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Lebensmittel-Ampel Kommt der umstrittene Nutri-Score?

Lebensmittel-Ampeln sind in Deutschland seit Jahren umstritten: Fachgesellschaften und Verbraucherschützer fordern sie vehement ein, die Politik tut sich schwer. Die Ernährungsindustrie will keine Ampeln auf ihren Produkten. Doch es gibt ein Umdenken: Zwei Hersteller führen jetzt den „Nutri-Score“ ein.

Von: Veronika Scheidl

Stand: 21.01.2019

In unserem Alltag sind Ampeln nicht wegzudenken: Sie regeln unseren Straßenverkehr, zeigen uns, wann wir gefahrlos die Straßen überqueren können.

Verbände fordern Lebensmittelampel

Lebensmittel-Ampel: Ärzte und Verbände fordern, Verbrauchern durch klare Kennzeichnung Orientierung zu geben.

Verbraucherschützer, Ärzte und Fachgesellschaften fordern: Auch in den Supermärkten wären Ampeln sinnvoll. Und zwar auf den Verpackungen der Lebensmittel.  Sie sollen den Verbraucher vor zu viel Fett, Salz oder Zucker warnen. Denn mehr als die Hälfte der Deutschen kämpft mit Übergewicht. Eine „Ampel“, eine farbliche Kennzeichnung auf der Vorderseite der Produkte, könnte beim Einkaufen ein neues Bewusstsein schaffen und dafür sorgen, dass die Menschen zu gesünderen Produkten greifen.

Foodwatch plädiert für Nutri-Score

Der Verein foodwatch ist von der Wirkung der Lebensmittel-Ampeln überzeugt.

"Nicht ohne Grund wird von den Kinderärzteverbänden, Krankenkassen, Diabetesgesellschaften und der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, dass es solche farblichen Kennzeichnungsmodelle gibt. Denn das führt nachweislich dazu, dass Verbraucher anders und gesünder einkaufen."

Oliver Huizinga, Leiter der Abteilung Recherche und Kampagnen foodwatch

Oliver Huizinga meint damit besonders den „Nutri-Score“.

Nutri-Score in Europa auf dem Vormarsch

Nutri-Score: Die in Frankreich entwickelte Kennezichnung hilft bei der gesundheitlichen Einordnung von Lebensmitteln.

Unabhängige Wissenschaftler um den französischen Forscher Serge Hercberg haben diese farbliche Kennzeichnung entwickelt, im Auftrag der französischen Regierung. In Frankreich drucken seit Ende 2017 zahlreiche Hersteller den Nutri-Score freiwillig ab. Auch Belgien und Spanien wollen den Nutri-Score auf freiwilliger Basis einführen. In Deutschland werden bald die Hersteller Danone und Iglo auf ihren Produkten schrittweise den Nutri-Score abdrucken.

Nutri-Score: Produkt wird ganzheitlich betrachtet

Nutri-Score: Unterschiedliche Inhaltsstoffe fließen in die Bewertung ein.

Beim Nutri-Score werden „ungünstige“ und „günstige“ Nährwertelemente ermittelt und miteinander verrechnet. Zu den ungünstigen Elementen zählen der Gesamtzuckergehalt, die gesättigten Fettsäuren, Natrium sowie der Energiegehalt. Günstige Elemente sind Ballaststoffe und Proteine. Obst, Gemüse und Nüsse werden generell als positiv bewertet.

Nutri-Score: Lebensmittelinhalte werden miteinander verrechnet

Jedes Element bekommt Punkte. Die ungünstigen Nährwertelemente bekommen Pluspunkte, die sich in diesem Fall negativ auswirken.

Nutri-Score: So werden die Inhaltsstoffe eingeordnet und bewertet.

„Günstige“ Nährwertelemente dagegen erhalten Minuspunkte. Plus- und Minuspunkte werden miteinander verrechnet: Je geringer die gesamte Punktezahl ist, desto hochwertiger ist das Nährwertprofil eines Lebensmittels. Die Punktezahl wird dann einem Buchstaben zwischen A und E zugewiesen: A hat das beste Profil, E das schlechteste. 

