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Streitthema Das Pro und Contra zum Thema Impfen

Auf Eltern lastet eine große Verantwortung. Sie alleine müssen entscheiden, ob und wogegen ihre Kinder geimpft werden. Zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern entflammen regelmäßig Diskussionen über das Für und Wider von Impfungen. Was sind die Argumente der beiden Positionen?

Stand: 14.12.2020

Impfen - ja oder nein? Insbesondere manche Eltern tun sich mit dieser Entscheidung schwer. Mögliche Impfschäden machen ihnen Angst und lassen den Nutzen einer Schutzimpfung vergessen. Im Bild: nackte Zwillingsbabys | Bild: picture-alliance/dpa

Impfen oder nicht? Die Gegner und die Befürworter von Impfungen stehen sich in dieser Debatte fast unversöhnlich gegenüber. Die Sorge vor Impfschäden treibt die Gegner häufig um. Impfbefürworter hingegen argumentieren mit der Erfolgsgeschichte der Schutzimpfungen im Kinder- und Jugendalter. Seit sie in den 1960er-Jahren üblich geworden ist, konnten die Pocken ganz und andere Erkrankungen - wie zum Beispiel die Poliomyelitis (Kinderlähmung) - beinahe ausgerottet werden.

Verpflichtende Impfung gegen Masern

Viele Jahre gab es in der Bundesrepublik keine Impflicht. Zum 1. März 2020 wurde jedoch eine entsprechende Verpflichtung für eine Impfung gegen Masern erlassen. Seitdem müssen alle Kinder ab dem ersten Geburtstag spätestens beim Eintritt in den Kindergarten oder die Schule eine Masern-Impfung vorweisen. Bei Kindern, die zum 1. März 2020 bereits in einer Kita oder Schule betreut wurden, kann dieser Schutz bis zum 31. Juli 2021 nachgeholt werden. Die Impfverpflichtung gilt auch für Mitarbeiter in Kitas und Schulen sowie für Personal in medizinischen Einrichtungen und für Menschen in sogenannten Gemeinschaftseinrichtungen. Das Gesetz ist eine Reaktion auf die nicht nur weltweit, sondern auch in Europa stark angestiegene Zahl der Masernfälle.

Eine Impfpflicht gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 ist hingegen nicht vorgesehen und werde es nach Experteneinschätzung auch in Zukunft nicht geben.

Einstellung der Europäer zu Impfungen

In einer von der EU-Kommission im April 2019 veröffentlichten Umfrage mit über 27.500 Teilnehmern gaben knapp die Hälfte (48 Prozent) der Europäerinnen und Europäer an, dass Impfstoffe ihrer Meinung nach häufig schwere Nebenwirkungen verursachen können (in Deutschland 46 Prozent der Befragten). 49 Prozent der befragten EU-Bürger halten routinemäßige Impfungen für wichtig (Deutschland 59 Prozent), für 4 Prozent aller Befragten sind routinemäßige Impfungen hingegen überhaupt nicht wichtig.

Argumente der Impfbefürworter und die Fakten

"Impfungen bieten Schutz vor gefährlichen Krankheiten."

Impfungen sollen vor gefährlichen Krankheiten schützen. Der Tetanus-Erreger zum Beispiel lauert überall in der Erde. Damit Verletzungen beim Herumtollen im Freien nicht zu lebensgefährlichen Lähmungen führen, sollte jeder gegen Tetanus geimpft sein.

Dazu kommt, dass "Kinderkrankheiten" nicht immer harmlos sind. Sie werden so genannt, weil sie vor allem bei Kindern auftreten. Beispiel Masern: In einem von 1.000 Fällen kommt es vier bis sieben Tage nach Auftreten des Ausschlags zu einer Entzündung des Gehirns, so das Robert-Koch-Institut (RKI). Mögliche Folgen sind Hörschäden, Lähmungen, bleibende Gehirnschäden und im schlimmsten Fall der Tod.

Das Risiko einer Impfkomplikation liegt hier hingegen nur bei etwa 1 : 1.000.000 – laut RKI vermutlich sogar darunter. Was Masern zudem besonders gefährlich macht: Sie sind bereits drei bis fünf Tage bevor der Ausschlag überhaupt sichtbar ist, ansteckend. Das ist enorm gefährlich für Menschen, die nicht geimpft werden können, zum Beispiel Säuglinge. Daher ist ein breiter Gemeinschaftschutz (oder Herdenschutz) so wichtig.

"Seuchen müssen in Schach gehalten werden."

Die meisten Seuchen sind bei uns zwar selten, aber noch nicht endgültig besiegt. Nur wenn weiterhin der größte Teil der Bevölkerung geimpft ist, kehren Kinderlähmung oder Diphtherie nicht zurück oder können sogar endgültig ausgerottet werden.

Außerdem können die Kinderlähmung und andere Krankheiten durch ungeimpfte Reisende jederzeit wieder eingeschleppt werden. Insgesamt gesehen ist es ein großer Erfolg, dass 2015 weltweit nur noch 74 Fälle von Kinderlähmung registriert wurden. Durch zum Beispiel Bürgerkriege sind in vielen Ländern aber flächendeckende Impfungen fast ausgeschlossen. So sind 2018 in Nigeria drei neue Fälle  von Polio aufgetreten, obwohl das Land bereits 2015 als poliofrei an die WHO gemeldet worden war.

"Finanzielle Aspekte: Vorsorge statt Nachsorge."

Auch die chronische Geldknappheit im Gesundheitssystem spricht für die Impfung: Ein Impfstoff ist um vieles günstiger als die wochenlange Behandlung von schwerkranken Patienten.

