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Vögel in der Großstadt Die Sprache der Singvögel

Rotkehlchen werden zu Nachtschwärmern, Kohlmeisen zu Hochtönern und Nachtigallen zu Schreihälsen. Um einen Partner zu finden, versuchen Singvögel gegen den vom Menschen erzeugten Lärm anzukämpfen.

Stand: 01.08.2019

Ein Rotkehlchen zwitschert im Sonnenschein auf einem Gartenzaun. | Bild: dpa-Bildfunk/Hanns-Peter Lochmann

Damit sie im Großstadttrubel erhört werden, lassen sich Amseln und Stare zunehmend von den Klängen ihrer menschlichen Mitbewohner inspirieren und bezirzen ihre Partnerin inbrünstig mit Wecker-Alarm und Handyklingeltönen. In Berlin etwa trällern Singvögel bis zu 14 Dezibel lauter als ihre Artgenossen in den umliegenden Wäldern. Henrik Brumm vom Max-Planck-Institut Seewiesen hat schon Werte von 90 Dezibel gemessen: "Das entspricht ungefähr dem Lärm, den eine Kreissäge in einem Meter Entfernung produziert."

Große Belastung für kleine Vogelkörper

Stadtlärm macht Nachtigallen besonders zu schaffen.

Die Nachtigallen steigern die Lautstärke ihres Gesangs proportional zum Pegel der Hintergrundgeräusche. Das kostet die zierlichen Sänger viel Kraft - und auch die Nachtvorstellung der Rotkehlchen ist nicht ohne: Die Tiere schlafen weniger und haben einen gesteigerten Stoffwechsel, allein die körperliche Belastung ist enorm. Ornithologen fürchten jedoch viel schlimmere Folgen.

Von Schweigern und Schwätzern

Die Singammer (Melospiza melodia) ist ein in Nordamerika verbreiteter Singvogel.

Von Menschen kennt man das: Es gibt welche, die klopfen wilde Sprüche, doch wenn es darauf ankommt, bleiben sie friedlich. Und es gibt diejenigen, die still vor sich hinkochen und plötzlich laut werden. Diese Verhaltensweise haben Forscher der University of Washington in Seattle zum ersten Mal auch bei Tieren festgestellt: Die Männchen der nordamerikanischen Singammer variieren vom aggressiven Schweiger bis hin zum laut drohenden Schwätzer. In einem Experiment spielten die Wissenschaftler Singammer-Männchen den eigenen Gesang mittels Lautsprecher vor und beobachteten, wie die Tiere darauf reagierten. Der Gesang eines anderen Männchens löste bei den Revierbesitzern unterschiedliche Drohreaktionen aus: Einige machten dem Eindringling sofort sehr deutlich klar, dass er zu verschwinden habe. Andere blieben zunächst ruhig, griffen dann fast ohne Vorwarnung an. Umgekehrt gab es auch Vögel, die zwar lauthals drohten, den vermeintlichen Eindringling aber nicht angriffen. Die Forscher folgerten daraus, dass individuelle Unterschiede in der Persönlichkeit eines Tieres mit verschiedenen Kommunikationsweisen verknüpft sind. Bei gleichem Aggressionspotenzial sind einige Vogelmännchen kommunikativer als andere - so wie auch wir Menschen.

Vom Unterschied zwischen Stadt- und Landvogel

Wie Straßenlaternen die Vögel beeinflussen

Wenn Sie morgens früher als gewohnt vom Geträller eines Buchfinks geweckt werden - nicht wundern! Den armen Vogel hat zu viel Licht aus dem Rhythmus gebracht, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee herausgefunden haben. Im Schnitt wachen Stadtvögel im Schnitt 30 Minuten früher auf und gehen rund neun Minuten später zu Bett als ihre Artgenossen auf dem Land. Das allerdings bringt ihren biologischen Rhythmus gehörig durcheinander. So kann es passieren, dass ein Rotkehlchen mitten in der Nacht die schönsten Arien trällert. Oder eine Amsel morgens Ihren Handy-Weckruf piepst. Während Waldamseln ihren Tag mit dem Sonnenaufgang und -untergang starten und beenden, können Stadtvögel schon früher auf Futtersuche gehen. Unklar ist noch, ob auch eine genetische Veränderung stattgefunden hat.

