BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern
© Robyn Beck / AFP
Bildrechte: Robyn Beck / AFP

Die Behauptungen der sogenannten "Pathologenkonferenz" über Covid-Impfungen sind methodisch und inhaltlich fragwürdig und nicht belegbar.

70
Per Mail sharen

    #Faktenfuchs: "Pathologenkonferenz" beweist keine Impfschäden

    Unter dem Stichwort "Pathologenkonferenz" werden schwerwiegende Vorwürfe verbreitet: Die Covid-Impfung habe schwere Folgen und könne zum Tod führen. Doch die Behauptungen zweier Pathologen sind methodisch und inhaltlich fragwürdig und nicht belegbar.

    Von
    Fabian DilgerFabian Dilger
    70
    Per Mail sharen

    Auch ein Dreivierteljahr nach der ersten Covid-Impfung in Deutschland wird immer noch behauptet, die Impfung könne viele Menschen schwer erkranken oder gar sterben lassen. Solche falschen Narrative halten sich hartnäckig und werden von Gegnern der Impfung immer wieder verbreitet.

    Unter dem Stichwort "Pathologenkonferenz" tauchen derzeit Behauptungen auf, die das bekannte Narrativ der Impf-Schäden mit einem angeblichen wissenschaftlichen Anstrich versehen. Es wird erstens suggeriert, dass Impf-Nebenwirkungen häufiger als bisher bewiesen auftreten können. Zweitens wird versucht, durch Obduktionen verstorbener Menschen zu beweisen, dass die Covid-Impfung zu schweren Schäden und Erkrankungen führen könne: die Rede ist von einer "überschießenden" Reaktion des Immunsystems, Schädigungen von Organen und einer anormalen Reaktion von Blutkörperchen. Und drittens wird behauptet, dass die Impfstoffe "Fremdkörper" enthielten, die potenziell schädlich seien.

    Warum die dahinter stehende Arbeitsweise wissenschaftlich nicht haltbar ist und die Aussagen irreführende Behauptungen sind, hat der #Faktenfuchs recherchiert.

    Wer war an der "Pathologenkonferenz" beteiligt?

    An der "Pathologenkonferenz" waren zwei Gruppen beteiligt, die in der Vergangenheit mit Falschbehauptungen zu Corona aufgefallen sind. Das Video der Konferenz trägt das Logo "Stiftung Corona-Ausschuss". Diese Gruppe ist eine bekannte Größe in der Querdenken-Bewegung und verbreitet immer wieder irreführende Informationen.

    Die Konferenz wurde laut einer Pressemitteilung vom Verein "Anwälte für Aufklärung" übertragen. Dieser Verein gehört ebenfalls in das Spektrum der Anti-Corona-Bewegung und stellt zum Beispiel die Zahlen der Corona-Patienten auf Intensivstationen in Frage.

    Was behaupten die Teilnehmer der "Pathologenkonferenz"?

    Die Behauptungen wurden in einem öffentlichen Vortrag aufgestellt, der am Montag, 20. September, live auf der Webseite der "Pathologenkonferenz" übertragen wurde. Ort des Vortrags, der im Internet live gestreamt wurde, war das "pathologische Institut in Reutlingen". Dabei handelt es sich nicht um ein Institut, das an eine Klinik oder an eine Forschungseinrichtung angebunden ist, sondern offenbar um eine private Einrichtung des Pathologie-Professors Arne Burkhardt. Burkhardt hat sich an der Universität Hamburg habilitiert und laut Angaben auf der Webseite seine eigene Einrichtung 18 Jahre lang geleitet.

    Burkhardt übernimmt den Großteil des medizinischen Vortrags, neben ihm meldet sich auch ein zweiter Pathologe, Professor Walter Lang, zu Wort. Beide sind Pathologen und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP), wie diese Correctiv bestätigte. Walter Lang führt eine pathologische Praxis in Hannover.

    Obduktionen mit fragwürdigen Gewebeproben

    Im Vortrag stellt Burkhardt die Ergebnisse von zehn Obduktions-Auswertungen vor, die er gemeinsam mit Lang durchgeführt habe. Burkhardt und Lang präsentieren vor allem Gewebeproben aus verschiedenen Organen. Warum Burkhardt und Lang diese Auswertungen durchgeführt haben, wird nicht explizit gesagt. Die Umstände, wie sie an Daten, Gewebeproben und Organe gekommen sind, bleiben unklar. Nach eigener Aussage bekam Burkhardt diese oder ließ sie sich von anderen Stellen zuschicken, wo die zehn Verstorbenen zuvor obduziert worden waren.

