Es kann schwierig sein, an Impfskeptiker heranzukommen. Wir haben zehn Tipps von Experten gesammelt.
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Es kann schwierig sein, an Impfskeptiker heranzukommen. Wir haben zehn Tipps von Experten gesammelt.

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    #Faktenfuchs: Wie spreche ich mit Impfskeptikern?

    #Faktenfuchs: Wie spreche ich mit Impfskeptikern?

    Freunde oder Verwandte, die noch nicht gegen das Coronavirus geimpft sind, zu überzeugen, kann knifflig sein. Vier Experten geben Tipps, wie man das Gespräch so gestalten kann, dass sich beide Parteien damit wohlfühlen.

    Der Druck auf diejenigen, die bislang eine Corona-Impfung abgelehnt haben, wächst und wächst. Während mittlerweile schon mehr als 15,5 Millionen Menschen in Deutschland ihre dritte Impfung bekommen haben, steht bei manchen die erste noch aus. Wissenschaftlerinnen, Politiker und Ärztinnen betonen immer wieder, wie wichtig die Impfung für die Bekämpfung des Coronavirus ist.

    Sie rufen auch die Bevölkerung dazu auf, bei Freunden und Familienmitgliedern für die Impfung zu werben. Mitte November sagte zum Beispiel die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Video-Podcast: "Ich bitte Sie, machen Sie mit und versuchen Sie Freunde und Verwandte zu überzeugen."

    Doch nach vielen Monaten der Diskussionen sind solche Gespräche häufig emotional stark aufgeladen, sagt der Psychologe Philipp Schmid vom Lehrstuhl für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt. Bei Impfskeptikern, die einem nahestehen, sei es schwierig, eine sachliche Diskussion über die Impfung zu führen. Freunde oder Familienmitglieder seien oftmals "Erweiterung unseres eigenen Selbstverständnisses", sagt er. "Wir möchten dann, dass diese Personen auch in einer Art und Weise denken und agieren, mit der wir uns selbst identifizieren können." Täten sie das nicht, mache uns das oft sauer.

    Publizistin und Kommunikations-Expertin Ingrid Brodnig sagt, es sei für ein Gespräch wichtig zu unterscheiden, ob jemand verunsichert oder es schon Teil der Überzeugung sei, sich nicht impfen zu lassen. Laut dem "Kommunikationshandbuch zum Covid19-Impfstoff", das mehrere internationale Wissenschaftler verfasst haben, sind etwa ein Drittel der Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, engagierte Impfgegner und glauben an Verschwörungsmythen. Wer dagegen eher verunsichert ist, lasse sich laut Brodnig wesentlich leichter erreichen.

    "Menschen sind nicht irgendwie resistent gegen wissenschaftliche Evidenz, sondern lassen sich schon auch überzeugen", sagt Schmid. Man müsse nur die Art und Weise, wie man etwas darstelle, gut überlegen. Wie es gelingen kann, ein solches Gespräch zu führen, auf welche Argumente man sich vorbereiten sollte und wie man diejenigen, die sich bei der Impfung noch unsicher sind, am ehesten überzeugen kann, hat der #Faktenfuchs mit verschiedenen Expertinnen und Experten besprochen.

    Zehn Tipps für ein Gespräch über die Corona-Impfung

    1. Ängste ernst nehmen und Wertschätzung zeigen

    Viele Impfmythen bauen auf bestehende Ängste auf, sagt Brodnig - zum Beispiel die weitverbreitete Falschbehauptung, eine Impfung würde unfruchtbar machen. Wenn man schlicht sagt, das sei Unsinn, besteht die Gefahr, dass man die Emotionen der anderen Person herunterspielt, sagt Brodnig. Deswegen sei wichtig, die Emotionen, die im Hintergrund stehen, ernstzunehmen.

    Für beide Seiten kann es helfen, erst einmal zuzuhören, den anderen ausreden zu lassen und zu versuchen, sich in dessen Perspektive zu versetzen, sagt Katrin Schmelz, Psychologin und Verhaltensökonomin am Exzellenzcluster "Politik von Ungleichheit" an der Uni Konstanz und am Thurgauer Wirtschaftsinstitut. Es sei wichtig, eine "wertschätzende Grundhaltung" zu entwickeln. "Man muss erst mal und wirklich von Grund auf akzeptieren, dass der andere eine andere Meinung hat."

