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Ein Viertel weniger Vogelbrutpaare am Bodensee | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Vogelschwund am Bodensee - Zahl der Brutpaare um ein Viertel gesunken

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Ein Viertel weniger Vogelbrutpaare am Bodensee

Wissenschaftler zählen seit Jahrzehnten, wie viele Vögel rund um den Bodensee leben. Ihr Vergleich zeigt jetzt, dass die Region innerhalb von 30 Jahren rund 120.000 Brutpaare verloren hat. Selbst Arten wie Amsel, Spatz und Star sind betroffen.

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Wissenschaftler und Ehrenamtliche zählen auf einer Fläche von rund 1.100 Quadratkilometern regelmäßig die Vögel, die rund um den Bodensee leben. Erstmals fand die Zählung 1980 bis 1981 statt, dann jeweils im Zehn-Jahresrhythmus bis zur jüngsten Datenerhebung 2010 bis 2012. Jetzt haben die Forscher der Ornithologischen Arbeitsgruppe Bodensee und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie das Ergebnis ihrer Vergleiche veröffentlicht: Binnen 30 Jahren ist die Zahl der Vogelbrutpaare am Bodensee um ein Viertel gesunken! 1980 lebten dort demnach rund 465.000 Brutpaare, 2012 nur noch 345.000. Besonders stark ist der Bestand einst häufiger Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star zurückgegangen. Die Wissenschaftler bilanzieren, dass viele Arten nur noch in geringen, oft nicht mehr überlebensfähigen Populationen, und an immer weniger Orten rund um den Bodensee vorkommen.

Nicht nur am Bodensee gibt es immer weniger Vögel

Die Entwicklung am Bodensee spiegele einen europaweiten Abwärtstrend wider, berichtet Ornithologe Hans-Günther Bauer vom Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie, einer der Autoren der Studie. Auch in anderen Regionen seien die Bestandszahlen vieler Arten eingebrochen. Allerdings nicht überall so dramatisch wie am Bodensee. "Das einstmals in der Agrarlandschaft häufige Rebhuhn zum Beispiel ist rund um den Bodensee inzwischen ausgestorben. Auch Raubwürger, Wiesenpieper und Steinkauz gibt es dort heute nicht mehr", sagt Bauer.

Auswirkungen auf Vögel in Feldern und Wiesen:

© Max-Planck-Gesellschaft

Auf die Feld- und Wiesenvögel wirkt sich besonders die intensivierte Landwirtschaft aus. Das Rebhuhn ist am Bodensee nicht mehr zu finden.

Insektensterben wirkt sich auch auf die Vögel am Bodensee aus

Die Wissenschaftler sehen die heutigen Agrarlandschaften mit ihrer intensiven Landwirtschaft als vogelfeindliche Gebiete an. Für den Rückgang der Vögel machen die Forscher vor allem den Verlust von Nahrung verantwortlich: Laut ihrer Studie haben am Bodensee 75 Prozent der Fluginsekten fressenden und 57 Prozent der Landwirbellosen fressenden Vogelarten abgenommen.

"Dies bestätigt, was wir schon länger vermutet haben: Das durch den Menschen verursachte Insektensterben wirkt sich massiv auf unsere Vögel aus." Hans-Günther Bauer, Ornithologe

Vögel finden kaum mehr Lebensräume und Brutplätze

Die Vögel bekommen jedoch nicht nur das Insektensterben zu spüren. Die heutigen effizienten Erntemethoden würden auch kaum mehr Sämereien für körnerfressende Vögel übrig lassen, schreiben die Wissenschaftler. Frühes und häufiges Mähen, Monokulturen und Entwässerungsmaßnahmen vertreibe die Tiere. Ungenutzte Brachflächen, auf denen sich die Vögel wohlfühlen, gebe es kaum noch. Viele Vögel fänden auf den von Menschen intensiv genutzten Flächen kaum mehr Lebensräume und Brutplätze, bestätigt Hans-Günther Bauer. Auch aus den Dörfern und Städten rund um den Bodensee würden deshalb nach und nach die Vögel verschwinden. Selbst Allerweltsvögel wie Amsel (minus 28 Prozent), Buchfink und Rotkehlchen (je minus 24 Prozent) litten massiv unter den verschlechterten Lebensbedingungen.

"Ein gestiegenes Ordnungsbedürfnis und eine geringere Toleranz gegenüber Lärm und Schmutz machen den Vögeln zunehmend zu schaffen. Offensichtlich können die Tiere inmitten der Häuserschluchten, Zierbäume und sauberen Nutzgärten immer seltener erfolgreich brüten." Hans-Günther Bauer, Ornithologe

Auswirkungen auf Vögel in den Siedlungen:

© Max-Planck-Gesellschaft

In Städten und Dörfern gibt es auch immer weniger Rauchschwalben.

Wiesen- und Feldvögel sind die großen Verlierer

Je nach Lebensraum sind die Arten am Bodensee ganz unterschiedlich betroffen - am schwersten haben es jedoch tatsächlich die Vögel in Landschaften, die vom Menschen intensiv genutzt werden: Während bei 71 Prozent der auf Wiesen und Feldern lebenden Arten die Bestände drastisch einbrachen, stiegen sie bei 48 Prozent der im Wald lebenden Arten. Der Buntspecht zum Beispiel hat einen Zuwachs von 84 Prozent erlebt, er scheint von den größeren Holzmengen in den Wäldern zu profitieren. Auch rund um die Gewässer am Bodensee haben mehr Arten zu- als abgenommen. Laut der Studie ist zum Beispiel der Höckerschwan einer der großen Gewinner.