Stadtvögel sind besonders vorsichtig

Stadtvögel sind stärker auf der Hut als ihre Artgenossen im Wald. Das haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee herausgefunden. Sie warten deutlich länger ab als Waldvögel, bis sie sich neuen Gegenständen nähern. Auch lassen sie sich länger vom Fressen abhalten, wenn fremde Gegenstände vor ihrer Futterstätte liegen. Die Forscher konfrontierten mehrere Stadt- und Landvögel einige Monate lang immer wieder mit unbekannten Gegenständen. Die Tiere wurden dabei von Hand aufgezogen, damit die Forscher sicher sein konnten, dass es sich bei den Unterschieden zwischen den beiden Populationen um angeborene und nicht um erlernte Verhaltensweisen handelt. Die genaue Ursache für das Verhalten ist noch nicht klar.

Neue Vogel-Arten könnten entstehen

Kohlmeisen in der Stadt singen nachts, zwitschern lauter oder trällern in höheren Tonlagen.

Zwischen Asphaltpisten und Bahntrassen beobachten die Vogelforscher gerade eine Evolution im Zeitraffer. Die Anpassungsstrategien der Vögel sichern deren Überleben jedoch nur kurzfristig: Die Tiere in Stadt und Land werden sich dadurch weiter auseinanderentwickeln. Die Experten gehen sogar davon aus, dass langfristig neue Arten entstehen, die sich untereinander nicht mehr verstehen werden.

Nicht alle Vögel können sich anpassen

Kuckucke können nicht gegen den Großstadtlärm ankämpfen – sie können nicht höher singen.

Dass die Tiere gegen tieffrequentes Gemurmel mit hohen Tönen ankämpfen, ist laut Martin Nipkow, Vogelschutzexperte beim Naturschutzbund Deutschland, kein neues Phänomen: "Man kennt das von Vögeln an reißenden Flüssen." Erstaunlich sei jedoch, dass sich viele Großstadt-Tiere innerhalb weniger Generationen an den Lärmpegel angepasst haben. Doch es gibt auch weniger anpassungsfähige Arten: Die Goldamsel, der Kuckuck, der Drosselrohrsänger und der Hausspatz können nicht höher singen. Wenn sie nicht zu lärmenden Frühaufstehern werden, droht ihnen das Aus.

Warum singen Vögel?

Morgendämmerung macht Vögel wach

Goldammer

Seit Frühlingsbeginn hört man sie wieder: Amsel, Drossel, Fink und Star. Manche sind aus Afrika zurück, andere haben hier überwintert - jedenfalls singen sie in aller Herrgottsfrühe wieder aus vollem Hals. Warum eigentlich?

Tierisch viel Gefühl

Es geht natürlich um Fortpflanzung! Die Hormone der Vögel spielen verrückt, die Männchen stecken mit ihrem Gesang ihr Revier ab und betören die Weibchen, die sich ihren Favoriten aussuchen. Wer nicht singen kann, hat das Nachsehen. Vogelforscher sagen, Vogel-Weibchen üben damit Selektionsdruck aus. Wissenschaftler unterscheiden zwischen Gesang und Rufen. Gesänge sind meist komplexe Lautfolgen. Rufe sind eher kurz und haben eine Funktion, zum Beispiel den Nachwuchs vor Fressfeinden zu warnen. Es gibt auch Bettel-, Angst- oder Standortrufe.

Vielfalt und Ausdauer beeindrucken

Was ist wichtig, um die Vogel-Weibchen zu beeindrucken? Vielfalt ist das oberste Gebot, dazu kommen Lautstärke, Häufigkeit und Dauer. Damit zeigen die Männchen, dass sie fit und perfekte Vogel-Papas sind. Hilfreich ist auch ein großes Repertoire, über mehrere Strophen sollte so ein Vogel-Liebeslied schon verfügen. Wer dann noch mit einer Tanzeinlage glänzen kann, der hat die Weibchen schon fast um den Finger gewickelt - wenn noch das auffällige Federkleid passt. Denn all das sind Zeichen für eine gute Gesundheit. Ein Vogelmännchen, das offensichtlich von Parasiten gequält wird, hat schlechte Karten bei den Weibchen.

Beispiele: Das Rotkehlchen

Rotkehlchen

Männliche Rotkehlchen zeigen natürlich gerne ihre roten Federn an der Brust, aber beim Balztanz auch ihre zitternden Federn. Dabei neigen sie sich nach vorne - und zeigen so, dass sie das Weibchen verführen wollen.

Amsel

Amsel

Die Amseln haben zwar kein auffälliges Federkleid, tanzen dafür für ihre Angebetete einen Tango. Die Schwanzfedern werden aufgefächert, die Flügel rhythmisch gehoben und gesenkt.

