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Leere Straße in Augsburg im Winter 2020

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    Wissenschaftler kritisieren Stanford-Studie zu "Lockdown"

    Im Netz wird oft eine US-Studie mit dem Ergebnis zitiert: Länder mit härteren Corona-Maßnahmen hätten keinen Vorteil im Vergleich zu Ländern mit leichteren Maßnahmen. Die Aussagen sind so pauschal jedoch nicht haltbar. Ein #Faktenfuchs.

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    Von
    • Moritz Pompl
    • Sophie Rohrmeier

    Medizinische Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften, mehr Home-Office, ein auf 15 Kilometer beschränkter Bewegungsradius bei Inzidenzwerten von mehr als 200 Fällen pro 100.000 Einwohnern, Schulen und Kitas geschlossen - das sind einige Maßnahmen, mit denen Bund und Länder jetzt zusätzlich versuchen wollen, die Corona-Pandemie in Deutschland einzudämmen. Die Sorge ist groß, dass Virus-Mutationen, etwa die aus Großbritannien und Südafrika zu mehr Infizierten und Toten führen könnten. 

    • Alle aktuellen Faktenfuchs-Artikel finden Sie hier.

    Gleichzeitig äußern einige gerade in den sozialen Netzwerken – nach wie vor - Kritik an den Maßnahmen – manchmal verlassen die Behauptungen dabei allerdings den Boden der Fakten. Falschinformationen kursieren. Als "Beleg" dafür, dass ein harter Lockdown nichts brächte, wird vor allem eine aktuelle wissenschaftliche Studie zitiert und taucht in den Kommentarspalten vieler Medien – auch bei BR24 - auf: Die neueste Veröffentlichung von Stanford-Professor John Ioannidis, der bekannt ist für seine Thesen, die sich in Kreisen von Corona-Verharmlosern als sehr anschlussfähig zeigten.

    Studie verbreitet sich vor allem bei Verharmlosern

    In verschiedenen Ländern ziehen Corona-Verharmloser Ioannidis zu sich ins Feld, um anhand seiner Studien ihre Thesen zu belegen, dass etwa die deutsche Regierung nur Panik schüre und die Bevölkerung ohne tatsächlich gegebenen Anlass gängele und ihr schade. Es geht dabei in Teilen auch um das Ziel, die gewählten Regierungen zu delegitimieren.

    Schon eine frühere Studie von Ioannidis diente dabei Corona-Leugnern und Verharmlosern dazu, ihre Falschbehauptung zu untermauern, Corona sei nicht gefährlicher als eine Grippe. Diese These ist widerlegt, wie auch dieser #Faktenfuchs zeigt. Aber bereits diese Studie von Ioannidis aus dem vergangenen Jahr wies deutliche Mängel auf, auf die diverse Wissenschaftler und Medien hingewiesen hatten.

    Die Studie von damals zog teils auch Menschen aus dem rechten Spektrum heran, in den USA zum Beispiel. So geschieht es mit der aktuellen wieder, auch in Deutschland oder Österreich. Herbert Kickl, Österreichs Ex-Innenminister und Klubobmann der FPÖ-Fraktion, zum Beispiel greift in einem Gastkommentar in der Wiener Zeitung Bundeskanzlerin Merkel und Österreichs Bundeskanzler Kurz an und schreibt: "Mittlerweile gibt es eine Studie renommierter Wissenschaftler der US-Universität Stanford, die nachweist, dass Lockdowns lediglich immense Schäden anrichten, auf das Infektionsgeschehen aber kaum Einfluss haben." Dabei verlinkt Kickl nicht auf die Original-Studie, sondern auf einen unter Corona-Verharmlosern verbreiteten Blog-Artikel.

    "Leichte" gegen "harte" Maßnahmen 

    Der Epidemiologe Ioannidis behauptet in seiner Studie: Die harten Lockdown-Maßnahmen hätten nichts gebracht im Vergleich zu leichteren und auch freiwilligen Maßnahmen, wie sie etwa in Schweden oder Südkorea getroffen wurden. Allerdings kritisieren andere Wissenschaftler, dass bereits diese Voraussetzungen, die Ioannidis und seine Kollegen hier formulierten, hinterfragt werden können: ob etwa in Südkorea wirklich nur nach Ioannidis-Definiton leichtere Maßnahmen getroffen worden seien. Verglichen wurden in der Stanford-Studie die beiden Länder mit anderen Ländern, die härtere Maßnahmen erlassen hatten, nämlich England, Frankreich, Deutschland, Iran, Italien, die Niederlande, Spanien und die USA. 

    Um einen Vergleich herzustellen, haben sich die Forscher die Infektionszahlen bis April 2020 und die jeweils in den Ländern getroffenen Maßnahmen angeschaut, und dann mathematisch gegengerechnet. Untersucht wird in der Studie also lediglich die erste Welle der Corona-Pandemie. 