    Klar wird aber, dass Burkhardt und Lang bei der Obduktion nach angeblichen Folgen einer Covid-Impfung Ausschau hielten. Bei jedem der zehn Fälle, die auf der "Pathologenkonferenz" präsentiert werden, wird das Alter - alle über 50 Jahre - und der zeitliche Abstand des Todes zur Impfung aufgeführt. Die Schlussfolgerungen von Burkhardt und Lang zu diesen zehn Obduktionen stellen die beiden nicht immer trennscharf vor. Sie lassen sich jedoch zusammenfassend in drei Behauptungen unterteilen:

    Drei (Falsch-)Behauptungen zu den Obduktionen

    1) Die Covid-Impfung könne viel öfter als gedacht zu schweren Nebenwirkungen und zum Tod führen: Dies wird zwar nicht wörtlich behauptet, aber immer wieder suggeriert. Burkhardt betont zum Beispiel: Bei fünf der zehn untersuchten Fälle sei ein Zusammenhang zwischen Impfung und Tod "sehr wahrscheinlich", bei zwei Fällen "wahrscheinlich". "Es gehen uns 90 Prozent durch die Lappen", sagt Burkhardt in Bezug auf den Zusammenhang zwischen Covid-Impfung und Tod. Totenscheine ohne "verpflichtende Angaben zum Impfstatus" seien "wertlos".

    2) Die Covid-Impfung könne schwere Schäden im menschlichen Körper und sogar den Tod herbeiführen: Burkhardt versucht, diese Behauptung durch die Ergebnisse der Obduktionen zu untermauern. Dazu zeigt Burkhardt immer wieder Gewebeproben aus den untersuchten Körpern, die Schäden an Organen zeigen sollen. Besonders häufig erwähnt Burkhardt, dass die obduzierten Personen an einer Herzmuskelentzündung vor ihrem Tod erkrankt seien. Seiner Ansicht nach sei dies auf eine heftige Reaktion des Immunsystems im Körper und einen sogenannten "Lymphozyten-Amok" nach der Impfung zurückzuführen. Diese angeblichen schweren Schäden mit "potentieller Todesfolge" bilden auch die Basis für die Behauptung bezüglich der Anzahl der Impftoten.

    3) In den Covid-Impfstoffen seien Fremdkörper enthalten: Arne Burkhardt präsentiert Mikroskop-Aufnahmen, die Fremdkörper in den Impfstoffen zeigen sollen. Diese Fremdkörper könnten Metalle oder sogar Mikrochips sein, wurde angedeutet.

    Das "Studiendesign" genügt keinen wissenschaftlichen Ansprüchen

    Einige der Behauptungen erscheinen aber allein durch das Studiendesign nicht haltbar. Der Vortrag der "Pathologenkonferenz" wirkt teilweise verwirrend, das Zustandekommen der Behauptungen bleibt manchmal unklar. Der #Faktenfuchs hat mit zwei anderen, renommierten Pathologen über die Behauptungen der "Pathologenkonferenz" gesprochen. Außerdem haben sich mittlerweile zwei Fachgesellschaften zu dem Thema geäußert. Alle sind sich einig, dass der Vortrag wissenschaftliche Standards nicht einhält.

    Ein großer Schwachpunkt der "Pathologenkonferenz" ist die mangelhafte Methodik, der Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit, der sie nachvollziehbar und überprüfbar macht, sagen die zwei vom #Faktenfuchs befragten Experten. Arne Burkhardt und Walter Lang erklären zu keinem Zeitpunkt deutlich, was ihre Hypothese ist, nach welchen Kriterien sie ihre Daten erhoben haben und weshalb diese Daten Aussagekraft haben.