Meise

Meise

Meisen haben ein auffällig farbiges Federkleid, sie zeigen gerne ihre bunte Brust und schaukeln mit ihren Körpern hin und her. Dann stellt das Männchen die Schwanzfedern auf und trippelt laut singend zur Seite. Wenn das Weibchen um Futter bettelt, ist klar - ein Meisenpärchen hat sich gefunden.

Star

Star

Richtig prächtig sieht auch das Starenmännchen während der Balzzeit aus: Sein metallisch-glänzendes Federkleid beeindruckt fast jedes Weibchen in seiner Nähe.

Fasan

Fasan

Der Fasan bezaubert natürlich durch seine blauen Federn an Kopf und Hals und den roten Kinnlappen. Er hat Luftsäcke, damit zischt er die Weibchen an und vibriert mit seinen Schwanzfedern.

Spatz

Spatz oder Haussperling

Der Spatz oder Haussperling beeindruckt durch seinen schwarzen Brustfleck, seine helleren Wangen und den dunklen Scheitel. Er lockt seine Angebetete mit einem aufgeplusterten Federkleid und gibt sich ständig verändernde Tschilptöne von sich. Wenn er ein Weibchen von sich überzeugt hat, zeigt er ihr erstmal das fertige Nest. So eine Spatzen-Ehe hält übrigens ein ganzes Vogelleben lang.

Meistersinger Nachtigall

Nachtigall

Die Nachtigall gibt sich unscheinbar, ist aber der Gesangsmeister unter den Vögeln. Sie beherrscht bis zu 260 Strophentypen. Berühmt geworden ist ihr Pfeifmotiv, das als eine Art tonales Schluchzen beschrieben und von Menschen als äußerst musikalisch empfunden wird. Bleibt nur die Frage: Wie konnte Shakespeares Julia sich so irren und die Nachtigall mit der Lerche verwechseln? Hören Sie selbst:

In der Singschule

Kanarienvögel haben ein Problem: Schlüpfen sie erst Ende Juli, haben ihre Väter ihre Gesangseinlagen bereits beendet. Die Vögel haben kein Vorbild, von dem sie singen lernen können. Sie besitzen zwar angeborene Fähigkeiten zum Singen, die reichen aber nicht zum Meistersinger. Was machen die schlauen Vögel? Sie gehen in die Singschule und lassen sich Nachhilfe geben! Die Lehrer sind Jungvögel, die bereits im März oder April geschlüpft sind und ihr Väter singen gehört haben.

Vögel singen Sätze

Dank der japanischen Kohlmeise (Parus minor) konnten Wissenschaftler erstmals zeigen, dass Vögel beim Singen einer Syntax folgen, also einer Art Satzstruktur. Forscher nahmen die Rufe der Vögel auf, bauten sie im Studio um und spielten sie den Tieren wieder vor. Durch die geänderte Reihenfolge ging der Sinn verloren.

Vögel sprechen Dialekte

Vögel haben wie Menschen Dialekte, das heißt, ihre Gesänge zeigen regionale Unterschiede. Die Grundlagen des Vogelgesangs scheinen angeboren zu sein, die Feinheiten werden wohl lokal angepasst. Zum Beispiel klingt der gelernte Regenruf eines Buchfinken bei uns und in Griechenland deutlich anders: Hierzulande ertönt ein 'rülsch', in Griechenland ein hohes 'hiiit'. In Osnabrück identifizierten die Forscher in der Stadt und ihrem Umkreis allein vier bis fünf verschiedene Dialekte sowie Zwischen- und Mischformen.

Auch Weibchen singen

Übrigens singen auch Weibchen Lieder. Zum Beispiel bei den Rotkehlchen, denn die sind keine Zugvögel und verteidigen auch im Winter ein Revier, Männchen wie Weibchen. Bei fast allen tropischen Vögeln ist das genauso. Dort singen Weibchen und Männchen sogar manchmal im Duett. Sie synchronisieren sich: Beide beherrschen das ganze Lied, singen im Wechsel einzelne Elemente. Nur, wenn einer nicht da ist, singt der Partner das ganze Lied.

Aus den Ohren, aus dem Sinn

Die australischen Zebrafinken haben eine bequemere Lösung gefunden: Normalerweise sind sie ihrem Partner ein Leben lang treu. Im Trubel der Großstadt hören sie jedoch die vertrauten Laute ihrer angestammten Männchen nicht mehr – und suchen sich einfach neue Partner.

