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Die hohen Corona-Zahlen sind keine Epidemie der positiven Tests | BR24

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Zu Corona-Tests gibt es viele Fragen - der #Faktenfuchs antwortet

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    Die hohen Corona-Zahlen sind keine Epidemie der positiven Tests

    Machen erst die vielen Tests aus Corona eine Pandemie? Und wäre die Positivrate vielleicht der bessere Indikator für die Corona-Lage in Deutschland? Nein, erklärt der #Faktenfuchs.

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    Mails mit Fragen und Zweifeln an den Corona-Zahlen erreichen die #Faktenfuchs-Redaktion häufig - seit Beginn der Virus-Pandemie reißen sie nicht ab. Und nicht nur unsere Redaktion erhält Nachrichten, auch andere BR-Teams: Mails, Anrufe, Kommentare auf BR24.de oder auf unseren Social-Media-Kanälen. Wir nehmen diese Fragen ernst und wollen in diesem #Faktenfuchs zusammen mit BR Data darauf eingehen.

    Das Robert Koch-Institut zeigt auf seinem "Covid-19-Dashboard" die aktuellsten verfügbaren Daten zum Coronavirus für Deutschland. Dort sind in einer Grafik zwei Kurven zu sehen, eine gelbe (Meldedatum) und eine blaue (Erkrankungsdatum). Skeptiker, die die politischen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus für übertrieben oder ungerechtfertigt halten, vermuten, dass aktuell weit weniger Fälle mit Symptomen unterwegs seien als im März während der ersten Welle. Einige sehen darin auch einen Hinweis darauf, dass die Zahlen eher eine "Positiv-Test-Epidemie" zeigen als eine Infektionswelle.

    Was ist der Unterschied zwischen Erkrankungs- und Meldedatum?

    Die blaue Kurve zeigt die Zahl der Fälle nach Erkrankungsdatum. Das ist der Zeitpunkt, zu dem ein Patient zum ersten Mal Symptomen zeigt. Das Erkrankungsdatum wird in der Regel vom Arzt abgefragt und an die Gesundheitsämter weitergeleitet. Manchmal fehlt diese Angabe in den RKI-Daten, weil das Erkrankungsdatum nicht bekannt ist oder ein Erkrankter keine Symptome zeigt. Daher gibt es die gelbe Kurve, welche die Fälle nach Meldedatum zeigt. Das ist der Zeitpunkt, zu dem ein positives Testergebnis den Behörden gemeldet wurde - unabhängig davon, wann eine Person erkrankt ist. Egal ob Blau oder Gelb, die Person wurde in jedem Fall positiv auf das Corona-Virus getestet. Der für den Nachweis erforderliche RT-PCR-Test ist sehr zuverlässig.

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    Fallzahlen nach Erkrankungs- oder Meldedatum (RKI)

    Das es zur Zeit sehr viele Fälle ohne Erkrankungsbeginn gibt, hat nicht zwangsläufig etwas mit einer höheren Anzahl asymptomatisch Erkrankter zu tun. In vielen Fällen wird das Erkrankungsdatum erst später nachgemeldet, auch wenn der Fall schon bekannt ist. Daher ist der Anteil der Fälle mit Erkrankungsbeginn (blauer Balken) bei den länger zurückliegenden Fällen größer als bei den jüngsten Fällen.

    Es gibt zudem das Phänomen, dass gerade am Beginn eines Neuausbruchs junge Menschen das Virus weitertragen, bei denen eine Sars-CoV-2-Infektion eher milde und oftmals unentdeckt verläuft. Dadurch kann sich das Virus relativ schnell erneut ausbreiten. Wenn plötzlich ältere Menschen schwer erkranken und die Zahl der hospitalisierten Personen steigt, kann das ein Anzeichen für ein neue Corona-Welle sein.

    Das RKI beschreibt diese Daten jeweils genau in den täglichen Situationsberichten. Im Bericht von Dienstag gibt es auf Seite 6 auch eine Übersicht der Fallzahlen nach Alterskohorten.

    Haben wir in Wirklichkeit eine Epidemie der positiven Tests?

    Nein. Die Infektionszahlen und Testzahlen entwickeln sich weitgehend unabhängig voneinander, auch wenn ein Zusammenhang naheliegend erscheint. Wir zeigten dies bereits in einem früheren #Faktenfuchs.