    Seriöse Einordnung der Fälle fehlt

    Burkhardt präsentiert zum Beispiel die zehn obduzierten Fälle ohne große Einordnung außer dem Alter und dem Abstand zwischen Impfung und Todesfall. "Die Auswahl der Fälle ist unklar", schreibt Professor Peter Boor, der am Institut für Pathologie der Uniklinik Aachen arbeitet, auf #Faktenfuchs-Anfrage. "Es gab keine ausreichenden klinischen Angaben, zum Beispiel zu Vorerkrankungen oder dem präfinalen Verlauf. Die Fälle wurden zum Teil laut den Autoren ohne Untersuchung von Gewebeproben aufgearbeitet, beziehungsweise es war nicht erkennbar, wie viele Proben von welchem Fall aufgearbeitet worden waren und warum. Diesem Teil des Vortrags war sehr schwer zu folgen", so Boor.

    Überhaupt sei es schlicht nicht möglich, aus einer so kleinen Fallgruppe irgendwelche Schlüsse zur Häufigkeit von Impfnebenwirkungen zu ziehen, sagt Professor Konrad Steinestel. Steinestel ist Klinischer Direktor des Instituts für Pathologie am Bundeswehrkrankenhaus in Ulm. Wenn man von der Hypothese ausgehe, dass nach einer Impfung ein Krankheitsbild auftrete, das man aber noch gar nicht klar definieren könne, dann bleibe eigentlich nur eine Möglichkeit, um solche Krankheitsbilder verlässlich festzustellen, sagt Steinestel: Große Querschnitts-Studien mit "mehreren hundert Patienten oder Verstorbenen, die aus anderen Gründen obduziert waren und wo ich Kenntnis habe über den Impfstatus und auch über den Zeitpunkt der Impfung und in welchem zeitlichen Abstand und mit welchem Impfstoff".

    Zahl der Untersuchungen müsste viel größer sein

    Die Anzahl der untersuchten Fälle müsse aber sehr hoch sein, weil es wiederum "Störgrößen" gebe, die die Ergebnisse verfälschen könnten. Solche Störgrößen können etwa Vorerkrankungen sein. "Dann könnte ich retrospektiv untersuchen, ob es ein Krankheitsbild gibt, was in der Gruppe der Geimpften zum Beispiel überzufällig häufig aufgetreten ist."

    Ein anderer Punkt, den Steinestel neben der zu kleinen Fallgruppe notiert hat: Der zeitliche Abstand zwischen Impfung und Todesursache liegt zwischen acht Tagen und sechs Monaten. Eine Streuung über einen solchen Zeitraum mache einen Zusammenhang schon unwahrscheinlich: "Wenn ich einen Pathomechanismus (kausal aufeinanderfolgende Kette von Körpervorgängen, d. Red.) suggeriere oder unterstelle, dann muss der irgendwo einem zeitlichen Ablauf folgen, der sich natürlich von Patient zu Patient unterscheiden kann. Aber bei der kleinen Gruppe und dieser wahnsinnigen Streuung macht es doch einen einheitlichen Effekt der Impfung schon wieder ein bisschen unwahrscheinlich."

    Einen weiteren Schwachpunkt im Studiendesign sieht Steinestel bei den schon erwähnten Störgrößen. Burkhardt behauptet während des Vortrags immer wieder, er habe bei den Obduktionen Störungen des Herz-Kreislauf-Systems gefunden. Selbst wenn das richtig sei, bedeute das keinesfalls, dass die Covid-Impfung diese verursache, sagt Steinestel. Denn bei älteren Menschen in Deutschland sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in allen Ausprägungsformen die "häufigste Todesursache", sagt Steinestel. Die zehn obduzierten Personen waren laut "Pathologenkonferenz" alle über 50 Jahre alt. Burkhardt und Lang könnten auch einfach mehrere Gewebeproben von Senioren untersucht haben, die eines natürlichen Todes an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung gestorben seien - ohne dass die Impfung irgendetwas damit zu tun habe. "Das heißt, das Studiendesign, das hier präsentiert wurde, ist eigentlich ungeeignet, diese Fragestellung zu beantworten."

    Daten sind "nicht wissenschaftlich fundiert"

    Die Deutsche Gesellschaft für Pathologie vertritt dieselbe Position: "Wie auch von anderer Seite bereits kritisch bemerkt, sind die präsentierten Daten nicht wissenschaftlich fundiert. Der DGP ist bislang keine auffällige Korrelation von Todesfällen im Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung bekannt - wobei natürlich nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Impfung auch Komplikationen verursachen kann."

