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Corona-Spätfolgen Post-Covid - Wenn Fatigue dazukommt

Es gibt Berichte von Menschen, die nur leicht oder mittelschwer an Covid-19 erkrankt sind. Doch ihre Symptome sind auch Wochen und Monate nach dem Erstinfekt immer noch da, hinzu kommen eine Belastungsintoleranz und Fatigue.

Von: Yvonne Maier

Stand: 07.04.2021

Das "Chronische Fatigue Syndrom" oder ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom) ist eine relativ häufige Krankheit, die aber vielen Ärztinnen und Ärzten kaum bekannt ist.

Sie betrifft vor allem junge Menschen, häufig Frauen unter 40 Jahren. Sie bekommen einen Infekt, zum Beispiel eine Grippe oder das Pfeiffersche Drüsenfieber, und werden einfach nicht mehr gesund. Jetzt wird klar: Das trifft auch auf Covid-19-Erkrankte zu. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Charité Berlin, einem der wenigen Zentren, die zum Chronischen Erschöpfungssyndrom forschen und es auch behandeln. Die Studie wurde noch nicht in einem Fachmagazin veröffentlicht.

"Es hat uns nicht überrascht, weil wir schon seit Sommer erste Berichte gelesen haben, dass eine ganze Reihe von Patienten anhaltend an Fatigue leiden, aber auch an Belastungsintoleranz und kognitiven Störungen. Und das sind Symptome, die wir auch gut von ME/CFS kennen."

Prof. Carmen Scheibenbogen, Leiterin Immundefektambulanz, Charité Berlin

Die Hälfte der Long-Covid-Betroffenen hat auch ME/CFS

Experten gehen davon aus, dass die Post-Covid- oder Long-Covid-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen zunehmen. | Bild: colourbox.com <!-- --> Post-Covid Mehr Corona-Spätfolgen bei Kindern und Jugendlichen

Bei Kindern und Jugendlichen verlaufen Corona-Infektionen oft mild oder sogar ganz ohne Symptome. Doch auch sie sind von Spätfolgen betroffen. Experten gehen davon aus, dass die Post-Covid- oder Long-Covid-Fälle bei jüngeren Menschen zunehmen werden. [br24.de]

Für ihre Studie hat das Team um Carmen Scheibenbogen 42 Teilnehmende untersucht, 29 Frauen, 13 Männer, alle litten immer noch unter Beschwerden. Bei allen lag die Erstinfektion mit dem SARS-CoV-2-Erreger sechs Monate zurück. Dann wurden die Symptome von Chronischem Fatigue Syndrom erfasst, zum Beispiel "Fatigue", Belastungsintoleranz, kognitive Symptome wie Kopfschmerzen und Muskelschmerzen.

Dazu kommen verminderte Kraft, die zum Beispiel über den Händedruck erhoben wird, aber auch auffällige Blutwerte. Die meisten der Teilnehmenden waren durch Long-Covid in ihrem Alltag eingeschränkt.

Das Ergebnis der Studie: 19 der 42 Patientinnen und Patienten konnten nach dem strengen Kanadischen Konsens Kriterien-Modell mit ME/CFS diagnostiziert werden, also fast die Hälfte. Carmen Scheibenbogen nennt das dann "Chronisches Covid-19-Syndrom/CFS".

"Wir hatten befürchtet, dass SARS-CoV-2 ME/CFS auslösen kann, weil der SARS-CoV-1-Virus [von 2003, d.A.] hat das bei sehr vielen Patienten auch ausgelöst."

Prof. Carmen Scheibenbogen, Leiterin Immundefektambulanz, Charité Berlin

Auch andere Studien bestätigen diesen Zusammenhang und weisen darauf hin, dass mit einem Zuwachs an Betroffenen weltweit zu rechnen ist.

ME/CFS: Wenig bekannt, gut zu diagnostizieren

Das Chronische Fatigue Syndrom (ME/CFS) ist relativ unbekannt, vor allem, weil dazu erst seit wenigen Jahren international geforscht wird und es lange als "psychosomatisch" betrachtet wurde. Es gibt noch keinen Bluttest, der eindeutig Krankheitsmarker bestimmen kann. Expertinnen wie Carmen Scheibenbogen müssen über eine sorgfältige Anamnese ME/CFS diagnostizieren.

Eines der Leitsymptome ist eine "Belastungsintoleranz" oder "postexertional malaise". Unter körperlicher oder geistiger Belastung kommen die Symptome zurück oder werden massiv verstärkt. Es kommt zu grippeähnlichen Symptomen, Kopfschmerzen, Herzrasen, leichtem Fieber, Halsschmerzen, aber auch zu Konzentrationsschwierigkeiten, "brain fog" oder einer bleiernen Erschöpfung.

Alltägliche Verrichtungen wie Duschen, Kochen oder einer leichten Arbeit nachgehen werden für diese Menschen unmöglich. In Deutschland allein schätzt man bis zu 300.000 Betroffene, viele sind arbeitsunfähig, können nicht in die Schule gehen oder sind sogar dauerhaft bettlägerig.

