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Datenanalyse: Wo es beim Corona-Frühwarnsystem hakt | BR24

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Corona-Fälle werden oft viel zu spät ans Gesundheitsamt gemeldet. Das wirkt sich negativ auf das Frühwarnsystem aus.

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    Datenanalyse: Wo es beim Corona-Frühwarnsystem hakt

    Das Corona-Frühwarnsystem mit maximal 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner pro Landkreis funktioniert nicht überall gleich gut. Die verwendeten Daten sind teils stark verspätet und lückenhaft. Eine BR-Datenanalyse.

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    Urs Taube ist immer noch verärgert. Der Anwalt aus Fürth hat sich mit dem Corona-Virus infiziert, doch bis ihn das Gesundheitsamt benachrichtigt hat, verging sehr viel Zeit: Nach dem Abstrich ist offenbar das Fax des Labors ans Gesundheitsamt verloren gegangen. Unwissend verließ er das Haus, als er sich wieder gut fühlte. Erst knapp drei Wochen nach seinem Test erhielt er den offiziellen Bescheid, der ihn unter Quarantäne stellen sollte.

    Ein sicherlich spezieller Fall während der ersten großen Corona-Welle vor Ostern. Aber er zeigt die Sollbruchstellen der Meldekette auf und die Unsicherheit der Datenlage, auf deren Basis politische Entscheidungen, wie regionale Ausgangsbeschränkungen, getroffen werden müssen. Datenjournalisten des BR haben deshalb den Corona-Datensatz des Robert Koch-Instituts (RKI) vom 1. April bis zum 20. Mai 2020 analysiert und spannende Einblicke in ein Infektionsmeldesystem gewonnen, das an einigen Stellen hakt.

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    Berlin senkt die Grenze, Bayern zieht nach

    Um laut Staatskanzleichef Florian Herrmann von der CSU ein "Frühwarnsystem" zu etablieren, hat auch Bayern die Regeln verschärft, nach Berlin und Niedersachsen: Die viel diskutierte Landkreis-Grenze mit 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner pro Woche wurde in Bayern kürzlich auf 35 gesenkt. Dies sei ein "probates Mittel", um einen erneuten Corona-Ausbruch schnell zu erkennen.

    Doch wie BR-Recherchen zeigen: Dieses Warnsystem funktioniert nicht überall gleich gut. Denn bis eine Erkrankung vom Gesundheitsamt gemeldet wird und in die Statistik eingeht, vergeht teilweise viel Zeit in den Landkreisen. Dieser Meldeverzug ist regional stark unterschiedlich. Der weitere Schritt in der Meldekette bis zum RKI funktioniert der Analyse zufolge besser, ist aber auch anfällig für regional unterschiedliche Verzögerungen.

    Mindestens eine Woche bis zum Gesundheitsamt

    Der Blick in die RKI-Daten zeigt: Von den ersten Symptomen bis zur Meldung beim Gesundheitsamt vergeht in fast 40 Prozent der Landkreise durchschnittlich mindestens eine Woche. Manchmal dauert es sogar länger als zwei Wochen. Die Gründe, weshalb eine Infektion spät erkannt oder verzögert ans Gesundheitsamt gemeldet wird, sind laut RKI vielfältig. Verspätungen bei den Tests, den Meldungen und der Datenübermittlung oder aber auch einfache Eingabefehler können der Grund für diese Verzögerungen sein. Dazu beitragen können auch Verspätungen in Arztpraxen und Laboren, die Testkapazitäten und das Verhalten der Patienten selbst, die unter Umständen Tage brauchen, um zum Arzt zu gehen.

    Dennoch gelingt es in einigen Landkreisen besser als in anderen, den Überblick zu behalten: Im niederbayerischen Landkreis Landshut beispielsweise dauert der Weg bis zur Meldung beim Gesundheitsamt besonders lang, im Schnitt etwas mehr als zehn Tage. Ähnlich sieht es in Bochum aus. Allerdings gibt der Landkreis an, diese Verzögerung nicht nachvollziehen zu können und beruft sich darauf, das vom RKI empfohlene Verfahren einzuhalten. Besonders schnell hingegen geht es im Landkreis Warendorf in Nordrhein-Westfalen: Hier braucht eine Meldung bis zum Gesundheitsamt im Schnitt nur drei Tage.