    Was bei der Konferenz ebenfalls fehlt, aber wissenschaftliche Praxis ist, ist die Qualitätssicherung. Burkhardt und Lang haben obduziert, ihre Schlussfolgerungen gezogen, aber sie nicht von unabhängigen Dritten des gleichen Fachgebiets überprüfen lassen. Diesen Vorgang nennt man "Peer Review". "Ein unabhängiges Peer Review wäre wünschenswert gewesen", schreibt Peter Boor.

    Zwischenfazit: In der "Pathologenkonferenz" wird nicht klar dargelegt, mit welcher Methodik die vorgestellten Schlussfolgerungen erreicht wurden. Deswegen genügen sie keinen wissenschaftlichen Standards und haben keine Aussagekraft. Die sehr geringe Anzahl an untersuchten Fällen lässt zudem keine Aussage über die Häufigkeit von Impfnebenwirkungen zu. Für einen solchen Nachweis bräuchte es Studien mit mehreren hundert Teilnehmern, sagen Experten.

    Die Befunde der "Pathologenkonferenz" sind teilweise falsch interpretiert

    Schon die statistischen Schlussfolgerungen der "Pathologenkonferenz" sind also irreführend und belegen keine Gefahren einer Covid-Impfung. Doch auch die Beobachtungen und Diagnosen bei den Obduktionen selbst sind teilweise falsch, sagen verschiedene Experten dem #Faktenfuchs.

    Beispiel 1 - Herzmuskelentzündungen: In sechs von zehn obduzierten Fällen stellt Burkhardt eine angebliche "lymphozitäre Myokarditis" fest, mal stärker, mal schwächer ausgeprägt. Zu deutsch, eine Herzmuskelentzündung. Burkhardt will dies mit Gewebeschnitten aus den Organen belegen. Er präsentiert mikroskopisch vergrößerte Bilder dieser Gewebeschnitte, in denen er eine erhöhte Anzahl an Lymphozyten sieht. Lymphozyten sind eine Gruppe von Blutkörperchen und ein wichtiger Bestandteil der Immunabwehr im Körper. Bei einer Infektion des Herzmuskels - zum Beispiel durch Viren - wandern sie deswegen vermehrt in das Organ.

    Burkhardt macht für diese angeblichen Herzmuskelentzündungen die Covid-Impfung verantwortlich. Denn bei der Impfung würden Virus-Bestandteile in das Herz gelangen. Doch die Pathologen Konrad Steinestel und Peter Boor teilen Burkhardts Befund nicht. Im Gegenteil, sagt Steinestel, er könne auf den vorgezeigten Bildern überhaupt keine Herzmuskelentzündung erkennen: "Es gibt für die Myokarditis ganz klare Diagnosekriterien." Das seien "eindeutige Ansammlungen von Entzündungszellen (Lymphozyten)" und zudem abgestorbene Herzmuskelzellen. "Die beiden Bedingungen zusammen waren in keinem Bild erfüllt. Das muss man einfach mal knallhart so sagen", sagt Steinestel.

    Boor schreibt, dass das präsentierte Gewebe "zumindest in den gezeigten Ausschnitten hochwahrscheinlich nicht die diagnostischen Kriterien einer lymphozytären Myokarditis" erfülle. Steinestel verneint auch den Befund von Burkhard, dass in den Herzen eine erhöhte Anzahl an Lymphozyten zu sehen gewesen sei: "Mit den gezeigten Gewebeschnitten und den Fotografien ist es nicht belegbar."

    Ganz abgesehen von den falschen Beobachtungen, sei die Diagnose unwissenschaftlich zustande gekommen, kritisiert Boor: "In einer wissenschaftlichen Studie hätten andere mögliche Ursachen für vermeintlich pathologische Befunde, wie zum Beispiel auch Infektionen mit Viren, die eine Myokarditis verursachen könnten, ausgeschlossen werden müssen, zum Beispiel durch Nachweis von DNA oder RNA."

    Zwischenfazit: Auf der "Pathologenkonferenz" werden Herzmuskelentzündungen in Zusammenhang mit der Covid-Impfung gebracht. Andere Experten sehen aber überhaupt keine solche Erkrankung im gezeigten Material. Eine Verbindung zwischen Impfung und Krankheit könne man ebenfalls nicht ziehen.