Vogelgesang ist keine "Männerdomäne"

Ein singendes Pracht-Staffelschwanz-Weibchen

Bisher schien klar zu sein, dass vor allem Männchen singen, um eine Partnerin zu finden und sich gegen Konkurrenz abzugrenzen. Doch Karan Odem und ihre Mitarbeiter von der Universität von Maryland in Baltimore haben in der Fachliteratur nach Hinweisen auf weiblichen Vogelgesang bei weltweit 1.000 Arten gefahndet. Bei immerhin 323 Spezies aus 34 von 44 untersuchten Singvogelfamilien fanden sie verwertbare Hinweise. Experten hatten bei rund 230 Arten beschrieben, dass die Weibchen regelmäßig sangen. Dies entspricht einem Anteil von über 70 Prozent. Daraus schließen die Biologen, dass der weibliche Gesang bei den Vögeln nicht nur eine Ausnahme ist und wahrscheinlich von deren frühen Vorfahren abstammt.

Alarmruf oder lieber nicht?

Manche Vögel schätzen die Gefährdung ihrer Brut ein, bevor sie Alarm schlagen.

Bei den Vögeln ist es wie bei den Menschen: Ist der Nachwuchs zu laut, wird er zur Ordnung gerufen. Manche Sperlingsvögel unterscheiden dabei aber genau und schlagen nur dann Alarm, wenn sich ein Fressfeind in der Nähe befindet. Ein solches Verhalten war bislang nur von Primaten bekannt. Tonya Haff und Robert Magrath von der australischen National-Universität in Canberra hatten mit Vögeln der Gattung Sericornis experimentiert, die zu den Südseegrasmücken zählt. Beim Füttern wurde entweder eine ausgestopfte Dickschnabel-Würgerkrähe, der bedeutsamste Fressfeind von Sericornis, zwei Meter entfernt vom Nest aufgestellt - oder aber ein harmloser Papagei. Lärmte der Nachwuchs, wenn sich der Papagei neben dem Nest befand, blieben die Eltern ruhig. Bei der Krähe bewahrten sie nicht so lange Ruhe, sondern riefen die krakeelenden Küken zur Ordnung - wohl wissend, dass sie damit ein Risiko eingingen.

Die Grammatik des Gezwitschers

Japanische Kohlmeise

Japanische Kohlmeisen können einzelne Töne zu Wörtern zusammensetzen. Ob sie die Wörter auch zu neuen Bedeutungen kombinieren können, war bislang unklar. Forscher um den Japaner Toshitaka Suzuki sind dem nachgegangen und fanden heraus, dass der Warnruf vor Feinden die Form ABC hat. Lockrufe sind einfacher, sie haben die Form D. Die Tiere kombinieren diese Lautfolgen manchmal zu ABC-D, was dann so viel bedeutet wie: "Achtung ein Feind - komm her!" Im Experiment zeigten die Tiere die passsende Reaktion, suchten nach Feinden und flogen zum warnenden Artgenossen. Einer Kombination von D-ABC schenkten sie dagegen kaum Beachtung. Das Experiment zeigt: Die Singvögel verstehen auch Kombinationen von Rufen - aber nur, sofern sie in der richtigen Reihenfolge erfolgen und keine Grammatikfehler wie in der Lautfolge D-ABC enthalten.

Auch Grashüpfer übertönen aus Liebe den Lärm

Beeinflusst Verkehrslärm das Paarungsverhalten der Nachtigall-Grashüpfer?

Wie Singvögel in der Stadt stimmen auch Grashüpfer an der Autobahn ein anderes Liebeslied an als ihre Artgenossen aus Wald und Flur. Die Biologin Ulrike Lampe und ihr Team von der Universität Bielefeld haben herausgefunden, dass männliche Nachtigall-Grashüpfer bei ständigem Straßenlärm höher und schneller zirpen. Die Forscherin nimmt an, dass sich der Balzgesang in Autobahnnähe zu höheren Frequenzen verschoben hat, weil sich das Werben der Grashüpfer-Männchen dadurch deutlicher vom Hintergrundlärm des Straßenverkehrs abhebt. Nach Ansicht der Wissenschaftler könnte zunehmender Verkehrslärm langfristig Folgen für das Paarungsverhalten der Grashüpfer haben.


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wf, Donnerstag, 20.Juni 2013, 22:47 Uhr

1. Nicht alle Vögel können sich anpassen

Man sieht es doch, die Natur passt sich immer an.
Der Mensch hat das Problem .
Wir brauchen Hörgeräte, die Natur regelt das allein.
Und die dazu nötige Energie besorgt sie sich selbst.