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Nutri-Score: Deutschland und die Lebensmittelampel | BR24

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Jahrelang wurde um die Nährwertkennzeichnung gestritten, jetzt ist klar: Deutschland soll die aus Frankreich übernehmen. Dickmacher könnten schnell entlarvt werden. Aber nur wenn die Industrie mitmachen möchte.

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Nutri-Score: Deutschland und die Lebensmittelampel

Der Nutri-Score soll die neue Nährwertkennzeichnung für Lebensmittel in Deutschland werden. Die Lebensmittelampel schafft eine klarere Kennzeichnung von Fett, Zucker und Salz in den Produkten. Doch leider wieder einmal nur auf freiwilliger Basis.

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Anhand der Lebensmittelampel Nutri-Score sollen Verbraucher auf einen Blick erkennen, wie viel Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz ein Lebensmittel enthält. Sie sollen so dazu animiert werden, im Supermarkt zu gesünderen Produkten zu greifen. Eine gute Idee, doch die EU-Staaten haben sich bisher nicht auf eine einheitliche Regelung geeinigt. Eine EU-weite Verpflichtung scheiterte vor allem am Widerstand der großen Lebensmittelkonzerne. Einige Länder haben trotzdem eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel eingeführt, wie Frankreich den Nutri-Score.

Auch die deutsche Regierung will eine Kennzeichnung der Lebensmittel, konnte sich aber lange nicht entscheiden, welches von vier möglichen Modellen eingeführt werden soll. Erst nach einer Umfrage unter Konsumenten hat sich Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) dafür entschieden, in Deutschland ebenfalls den Nutri-Score einzuführen. Verpflichtend ist die Lebensmittelkennzeichnung leider nicht, doch einige Lebensmittelhersteller und Supermärkte wollen den Nutri-Score bei ihren Produkten einführen.

© dpa-Bildfunk/Christophe Gateau

Auf einer Packung Joghurt ist der sogenannte Nutri-Score zu sehen.

So funktioniert der Nutri-Score

Im Oktober 2017 führte Frankreich den Nutri-Score auf freiwilliger Basis ein, um Lebensmittel nach ihren Nährwerten einzuordnen. Ungünstige und günstige Nährwertbestandteile werden mit Punkten bewertet und miteinander verrechnet.

Nutri-Score bezieht neben dem Gehalt an Zucker, Fett und Salz auch empfehlenswerte Bestandteile wie den Gemüseanteil, Ballaststoffe oder Proteine in die Bewertung ein und gibt dann einen einzigen Wert an - auf einer fünfstufigen Farbskala von dunkelgrün bis rot mit den Buchstaben A bis E. Ist ein Produkt ausgewogen, wird es mit A und grün bewertet, ist es dagegen unausgewogen, erhält es den Buchstaben E und eine rote Kennzeichnung.

Lebensmittelkennzeichnung führt zu gesünderem Kaufverhalten

Verbraucherschützer und Ernährungsexperten sind sich darüber einig, dass ein sinnvolles Kennzeichnungssystem eingeführt werden muss. In Frankreich haben Tests gezeigt, dass der Nutri-Score dazu führt, dass Menschen eher zu den gesünderen Produkten greifen. Belgien und die Schweiz haben das Kennzeichnungssystem Frankreichs ebenfalls übernommen.

Laut einer Umfrage finden 80 Prozent der Franzosen den Nutri-Score hilfreich und sinnvoll. Auch in der vom Ernährungsministerium durchgeführten Umfrage in Deutschland erhielt der Nutri-Score die beste Bewertung. Nutri-Score überzeugte die meisten der 1.600 Befragten als das verständlichste der vier Modelle, die zur Wahl standen.

Verbraucherzentrale und Foodwatch plädierten für Nutri-Score

Die Verbraucherzentrale Deutschland wie die Verbraucherorganisation Foodwatch plädierten ebenfalls für das System Nutri-Score: Damit sei auf einen Blick zu erkennen, wie ausgewogen oder unausgewogen verarbeitete Lebensmittel sind, sagte Foodwatch-Expertin Luise Molling.