    Als großen Nachteil nennen Landkreise wie Landshut auf Nachfrage, dass viele unterschiedliche Akteure an der Meldekette beteiligt sind. Andere wie Fürth berichten von häufig unlesbaren Faxen, die bei ihnen eingehen. Als Lösung wird wiederholt ein elektronisches Meldesystem genannt. Ein solches System könnte dabei helfen, Workflows und Informationswege zu vereinheitlichen. Dies könnte die Situation tatsächlich verbessern, denn die Auswertung weist auf starke regionale Unterschiede hin.

    Folgende Grafik zeigt, wie unterschiedlich schnell die Meldekette auf Landkreisebene funktioniert. Das Problem ist verteilt über ganz Deutschland – es ist ein System stark unterschiedlicher Geschwindigkeiten.

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    Jedes Kästchen steht für einen Landkreis oder eine Stadt in Deutschland. Betrachtet wurden nur Fälle, bei denen ein Erkrankungsbeginn vorliegt.

    Große Lücken bei der Erhebung des Erkrankungsdatums

    Ein weiteres Problem, auf das die Analyse hinweist: Bei einem Drittel der Meldungen wird das Erkrankungsdatum nicht erhoben oder weitergegeben. Dies sei jedoch "der wichtigste Zeitpunkt aus epidemiologischer Sicht", antwortet das RKI auf BR-Anfrage. Von diesem Datum hängt es ab, wie viele Menschen ein Infizierter potentiell anstecken konnte.

    Allerdings sind diese Daten nicht nur lückenhaft, sondern auch die regionalen Unterschiede sind erneut stark ausgeprägt: Haben in Mecklenburg-Vorpommern fast 80 Prozent der Meldungen eine Angabe zum Erkrankungsbeginn, sind es in Bayern nur knapp 60 Prozent. Das Bundesgesundheitsministerium führt das auf Anfrage bei einem Teil der Fälle auf symptomlos Erkrankte zurück.

    Lücken machen Berechnung schwierig

    Daraus ergeben sich auch Schwierigkeiten bei der Berechnung des Pandemieverlaufs. Auch Helmut Küchenhoff, Professor für Statistik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, trifft auf dieses Problem, wenn er an seinem Modell für Bayern arbeitet: "Wenn nur bei wenigen Meldungen der Erkrankungsbeginn vorhanden ist, dann muss man aufwendig modellieren. Fehlende Daten bleiben dennoch immer schwierig."

    Der Weg zwischen den Behörden

    Die Datenanalyse zeigt auch, dass der zweite Schritt der Meldekette weniger Verzug aufweist: Von den Gesundheitsämtern zum RKI sind im Infektionsschutzgesetz maximal zwei Arbeitstage vorgesehen. Doch das funktioniert nicht immer: In unserer Auswertung benötigten über 8.000 Fälle drei Arbeitstage oder mehr, um in der RKI-Tabelle aufzutauchen. Auch hier sind große regionale Unterschiede festzustellen.

    Verspätung mit Folgen

    Diese Verzögerungen können sich unterschiedlich stark auf verschiedene Berechnungen auswirken. Statistik-Professor Helmut Küchenhoff sagt dazu: "Der Meldeverzug kann dazu führen, dass die Grenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000-Einwohner unbemerkt überschritten wird." Damit können politische Maßnahmen auch erst später greifen. Die zuständigen Statistiker behelfen sich daher mit Modellen, um die Datenlücken und Verspätungen auszugleichen. Die Experten des Robert Koch-Instituts verwenden das Prognosemodell "Nowcast", das anhand einer statistischen Modellierung diese fehlenden Daten ausgleicht. Auch andere Forschungsinstitute, wie das Helmholtz-Institut oder die TU Ilmenau, modellieren den Pandemieverlauf. Helmut Küchenhoff von der LMU, sagt: "Wir versuchen, den Datensatz mit statistischen Methoden zu filtern und dadurch der Wahrheit näher zu kommen. Natürlich haben wir da immer noch Fehler drin, aber aus unserer Sicht ist das das Beste, was wir machen können."

