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Das Vogelsterben und seine Ursachen Braunkehlchen in Schwierigkeiten

Wann haben Sie zuletzt ein Braunkehlchen gesehen? Oder einen Stieglitz? Unsere heimischen Vogelarten verschwinden. Den Vögeln fehlt bei uns der Platz und die Nahrung. Auf das Insektensterben folgt inzwischen längst das Vogelsterben.

Von: Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 10.08.2018

Kennen Sie noch das Braunkehlchen mit seiner orangefarbenen Brust und dem weißen Bauch? Einst ein Allerweltsvogel, doch heute haben bei uns die meisten den hübschen Singvogel noch nie gesehen. Denn das Braunkehlchen steckt in Schwierigkeiten - wie viele der heimischen Vogelarten.

Jede zweite heimische Vogelart nimmt in ihrem Bestand ab. Jede dritte Vogelart zählt sogar nur noch halb so viele Exemplare, warnte der Landesbund für Vogelschutz (LbV) im Frühjahr 2018. Viele Vogelarten stehen längst auf der Roten Liste. Auch der NABU warnte im Herbst 2017, dass in den wenigen Jahren von 1998 bis 2009 insgesamt 25 Millionen Vögel verschwunden seien - 15 Prozent aller Brutpaare. Und seither sind es vermutlich nicht mehr geworden.

"Aufgrund dieser dramatischen Zahlen muss man von einem regelrechten Vogelsterben sprechen. Während wir es schaffen, große und seltene Vogelarten durch gezielten Artenschutz zu erhalten, brechen gleichzeitig die Bestände unserer Allerweltsvögel ein."

Olaf Tschimpke, NABU-Präsident

Gründe für das Vogelsterben

Millionen Vögel verschwunden

Es sind vor allem unsere Allerweltsvögel, die fast unbemerkt verschwinden: der Star, Vogel des Jahres 2018, der Spatz oder die Lerche. Die Gründe für das Verschwinden der Vögel sind vielfältig:

Viele Singvögel, die im Süden überwintern, schaffen den Heimflug nicht, weil sie in den Netzen und Fallen von Vogelfängern landen. Und die, die es schaffen, finden nur noch eine unwirtliche Landschaft vor. Damit teilen sie aber das Schicksal der Vögel, die zuhause geblieben sind. Die Vögel finden kaum noch passende Brutplätze - und zu wenig zu fressen. So zieht das seit Jahren diskutierte Insektensterben jetzt auch ein Vogelsterben nach sich. In Oberfranken gibt es nur noch fünf Gebiete mit einer kleinen Restpopulation der Braunkehlchen.

Singvögel landen auf dem Heimflug in illegalen Netzen

Braunkehlchen in einer Falle

Das Braunkehlchen überwintert in Afrika. Der Heimflug ist für den spatzengroßen Vogel eine gefährliche Reise. Braunkehlchen gelten in Italien noch immer als Delikatesse, genauso wie viele andere Zugvögel.

"Es gibt eine Studie, die 10.000 Braunkehlchen im Netz gezählt hat. In einem Jahr!"

Laura Tschernek, Landesbund für Vogelschutz

Immer weniger Nistplätze für Vögel

Doch die Gefahren beim Vogelzug sowie natürliche Fressfeinde sind nur ein Teil der Probleme für die Vögel. Auch wenn die Zugvögel ihren gefährlichen und langen Flug über die Alpen überstanden haben und an ihren Brutgebieten hier bei uns in Bayern eintreffen, ist die Gefahr noch lange nicht vorbei. Braunkehlchen etwa kommen Mitte bis Ende April wieder hier an und sind wie viele andere Vogelarten Wiesenbrüter, die ihr Nest am Boden bauen. Deren allergrößte Bedrohung sind die Mähwerke. Wenn die kommen, bevor der Nachwuchs ausgeflogen ist, ist die Brut verloren. Doch viele Landwirte mähen, so früh sie können, um möglichst mehrere Mahden im Jahr einzufahren.

Intensive Landwirtschaft als Hauptursache

Agrarvögeln wie Braunkehlchen, Kiebitz, Rebhuhn und anderen macht die intensive Landwirtschaft schwer zu schaffen. Sie sind vom Vogelsterben am stärksten betroffen, meint NABU-Vogelexperte Lars Lachmann. Der Bestandseinbruch sowohl bei seltenen wie häufigeren Vogelarten werde von der Entwicklung der landwirtschaftlich genutzten Flächen verursacht: Denn der Anteil an artenreichen Wiesen und Weiden oder Brachflächen hat drastisch abgenommen, dagegen gibt es immer mehr intensiven Anbau von Mais und Raps. Damit fehlen aber nicht nur Brutplätze für die Vögel. Inmitten von Maisfeldern verhungern sie.