    Psychologe Philipp Schmid von der Uni Erfurt sagt, man solle nicht von vornherein verurteilen, welche Meinung der andere hat. "Man muss sich bewusst machen, dass auch wir selbst in der Situation sein könnten, wenn wir bestimmte Medien konsumiert hätten, andere Ansprechpartner oder Entwicklungen durchlaufen hätten."

    "Sprechen Sie die bestehenden Emotionen an und betonen sie: Ich merke, dass dir das wichtig ist", sagt Brodnig. Wenn jemand zum Beispiel von einem Facebook-Post erzählt, der ihm Angst gemacht hat, rät auch Schmid zu sagen: "Ja, das habe ich auch gesehen und fand es erstmal beängstigend." So könne man bestätigen, dass so ein Post tatsächlich einen Effekt auf Menschen hat.

    Durch diese Wertschätzung tue sich eine Person leichter, einem zuzuhören, wenn man anschließend in der Sache widerspricht und den Mythos widerlegt, sagt Brodnig. Auch bei anderen Argumenten kann es helfen so einzusteigen: "Ich schätze dich, du bist mir wichtig und du bist ein guter Freund. Aber da muss ich dir im Inhalt widersprechen."

    2. Fragen stellen

    Eine Möglichkeit, dem anderen Raum zu lassen und seine Zweifel äußern zu können, ist, offene Fragen zu stellen, sagt Schmid. Zum Beispiel: "Warum genau machst du dir Sorgen?" Brodnig empfiehlt auch: Je fester die Anti-Impfhaltung einer Person ist, desto weniger solle man rein mit Fakten dagegenhalten, sondern Fragen stellen, die Zweifel nähren können. Zum Beispiel: "Warum glaubst du gerade dieser Person? Wie passt das eine mit dem anderen zusammen?" So könne man Bruchlinien von Impfmythen aufzeigen und ein Gespräch lenken, ohne total dagegenzuhalten.

    3. Nicht nur über das Falsche reden

    Eine Gefahr in einem solchen Gespräch ist, dass man nur widerspricht und verneint. "Achten Sie darauf, nicht nur über das Falsche zu sprechen", sagt Brodnig. Stattdessen sei es wichtig, soweit man selbst Bescheid weiß, die richtigen Fakten der Wissenschaft zu betonen und sozusagen ins Schaufenster der Argumentation zu stellen. Der #Faktenfuchs hat häufige Behauptungen am Ende dieses Texts gesammelt.

    4. Informationsangebot geben

    Laut Psychologe Philipp Schmid ist ein weiterer wichtiger Schritt neben offenen Fragen und respektvollem Umgang das Informationsangebot. Hier empfehlen die Experten, eher zu sagen: "Ich habe genau dazu ein paar wirklich interessante Infos bekommen" oder "Ich beschäftige mich damit auch schon sehr lange und intensiv - und wenn du möchtest, sage ich dir, was ich über den Post denke" - anstatt dem anderen direkt zu sagen, dass er falsch liegt. Wichtig ist dabei, nicht belehrend zu wirken, sagt Schmid.

    Im "Kommunikationshandbuch" von internationalen Forschern zur Impfung wird als wichtiger Punkt genannt, auch Risiken offen zu kommunizieren. So solle man zum Beispiel anerkennen, dass die Impfstoffe tatsächlich eine Impfreaktion hervorrufen und Nebenwirkungen haben können.

    Medizinisches Wissen und Informationen direkt von Menschen, die im Gesundheitsbereich arbeiten, ist laut wissenschaftlichen Untersuchungen auch das, was Skeptiker am ehesten überzeugt. Dagegen sind weder Appelle an Solidarität und Gemeinwohl noch finanzielle Anreize erfolgsversprechend, um die Impfbereitschaft zu erhöhen. Ungeimpften moralische Vorwürfe zu machen, kann nach hinten losgehen.

