Medizinisches Personal zieht eine Spritze mit Impfstoff auf. Es gibt keine Indizien, dass die Impfung zu mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt.
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Hand und Spritze

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#Faktenfuchs: Nicht mehr Herzinfarkte nach Covid-Impfung

#Faktenfuchs: Nicht mehr Herzinfarkte nach Covid-Impfung

Im Netz wird häufig behauptet, die Covid-Impfung führe zu mehr Herzinfarkten und Schlaganfällen. Auch eine Grafik des RKI soll dies beweisen. Doch Wissenschaftler und Ärzte sehen keine Hinweise für einen Anstieg der Fälle, zeigt dieser #Faktenfuchs.

Es ist eine der häufigsten Behauptungen, die aktuell rund um die Impfkampagne gegen das Coronavirus umgeht: Wegen der Impfung gebe es mehr Schlaganfälle und Herzinfarkte, vor allem junge Menschen seien betroffen.

Hinweise zu diesen Behauptungen sowie Fragen zu einem möglichen Zusammenhang der Erkrankungen und der Impfung haben den #Faktenfuchs in den letzten Wochen häufig per Mail erreicht.

Verbreitet wird das Narrativ, neben Kommentaren in sozialen Netzwerken, auch von impfskeptischen Mitarbeitern aus dem Gesundheitsbereich und Pseudo-Wissenschaftlern. Auch unter dem Hashtag “plötzlichundunerwartet” wird vor allem der Tod von jüngeren oder vermeintlich gesunden Menschen in einen Zusammenhang mit der Impfung gesetzt.

Der #Faktenfuchs hat mit Neurologen und Kardiologen aus Wissenschaft und Praxis gesprochen und Studien rund um Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang mit der Impfung gelesen. Dieser Faktencheck zeigt, dass es für die Behauptungen, die Impfung führe zu mehr Schlaganfällen oder Herzinfarkten, keinerlei Indizien gibt.

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Solche Behauptungen und Gerüchte finden sich in den sozialen Netzwerken zuhauf. Belege gibt es in der Regel nicht.

Behauptungen: Angeblich mehr Schlaganfälle oder Herzinfarkte durch Impfung

In einem mehr als eine Million Mal angeklickten Video auf Youtube spricht der Leiter einer Intensivstation der Unfallklinik Murnau von vielen Herzinfarkten und Schlaganfällen. Er behauptet, die Zahl sei um 25 Prozent gestiegen - wie angeblich in ganz Bayern.

Eine Sprecherin der Murnauer Klinik kommentiert die Aussagen des Stationsleiters nicht, schreibt aber, die "angesprochenen Zahlen und Zusammenhänge" seien "nicht bekannt".

Klar ist jedoch: Abgesehen davon, dass es noch keine gesammelten Zahlen aus 2021 zu Herzinfarkten und Schlaganfällen gibt, lässt sich aus den absoluten Zahlen auch kein etwaiger Zusammenhang mit der Impfung ableiten.

Was man weiß, ist Folgendes: Die Zahl der Schlaganfälle in Bayern ist über Jahre gestiegen, zwischen 2011 und 2016 war es ein Zuwachs von acht Prozent - ganz ohne Impfung oder Pandemie.

Zahl von Herz-Kreislauf-Patienten zuletzt schwer zu ermitteln

Hinzu kommt: Die Pandemie schafft eine Sondersituation. Markus Naumann ist Direktor der Neurologie am Universitätsklinikum Augsburg. Im Gespräch mit dem #Faktenfuchs sagt er: In den Jahren 2020 und 2021 sei die Zahl der Patienten mit Schlaganfällen auf seinen Stationen sogar rückläufig gewesen.

Aufgrund der Pandemie-Situation seien einige Menschen trotz Symptomen nicht ins Krankenhaus gegangen. Deshalb ist es schwierig, die tatsächliche Zahl von Herz-Kreislauf-Patienten in den vergangenen zwei Jahren zu ermitteln.

Auch das wissenschaftliche Institut der AOK sowie die Zahlen der Bayerischen Arbeitsgemeinschaft für Qualitätssicherung (BAQ) zeigen, dass während der Pandemie die Zahl der im Krankenhaus behandelten Herzinfarkt- und Schlaganfall-Patienten stark rückläufig war.

Außerdem schwanken die Fallzahlen über die Jahre hinweg. Das schreibt auch eine Sprecherin des Klinikums Nürnberg auf #Faktenfuchs-Anfrage. Mit den Fallzahlen lasse sich deswegen kein Zusammenhang mit der Impfung belegen oder entkräften.