Bevor sich Klöckner zu der Kennzeichnung durchringen konnte, hatten mehrere Lebensmittelkonzerne schon angekündigt, Nutri-Score verwenden zu wollen, darunter Iglo und Nestlé. Das brachte der Ernährungsministerin Kritik von der Opposition ein. Grünen-Politikerin Renate Künast warf Klöckner vor, die Entscheidung nur zu verschleppen:

"Es ist doch grotesk, dass die Industrie beim Thema Nährwert-Logo bei Klöckner Druck machen muss." Renate Künast (Die Grünen)

Verbraucherschutz nur auf freiwilliger Basis

Erst Ende September 2019 entschied sich Deutschland für den Nutri-Score. Die zugehörige Verordnung gilt nur für Deutschland, muss aber dennoch erst in Brüssel genehmigt werden und wird - wie bei manch anderer freiwilligen Selbstverpflichtung in der Privatwirtschaft - nicht verpflichtend sein. Das könnte erst eine EU-weite Verordnung schaffen - und die wird jetzt dringend von Verbraucherschützern gefordert. Denn schon jetzt zeigt sich, dass sich vor allem die Hersteller von Vorzeigeprodukten des Nutri-Scores bedienen, um ihre Produkte anzupreisen. Da, wo's wirklich fett kommt, ist eben nach wie vor kein Label drauf.

"Wir wollen niemandem seine Tiefkühlpizza madig machen. Aber eine Tiefkühlpizza kann mehr oder weniger Fett und Salz beinhalten." Klaus Müller, Verbraucherzentrale Bundesverband

Das Gegen-Label großer Lebensmittelkonzerne

Die Lebensmittel-Riesen Nestlé, Unilever, Mondelez, Pepsi, Coca-Cola und Mars haben nicht gewartet, bis sich die Politik zu einer verbindlichen Kennzeichnung durchringt. Sie haben längst ihr eigenes Kennzeichnungssystem entwickelt: Es funktioniert ähnlich wie die Ampel. Allerdings werden hier nicht einheitlich 100 Gramm für die Bewertung zugrunde gelegt, sondern etwas undurchsichtige Portionsgrößen. Das sorgt für viel Kritik. Der Brotaufstrich Nutella zum Beispiel, der fast zu 90 Prozent aus Fett und Zucker besteht, würde nach dieser Bewertungsmethode keine rote Ampel bekommen.

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Eindeutig soll sie sein, übersichtlich und verständlich - die gesuchte Lebensmittel-Kennzeichnung. Der Nutri-Score erfüllt das alles und ist die beste Alternative derzeit. Warum wird er in Deutschland blockiert? Ein Kommentar von Jeanne Turczynski.

Bevormundet der Nutri-Score die Verbraucher?

Eine häufig geäußerte Kritik, die Lebensmittel-Kennzeichnung würde Konsumenten bevormunden, lassen Ernährungsexperten nicht gelten. So unterstreicht Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der TU München, in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk, dass es lediglich darum gehe, dem Verbraucher angesichts des immensen Warenangebots die "gesunde Wahl zu erleichtern". Der Ernährungsmediziner plädiert neben der Einführung einer Lebensmittelampel in Deutschland auch für eine höhere Besteuerung ungesunder Lebensmittel.

Hören Sie Hans Hauner hier im IQ-Interview auf Bayern 2:

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Seit einem Jahr erkennen französische Verbraucher besser, wie gesund ihr Essen ist. Der deutsche Ernährungswissenschaftler Hans Hauner fordert die Ampel auch für Deutschland.

Bisherige Kennzeichnung von Lebensmitteln ungenügend

Mehr als die Hälfte der Männer, fast die Hälfte der Frauen und rund 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig. Fast ein Fünftel der Erwachsenen ist sogar adipös, das heißt krankhaft übergewichtig. Zu wenig Wissen übers Essen spielt dabei eine Rolle, da sind sich Wissenschaftler einig.

Bei Schokolade weiß jeder: Besteht aus viel Fett und Zucker. Der Zuckergehalt mancher Fertignudelsoße ist dagegen eher unbekannt. Lebensmittelhersteller haben es dazu den Verbrauchern oft leicht gemacht, zu verdrängen, was da so in ihren Produkten drinsteckt.