    5. Konkrete Beispiele mit Statistiken verbinden

    Statistiken liefern zwar häufig wichtige Informationen - aber sie sind wenig einprägsam. Deswegen raten die Experten, Statistiken mit Anekdoten zu verknüpfen - wenn man denn selbst einen passenden Fall kennt. Alternativ kann man, wenn es zum Beispiel um die Belegung von Intensivstationen geht, nach Berichten aus Krankenhäusern in der eigenen Umgebung suchen. "Wenn wir Einzelschicksale kennenlernen, dann berührt uns das sehr stark", sagt Roland Deutsch, Psychologie-Professor an der Universität Würzburg. Das hilft, sich etwas leichter zu merken.

    Laut Deutsch empfiehlt es sich, bei komplizierten Statistiken mit Bildern und Grafiken zu arbeiten statt nur mit Zahlen. "Es hilft, wenn Informationen für unseren geistigen Apparat verdaulich präsentiert werden."

    6. Beispiele aus Quelle suchen, der die Person vertraut

    Brodnig rät außerdem zu überlegen, ob es eine seriöse Quelle gibt, der die Person noch vertraut - zum Beispiel eine Lokalzeitung oder der lokale Sender. "In einer perfekten Welt würden Menschen immer den hauptsächlichen Expertinnen und Experten zuhören", sagt Brodnig. "Aber Vertrauenswürdigkeit wird manchmal über Expertise gestellt". Man hört also denen zu, zu denen man Vertrauen hat - unabhängig davon, wie zuverlässig deren Informationen sind. Die Aufgabe ist also, eine Quelle zu finden, die beides vereint: Expertise und Vertrauen des Gegenübers.

    Dann lohnt es sich zu schauen, welche Beiträge das Medium zum Streitthema veröffentlicht hat, und diese in die Diskussion einzubringen. Psychologin und Verhaltensökonomin Katrin Schmelz gibt den Tipp, man könne solche Beiträge auch gemeinsam recherchieren.

    7. Aus eigener Perspektive erzählen

    Es kann auch helfen, aus der eigenen Perspektive zu erzählen - zum Beispiel davon, warum man selbst sich für eine Impfung entschieden hat. Laut dem Handbuch internationaler Gesundheitsexperten kann es die Akzeptanz von Impfstoffen erhöhen, wenn Vorbilder, Freunde oder Familie sich bereits haben impfen lassen.

    Außerdem: "Manchmal ist es für Menschen leichter verkraftbar, wenn jemand eine andere Haltung vertritt, wenn dies als Ich-Botschaft rübergebracht wird", sagt Brodnig. Laut Schmelz kann es auch helfen, in der Argumentation bei den eigenen Gefühlen zu bleiben und beispielsweise zu sagen: "Ich habe Angst, dass du dich ansteckst."

    8. Hürden gering halten, die Meinung zu ändern

    Je länger jemand bei der Entscheidung bleibt, mit der Impfung noch abzuwarten oder sich gar nicht impfen zu lassen, desto schwieriger kann es für sie oder ihn werden, die Meinung zu ändern. Für manche stehe sehr viel auf dem Spiel, sagt der Sozialpsychologe Roland Deutsch von der Universität Würzburg. "Wenn ich mich einmal in so etwas rein begeben habe und das auch öffentlich gesagt habe, dann ist damit natürlich auch eine Schmach verbunden."

    Auch Brodnig warnt davor, dass Widerspruch - auch wenn er faktisch richtig ist - sich für die betroffene Person wie ein Angriff auf die eigene Integrität anfühlen könne. "Niemand möchte das Gefühl haben, dass man beim Diskutieren verloren hat." Um diese Situation zu vermeiden, sollte man sich laut Brodnig immer überlegen, ob die Person die Möglichkeit hat ihre Meinung zu ändern, ohne das Gesicht zu verlieren.

    9. Zeit lassen

    Viele der Tipps, die Experten für ein Gespräch über die Corona-Impfung geben, sollen helfen, den Dialog nicht abbrechen zu lassen. Tatsächlich kann es gut sein, dass ein einziges Gespräch nicht ausreicht. "Ein Fehler ist sicher, den anderen zu überrumpeln oder zu schnell überreden zu wollen", sagt die Psychologin Katrin Schmelz. Man könne seine Meinung ändern, aber das brauche Zeit. Auch Brodnig rät, nicht zu viel Druck in einem einzelnen Gespräch machen. "Lassen Sie es lieber mal liegen, weil manchmal ist es so, dass es ein, zwei, drei solcher Gespräche gibt, und irgendwann schreibt die Person dann eine SMS und sagt 'Heute habe ich den ersten Stich bekommen'." Man solle sich auch keine unrealistischen Ziele setzen und enttäuscht sein, wenn es nicht klappt.

