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Impfkritiker verschicken massenhaft Emails mit Desinformation - per Spam-Mail

Bildrechte: NICOLAS ASFOURI / AFP
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    #Faktenfuchs: Impfkritik per Spam-Mail

    Die Zuschriften erreichen den BR von verschiedenen Accounts aus: Absender, Betreff und Text unterscheiden sich – doch angehängt ist immer dasselbe Dokument. Es enthält: Argumente gegen eine mögliche Covid-19-Impfpflicht. Was steckt dahinter?

    Von
    Julia LeyJulia Ley
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    • Per E-Mail versenden Impf-Kritiker massenhaft Mails mit Desinformation zu Covid-19-Impfungen.
    • Die Organisatoren der Kampagne lassen die Massenmails automatisiert über individuelle Emailkonten verschicken.
    • Experten bezeichnen das als "Polit-Spam".

    Die Mails kommen vor allem am Wochenende. Insgesamt 19 gehen bei einem BR-Mitarbeiter ein, über einen Zeitraum von vier Wochen. Auch andere BR-Beschäftigte bis hin zur Intendantin erhalten die Mails. Absender, Betreffzeile und Anschreiben unterscheiden sich – im Anhang aber findet sich immer dasselbe PDF: Auf drei Seiten, die von einem Experten als "Desinformation in Reinstform" bewertet werden, warnen die Autoren vor den angeblich "unterschätzen Nebenwirkungen" der Corona-Impfungen. Sie fordern "wissenschaftliche und öffentliche Aufklärung" darüber, wie viele Menschen "tatsächlich" infolge von Covid-19-Impfungen erkrankt oder gestorben seien. Denn den offiziellen Zahlen trauen sie nicht.

    Mail-Kampagne im Vorfeld der Impfpflicht-Debatte im Bundestag

    Immer wieder nehmen die Mailschreiber Bezug auf die Planungen für eine allgemeine Impfpflicht gegen Covid-19. Es liegt nahe, dass die Mails deshalb gerade jetzt verschickt werden: Ab dem 17. März wird der Bundestag über verschiedene Anträge zu einer allgemeinen Impfpflicht debattieren. Die Abstimmung ist für Anfang April angesetzt.

    Wer den Text des PDFs verfasst hat, bleibt unklar. In dem Abschnitt "Autorenschaft" erklären die Verfasser, sie wollten anonym bleiben, um nicht vom Inhalt abzulenken – "wie es leicht geschieht, sobald (un)bekannte Namen und (fehlende) Titel angegeben sind".

    Schnell entsteht bei den betroffenen BR-Mitarbeitern das Gefühl, dass es sich bei den Mails um eine Kampagne handeln könnte. Doch von wem geht sie aus? Was ist vom Inhalt des PDFs zu halten? Und welche Strategie verbirgt sich dahinter? Der #Faktenfuchs ist dem nachgegangen.

    Wie ist der Inhalt des PDFs zu bewerten?

    Überschrieben ist die Datei mit dem etwas sperrigen Titel "Forderung nach wissenschaftlicher und öffentlicher Aufklärung von Sterblichkeit und Erkrankungen nach Covid-19 Impfungen" [sic]. Auf drei Seiten listen die Autoren Argumente auf, die aus ihrer Sicht darauf hindeuten, dass die Impfungen deutlich gefährlicher seien als bislang bekannt.

    So zitieren die Autoren etwa Studien aus den USA und Großbritannien, die einen Zusammenhang zwischen einer steigenden Impfquote und der Bevölkerungssterblichkeit belegen sollen. Es ist eine Behauptung, die der Infektionsimmunologe Leif Erik Sander von der Charité Berlin in einer Mail an den BR als "Desinformation in Reinstform" bezeichnet. In dem Dokument würden "gezielt Zahlen manipuliert und falsche Kausalitäten hergestellt".

    Tatsächlich hätten Statistiker inzwischen sehr klar zeigen können, dass eine niedrige regionale Impfquote mit einer höheren Übersterblichkeit einhergehe – "also genau das Gegenteil von dem, was hier behauptet wird". Eine Korrelationsanalyse, die drei Professoren der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, durchgeführt haben, belegt das beispielsweise für deutsche Bundesländer: "Das Bundesland Bremen hatte mit der höchsten Impfquote von 80,9 Prozent die geringste Übersterblichkeit von 1,44 Prozent, während in Sachsen mit der niedrigsten Impfquote von 58,7 Prozent die Übersterblichkeit bei 14,67 Prozent lag."