    Probleme der Meldekette schon lange bekannt

    Blickt man in die Vergangenheit, wird deutlich: Das RKI hat das Problem der Meldelücken und Verzögerungen bereits 2012 erkannt, damals startete in Folge des EHEC-Ausbruchs eine erste Pilotstudie. In einem Vortrag des niedersächsischen Landesgesundheitsamts wird schon damals die "uneinheitliche bis lückenhafte Meldepraxis" beklagt. Weiter wird der Medienwechsel zwischen Papier und digital kritisiert.

    Daraufhin beauftragte das Bundesgesundheitsministerium das RKI, das bestehende Meldesystem so zu verbessern, dass eine "durchgängige elektronische Informationsverarbeitung" ermöglicht werde. Im Jahr 2016 war der offizielle Projektbeginn zu "DEMIS", was für "Deutsches Elek­tro­ni­sches Melde- und Infor­ma­tions­system für den Infek­tions­schutz" steht. Die Umsetzung war für Ende 2020 anvisiert.

    "Beschleunigungsaktion" geplant

    Nun wurde Anfang April diesen Jahres das Projekt DEMIS-SARS-CoV-2 als gemeinsame "Beschleunigungsaktion" von RKI, dem Bundesgesundheitsministerium und dem Fraunhofer-Institut initiiert. Das Ministerium schreibt auf Anfrage: "Ziel ist es, innerhalb weniger Wochen die Meldung von 80 Prozent der SARS-CoV-2-Erregernachweise von den Laboren zu den Gesundheitsämtern elektronisch abzubilden und [sie] damit zu entlasten." Allerdings möchte sich derzeit niemand festlegen, wann genau mit der Software in der aktuellen Pandemie zu rechnen ist.

    Einen Überblick der aktuellen Artikel und Informationen zum Thema Corona bietet unsere Themenseite Corona sowie der Corona-Ticker. Erklärvideos zum Coronavirus finden Sie bei #fragBR24. Die wichtigsten Faktenchecks liefert der BR24-#Faktenfuchs.

    Hintergrund: Wie die Meldekette funktioniert

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    Schematische Meldekette laut Infektionsschutzgesetz

    Um den Verlauf einer Pandemie nachzuvollziehen und ihre weitere Entwicklung zu prognostizieren, ist eine solide Datenbasis nötig. Dafür sind einige Informationen wichtig, wie Wohnort, Geschlecht, Alter, Symptome, Kontaktpersonen und das Erkrankungsdatum der Infizierten. Die Erhebung und die Fristen für die Weitervermittlung dieser Daten sind im Infektionsschutzgesetz geregelt.

    Bis diese Daten beim Robert Koch-Institut ankommen, durchlaufen sie zunächst den lokalen Meldeweg: Der Testabstrich geht ans Labor und der Befund von dort weiter bis zum örtlichen Gesundheitsamt. Hier müssen laut Gesetz die Daten innerhalb eines Arbeitstags an die Landesbehörden weitergegeben werden, in Bayern ist das das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Ein weiterer Arbeitstag ist für den nächsten Schritt der Datenübermittlung an das RKI vorgesehen.

    Über die Daten

    Für unsere Analyse nutzen wir die detailliert aufgeschlüsselten Corona-Fallzahlen des RKI. Diese Tabelle enthält die aktuell etwa 180.000 Meldungen zu Corona-Fällen in ganz Deutschland, aufgeschlüsselt unter anderem nach Altersgruppe, Geschlecht, Landkreis, Meldedatum und Erkrankungsbeginn. Aus dem Erkrankungsdatum, das den Beginn der Symptome markiert, und dem Meldedatum, das den Tag bezeichnet, an dem der Fall beim Gesundheitsamt gemeldet wird, lassen sich die Verzögerungen bei der Erkennung von Infektionen berechnen. Für die zwischen dem 1. April und 20. Mai veröffentlichten neuen Fälle lassen sich durch Vergleich des jeweiligen Melde- und Veröffentlichungsdatums Verzögerungen in der Meldekette ablesen.

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