    10. Die häufigsten Falschbehauptungen kennen

    Hilfreich kann es auch sein, sich vorab mit Behauptungen zur Corona-Impfung auseinanderzusetzen. "Es ist wichtig, diese häufigsten Falschmeldungen zu kennen", sagt Brodnig. Einen Überblick kann man sich bei Faktencheckern verschaffen. Der #Faktenfuchs zum Beispiel hat hier die Behauptung überprüft, ob die Corona-Impfstoffe zu Erektionsstörungen führen können. Oder in diesem Video gezeigt, dass die Impfung das Erbmaterial nicht verändern kann:

    Video: Verändert die Corona-Impfung das Erbgut?

    Manche Behauptungen werden immer wieder als Argumente gegen die Covid-Impfung gebracht, sind aber im Grunde einfach zu entkräften. Der #Faktenfuchs hat vier der häufigsten davon gesammelt, die in einem Gespräch mit Impfskeptikern auftauchen könnten:

    Vier der häufigsten Behauptungen im Check

    Behauptung 1: "Die Covid-Impfstoffe wurden zu schnell entwickelt"

    Die kurze Antwort: Die Entwicklung der Impfstoffe profitierte unter anderem von der Forschung zu anderen Coronaviren und von optimierten Zulassungsprozessen. Außerdem forschten gleichzeitig mehrere Wissenschaftler weltweit an Covid-Vakzinen. Das macht die Impfstoffe nicht weniger sicher oder wirksam als solche, deren Entwicklung länger gedauert hat.

    Die lange Antwort: Tatsächlich ist die Impfstoffentwicklung normalerweise ein sehr langwieriger Prozess, der meist mehrere Jahre dauert. Das liegt daran, dass ein Impfstoffkandidat zuerst alle Phasen der Arzneimittelentwicklung durchlaufen muss: Am Anfang wird der Krankheitserreger isoliert, charakterisiert und geeignete Antigene identifiziert, die einen Immunschutz hervorrufen sollen. Dann folgt die Entwicklung des Impfstoffkandidaten, der dann in klinischen Prüfungen getestet wird. Damit ein Impfstoff eine Zulassung erhalten kann, müssen Qualität, Unbedenklichkeit und Wirksamkeit belegt werden. Außerdem muss der Nutzen die Risiken überwiegen.

    Auch die Covid-Impfstoffe durchliefen diesen Prozess - allerdings konnten sie von drei Dingen profitieren: Behördliche Zulassungsprozesse wurden optimiert und beschleunigt, die verschiedenen Phasen der klinischen Prüfung konnten kombiniert werden und die Impfstoff-Entwicklung konnte von bereits vorhandener Forschung zu Coronaviren profitieren. Da das Coronavirus die ganze Welt betraf, wurden weltweit gleichzeitig verschiedene Impfstoffe entwickelt und viel Geld in deren Entwicklung investiert.

    Video: Schnelle Entwicklung der Corona-Impfstoffe

    Die Covid-Impfstoffe, die in Deutschland und der EU zugelassen sind, haben eine bedingte Zulassung erhalten, die jährlich erneuert werden kann. Das bedeutet, dass zum Beispiel strengere Überwachungsverfahren für die Produktion gelten. Die häufig geäußerte Behauptung, die Covid-Vakzine hätten lediglich eine "Notzulassung", stimmt nicht. Mehr dazu, wie das Zulassungsverfahren eines Impfstoffs funktioniert, können Sie hier nachlesen.

    Behauptung 2: "Die Langzeitwirkungen sind nicht erforscht"

    Kurze Antwort: Langzeitwirkungen sind bei Impfstoffen unwahrscheinlich.

    Die lange Antwort: Laut dem Robert Koch-Institut (RKI) treten die meisten Nebenwirkungen kurze Zeit, in der Regel innerhalb weniger Tage bis einige Wochen nach der Impfung auf. Außerdem werden die Impfstoffe auch nach der Zulassung vom Paul-Ehrlich-Institut weiter aktiv überwacht.