    Ein Beispiel: Die Zahl der Tests stieg Mitte Mai verhältnismäßig stark, gleichzeitig jedoch sanken die gemeldeten Infektionszahlen. Anfang Oktober ist die Zahl der Tests jedoch recht konstant geblieben, die Zahl der Infektionen hingegen deutlich gestiegen. Eine direkte Korrelation gibt es also nicht. Im Fall von Corona werden, im Gegensatz zu einer randomisierten Studie, überwiegend Menschen getestet, bei denen ein konkreter Infektionsverdacht besteht. Das sind vor allem Personen mit Corona-spezifischen Symptomen, Kontaktpersonen von bestätigten Fällen, Menschen die aus Risikogebieten einreisen oder in einem risikoreichen Beruf arbeiten, wie zum Beispiel medizinisches Fachpersonal. So können auch Menschen ohne eindeutige Symptome gefunden werden. Ziel der Testbemühungen ist es, Infektionsketten frühzeitig zu durchbrechen.

    Die nationale Teststrategie kann sich hier von der Teststrategie in den einzelnen Bundesländern unterscheiden. In Bayern beispielsweise kann sich jede Person, auch ohne Symptome, testen lassen. Dabei gibt es aber zu bedenken, dass der Test einerseits sehr unangenehm sein kann, zumindest bei einem Nase-Rachen-Abstrich, und die Testkapazitäten beschränkt sind.

    Wie viel Prozent der getesteten Personen infiziert sind, gibt die sogenannte Positivrate an. Wären steigende Neuinfektionszahlen nur auf vermehrte Tests zurückzuführen, dürfte sich Anteil positiver Ergebnisse nicht ändern. Die Positivrate - mehr dazu später - entwickelt sich aber seit Juni ähnlich wie die absolute Zahl der Neuinfektionen. Eine hohe Positivrate sowie eine große Zahl an neuen Fällen bedeuten daher vor allem, dass sich mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben. Das zeigt auch die steigende Zahl an Menschen, die intensivmedizinisch betreut werden müssen.

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    Intensivpatienten pro Tag (DIVI)

    Bedeutet "positiv getestet" wirklich "positiv"?

    Ja. Der für den Nachweis einer Infektion erforderliche RT-PCR-Test ist sehr genau und zuverlässig, wie dieser #Faktenfuchs erklärt. Es ist zwar richtig, dass der Test nur RNA-Sequenzen des Coronavirus nachweist, diese RNA-Sequenzen sind aber ein hinlänglicher Beweis dafür, dass eine Person sich mit dem Virus infiziert hat. Viele medizinische Testverfahren arbeiten nach dieser Methode: Viele Nachweisverfahren arbeiten so, dass sie Bestandteile einer Substanz oder eines Erregers nachweisen und nicht die Substanz oder den Erreger selbst. Die PCR-Methode im Speziellen ist sehr gut erforscht: Falsch-positive Ergebnisse sind unter optimalen Laborbedingungen eher selten, da bei den Tests sehr gut zwischen den spezifischen RNA-Sequenzen von Sars-Cov-2 und anderen Erregern unterschieden werden kann. Trotzdem gibt es immer wieder Berichte über falsch-positive Tests und Fehler im Labor.

    Wichtig: Corona-ähnliche Symptome alleine reichen nicht aus, um in die Statistik aufgenommen zu werden. Wenn ein Mensch Fieber oder Atemwegsbeschwerden hat, wird er getestet. Ist dieser Test positiv, zählt die Person als Neuinfizierter (= Corona-Fall). Ist der Test nicht eindeutig, etwa weil die Probe zu klein oder verunreinigt war, wird eine weitere Probe genommen und erneut getestet. Die Sensitivität der meisten Testverfahren liegt bei etwa 99 Prozent. Allerdings gibt es für die Fehlerquote eine gewisse statistische Abhängigkeit davon, wie viele Menschen tatsächlich infiziert sind (Prävalenz). Sind nur sehr, sehr wenige Menschen infiziert, ist auch die Fehlerquote der Tests deutlich höher. Selbst wenn die tatsächliche Fehlerquote bei 10 Prozent läge, wäre die Zahl der Neuinfektionen immer noch ein guter Indikator dafür, wohin sich die Pandemie entwickelt.