Insektensterben lässt die Vögel hungrig zurück

Denn auch der drastische Insektenschwund der letzten Jahre wird nicht zuletzt von der intensiven Landwirtschaft verursacht: Pestizide und Herbizide vernichten die pflanzliche Artenvielfalt. Immer weniger Wildblumen stehen am Feldesrand - und immer weniger Insekten sind die Folge. Selbst in Naturschutzgebieten ist die Masse der Insekten um 75 Prozent seit den 1990er-Jahren zurückgegangen. Doch viele Vögel sind Insektenfresser.

"Die Lerche - einen Vogel, der früher so häufig war, haben wir regelrecht aus unserer Lebensgemeinschaft herausgewirtschaftet."

Prof. Peter Berthold, der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfszell

Pflanzenschutz statt Artenvielfalt

Kaum noch zu finden: Feldlerche

In der auf- und ausgeräumten Landschaft findet sich kaum mehr ein passender Lebensraum für wilde Tiere. Monotonie statt Vielfalt, es gibt kaum noch Hecken zwischen den Feldern, nirgends mehr Brachland. Der Landesbund für Vogelschutz appelliert an die Politik, die kleinteilige, extensive, biologische Landwirtschaft mehr zu fördern.

Auch im Garten: Mut zur Wildnis!

Seit alles geteert ist, die Dörfer 'schöner', die Böden versiegelt sind, die Misthaufen nicht mehr offen stehen dürfen und es nirgends mehr Verhau in der Landschaft gibt, verschwinden sie immer mehr: die Insekten und all die Vögel wie Spatzen, Schwalben und Mauersegler, Drosseln, Stelzen, Rotschwänze und nicht zuletzt das Braunkehlchen. "Die Schwalbe braucht Batz," drückt es der LbV-Vogelexperte Hans-Joachim Fünfstock aus. Und fordert "ein bisschen mehr Mut zur Wildnis, mehr Mut zum Schlampigsein." Damit sind nicht nur die Gemeinden gemeint. Auch in unseren Gärten ist es zu ordentlich. Jeder von uns kann selbst in seinem Garten etwas für die Vögel tun, nämlich: "am besten nichts".

"Wenn Sie einen lebendigen Garten haben wollen, dann fangen Sie bitte nicht an, Ordnung zu machen. Haben Sie Mut zur Wildnis! Lassen Sie die Brennnesseln einfach stehen, pflanzen Sie einheimische Beerensträucher, setzten Sie sich auf einen Stuhl und schauen zu!"

Hans-Joachim Fünfstock, Landesbund für Vogelschutz

Schaffen Sie eine Oase aus Menschenhand!

Auf die Politik zu warten, bringe nichts, so die Ansicht von Prof. Peter Berthold, dem ehemaligen Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfszell: "Das muss von unten her kommen, von der Bevölkerung!" Er plädiert dazu, aus jedem Hausgarten, jedem Balkon, jedem verfügbaren Fleckchen eine kleine ökologische Herberge für Vögel zu machen. Es brauche dazu nicht viel, einfach nur einen "g'schlamperten" Garten.

Wieviel Kraft aus einer solchen Grasroot-Bewegung kommen kann, macht Gebhard in einer ganz einfachen Rechnung deutlich: Die Fläche aller Hausgärten in Deutschland ist genauso groß wie die Fläche aller Naturschutzgebiete, nämlich etwa vier Prozent der Gesamtfläche. Sprössen alle Hausgärten voller Artenvielfalt, könne man mit diesen vier Prozent ein ganzes Viertel der Vogelarten retten. Ohne jede Hilfe, jedes Umdenken, ist dagegen nach Ansicht des Ornithologen mit vielen Vogelarten bei uns bald vorbei. Zu unserem eigenen Schaden:

"Je weniger Arten wir haben, umso instabiler wird das Ökosystem, von dem auch wir leben."

Prof. Peter Berthold, der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfszell

  • Das große Vogelsterben: Hat es sich bald ausgezwitschert? Unkraut, 16.04.2018 um 19:00 Uhr, BR Fernsehen
  • Gespräch mit Prof. Peter Berthold, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfszell. Notizbuch, 10.04.2018 um 10:05 Uhr, Bayern 2
  • Was sind die Ursachen des Vogelsterbens? Aus Landwirtschaft und Umwelt, 08.04.2018 um 07:05 Uhr, B5 aktuell
  • Weniger Insekten, weniger Vögel: Interview mit Andreas von Lindeiner, Landesbund für Vogelschutz, radioWelt, Bayern 2, 24.10.2017, 6.05 Uhr
  • Naturschutz: Warnung vor Vogelsterben: Abendschau, BR Fernsehen, 23.10.2017, 17.30 Uhr
  • Pestizide töten Vögel: nano, ARD-alpha, 20.10.2017, 16.30 Uhr

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