    "Nebenwirkungen, die unerwartet und erst lange Zeit (z.B. mehrere Jahre) nach der Impfung auftreten, sind noch bei keiner Impfung beobachtet worden und sind auch bei den Covid-19-Impfstoffen nicht zu erwarten." Webseite des RKI

    Diese Einschätzung teilen auch Experten, etwa Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, im ARD-Morgenmagazin: "Der große Vorteil bei den Covid-19-Impfungen ist ja, dass wir diesen Impfstoff in kurzer Zeit bei vielen Menschen angewendet haben", sagte Watzl. "Daher kennen wir die seltenen Nebenwirkungen wie Sinusvenenthrombosen, Myokarditis und andere bereits."

    Die Covid-19-Impfstoffe seien in Bezug auf seltene Nebenwirkungen bereits besser erforscht als andere Vakzine. Weltweit wurden die Impfstoffe bereits mehr als acht Milliarden mal verimpft. "Nebenwirkungen einer Impfung treten immer innerhalb von wenigen Wochen nach der Impfung auf", betonte Watzl. "Dass ich heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten."

    Behauptung 3: "Die Impfung verhindert weder Infektion noch Übertragung"

    Die kurze Antwort: Auch nach der Impfung kann man sich mit dem Coronavirus infizieren und diesen auch an andere weitergeben. Die Impfung schützt aber vor einem schweren Verlauf der Krankheit und Geimpfte spielen eine wesentlich geringere Rolle bei der Belastung des Gesundheitssystems.

    Die lange Antwort: Geimpfte und Genesene spielen eine wesentlich geringere Rolle für das Infektionsgeschehen als Ungeimpfte, sagte der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften dem #Faktenfuchs. Die Zahlen zeigten sehr deutlich, "dass die Ungeimpften sich wesentlich häufiger infizieren und damit auch das Infektionsgeschehen so richtig antreiben".

    Das bestätigt auch eine neue Modellierung der Humboldt-Universität zu Berlin, die gerade erst veröffentlicht wurde. Die Forscher gehen davon aus, dass Ungeimpfte an acht bis neun von zehn Neuinfektionen beteiligt sind

    Es stimmt, dass eine Corona-Impfung keinen hundertprozentigen Schutz vor einer Ansteckung bietet - laut Informationen des Bundesgesundheitsministeriums zeigten Studien aber, "dass eine gegen COVID-19 geimpfte Person nach Kontakt mit SARS-CoV-2 mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erkranken wird." Über welchen Zeitraum der Impfschutz besteht, wird derzeit noch untersucht.

    Falls sich Geimpfte dennoch infizieren, können sie zwar genauso viele Viren ausscheiden wie Ungeimpfte. Die Phase der Virusausscheidung ist aber bei Geimpften deutlich kürzer, wie Sie auch im FAQ von BR Wissen zur Corona-Impfung nachlesen können. Wie stark eine Impfung die Übertragung des Virus tatsächlich reduziert, lässt sich aber laut RKI noch nicht genau bestimmen.

    Behauptung 4: "Testen ist sicherer als Impfen"

    Die kurze Antwort: Schnelltests sind nicht immer zuverlässig und können deshalb nur eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme sein.

    Die lange Antwort: Selbst wenn ein Schnelltest richtig durchgeführt wurde, schlägt der Test nur bei den Infizierten zuverlässig an, die gerade sehr viele Viren im Hals und Rachen haben. Laut einer Zusammenfassung von 64 Studien dazu durch das Forschungsnetzwerk Cochrane erkennen die Schnelltests die Infektion am besten in der ersten Woche nach Beginn der Symptome. In dieser Studie ging es nur um Schnelltests, die von Profis durchgeführt wurden, nicht um Selbsttests.

    Nicht alle Antigen-Schnelltests haben die gleiche Qualität: Rund ein Fünftel der Antigen-Schnelltests in Europa hatten nicht die Sensitivität, die sie eigentlich haben sollten, geht aus einer Untersuchung des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) hervor. Das liege auch daran, dass Hersteller die COVID-19-Tests selbst zertifizieren und auf eine unabhängige Prüfung der Tests verzichten können, bevor sie sie auf den Markt bringen, schreibt das PEI.