    Auch viele weitere Behauptungen, die in dem Dokument erhoben werden, haben der #Faktenfuchs oder andere Faktenchecker in den vergangenen Monaten bereits geprüft: Dafür etwa, dass kardiologische und neurologische Notfälle seit Beginn der Impfkampagne stark gestiegen seien, gibt es keine Hinweise. Dass in vielen Ländern Europas in den vergangenen Monaten eine Übersterblichkeit zu beobachten gewesen sei, "welche nur zu einem geringen Teil durch Covid erklärt werden kann", ist richtig. Wissenschaftler vermuten eine Mischung aus verschiedenen Ursachen: von Corona-Spätfolgen, an denen Monate später noch Menschen sterben, bis zu den Folgen der ausgebliebenen Grippewelle, die bedeutet, dass ältere und kranke Menschen, die sonst wahrscheinlich schon im vergangenen Frühjahr gestorben wären, erst Monate später starben.

    Für einen Zusammenhang mit den Impfungen, wie ihn die Autoren des PDFs vermuten, gibt es keinerlei Belege. Experten halten ihn auch nicht für plausibel, wie wir hier erklären. Andere Behauptungen, wie die, dass Genesene eine bessere Immunität ausbildeten als doppelt Geimpfte, sind so stark verkürzt, dass man sie als irreführend bezeichnen kann.

    Wer steckt hinter den Mails?

    Nicht nur die Autoren des PDFs wollen anonym bleiben. Offensichtlich ist das auch den Mailschreibern ein Anliegen, die es verschicken. Zwar sind die Mails mit Namen unterzeichnet. Doch der Versuch, die Identität zu verifizieren, führt meist ins Nichts. Keiner der Absender scheint im Internet Spuren hinterlassen zu haben: Social Media-Profile mit ihren Namen finden sich nicht, auch Telefonbuch-Einträge oder sonstige Erwähnungen gibt es kaum. Das Internet scheint diese Menschen nicht zu kennen – was möglich, aber ungewöhnlich ist.

    Warum das so ist, wird im weiteren Verlauf der Recherche deutlich. Wer auf dem Messengerdienst Telegram nach dem Namen des PDF-Dokuments sucht, stößt schnell auf Posts in unterschiedlichen Kanälen, teils mit mehr als 40.000 Abonnenten. In den Posts wird auf eben dieses PDF verwiesen - und darum gebeten, es an möglichst viele Personen des öffentlichen Lebens zu verteilen. Die Infrastruktur dafür liefern die Organisatoren der Kampagne, die namentlich nicht in Erscheinung treten, gleich mit – in Form eines Tools zum automatisierten Massenmail-Versand.

    Das Massenversand-System

    Die Posts verlinken auf eine Webseite, über die der Massenmail-Versand abgewickelt wird. Mit wenigen Klicks lässt sich das PDF-Dokument hier automatisiert an Tausende Personen verschicken, darunter offenbar vor allem Abgeordnete und Medienschaffende.

    Um den Verteiler nutzen zu können, müssen die Nutzer eine Mailadresse und ein Passwort angeben. Die Mails werden dann automatisiert über dieses Konto an die Empfänger versandt. Ob hinter jeder Dateneingabe eine reale Person steht, wird nicht überprüft, im Gegenteil: Die Betreiber empfehlen den Nutzern, ein neues kostenloses Mailkonto anzulegen, um keine privaten Daten freizugeben. Anleitungen dafür liefern sie mit. Und sie versprechen, die Daten nach erfolgtem Versand wieder zu löschen. Wem es zu mühsam ist, ein neues Konto anzulegen, der hat noch eine andere Option: Er kann die Mails auch über eine bestehende Mailadresse verschicken lassen, die ein anderer Nutzer zuvor angelegt hat.