Der Augsburger Neurologe Markus Naumann sagt: "Wir beobachten hier an der Uniklinik in Augsburg an unserer neurologischen Klinik keine auffällige Steigerung von Schlaganfällen seit Beginn der Impfkampagne." Er betont auch:

"Es gibt keine wissenschaftliche Grundlage und keinerlei Evidenz, dass es nach einer Impfung vermehrt zu Schlaganfällen kommt." Markus Naumann, Direktor der Neurologie am Uniklinikum Augsburg

Auch das Paul-Ehrlich-Institut, das Impfnebenwirkungen registriert und auswertet, beobachtet keine Auffälligkeiten von Schlaganfällen in Zusammenhang mit den Covid-Impfungen.

Auch bei Herzinfarkten keine Auffälligkeiten

Ähnlich bewertet Michael Böhm die Erkenntnisse im Hinblick auf Herzinfarkte. Böhm ist Professor für Kardiologie am Uniklinikum des Saarlandes, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Verlässliche Zahlen, aus denen sich ein Zusammenhang zwischen Herzinfarkten und der Impfung schließen lasse, gebe es nicht, sagt Michael Böhm. Er betont zwar, dass die Studienlage hinsichtlich Vergleichsstudien mit Kontrollgruppen nicht perfekt sei. Dennoch deute aktuell nichts darauf hin, dass das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, durch eine Impfung erhöht wird.

"Ich sehe die Impfung aus kardiologischer Sicht als unproblematisch an" - Michael Böhm, Professor für Kardiologie und Mitglied der Leopoldina

Insbesondere infarktgefährdete Menschen sollten sich auf jeden Fall impfen lassen, so Böhm, sie gehörten zur Covid-19-Risikogruppe.

Gegen eine impfbedingte Häufung von Herzinfarkten spricht auch die "Observed-versus-Expected Analyse" des Paul-Ehrlich-Instituts. Danach liegt die Anzahl an Herzinfarkten, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung gemeldet wurde, innerhalb des statistisch zu erwartenden Bereichs. Das heißt: Vergleicht man kürzlich Geimpfte mit ähnlich vielen Menschen ohne vorangegangene Impfung, treten in beiden Gruppen etwa gleich viele Herzinfarkte auf.

Risiko einer Herz-Kreislauferkrankung steigt - für Infizierte

Kardiologe Michael Böhm hat "keinerlei Sicherheitsbedenken" im Hinblick auf die Impfung. Er betont, dass das Risiko hingegen deutlich erhöht sei, aufgrund einer Covid-Erkrankung einen Herzinfarkt zu erleiden.

Eine Auswertung mehrerer Studien, die im Fachmagazin "International Journal of Stroke" erschienen ist, beziffert das Risiko von Covid-19 Patienten, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden, auf 1,4 Prozent. Danach seien insbesondere jüngere Menschen gefährdet. Was also über Geimpfte behauptet wird, trifft laut der Ende 2020 veröffentlichten Auswertung tatsächlich auf Infizierte zu.

Eine Studie aus Frankreich hat die Anzahl der Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Über-75-Jährigen nach einer Impfung mit dem Vakzin von Biontech untersucht. Das Ergebnis: In den ersten 14 Tagen nach der Impfung treten nicht vermehrt akute Herzinfarkte und Schlaganfälle auf.

Unseriöser Abstract kein Beleg für erhöhtes Herzinfarktrisiko

In einem häufig geteilten und mehrfach an den #Faktenfuchs geschickten Artikel, der auf der Internetseite "Zentrum der Gesundheit" veröffentlicht wurde, wird behauptet: Wissenschaftler hätten Belege gefunden, dass eine Langzeitfolge der Impfung ein Herzinfarkt sei.

Als Beweis führen die Autoren ein Testsystem namens PULS an. Damit seien nach der Impfung erhöhte Proteinwerte festgestellt worden, was laut der Autoren des im Kardiologie-Fachmagazin "Circulation" veröffentlichten Abstracts ein Indikator für ein erhöhtes Herzinfarkt-Risiko sei. Die erhöhten Proteinwerte sind ein Signal für Entzündungsprozesse im Körper, die wiederum einen Infarkt begünstigen.

Der Kardiologe Michael Böhm schreibt in einer Stellungnahme zu dem veröffentlichten Abstract, es handelt sich bei PULS um ein kommerzielles Testsystem, "das zur Vorhersage von vaskulären Ereignissen entwickelt wurde. Dieses Testsystem hat sich in der kardiologischen Literatur bei diesen Fragen nicht vollständig durchgesetzt."