Auch der Lebensraum der Waldvögel schrumpft

Doch auch aus den Wäldern verschwinden manche Vogelarten: Die Bestände des Waldlaubsängers zum Beispiel sind um 98 Prozent eingebrochen, die des Sommergoldhähnchens um 61 Prozent. Die Forscher merken dazu an, dass sich auch am Bodensee die intensive Holznutzung mit kürzeren Fällintervallen bemerkbar mache. Ältere Bäume müssten häufig abgeholzt werden, um die Sicherheit des Verkehrs zu gewährleisten. In den Wäldern würden feuchte Stellen trockengelegt und neue Wege angelegt. Selbst in Schutzgebieten würden Bäume, die die Vögel als ihr Zuhause auserkoren haben, während der Brutzeit gefällt.

Auswirkungen auf Vögel im Wald:

© Max-Planck-Gesellschaft

Während der Buntspecht von den Veränderungen im Wald profitiert, leidet der Waldlaubsänger massiv.

Verluste bei sechs von zehn Vogelarten am Bodensee

Insgesamt haben von 1980 bis zur letzten Bestandserfassung 2010/2012 von den zehn häufigsten Vogelarten am Bodensee sechs stark abgenommen, zwei blieben unverändert, nur zwei haben zugenommen. Die Bestände des Haussperlings etwa, der 1980 noch die häufigste Art in der Region war, sind um 50 Prozent eingebrochen. Auf längere Zeit gesehen dürften die Bestandsverluste quer durch die Vogelarten sogar noch höher sein:

"Das sind wirklich erschütternde Zahlen. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Rückgang der Vögel schon Jahrzehnte vor unserer ersten Datenerhebung 1980 begonnen hat." Hans-Günther Bauer, Ornithologe

Am Bodensee können sich viele Vogelarten nicht mehr halten

Dabei scheint die Bilanz auf den ersten Blick ausgewogen: 158 Vogelarten gibt es rund um den Bodensee. Von 1980 bis 2012 haben von 68 Arten die Bestände zu-, von 67 Arten abgenommen. Die Gesamtzahl an Arten hat sogar zugenommen: Auf acht ausgestorbene Arten kamen 17, die sich neu oder wieder angesiedelt haben. Den Ornithologen zufolge sind darunter zum Beispiel Weißstorch, Wanderfalke und Uhu, die von Schutzmaßnahmen profitiert haben. "Trotzdem verlieren wir insgesamt an Biodiversität", erklärt Hans-Günther Bauer: Viele Arten kämen nur noch in geringen, oft nicht mehr überlebensfähigen Populationen und an immer weniger Orten rund um den Bodensee vor. "Je nach Flächeneinheit betrachtet gibt es weniger Arten im Schnitt."

Maßnahmen gegen den fortschreitenden Artenschwund

Die Arbeitsgruppe setzt sich für drastische Beschränkungen von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln ein - in der Land- und Forstwirtschaft, aber auch auf öffentlichen Flächen und in Privatgärten. Auch wenn weniger Flächen intensiv landwirtschaftlich und forstwirtschaftlich genutzt, weniger gedüngt, und Äcker und Wiesen während der Brutzeit nicht bearbeitet würden, käme das den Vögeln zugute. Profitieren könnten die Tiere auch von Blühstreifen und Brachflächen sowie von naturnahen Privatgärten mit einheimischen Pflanzen.

Seit der letzten Vogelzählung am Bodensee keine Besserung

Seit der letzten Zählung von 2010 bis 2012 habe es kaum Anzeichen gegeben, dass sich die Situation mittlerweile gebessert hat, meint Ornithologe Hans-Günther Bauer. Aufschluss darüber soll die nächste Zählung geben, die von 2020 bis 2022 stattfindet.

"Die Lebensbedingungen für Vögel rund um den Bodensee haben sich in den letzten sieben Jahren eher weiter verschlechtert. Die Bestandszahlen sind deshalb inzwischen vermutlich noch weiter gesunken." Hans-Günther Bauer, Ornithologe

Veränderungen am Bodensee beispielhaft für andere Regionen

Eigentlich bietet der Bodenseeraum mit seinen verschiedenen Lebensräumen und seiner Lage im Voralpenland hervorragende Lebensbedingungen für Vögel. Was das Bodenseegebiet in den vergangenen Jahrzehnten an Veränderungen durchlebt habe, sei jedoch typisch für dicht besiedelte Gebiete mit intensiver Land- und Forstwirtschaft, schreiben die Forscher.

"Der Einbruch in den Bestandszahlen vieler Arten, wie wir sie am Bodensee festgestellt haben, findet deshalb mit großer Sicherheit auch in anderen Regionen statt." Hans-Günther Bauer, Ornithologe

In ganz Europa schwinden die Vögel

Tatsächlich ging die Zahl der von Insekten lebenden Vögel europaweit in den letzten 25 Jahren laut einer anderen Studie deutlich zurück. Weitere Erhebungen zeigen, dass die Bestände der Feldvögel in Europa seit 1980 um 56 Prozent geschrumpft sind. Wie es unseren heimischen Vögeln jedes Jahr ergeht, offenbaren die beiden Mitmach-Vogelzählungen "Stunde der Wintervögel" und "Stunde der Gartenvögel", die vom NABU und LBV veranstaltet werden.