    Jede neu angelegte Mailadresse kann dann wiederum für den Versand durch andere Nutzer freigegeben werden. So entsteht ein Netzwerk aus individuellen E-Mail-Adressen bei renommierten Anbietern wie Gmail oder Freenet.de, die bisher nicht durch Spamversand aufgefallen sind. Von Spamschutzfiltern werden die Mails deshalb nicht markiert. Sobald der Mail-Account angelegt beziehungsweise ausgewählt ist, müssen die Nutzer nur noch eine Betreffzeile und ein kurzes Anschreiben formulieren. Unterzeichnet wird die Mail samt PDF-Anhang dann automatisch mit einem Pseudonym, das die Nutzer zuvor auswählen konnten – was erklärt, warum viele Absender nicht auffindbar sind.

    Anonymer "Polit-Spam": Die Strategie

    Warum die Organisatoren der Massenmail-Kampagne so vorgehen, erklären sie auf der Webseite selbst ganz offen: Es gehe darum, mit "vergleichsweise wenig Aufwand (...) sehr viele Personen und Organisationen ganz persönlich" anzuschreiben und zu erreichen. Was Aktivisten in Briefe-Marathons seit Jahren selbst machen, wird hier automatisiert.

    Jochim Selzer, IT-Experte beim Chaos Computer Club, bezeichnet das Vorgehen deshalb als "Polit-Spam". Und auch ein Sprecher von Zerforschung, einem Kollektiv von IT-Sicherheitsaktivisten, fühlt sich im Gespräch mit dem #Faktenfuchs an Methoden erinnert, die bislang vor allem aus dem massenhaften Versand von Werbe-E-Mails (Spams) bekannt sind. Impfkritiker haben die Methode nun offenbar für politische Zwecke übernommen.

    Tatsächlich findet sich auch auf der Webseite selbst der Hinweis, dass Spam-Schutzfilter möglichst effektiv umgangen werden sollten. Deshalb gebe es die individuellen Absender, Betreffzeilen und Anschreiben und deshalb sei der Verteiler extra "so programmiert, dass er jeden Empfänger einzeln anschreibt und zudem zeitverzögert sendet". Dass das funktioniert, bestätigt ein Mitarbeiter der IT-Sicherheit beim BR. Da Spamschutzfilter meist nach einschlägigen Wörtern filterten oder bestimmte Absender blockierten, ließen sich die Mails kaum unterbinden.

    Auch juristisch lässt sich dem Problem schwer beikommen. Denn Spam sei zwar verboten, aber nur dann, wenn es sich dabei um ungebetene Werbung handele, erklärt Niko Härting, ein Berliner Fachanwalt für IT und Datenschutz. Grundsätzlich dürfe man andere Menschen mit politischen Inhalten kontaktieren – auch anonym und ungefragt.

    "Man professionalisiert die Inszenierung von Empörung"

    Fraglich ist allerdings, ob die Spam-Methode besonders effektiv ist. Denn, das sagen alle Experten, mit denen der #Faktenfuchs gesprochen hat: Spam löst bei den meisten Menschen vor allem genervte Reaktionen aus. Die meisten Spam-Mails werden als solche erkannt und landen ungelesen im Papierkorb.

    Andere politische Kampagnen setzten deshalb eher auf "Klasse statt Masse", sagt Jochim Selzer vom Chaos Computer Club: persönliche Mails, Anrufe und Treffen mit Politikern. Für ihn belegt dieses Beispiel daher "vor allem, dass die dahinter Stehenden nicht begriffen haben, wie parlamentarische Entscheidungsprozesse ablaufen".

    Josef Holnburger vom Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS), das interdisziplinäre Expertise zu Themen wie Verschwörungsideologien, Antisemitismus und Rechtsextremismus bündelt, weist noch auf einen anderen Aspekt hin. Per Mail schreibt er dem #Faktenfuchs, vielen Impfkritikern gehe es vor allem darum, die Bedeutung der eigenen Position aufzublähen: "Massenhaft E-Mails sollen den Eindruck einer großen Empörung vermitteln und suggerieren, dass eine breite Öffentlichkeit in diesem Falle beispielsweise gegen die Impfpflicht wäre."

    Zugleich werde bei dieser Kampagne viel dafür getan, den Eindruck von anonymen Massen-Emails zu vermeiden – etwa, indem Politiker persönlich angeschrieben oder unterschiedliche Anhänge versendet werden könnten. Sein Fazit: "Man professionalisiert die Inszenierung von Empörung." Ähnliche Methoden habe es auch bei vergangenen Kampagnen gegeben, "hier scheint aber eine neue Professionalisierung angewendet zu werden", so Holnburger.

