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Klimawandel: Neue Risiken für Zugvögel | BR24

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Für Zugvögel, wie diese Kraniche in Brandenburg, wird die alljährliche Reise gen Süden durch den Klimawandel schwieriger.

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Klimawandel: Neue Risiken für Zugvögel

Seit Jahrtausenden machen sich Kraniche, Wildgänse und andere Zugvögel im Herbst auf ihren Weg gen Süden. Doch die Reise zu den Winterquartieren wird für Lang- und Kurzstreckenzieher durch Klimawandel und intensive Landwirtschaft immer schwieriger.

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Es war schon immer eine lange Reise voller Gefahren: der Vogelzug. Der größte Teil unserer heimischen Vogelarten verlässt in den Wintermonaten seine Reviere, zieht in wärmere Gegenden Südeuropas oder Afrikas und legt dabei Tausende von Kilometer zurück. Die Zugvögel müssen dabei nicht nur natürliche Gefahr wie Sturm und Gewitter überstehen. Auch durch Hindernisse von Menschenhand wie ungesicherte Strommasten oder illegale Fangnetze kommen jedes Jahr Millionen Zugvögel zu Tode.

Gene machen Zugvögel unflexibel gegenüber Klimaänderungen

Nun weisen Vogelkundler auf eine weiteres Risiko hin, dass insbesondere Vögeln, die weite Strecken zurücklegen, droht: der Klimawandel. Denn auf die klimatischen Veränderungen könnten sich viele ziehende Arten kaum einstellen. "Viele der Langstreckenzieher Richtung Afrika haben ein ziemlich festgelegtes Programm", sagt Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie (MPI) in Radolfzell am Bodensee. Auch wenn es im Norden im Winter deutlich wärmer bleibt, folgen die Zugvögel ihrer genetisch bedingten Programmierung - und ziehen gen Süden. Zugleich sind die Vögel auf günstige Bedingungen bei den vielen Zwischenstopps ihrer Reise angewiesen. Doch auch die sich veränderten Bedingungen an den Raststationen im Durchzugsgebiet und im Winterquartier passen unter Umständen nicht mehr zusammen.

"Ein Trauerschnäpper müsste beispielsweise eigentlich früher nach Deutschland zurückkehren, um den Frühling nicht zu verpassen, denn er konkurriert unter anderem mit den daheim gebliebene Höhlenbrüter um die Plätze. Wenn aber gleichzeitig die Regenzeit im afrikanischen Überwinterungsgebiet schwächer ausfällt, kann der Trauerschnäpper sich nicht rechtzeitig die Energie für den Rückflug anfressen." Lars Lachmann, Naturschutzbund Deutschland

Weniger gefährdet durch klimatische Veränderungen sind Kurzstreckenzieher wie etwa die Mönchsgrasmücke, die nur bis zum Mittelmeerraum fliegt. "Sie merken, wenn das Wetter mild ist und können dann mit einer milden Luftströmung nach Deutschland zurückkehren," so Vogelexperte Lachmann. Ihnen falle es grundsätzlich leichter, sich an den Klimawandel anzupassen. "Dabei ist die Mönchsgrasmücke das erstaunlichste Beispiel für eine tatsächlich beschleunigte Evolution."

Statt nach Spanien und Nordafrika ziehe ein Großteil der Singvögel nun nach Großbritannien, wo es klimawandelbedingt mildere Winter gebe und viele Vogelfreunde, die die Tiere fütterten. Im Frühjahr kehren die Mönchsgrasmücken inzwischen früher nach Deutschland zurück. Damit sind sie nicht alleine: In nur etwa 50 Jahren hat sich die Rückkehr der verschiedenen Zugvögel zwischen null und 14 Tagen nach vorne geschoben.

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Die Mönchsgrasmücke zieht statt nach Spanien oder Nordafrika mittlerweile eher nach Großbritannien.

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Der Weißstorch überwintert mitunter in Deutschland oder er verkürzt seinen Zugweg und überwintert in Spanien statt in Afrika.

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Um sich im Frühling die besten Brutplätze zu sichern, müsste der Trauerschnäpper aufgrund des Klimawandels eigentlich früher zurückkehren.

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Der Zilpzalp zog bislang nach Südeuropa. Mittlerweile überwintert er gerne in Deutschland. Ist der Winter doch einmal hart, ein schweres Los.

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Nach wie vor ziehen Kraniche, wie hier bei Linum in Brandenburg, in die Ferne. Ihre Bestände erholen sich, denn sie sind geschützt.

Auch Vögel anderer Arten verkürzen die Wege, etwa Weißstörche, die in Spanien statt in Afrika überwintern. Manche Art bleibt gleich ganz im heimischen Brutgebiet - was Risiken birgt. Denn ist der Winter dann doch einmal kalt und schneereich, sind die dagebliebene Tiere, die keine Nahrung mehr finden, dem Tode geweiht. Erst vor einigen Jahren sei es dem in Auwäldern lebenden Zilpzalp so ergangen, sagt MPI-Ornithologe Bauer.

Intensive Landwirtschaft: Ein Problem nicht nur für Standvögel

Aktuell, so Experte Bauer, nähmen die Bestände von Langstreckenziehern stärker ab als die von Standvögeln und Kurzstreckenziehern. Dabei sei der Klimawandel nicht der einzige Faktor. Für die hier bleibenden Wintervögel sei es zunehmend schwieriger, in den von industrialisierter Landwirtschaft geprägten Regionen über den Winter zu kommen. Kahle Felder statt Stoppelbrachen böten den Vögeln im Winter zu wenige Versteckmöglichkeiten. "Früher hat man im Winter nicht neu eingesät, sondern hat es stehen lassen und erst im Frühjahr angesät." Angesichts kahler Felder müssten Vögel mancher Arten nun weiterziehen und versuchen, irgendwo noch Stoppelfelder zu finden, so Bauer. Nicht immer gelinge das, denn in anderen Ländern Westeuropas sehe es im Hinblick auf die Landschaften ähnlich aus.

Bei allen Problemen der Zugvögel geben es aber auch positive Aspekte, beton MPI-Experte Hans-Günther Bauer. "Wir können auch erfolgreich sein beim Schutz mancher Vogelarten." Die Zahl der Langstreckenzieher Storch und Kranich nehme zu - weil sie besonders geschützt würden.