    Das Ergebnis von PCR-Tests ist zuverlässiger. Aber vor einer Infektion schützt auch ständiges Testen nicht. Und laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) zeigt die aktuelle Studienlage: Das Risiko, dass vollständig Geimpfte und Genesene innerhalb der ersten sechs Monate nach durchgemachter Infektion das Virus übertragen, ist geringer als bei lediglich negativ getesteten Personen.

    Man muss nicht alle Falschbehauptungen kennen

    Wer sich auf ein Gespräch mit einer Person vorbereiten will, die der Impfung skeptisch gegenübersteht, muss aber dennoch nicht sämtliche Falschbehauptungen und deren Entkräftung auswendig lernen. Das sei auch nicht möglich, sagt der Psychologe Schmid von der Universität Erfurt. "Wenn man Wissenschaft leugnet, kann man einfach alles sagen. Und dann ist es schwer, sich auf ein solches Gespräch vorzubereiten." Was aber laut Schmid helfen kann: Die fünf häufigsten Techniken von Wissenschaftsleugnern zu kennen.

    1. Pseudoexperten

    Wenn im Gespräch Experten zitiert werden, sollte man genauer hinhören. Wer sind diese Experten - und handelt es sich bei einem "Dr." tatsächlich um einen Mediziner mit dem entsprechenden Fachwissen?

    2. Unmögliche Erwartung

    Wenn Gesprächspartner zum Beispiel argumentieren, dass Impfungen zu hundert Prozent sicher sein sollten und sie sich deshalb nicht impfen lassen, dann ist das laut Schmid eine unmögliche Erwartung. "Kein medizinisches Produkt kann zu hundert Prozent sicher sein", sagt Schmid.

    3. Verschwörungstheorie

    Kommt das Gegenüber mit einer Verschwörungstheorie, dann besteht die Gefahr, dass man sich schnell im Kreis dreht. Da sei es "wirklich schwer dagegen zu argumentieren", so Schmid. Es kann aber helfen, die Verschwörungstheorie als solche zu benennen.

    4. Rosinenpicken

    Nur die Daten werden aus einer Statistik oder Studie herausgepickt, die das eigene Weltbild stützen aber nicht unbedingt repräsentativ sind. Das kann auch bei bestimmten Einzelfällen aus dem eigenen Umfeld so sein: "Ein gutes Beispiel dafür ist die Oma von der Tante von meiner Cousine, die nach der Impfung das und das erfahren hat. Und wenn man dann von den Nebenwirkungen berichtet, dann ignoriert man natürlich die großen Fakten, wie gut es bei all den anderen Menschen verlaufen ist."

    5. Falsche Logik

    Kommt der Gesprächspartner zum Beispiel mit dem Argument "Die Impfung ist nicht natürlich und deshalb ist sie schlecht", kann man auf die falsche Logik in diesem Satz hinweisen. "Es ist ein logischer Fehlschluss, von Natürlichkeit auf irgendetwas zu schließen. Wir können uns den Löwen vorstellen, der hinter uns her rennt und uns essen will. Mit Sicherheit ein extrem natürlicher Vorgang, aber mit Sicherheit nicht gut für uns."

    Fazit

    Im Gespräch mit einer Person, die noch unentschlossen ist oder der Impfung skeptisch gegenüber steht, ist wichtig, der Person Wertschätzung zu zeigen und ihre Ängste ernst zu nehmen. Es ist auch wichtig, Informationen anzubieten und das Richtige in den Vordergrund zu rücken, aber auch, dem Gegenüber offene Fragen zu stellen. Weil sich Statistiken und Zahlen schlechter einprägen, ist es gut, sie mit konkreten Beispiel zu verbinden.

    Es kann auch helfen, Quellen heranzuziehen, denen die Person selbst vertraut - zum Beispiel eine Lokalzeitung. Auch ist es ratsam, die Hürden gering zu halten, damit das Gegenüber die Meinung ändern kann, ohne das Gesicht zu verlieren. Wenn man zu viel Druck aufbaut, kann es schaden - lieber sollte man mehrere Gespräche führen und sich Zeit lassen. Zuletzt kann es nützlich sein, häufige Argumente zu kennen und deren Auflösung.

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