    Alle wichtigen Infos zum Thema Testverfahren und Links zu den wichtigsten Studien gibt es beim RKI. Die Wissenschaftsjournalisten von Quarks fassen die wichtigsten Punkte für Nichtmediziner zusammen. Auch der #Faktenfuchs beantwortet hier einige Fragen.

    Wir berichten dabei auch über Kritik an der Meldekette und den Zahlen des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und des RKI. Auch Kritik an den Einschränkungsmaßnahmen und wie diese beschlossen werden, spiegelt sich in den Medien wider.

    Steigt die Zahl der Corona-Tests kontinuierlich?

    Die Zahl der bundesweit durchgeführten Tests steigt weder kontinuierlich noch exponentiell. In der Kalenderwoche 40 ging die Zahl der Tests sogar leicht zurück. Am ehesten trifft zu, dass sie zur Zeit leicht steigt.

    Wie schon im oben erwähnten #Faktenfuchs erklärt, gibt aber keinen bedeutenden statistischen Zusammenhang zwischen der Zahl der durchgeführten Tests und der Zahl der Neuinfektionen. Deshalb verzichten wir in unserer Berichterstattung darauf die Fallzahlen nur im Kontext der Testzahlen zu betrachten.

    Der schwache Zusammenhang zwischen beiden Indikatoren zeigt sich auch in folgender Grafik:

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    Neue Fälle pro Woche vs. Testzahlen pro Woche (RKI)

    Während die Testzahlen Ende August bis Mitte Oktober (KW 36 bis 44) tendenziell leicht anstiegen, explodierte die Zahl der Neuinfektionen. Da sich die Zahl der Neuinfektion in den vergangenen Wochen mehrfach verdoppelte, kann man hier - anders als bei den Tests - durchaus von exponentiellem Wachstum sprechen.

    Klar ist, dass zur Zeit deutlich mehr Menschen (schwer) erkranken als noch in den Sommermonaten.

    Die Erfahrungen mit der ersten Welle der Corona-Pandemie zeigen, dass Kontaktbeschränkungen durchaus wirksam sein können, um das Infektionsgeschehen zu verlangsamen. (Wir haben dazu diesen #Faktenfuchs veröffentlicht.)

    Wäre statt der Fallzahlen die Positivrate der bessere Indikator?

    Wie viel Prozent der getesteten Personen tatsächlich infiziert sind, wird durch die Positivrate angegeben. Liegt die Positivrate beispielsweise bei 7 Prozent, wurde bei 7 von 100 getesteten Menschen das Coronavirus nachgewiesen. Die Positivrate wird aber in der Regel nur für Deutschland und die einzelnen Bundesländer berechnet. Die absolute Zahl der Neuinfektionen ist daher immer noch unerlässlich zur Bewertung des lokalen Infektionsgeschehens.

    Zum Beispiel: Sind 1000 statt nur 100 Menschen in einem Landkreis infiziert, wird es für die örtlichen Behörden schnell schwierig, eine effektive Kontaktnachverfolgung zu betreiben und weitere Ansteckungen zu verhindern. Außerdem besteht das Risiko, dass Krankenhäuser schwere Coronafälle und andere Patienten nicht mehr angemessen versorgen können.

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    Neue Fälle pro Woche vs. Positivrate pro Woche (RKI)

    Die 7-Tage-Inzidenz ist daher ein guter Kompromiss, um eine einheitliche Entscheidungsgrundlage zu schaffen. Durch das Zusammenfassen der Fallzahlen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen werden zeitliche Schwankungen ausgeglichen und die Fallzahlen von Städten und Landkreisen mit unterschiedlichen Einwohnerzahlen vergleichbar gemacht.

    Fazit

    Die Zahl der Neuinfektionen steigt tatsächlich - und zwar nicht nur wegen der steigenden Testzahlen. Die verfügbaren PCR-Tests sind dabei hinlänglich zuverlässig. Alle Corona-Statistiken haben ein bestimmte Berechtigung. Zur Bewertung des Infektionsgeschehen, gerade auf lokaler Ebene, ist die Zahl der Neuinfektionen, zusammen mit der daraus berechneten 7-Tage-Inzidenz, aber unerlässlich.

    Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Corona-Zahlen haben wir in einem Corona-Statistik-FAQ gesammelt. Weitere Faktenchecks zum Thema Corona finden Sie auf der BR24-Übersichtsseite #Faktenfuchs. Außerdem empfehlen wir die aktuellen Corona-Erklärvideos von #fragBR24.

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