Nicht nur die Kosten für Arzt und Medikamente, auch Verdienstausfälle belasten Kassen und Wirtschaft.

"Soziale Verantwortung gegenüber schwächeren Dritten."

Ein weiteres Argument greift zum Beispiel bei der Röteln-Impfung: Für Kinder ist die Infektion an sich ungefährlich. Erkranken aber Schwangere, kann dies zu schweren Fehlbildungen des ungeborenen Kindes führen. Hier argumentiert die Ständige Impfkommission, dass durch Impfung der Kinder verhindert werden kann, dass sich Schwangere anstecken. Denn Röteln sind enorm ansteckend (Tröpfcheninfektion) und dies bereits eine Woche, bevor der Ausschlag sichtbar ist.

Auch die Masernimpfung dient dem Gemeinschaftsschutz. Menschen mit einer Immunschwäche und Säuglinge können nicht geimpft werden. Sie sind darauf angewiesen, von geimpften/geschützten Menschen umgeben zu sein. Auch die Masern sind ca. eine Woche vor Auftreten des Ausschlags ansteckend.

Argumente der Impfgegner und die Fakten

"Impfungen können zu Impfreaktionen führen."

Der Impfstoff soll die körpereigene Abwehr anregen. Das kann zu Rötung und Schwellung oder vereinzelt zu Knötchenbildung an der Einstichstelle führen. Auch allgemeine Krankheitszeichen wie Fieber oder Gelenkschmerzen können auftreten. Bei anfälligen Kindern kann das Fieber auch Fieberkrämpfe auslösen.

Diese sogenannten Impfreaktionen sind jedoch in der Regel harmlos, bilden sich wieder zurück und zeigen letztlich, dass das Immunsystem arbeitet.

"Die geimpfte Krankheit bricht nach der Impfung aus."

Manche Menschen fürchten, dass die Krankheit durch die Impfung erst ausbrechen kann und lehnen Impfungen deshalb ab.

Doch auch diese Furcht ist heute unbegründet. Lediglich bei der Schluckimpfung gegen die Kinderlähmung (Polio), eine Impfung mit abgeschwächten Lebendviren, kann in sehr seltenen Fällen eine "Impfpolio" oder eine "Kontaktpolio" auftreten. Dabei mutieren die Impfviren zu ihrer Wildform zurück und sind dann wieder infektiös und ansteckend. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO geschieht dies in einem Fall von ca. 3 Millionen Impfungen. Heute wird auch gegen die Kinderlähmung mit inaktivierten Viren geimpft, bei denen das ausgeschlossen ist. Nur für die Impfprogramme der WHO in Ländern, in denen die Kinderlähmung noch häufig auftritt, wird der Schluckimpfstoff verwendet. Bei anderen Lebendimpfstoffen gibt es solche Rückmutatioen nicht.

Die sogenannten "Impfmasern" äußern sich zwar in einem Hautausschlag wie bei den echten Masern, verlaufen aber mild und ohne die Komplikationen einer echten Masernkrankheit. Zudem sind die Impfmasern nicht ansteckend.

"Impfen kann zu bleibenden Impfschäden führen."

Wirklich schwere Nebenwirkungen, die dauerhafte Schäden bzw. Behinderungen verursachen können, sind bei heutigen Impfstoffen eine absolute Ausnahme.

Die Angst vor diesem Impf-GAU hält aber manche Eltern davon ab, ihre Kinder impfen zu lassen. Immerhin stehen auf der Horror-Liste Dinge wie Erkrankungen des Nervensystems, anaphylaktische Reaktionen und Auto-Immunerkrankungen, wie zum Beispiel Multiple Sklerose oder Diabetes Typ 1. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts fanden zahlreiche dazu durchgeführte Studien allerdings keine Belege, dass Impfungen tatsächlich zu diesen Krankheiten führen können.

"Es gibt eine hohe Dunkelziffer von Impfschäden."

Seit 2001 müssen Angehörige der Heilberufe den Verdacht auf eine über das übliche Maß einer normalen Impfreaktion hinausgehende gesundheitliche Schädigung (Impfkomplikation) an das Gesundheitsamt melden.

Impfkritiker meinen, dass die offiziellen Zahlen zu Impfnebenwirkungen zu niedrig angesetzt seien. Denn Probleme, die erst lange nach der Impfung auftreten, würden von den Hausärzten vermutlich nur selten mit der Impfung in Verbindung gebracht. Zudem sei die Meldung von Impfschäden für Ärzte mit großem Aufwand verbunden. Außerdem fürchteten diese mögliche Regressforderungen bei einem Arztfehler. All das könnte dazu führen, dass im Zweifelsfall nicht gemeldet wird.

Diese Befürchtung ist unbegründet, denn schon vor 2001 mussten Ärzte nach Standesrecht melden und Pharmazeutische Unternehmen nach Arzneimittelgesetz. Diese Meldungen erfolgen sehr zuverlässig - gerade was den Verdacht auf schwerwiegende Reaktionen angeht.

Die Meldung ist zudem einfacher geworden, denn Ärzte können schon seit einigen Jahren bequem über ein Online-Formular melden, seit 2012 gibt es ein Meldeportal, über das auch Betroffene oder Angehörige direkt melden können. Da inzwischen die Meldungen aus allen EU-Mitgliedsstaaten zentral bei der EMA gesammelt werden, existiert eine enorm hohe Datenbasis, über die Risikosignale sehr zuverlässig erkannt werden können.


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