    Konkret heißt es in den Ergebnissen: Die Corona-Maßnahmen hätten eine deutliche Reduktion der Fallzahlen bewirkt. Dabei sei es aber egal gewesen, ob die Maßnahmen leicht oder hart waren. Als harte Maßnahmen wurden etwa Schul- und Betriebsschließungen, Mobilitätseinschränkungen, Besuchsverbote und Verbot größerer Gruppen gewertet. Während in Schweden und Südkorea unter anderem eine Empfehlung etwa für weniger Besuche und Reisen galt, war dies in den anderen Ländern offiziell untersagt. 

    Wirksamkeit in der ersten Welle nicht eindeutig

    Der Infektiologe Christoph Spinner vom Klinikum rechts der Isar in München und der Statistiker Helmut Küchenhoff von der LMU München haben sich die US-Studie für den #Faktenfuchs genau angeschaut. Das mathematische Berechnungsmodell, das der Studie zugrunde liegt, sei gut nachvollziehbar, sagen beide Wissenschaftler. Küchenhoff untersucht seit Beginn der Corona-Pandemie für Bayern, wie sich die Infektionszahlen entwickeln und welche Rückschlüsse sich daraus für die Wirksamkeit der Maßnahmen ziehen lassen. Für die erste Welle, sagt er, sei es tatsächlich nicht ganz eindeutig, inwieweit die harten Lockdown-Maßnahmen die Infektionszahlen gedrückt haben. Diese seien im Rückblick nämlich schon vor Inkrafttreten der Maßnahmen runtergegangen, was er auf die Appelle der Politik und die entsprechenden, freiwilligen Verhaltensänderungen der Menschen zurückführt. Ein ähnlicher Effekt, den jetzt auch der US-Forscher Ioannidis in seiner Studie beschreibt. 

    Drei Einschränkungen der US-Studie

    Allerdings sieht Küchenhoff drei große Einschränkungen der US-Studie. Erstens: Sie untersucht nur die erste Welle, und ist damit im Grunde schon wieder veraltet. Für Bayern stellt Küchenhoff mit seinen Zahlen bei der jetzigen zweiten Welle im Gegensatz zur ersten Welle einen ganz klaren Effekt der harten Lockdown-Maßnahmen fest. Eine Erklärung dafür könnte ihm zufolge sein, dass die Bevölkerung während der ersten Welle sehr viel mehr auf Reisen verzichtete als während der zweiten Welle bis kurz vor Weihnachten, als noch der "Lockdown-Light" galt. Offenbar waren also in der zweiten Welle freiwillige Maßnahmen unzureichend und stattdessen ein harter Lockdown nötig, um die Fallzahlen auch wirklich zu senken.

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    Infektionszahlen in Bayern laut Küchenhoff von der LMU München

    Zweitens: Die US-Studie berücksichtigt nicht, dass in Deutschland viele Infektionszahlen den Gesundheitsämtern und dem Robert-Koch-Institut erst im Nachhinein gemeldet werden. Deshalb kann bei uns oft auch erst mit einer Verzögerung von einigen Wochen klar bestimmt werden, ob und wie sich die Lockdown-Maßnahmen auf die Infektionszahlen auswirken oder nicht. Insofern ist die Auswertung in der US-Studie für Deutschland lückenhaft und "mit großer Vorsicht zu genießen", wie Küchenhoff sagt. Das erschwert auch den Vergleich zwischen den einzelnen Ländern, der in der Studie von Ioannidis angestellt wird – denn die Datensammlung und -veröffentlichung funktioniert in jedem Land anders. Das lässt Ioannidis unberücksichtigt. 

    Und drittens hängt die Wirkung der Lockdown-Maßnahmen stark von den jeweiligen Eigenheiten und den ganz unterschiedlichen Bedingungen in den einzelnen Ländern ab, sagt Christoph Spinner. Also etwa von klimatischen Bedingungen und wie viel sich Menschen in Innenräumen aufhalten, von der Bevölkerungsdichte und der Reisetätigkeit. Insofern lassen sich auch unter Berücksichtigung solcher Faktoren die in der US-Studie untersuchten Länder nur schwer miteinander vergleichen. Darauf weist auch der australische Epidemiologe Gideon Meyerowitz-Katz hin.

    Ein aktuelles Beispiel: Die Reisebeschränkung auf einen 15-Kilometer-Radius in besonders betroffenen Regionen soll dazu beitragen, dass nicht viele Menschen gleichzeitig an touristische Ziele kommen, wie zuletzt etwa in den Alpen oder dem Bayerischen Wald. Ob dies auch mit freiwilligen Appellen funktioniert, ist fraglich. Im dünn besiedelten Schweden dagegen würde sich eine solche Problematik womöglich gar nicht stellen. Meyerowitz-Katz fand über die mangelnde Vergleichbarkeit der Länder hinaus einige Punkte, die ihn schlussfolgern lassen, dass sich aus der Studie nichts schlüssig ableiten lasse. So schrieb er auch, dass die Stichprobe zu klein sei.

