für Impfdurchbrüche

Beim Impfschutz spielt auch die Immunantwort eines Geimpften eine Rolle, das heißt, ob viele oder wenig Antikörper gegen das Coronavirus gebildet werden. Weniger Antikörper bilden nach aktuellem Kenntnisstand zum Beispiel ältere Menschen, nur leicht an Covid-19-Erkrankte, Menschen mit schwerem Immundefekt oder hochgradigen Nierenerkrankungen. Auch Medikamente können die Produktion von Antikörpern einschränken.

Gegen einen schweren oder gar tödlichen Verlauf wirkt die Impfung bislang effektiv. Das gilt auch für Hochrisikogruppen wie alte Menschen, Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen, Immunsupprimierte und Menschen mit transplantierten Organen. Ihr Risiko für eine Reinfektion ist im Gegensatz zu gesunden Geimpften erhöht, aber auch die Wahrscheinlichkeit für einen milden Verlauf der Infektion.

Was SARS-CoV-2 auch bei der Verbreitung hilft, ist, dass die Impfquote in Deutschland bislang bei gerade einmal bei circa 60 Prozent liegt (Täglicher Lagebericht des RKI, 24.8.2021). Das heißt, noch nicht mal zwei Drittel der Deutschen ist vollständig gegen das Coronavirus geimpft. 64 Prozent der Bevölkerung haben nur eine Impf-Dosis, was weniger und speziell bei der Variante Delta deutlich weniger gegen eine Corona-Infektion schützt. In England sind es zum Vergleich: 87,8 Prozent einfach Geimpfte und 77,2 Prozent zweifach Geimpfte (gov.uk, Stand 23.8.2021). Infektiologe Bernd Salzberger sieht die Entwicklung in Deutschland mit Sorge:

"Wir haben in Deutschland eine sehr viel niedrigere Impfrate in praktisch allen Altersgruppen als die Engländer. Und das macht uns auch tatsächlich verwundbar im Augenblick mit den steigenden Delta-Zahlen. Die Engländer haben noch relativ wenig Probleme mit der Krankenhausbelegung. Das könnte bei uns anders sein, weil wir wirklich in kritischen Bereichen zwischen 40 und 60 Jahren zum Beispiel sehr viel niedrigere Impfquoten haben. Das sind die Briten tatsächlich sehr viel disziplinierter als die Deutschen."

Bereits bekannt ist zudem, dass der Schutz der Corona-Impfung nicht Jahre oder ein Leben lang anhalten wird, sondern einige Monate. Wie die Immunität verlängert werden soll, ist noch nicht bekannt. Im Gespräch sind Auffrischungsimpfungen, sogenannte Booster.

Ein Team vom Hadassah Hebrew University Medical Center in Jerusalem hat noch einen weiteren Grund entdeckt, der die Wahrscheinlichkeit für Impfdurchbrüche erhöht. Forscher um Yonatan Oster fanden heraus, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen ein höheres Risiko für eine Reinfektion trotz Corona-Impfung hatten, wenn ein Familienmitglied im Haushalt eine SARS-CoV-2-Infektion hatte. Das läge daran, dass der Kontakt mit Angehörigen länger und enger ist und daheim gewöhnlich keine Masken getragen oder Abstand gehalten wird. Familienmitglieder bekommen dadurch eine höhere Dosis infektiöser Viren ab, wodurch eine Reinfektion wahrscheinlicher wird.

Rate der Impfdurchbrüche in Deutschland ist gering

Wie das Beispiel Großbritannien bis vor Kurzem zeigte, stieg zwar die Inzidenz wieder, aber mit vielen Corona-Geimpften in der Bevölkerung nicht mehr so schnell wie bei den vorangegangenen Wellen. Momentan fällt sie wieder, ohne dass der Grund dafür eindeutig wäre, möglich wäre eine Kombination aus wieder aufgenommenen Schutzmaßnahmen nach dem ausschweifenden "Freedom Day", gutes Wetter und mehr Aufenthalte im Freien sowie Urlaubszeit.

In Deutschland sind vor allem alte Menschen und die Risikogruppen geimpft und damit besser vor schweren Covid-19-Verläufen geschützt. Es ist wahrscheinlich, dass die Menschen, die mit Covid-19 auf Intensivstationen eingeliefert werden im weiteren Verlauf der Pandemie jünger werden. Das Alter könnte auf unter 60 Jahre sinken. Das wäre kein Grund zur Panik, sondern der natürliche Verlauf, der sich durch die Impfstrategie in Deutschland ergibt. Derzeit ist die Rate der Impfdurchbrüche in Deutschland immer noch relativ gering, wie die Statistik des RKI vom 19. August 2021 zeigt:

Impfdurchbrüche-Statistik des RKI:

  • Insgesamt 13.360 Impfdurchbrüche seit dem 1. Februar 2021 (IfSG-Meldedaten) bei 974.341 Covid-19-Fällen mit klinischen Symptomen im gleichen Zeitraum. Der Anteil der Impfdurchbrüche liegt bei der Altersgruppe unter 18 Jahren bei 0,1 %, bei den 18-59-Jährigen bei 1,3 % und bei den 60-Jährigen oder darüber bei 2,2 %.
  • Davon haben sich 9.251 nach einer abgeschlossenen Impfserie mit Comirnaty (Biontech/Pfizer) infiziert, 525 mit Spikevax (Moderna), 896 mit Vaxzevria (Astrazeneca) und 1.936 mit COVID19 Vaccine Janssen. Dazu muss man sagen, dass Comirnaty in Deutschland am meisten verimpft wird. Bei weiteren 752 Impfdurchbrüchen war der Impfstoff nicht bekannt.
  • Von allen hospitalisierten Corona-Fällen im Zeitraum seit dem 1. Februar 2021 wurden 0 Fälle (0 %) im Alter von unter 18 Jahren, 183 Fälle (0,5 %) im Alter von 18-59 Jahren und 820 Fälle (1,3 %) im Alter von 60 Jahren oder älter mit Impfdurchbrüchen ins Krankenhaus gebracht.

Was Impfdurchbrüche NICHT BEDEUTEN:

Impfdurchbrüche - AHA-L-Regeln weiterhin ratsam

Da man trotz Corona-Impfung ein geringes Restrisiko hat, sich mit SARS-CoV-2 anzustecken, ist es weiterhin ratsam die AHA-L-Regeln einzuhalten. Abstand halten und Maske tragen in Innenräumen senkt die Wahrscheinlichkeit, sich nochmal mit dem Coronavirus zu infizieren.

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Bildrechte: picture alliance-dpa / Fabian Sommer

Audio: Die Gruppe, der Personen, die sich nicht gegen Corona impfen lassen kann, ist sehr klein. Abgesehen von Kindern unter zwölf Jahren sind das eine kleine Gruppe von Allergikern und Menschen, deren Immunsystem nicht richtig funktioniert.

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