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Impfungen: Was Westdeutschland bei Polio falsch machte | BR24

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1961 erkrankten in der Bundesrepublik Deutschland 4.605 Menschen an Kinderlähmung. Andere Länder hatten die unheilbare Krankheit zu diesem Zeitpunkt durch ein konsequentes Impfprogramm schon fast zum Verschwinden gebracht.

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Impfungen: Was Westdeutschland bei Polio falsch machte

Die Probleme bei den Corona-Impfungen rufen Erinnerungen an die Polioepidemie vor 60 Jahren wach. Die Hindernisse damals in der Bundesrepublik: deutsche Gründlichkeit, Impfskepsis und Angst vor Spritzen. Ein Rückblick.

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Von
  • Veronika Bräse

Die Poliomyelitis, kurz Polio, ist eine durch Viren verursachte unheilbare Krankheit, die zu schweren Lähmungen und auch zum Tod führen kann. Die alten Ägypter kannten die Erkrankung bereits. Anfangs wurden in der Geschichte nur Einzelfälle beschrieben. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts breitete sich Polio weltweit in bedrohlichem Umfang aus.

In Amerika wurde seit 1955 gegen Polio geimpft

1955 führten Kanada und die USA als erste Nationen einen Totimpfstoff gegen Polio ein. Allerdings war seine Wirksamkeit damals noch relativ gering. 1960 entwickelte der Virologe Albert Sabin in den USA ein effizienteres Vakzin mit lebenden Viren in Form einer Schluckimpfung. Sie wurde 1961 in Amerika zugelassen. Beide Verfahren kamen in Amerika sofort bei Massenimpfungen zum Einsatz. Schon 1961 ging die Zahl der Polioerkrankungen in den USA um 95 Prozent zurück.

Trotz Polio-Epidemie: Westdeutsche sehen Impfstoff kritisch

Westdeutschland hatte im Jahr 1961 mit die höchste Polio-Rate in ganz Europa. Es gab - nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts - 4.600 Erkrankte, über 3.300 Gelähmte und 272 Tote zu beklagen. Aber die westdeutschen Gesundheitsbehörden handelten zögerlich. Sie hofften, dass bald ein in Deutschland entwickelter Impfstoff verimpft werden könnte, standen der Schluckimpfung mit Lebendviren kritisch gegenüber und wollten alle Unwägbarkeiten ausschließen.

"Man fürchtete die Nachteile und die Gefahren, die aus einer Impfung auch entstehen können. Ich kann nachträglich sagen, dass bei den meisten dieser Länder sich die Durchführung der Impfung bewährt hat. Vielleicht sind wir wirklich zu vorsichtig gewesen. Rückwirkend kann man darüber besser urteilen." Elisabeth Schwarzhaupt (1901-1986), damalige Bundesgesundheitsministerin, Zitat aus dem Jahr 1962 in einer BR-Fernsehsendung

In der DDR gab es ab 1960 Massenimpfungen gegen Polio

In Ostdeutschland gab es ab dem Jahr 1960 erste Massenschluckimpfungen mit Lebend-Impfstoff. Die DDR-Gesundheitsbehörden erhielten abgeschwächte Polio-Viren aus der UdSSR, wo der von Albert Sabin in den USA erfundene Wirkstoff weiterentwickelt und patentiert wurde. In der Folge gingen die Fallzahlen von 958 im Jahr 1959 auf nur vier Fälle im Jahr 1961 zurück.

Bayern war bei Polio Vorreiter in Westdeutschland

Ab Februar 1962 gab es in Bayern flächendeckende, öffentliche Schluckimpfungen gegen Polio: Kinder bekamen den Wirkstoff mit einem Stück Würfelzucker verabreicht. Die Impfung war kostenlos und - anders als die Pockenimpfung - auf freiwilliger Basis. Um die Impfbereitschaft zu erhöhen, gab es große Werbekampagnen mit dem Slogan: "Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß."

"Der tiefgekühlte Impfstoff kam mit einem Sonderflugzeug vom Nationalen Gesundheitsinstitut aus den USA und wurde bei minus 20 Grad kaltgestellt: In Nürnberg beispielsweise 300.000 Portionen für Mittelfranken und weitere 100.000 für die Stadt. Einmal aufgetaut, hielt sich der Impfstoff nur noch etwa sieben Tage. Die Vakzine in kleinen Fläschchen beinhalteten lebende Polio-Viren. Diese könnten aber, so beteuerte man damals beim Gesundheitsamt, keinesfalls Kinderlähmungs-Erkrankungen hervorrufen." Nürnberger Nachrichten, Februar 1962

Die Angst vor der Schluckimpfung war groß

In den USA hatte es 1955 einen Zwischenfall gegeben: Obwohl es sich um den inaktiven Impfstoff handelte, waren bei der Produktion nicht abgetötete Viren in das Vakzin gelangt. Dadurch wurden mehrere hunderttausend Kinder infiziert, es kam zu 51 Fällen von dauerhafter Lähmung und zu fünf Todesfällen. Daraufhin wurden die Auflagen für die Impfstoffherstellung ausgeweitet und die Sicherheit erhöht. Trotzdem gab es in Deutschland weiterhin vergleichsweise viele Impfskeptiker.

"Es ist in der Tat bei uns in Deutschland eine sehr geringe Impfbereitschaft vorhanden gewesen, deren Ursache vielleicht zum Teil in Abneigung bestand, sich eine Injektionsspritze geben zu lassen." Gerhard Joppich (1903-1992), ehemals Professor für Kinderheilkunde, Zitat aus dem Jahr 1962 in einer BR-Fernsehsendung

Die rechtliche Grundlage für den Polio-Schutz kommt spät

Mit der Änderung des Bundesseuchengesetzes vom 23. Januar 1963 wurde auf Bundesebene geregelt, dass Schluckimpfungen mit Lebendimpfstoffen unter bestimmten Bedingungen zulässig sind, und wie bei Impfschäden Dritter zu verfahren ist. Seit 1965 ist die Zahl der Polio-Erkrankungen in Deutschland konstant unter 50 Fällen geblieben.

"Wir haben bei uns Kinder von null bis vier Jahren, die nur zu etwa sieben Prozent geimpft sind - während es in Dänemark 98 Prozent, in Schweden etwa 75 Prozent und in England 77 Prozent sind." Gerhard Joppich (1903-1992), ehemals Professor für Kinderheilkunde, Zitat aus dem Jahr 1962 in einer BR-Fernsehsendung

Seit 1998 gibt es einen neuen Totimpfstoff gegen Polio

Bei einem Lebendimpfstoff kann es in seltenen Fällen passieren, dass jemand durch den verabreichten Erreger ernsthaft erkrankt. Im Jahr 1998 empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut einen weiterentwickelten Totimpfstoff. Dieser wird nicht geschluckt, sondern gespritzt. Das von der WHO gesetzte Ziel "Eine Welt ohne Polio" wurde bisher zwar nicht erreicht, aber mit Impfungen gelingt es, die Übertragung der Kinderlähmung - die bis heute nicht heilbar ist - in Schach zu halten.

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