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Archivbild: Eurofighter-Montage in Manching

Bildrechte: picture alliance / Ulrich Baumgarten
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Zeitenwende: Was kommt bei Bayerns Rüstungsindustrie an?

Deutschland will die Bundeswehr massiv aufrüsten. 100 Milliarden Euro Sondervermögen sollen investiert werden. Die Rüstungsindustrie in Bayern hofft auf mehr Geschäfte - doch es gibt Hürden.

Von
Reinhard WeberReinhard Weber
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Airbus Defence in Manching, einer der größten Rüstungsstandorte in Bayern. 5.500 Menschen produzieren hier den Eurofighter, warten Kampfjets, ebenso wie Transportmaschinen oder AWACS-Aufklärungsflieger. Krauss-Maffei-Wegmann in München ist die Panzerschmiede für den Leopard 2 und den Puma. Nach eigenen Angaben ist das Unternehmen Weltmarktführer für gepanzerte Kettenfahrzeuge. Rund 70 Firmen in Bayern verdienen ihr Geld mit Rüstungsgütern. Genaue Branchendaten gibt es nicht, sie werden nicht erfasst. Alle Firmen hoffen nun auf mehr Geschäft.

Nach Beginn des Ukraine-Kriegs hatte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) Ende Februar von einer "Zeitenwende" gesprochen - und die Einrichtung eines Sondervermögens für die Bundeswehr verkündet. Von den 100 Milliarden Euro sollen fast 41 Milliarden in die Luftwaffe investiert werden. Doch Airbus in Manching bekommt davon nur einen kleinen Teil, der Eurofighter und das europäische Jetprojekt FCAS sollen weiterentwickelt werden.

Wohin fließt das Geld?

Der Hauptbrocken soll in die USA gehen. Bei Lockheed Martin werden laut Plan 35 neue Kampfjets des Typ F35 bestellt – zum Missfallen der bayerischen Staatsregierung. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) wirft der Bundesregierung vor, einen Fehler zu begehen: "Beispielsweise den F35 in Amerika zu kaufen anstatt den Eurofighter aus Bayern. Insofern ist das eine Fehlinvestition die hier jetzt gemacht wird. Geld wird ausgegeben und kommt im dümmsten Fall zu wenig in Deutschland in Bayern an."

Dabei stieg im November 2021 Ministerpräsident Markus Söder (CSU) noch voller Hoffnung in einen Eurofighter und feierte das 60-jährige Bestehen des Standorts Manching. Es war Franz Josef Strauß in seiner Zeit als Bundesverteidigungsminister Ende der 50er Jahre, der sich für die Rüstungsstandorte in Bayern stark machte und Manching aus der Taufe hob. Er holte die Produktion des US-Jets Starfighter in Lizenz nach Bayern.

Und heute? Die Bundeswehr wurde über Jahre kaputt gespart, sagten Kritiker. Das spüre auch die bayerische Rüstungsindustrie. Das soll anders werden. Im Februar 2022 kündigt Kanzler Scholz an, dass Deutschland nun Jahr für Jahr mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung investieren werde.

Spitzentechnologie aus Bayern, sensibles Knowhow

Auch der börsennotierte Wehrtechnikkonzern Hensoldt mit Sitz in Taufkirchen bei München hofft, davon etwas abzubekommen. Die Chancen für den Hersteller von Radar- und Sensortechnik stehen nicht schlecht, denn Hensoldt ist das einzige Rüstungsunternehmen in Deutschland, bei dem die Bundesrepublik mit eingestiegen ist. Fast 6.500 Beschäftigte, die meisten davon in Deutschland, entwickeln und fertigen Spezial-Sensoren die in Fliegern und Panzern eingebaut werden. Sie können feindliche Lenkwaffen erkennen und mit blitzschnellen Ausweichmanövern davor schützen. Hensoldt bezeichnet sich als Champion der Verteidigungsindustrie.

Das hat auch der Bund erkannt und erwarb im Jahr 2021 mit Aktienanteilen von 25,1 Prozent eine Sperrminorität am Unternehmen. Hensoldt-Chef Thomas Müller sieht darin große Chancen: "Es bringt uns als Unternehmen auf Augenhöhe mit den anderen Europäischen Partnern. In Frankreich, in Italien, in anderen europäischen Ländern, sind die Staaten, die Nationen in ihrer Schlüsseltechnologie beteiligt, um nationale souveräne Technologie zu schützen." So will man vermeiden, dass ausländische Investoren das Unternehmen aufkaufen können.

Soziale Nachhaltigkeit: Probleme bei Kreditvergabe

Bundesfinanzminister, Christian Lindner (FDP) forderte, die "Zeit der Vernachlässigung der Bundeswehr" müsse enden. Darauf hofft auch Jan Molter, Geschäftsführer der Aeromaritime Security Systems GmbH aus Neufahrn bei Freising. Noch spürt er nichts von der Zeitenwende. Im Gegenteil: Molter kämpft mit den Banken, bekommt keine Finanzierung mehr. Wehrtechnik – falsche Branche, heißt es. Der Mittelständler mit rund 70 Beschäftigten stattet unter anderem die deutsche Marine mit der kompletten Kommunikations- und Funktechnik aus. Das reibungslose Funktionieren des gesamten Systems auf den Fregatten hängt davon ab.

Im Bereich U-Boot-Antennen ist Aeromaritime nach eigenen Angaben Weltmarktführer. Eine ihrer beiden Geschäftsbanken aber verweigert seit April aus "sozial nachhaltigen" Gründen Bankgarantien, die Aeromaritime dringend braucht um Großaufträge abzusichern. "Warum soll bitteschön Verteidigungsindustrie nicht nachhaltig sein?", kritisiert Molter. "Die Nachhaltigkeit von anderen Industrien, von Automobil beispielsweise – wenn ich mir anschaue, was da an Ressourcen reingeht, muss man sich fragen, ob wirklich jeder einen SUV braucht. Was jeder braucht ist Sicherheit!"

Sozialtaxonomie – keine Kredite für Rüstungsindustrie?

Dr. Andreas Glas lehrt Rüstungsmanagement an der Universität der Bundeswehr in München. Er skizziert die Folgen, wenn Verteidigungsunternehmen bei der Vergabe von Krediten gleich behandelt werden wie die Tabak- oder Pornoindustrie. Laut Glas ist es so, dass Banken, die sich an eine soziale Taxonomie halten, also an Kriterien sozialer Nachhaltigkeit, dann keine Kredite mehr an Rüstungsunternehmen vergeben – wenn diese als nicht sozial verträglich gewertet werden.

"Wenn das die Folge ist von einer Sozialtaxonomie, dann verteuern und verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen der Rüstungsunternehmen", ergänzt Glas. Wenn man aber bedenke, dass der Hauptkunde die Bundeswehr sei, dann bezahle am Ende der deutsche Steuerzahler diese Mehrkosten, so Glas. Die Politik hat die Zeitenwende eingeläutet. Ob sie auch bei der bayerischen Rüstungsindustrie ankommt, hängt aber auch von den Banken ab und wo die Regierung dann wirklich bestellt.

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