Studien belegen Wirksamkeit des Nutri-Scores

Mehrere Studien aus Frankreich belegen: Der Nutri-Score ist im Vergleich zu anderen Kennzeichnungen für den Verbraucher am verständlichsten. Er hilft ihnen, zwischen gesunden und ungesunden Lebensmitteln zu wählen. Deswegen wollen auch Danone und Iglo in Deutschland jetzt den Nutri-Score einführen. Danone teilt dazu Folgendes mit:

"Mit dem Nutri-Score möchten wir den Verbrauchern beim Einkauf gesünderer Produkte mehr Orientierung geben. Nutri-Score bietet erstmals die Chance, dass Wissenschaft, Verbraucherschützer, Politik und Unternehmen gemeinsam an einem Strang ziehen für mehr Transparenz und bessere Ernährung."

Danone

Ernährungsindustrie will keine Ampeln

Die Lebensmittelindustrie in Deutschland wehrt sich aber mehrheitlich gegen eine farbliche Kennzeichnung auf den Produkten.

"Wir finden, dass ein System mit Ampelfarben, rot, gelb, grün, so wie es bei der Lebensmittelampel oder beim Nutri-Score der Fall ist, eine subjektive Form der Nährwert-Kennzeichnung ist, darum lehnen wir eine Ampel ab. Weil sie Lebensmittel in gut und schlecht einteilt, das ist wissenschaftlich nicht basiert. Wir favorisieren die Nährwert-Tabelle als objektive und neutrale Darstellungsform."

Manon Struck-Pacyna, Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, Berlin

Wissenschaftler fordern Politik zum Handel auf

Die Ernährungsindustrie also zweifelt am Nutri-Score. Aber: Die Kennzeichnung haben unabhängige Wissenschaftler entwickelt. Der Ernährungsmediziner Prof. Dr. Hans Hauner von der Technischen Universität München fordert die Politik zum Handeln auf. Bei den unzähligen Lebensmitteln auf dem Markt müsse dem Verbraucher geholfen werden.

"Wir alle wollen das Gleiche: Dass die Menschen Spaß am Essen haben. Aber auch, dass sie damit ihre Gesundheit nicht gefährden. ... Es gibt keinen mündigen Verbraucher, der das so gut weiß. Wir müssen es ihm leichter machen, und das muss durch eine einfache Kennzeichnung unterstützt werden."

Prof. Dr. med. Hans Hauner,  Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin, TU München

Politik tut sich schwer mit Lebensmittel-Ampeln

Die Politik aber schiebt das Thema farbliche Kennzeichnung seit Jahren vor sich her. Wie ihre Amtsvorgänger Ilse Aigner und Christian Schmidt tut sich auch die derzeitige Bundesernährungsministerin Julia Klöckner schwer mit einer Lebensmittel-Ampel – zumindest war das in der Vergangenheit so. Im Juli 2018 erklärte Klöckner in einem Interview, dass sie auf klare Fakten und Zahlen setze.

"Ich setze auf klare Fakten und Zahlen. Die sagen ... ganz eindeutig, dass es keine wissenschaftliche Evidenz dafür gibt, welche Bezugsgrößen für eine grüne, gelbe oder rote Kennzeichnung heranzuziehen sind. Die Spannen der Nährwertgehalte für die einzelnen Inhaltsstoffe sind einfach zu groß."

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Juli 2018

Immerhin will die Ministerin bis zum Sommer ein eigenes Modell zur einfacheren Kennzeichnung von Lebensmitteln erarbeiten.

Abhilfe durch Apps?

Nutri-Score: Apps können teilweise heute schon den Nutri-Score vieler Lebensmittel anzeigen.

Verbraucher sind bis dahin erst mal auf sich alleine gestellt. Eine kleine Hilfe gibt es aber: Mit Apps wie „Open Food Facts“ kann der Kunde Produkte einscannen. Dann bekommt er den Nutri-Score angezeigt.

Allerdings sind viele Produkte noch nicht eingepflegt. Und weil jeder die Nährwerte in die App selbst eintragen kann, können schnell Fehler passieren und ein falscher Nutri-Score angezeigt werden. Eine farbige Kennzeichnung wie der Nutri-Score auf der Verpackung selbst würde dem Verbraucher also deutlich weiterhelfen.


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