    Eine Verantwortliche teilt Inhalte aus verschwörungstheoretischen Gruppen auf Telegram

    Damit bleibt die Frage, wer die Kampagne ins Leben gerufen hat. Im Impressum der Webseite, über die die Mails verschickt werden, findet sich der Name einer Frau aus Köln. Über eine Google-Suche gelangt man zu einer weiteren Corona-kritischen Webseite, in deren Impressum ebenfalls ihr Name steht, sowie zu einem Linked-In-Profil, das sie als Kinderkrankenschwester ausweist.

    Über die zweite Webseite und ihren Telegram-Kanal ruft sie regelmäßig zur Teilnahme an Corona-Demonstrationen in Düsseldorf auf, fast immer geht es dabei um Protest gegen die Einführung einer allgemeinen Impfpflicht. Im Netz finden sich emotionale Reden von ihr, auf einer Demonstration zerreißt sie ein Papier, das ihr Pflegeexamen sein soll. Ob es das wirklich ist, lässt sich nicht überprüfen. Und immer wieder schildert sie, warum sie ihr angeblich fast fertiges Medizinstudium abgebrochen habe: weil es im Gesundheitssystem seit Jahren an Ressourcen fehle, weil es zu wenige Pfleger gebe, weil das System zu sehr auf den Profit und zu wenig auf den Menschen schaue. Neben ihrem Linked-in-Profilbild steht der Satz: "Ich trage keinen weißen Kittel mehr, weil ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann."

    Es sind Punkte, die auch andere seit Jahren kritisieren. Auf dem Telegram-Kanal der Frau aber zeigt sich zudem eine gewisse Vorliebe für Akteure, die seit langem mit Corona-Desinformation auffallen: Mal teilt sie Beiträge vom Kanal des bekannten Verschwörungsideologen Xavier Naidoo, der unter anderem für seine Nähe zur verfassungsfeindlichen Reichsbürger-Bewegung kritisiert wird. Mal ist es ein Link zu einem Video der "Stiftung Corona-Ausschuss", die ebenfalls immer wieder mit der Verbreitung von Falschinformationen auffällt. Und mal ist es ein Link zu einem Gespräch der Maßnahmen-kritischen "Anwälte für Aufklärung", von denen einige der Querdenken-Bewegung nahestehen.

    Doch welche Rolle genau hat die Frau im Rahmen der Spam-Kampagne? Wer sind ihre Mitstreiter? Warum treten sie nicht namentlich auf und warum halten sie andere dazu an, die Massenmails unter Pseudonym zu versenden? Auch auf diese Fragen erhält der #Faktenfuchs nur eine anonyme Antwort: Man habe sich entschieden, die Mails unter Pseudonym zu versenden, weil "Menschen, die die Mainstream-Meinung kritisch hinterfragen", persönlich diffamiert würden, zum Beispiel, "indem man ihnen rechtes Gedankengut" unterstelle. Wer genau hinter der Impf-Kritik per Spam-Mail steckt, bleibt also unklar.

    Fazit:

    Per E-Mail versenden Corona-Skeptiker im Vorfeld der Bundestagsdebatte über die Impfpflicht massenhaft Mails mit Desinformationen rund um die Corona-Impfungen. Darin wird unter anderem fälschlicherweise ein Zusammenhang zwischen einer steigenden Impfquote und hohen Sterberaten hergestellt. Ein vom #Faktenfuchs befragter Experte bezeichnet das als "Desinformation in Reinstform". Genau das Gegenteil sei richtig: Wo die Impfquote besonders hoch sei, falle die Übersterblichkeit geringer aus.

    Während die Desinformation in dem PDF-Dokument längst widerlegt ist, ist das Vorgehen der Kampagnen-Betreiber neu. Über eine Webseite fordern sie ihre Anhänger auf, sich einen neuen E-Mail-Account anzulegen und diesen mit der Webseite zu verknüpfen, sodass die Initiative darüber automatisiert Massenmails versenden kann. Experten bezeichnen das als "Polit-Spam".

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