Energiestoffwechsel bei ME/CFS ist gestört

Dem Chronischen Fatigue Syndrom liegt zugrunde, dass der Energiestoffwechsel der Körperzellen durcheinandergerät, vermutlich liegt eine Überaktivierung des Immunsystems dahinter, eine Art Autoimmunkrankheit. Der starke Energieverlust hat Auswirkungen auf zahlreiche Systeme im Körper wie Blutdruck, Organe und das autonome Nervensystem.

Kaum Experten für ME/CFS in Deutschland

Die Versorgungslage für Patientinnen und Patienten mit Chronischer Fatigue ist schlecht, im ganzen Bundesgebiet gibt es nur eine einzige Spezialambulanz für Erwachsene, an der Charité in Berlin, die Immundefektambulanz. Dort können aber nur Betroffene aus Berlin und Brandenburg vorstellig werden zur Diagnose. Behandelt werden sie dort nicht. In München baut die Technische Universität gerade eine Ambulanz speziell für von ME/CFS-betroffene Kinder und Jugendliche auf.

"In unserer Fatigue-Sprechstunde sehen wir Patienten und Patientinnen bis 25 Jahre und erhalten zunehmend Anfragen mit Verdacht auf Long Covid. Einige der Patieninnen und Patienten erfüllen nach bestätigter oder vermuteter COVID-19 die klinischen Diagnosekriterien für die Diagnose ME/CFS."

Prof. Uta Behrends, TU München

Alle anderen Erkrankten sind momentan auf sich allein gestellt und es ist dem Zufall überlassen, ob sie an eine Ärztin oder einen Arzt geraten, die sich mit dem Krankheitsbild auskennen. Dasselbe Problem haben auch Betroffene mit dem Chronischen Covid-19-Syndrom/CFS.

"Viele sind nicht vertraut mit der Diagnose ME/CFS. Deswegen tun sich momentan auch viele schwer, diese Patienten richtig einzuordnen."

Prof. Carmen Scheibenbogen, Leiterin Immundefektambulanz, Charité Berlin

Falsche Behandlung von ME/CFS kann schwere Folgen haben

Das bedeutet für die Betroffenen, sie werden entweder gar nicht behandelt oder falsch, mit schwerwiegenden Folgen. Vielen zum Beispiel wird geraten, Sport zu treiben, eine Aktivität, die grundsätzlich bei vielen chronischen Krankheiten sinnvoll sein kann. Gerade die Belastungsintoleranz führt aber dazu, dass man mit kleinen Aktivitäten seine Energiereserven verbraucht und es zu einem Zusammenbruch kommt, der Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre andauern kann.

"Wir empfehlen den jungen Patientinnen und Patienten ein symptomorientiertes, multimodales, interdisziplinäres und intersektorales Behandlungskonzept. Zudem raten wir zu einem konsequentes Selbstmanagement mit Entspannungsübungen und sogenanntem 'Pacing'. Dabei geht es darum, mit den eigenen Energiereserven Schritt zu halten und so den Chrash nach Belastung zu vermeiden."

Prof. Uta Behrends, TU München

Immerhin ist durch Hashtags wie #Longcovid, #Langzeitcovid oder #Postcovid bei vielen ein Bewusstsein für diese spezielle Langzeitfolge von Covid-19 entstanden. Betroffene sind im Internet erstaunlich gut vernetzt und binden auch zunehmend die ME/CFS-Community mit ein, die schon seit Jahrzehnten um Anerkennung und adäquate Behandlung kämpft. Das unabhängige Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) hat im Februar 2021 damit begonnen, den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu ME/CFS zu erheben.

Bis heute lässt sich ME/CFS nicht heilen.

Diagnose von ME/CFS und Long Covid

Wichtig ist in jedem Fall eine gute Diagnostik. Erschöpfung allein kann auch von anderen Faktoren herrühren, zum Beispiel einer Herzmuskelentzündung. All das muss vor der Diagnose "Chronisches Covid-19-Syndrom/CFS" bzw. ME/CFS genau abgeklärt werden. Die Ausheilung der Covid-19-Erkrankung kann aber auf jeden Fall länger dauern als man das annehmen würde, so Carmen Scheibenbogen.

"Wenn man dann merkt, dass man diese Belastungsintoleranz hat, dann soll man das auch berücksichtigen. Das heißt, dann soll man eben im Moment keinen Sport machen, dann soll man auch körperliche Überlastung vermeiden. Vielleicht auch nur im Homeoffice oder auch nur noch Teilzeit arbeiten. Aber bei den allermeisten kommt es nach einigen Wochen und Monaten dann auch zur Ruhe."

Prof. Carmen Scheibenbogen, Leiterin Immundefektambulanz, Charité Berlin

Und Impfen kann auch vor Long-Covid und ME/CFS schützen, wenn es dann nicht zu einer (schweren) Infektion mit dem SARS-CoV-2-Erreger kommt.

Weiterführende Links zu ME/CFS

Sendungen:

  • Erschöpfungssyndrom - Langzeitfolge von Covid-19?, IQ-Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, 19.04.2021



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