Eine Messung von Entzündungswerten nach der Impfung sei jedenfalls nicht aussagekräftig. "Es sind in der Tat inflammatorische Marker, die natürlich nach jeder Impfung auftreten, da die Entzündungskaskade aktiviert ist. Eine direkte Assoziation zu den Endpunkten Herzinfarkt und Komplikationen ist nicht belegt. Daher ist auch die Schlussfolgerung nicht ausreichend belegt."

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Ein Artikel auf der Seite "Zentrum der Gesundheit" verweist auf einen Abstract, den wissenschaftliche Mängel aufweist.

Autor von fragwürdiger Veröffentlichung kein anerkannter Wissenschaftler

Der Autor der Studie, Steven R. Gundry, sei in der wissenschaftlichen Community nicht bekannt, weitere Veröffentlichungen bei "PubMed", einer Literaturdatenbank für medizinische Forschung, ließen sich nicht finden, so Böhm. "Das lässt darauf deuten, dass es sich nicht um einen Wissenschaftler handelt."

Laut einem Faktencheck von Reuters ist Gundry ein ehemaliger Herzchirurg, der nun pseudowissenschaftliche Ernährung promotet.

Aufgrund der mangelnden wissenschaftlichen Belege hat das Fachmagazin "Circulation" einen Warnhinweis zu dem Abstract veröffentlicht.

RKI-Report: Steiler Anstieg in Notaufnahmen nicht auf Impfung zurückzuführen

Als vermeintlicher Beleg für die Behauptungen rund um Schlaganfälle und Herzinfarkte dient auch ein Bericht des Robert-Koch-Instituts (RKI). Im Notaufnahme-Situationsreport fasst das Institut den Betrieb von sieben deutschen Notaufnahmen zusammen.

Angegeben werden auch die "Vorstellungsgründe" - also aus welchem Grund jemand in eine Notaufnahme kommt. Demnach gab es Ende April 2021 einen steilen Anstieg der "kardiovaskulären" und der "neurologischen" Vorstellungsgründe.

Tatsächlich handelt es sich laut RKI um eine Anpassung der Messvariablen in einer der sieben Notaufnahmen. "Der auffällige Anstieg kardiologischer und neurologischer Vorstellungsgründe, der seit Ende April zu beobachten ist, geht auf eine solche Änderung der Dokumentationspraxis in einer einzelnen Notaufnahme zurück", schreibt eine RKI-Sprecherin auf #Faktenfuchs-Anfrage.

Die Vorstellungsgründe seien in jener Notaufnahme erst seit Ende April nach CEDIS-PCL, einem kanadischen Kodiersystem, dokumentiert worden. Das hat laut RKI zufolge, "dass diese vor diesem Zeitraum nicht als Fälle in den entsprechenden Graphen (neurologische und kardiovaskuläre Vorstellungen) erschienen sind".

Eine Schlussfolgerung auf spezifische Erkrankungen wie etwa Schlaganfälle sei aus den Zahlen ebenfalls nicht möglich. "Generell ist wichtig zu verstehen, dass Vorstellungen keine Diagnosen sind und dass Vorstellungsgründe relativ ungenau sind. Beispielsweise zählen auch Kopfverletzungen zu den neurologischen Vorstellungen", schreibt eine Sprecherin des RKI.

Vage Behauptungen ohne Belege

In vielen Fällen wird die Behauptung, dass die Impfung zu mehr Schlaganfällen und Herzinfarkten führe, auch gerne mit Geschichten aus dem Bekanntenkreis oder persönlichen Umfeld untermauert. Belege dafür, dass diese Fälle wirklich existieren und in Zusammenhang mit der Impfung stehen, werden meist nicht geliefert.

Dass es häufig im privaten Umfeld zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommt, ist nicht überraschend. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind alles andere als selten, laut RKI sind sie ursächlich für etwa 40 Prozent aller Todesfälle hierzulande. Auch jüngere Menschen sind betroffen: Jährlich erleiden rund 30.000 Menschen unter 55 Jahren einen Schlaganfall.

Fazit

Für die Behauptung, die Impfung erhöhe das Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden, gibt es keine wissenschaftlichen Indizien. Fachleute beobachten keinen auffälligen Anstieg dieser Erkrankungen, wie häufig behauptet wird. Auch genaue Zahlen, die einen solchen Anstieg belegen würden, gibt es aktuell nicht.

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