    Ein weiterer Aspekt: Auch ein Ökonom, Andreas Backhaus, äußerte auf Twitter deutliche Kritik an der Ioannidis-Studie aus Stanford. Im Verlauf mehrerer Tweets erklärt er, dass häufig die Fallzahlen schon steigen, wenn Maßnahmen ergriffen werden, und dann noch exponentielles Wachstum bei den Zahlen auftritt, wenn die Maßnahmen schon gelten – aber noch nicht wirken. Auch hier ein Verzögerungseffekt, der aber zum Trugschluss verführen kann, eine Kausalität zu vermuten – das wäre aber falsch. In diesem #Faktenfuchs wird deutlich, dass nicht etwa die in Deutschland angewendete Teststrategie zu den hohen Fallzahlen führte, sondern eben die Pandemie, die Verbreitung des Virus selbst.

    Freiwilligkeit statt Zwang?

    Unter dem Strich lässt sich kaum nachvollziehen, ob etwa bei uns in Deutschland die Infektionszahlen in einem ähnlichen Maß hätten gesenkt werden können, wenn alle Maßnahmen auf Freiwilligkeit beruht hätten. Was dagegen spricht ist etwa ein Blick auf die Reisetätigkeit im vergangenen Sommer: Auch wenn die Bundesregierung dazu aufgerufen hatte, freiwillig möglichst auf Reisen zu verzichten, sind eben doch viele Menschen ins Ausland gereist, teils auch in Risikogebiete. Im Verlauf war es zu einem deutlichen Anstieg der Infektionszahlen in Deutschland durch Reiserückkehrer gekommen.

    Manche Studie ziehen anderes Fazit der ersten Welle

    Einige wissenschaftliche Studien kommen im Gegensatz zu der US-Studie von Ioannidis für die erste Welle zu dem Fazit, dass die Infektionszahlen durch harte Maßnahmen durchaus sanken. Wissenschaftler der Uni Edinburgh etwa werteten die Daten von über 130 Länder aus, allerdings ebenfalls nur für den ersten Lockdown im Frühjahr. Sie kommen zu dem Schluss: Besonders wirksam war das Verbot von öffentlichen Veranstaltungen. Die Infektionszahlen gingen erneut hoch, als die Schulen wieder aufmachten und als sich wieder mehr als zehn Leute miteinander treffen durften. Eine andere Forschergruppe von der Uni im englischen Exeter schaute sich anhand von Handydaten an, wie mobil die Menschen waren. Deren Fazit: Je weniger Verkehr zwischen Ballungsräumen und je weniger öffentliche Veranstaltungen, desto geringer war die Sterberate an Corona.

    Wirkung einzelner Maßnahmen unklar 

    Welche Einzelmaßnahmen bei uns in Deutschland besonders viel bewirken, das lässt sich aber kaum nachvollziehen. Denn dafür müssten sie einzeln untersucht werden. Da aber immer ein ganzes Bündel an Maßnahmen getroffen wird, ist kein Schluss auf eine Einzelmaßnahme möglich. Der Statistiker Helmut Küchenhoff plädiert deshalb dafür, dass die Bundesländer durchaus mit unterschiedlichen Maßnahmen vorgehen dürfen sollten. So wäre – rein wissenschaftlich gesehen - auch eine genauere Analyse einzelner Anordnungen möglich. 

    Interessant wäre dies gerade in Sachen Schulschließungen. Die Kritik daran kann der Infektiologe Christoph Spinner durchaus nachvollziehen. Übertragungen zu verhindern sei hier das eine, sagt er. Auf der anderen Seite stehe das Recht auf Bildung eines jeden Schülers. Mediziner und Politiker müssten deshalb immer wieder sehr genau abwägen, welche Maßnahmen auch wirklich zielführend seien. Wäre klar, dass Schulschließungen nichts bringen, könnte man die Schulen offen lassen. Und es wäre doppelt geholfen.

    Fazit

    Die aktuelle Studie von John Ioannidis aus Stanford zur angeblich fehlenden Wirkung von härteren Corona-Maßnahmen weist nach Ansicht mehrerer Wissenschaftler aus Deutschland, aber auch international deutliche Mängel auf. Sie erlaubt demnach die Schlussfolgerung, dass die Bewertung einzelner Maßnahmen sehr schwierig ist, aber die Aussage, dass starke Maßnahmen nichts bringen, ist so auf Grundlage dieser Veröffentlichung nicht haltbar.

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