    Beispiel 2 - Lungenschädigung: Die laut Burkhardt "zweithäufigste Diagnose" bei den zehn Obduktionen ist ein "diffuser alveolärer Schaden", eine Schädigung der Lungenbläschen. Diesen Schaden bringt Burkhardt wieder in Zusammenhang mit einer angeblichen Häufung von Lymphozyten im Lungengewebe. Das Lungengewebe sei "kollabiert". Burkhardt zeigt auch Bilder von Lymphozyten-Ansammlungen in der Lunge, sogenannte Lymphfollikel. "Lymphfollikel in der Lunge gehören da eigentlich nicht hin", sagt Burkhardt. Diese Lungenschädigung sei eine "mit Sicherheit mit der Impfung verbundene Nebenwirkung".

    Steinestel widerspricht der Diagnose Burkhardts erneut. Er habe auf keinem Bild dasselbe gesehen wie Burkhardt, sagt Steinestel: "Der diffuse Alveolarschaden war in keiner Probe nachweisbar. Keine, die gezeigt wurde. Da ist mir unklar, wie diese Diagnose zustande kam."

    Die Fixierung auf die Lymphozyten kann Steinestel nicht nachvollziehen. Denn dass Lymphozyten in der Lunge auftauchen, sei nichts Besonderes: "Bei der Lunge ist es so, da haben Sie eine Grenzfläche zur Außenwelt. Das heißt, Sie werden mit Umgebungsluft in Kontakt kommen. Auch Viren, die Sie einatmen, Staubpartikel, alles mögliche, was dafür sorgen wird, dass das Immunsystem natürlich auch über die Lungenkapillaren (kleine Blutgefäße, d. Red.) Entzündungszellen ins Gewebe einwandern lässt." Deshalb werde man in den Zwischenräumen der Lunge "natürlich" Lymphozyten finden.

    Die Lymphfollikel hat auch Steinestel gesehen. Aber die Verbindung zwischen Covid-Impfung und Lymphfollikeln sei wiederum nicht einfach so herzustellen, sagt Steinestel: Es gebe viele Erkrankungen, besonders solche, die mit Schmerzen und Funktionsstörungen des Bewegungsapparates verbunden seien, wo Lymphfollikel in der Lunge ganz normal seien. "Also auch hier ein Befund, den man beschreiben kann - der aber auf keinen Fall irgendwie pathognomonisch (eindeutig für eine Krankheit kennzeichnend, d. Red.) ist für irgendeine Art von Immunreaktion auf die Impfung oder sowas."

    Bei den Lymphfollikeln lassen außerdem die fehlenden Informationen zu den zehn Fällen keinen gesicherten Schluss zu, sagt Steinestel: "Das führt uns zurück dazu, dass wir über diese Patienten nichts wissen. Hatte jemand von diesen Patienten je Autoimmunerkrankungen? Haben die Medikamente genommen? Wie haben die gelebt? Haben die geraucht? Das waren alles wichtige Informationen, ohne die diese sehr diskreten Befunde kaum zu bewerten sind."

    Zwischenfazit: Auch die vorgestellten Beobachtungen und Befunde der "Pathologenkonferenz" zu Lungenschädigungen können andere Experten nicht nachvollziehen: Lungenschädigungen seien auf dem präsentierten Material nicht erkennbar. Es fehlten zudem Vorinformationen zu den präsentierten Fällen.

    Keine Kausalkette zwischen Covid-Impfung und den fragwürdigen Befunden

    Burkhardt fasst auf der "Pathologenkonferenz" seine und Langs Beobachtungen mit dem Wort "Lymphozyten-Amok" zusammen. Die These dahinter: Nach einer Covid-Impfung komme es zu einer "überschießenden Immunreaktion". Deswegen gebe es zum Beispiel für Geimpfte die Gefahr von Autoimmunerkrankungen. Auch Organe könnten durch Lymphozyten und Lymphfollikel geschädigt werden.

    Steinestel und Boor können diese Thesen nicht nachvollziehen. "Diesen Begriff Lymphozyten-Amok, den gibt es auch nicht", sagt Steinestel zu dieser Schlussfolgerung. Die These sei anhand der gezeigten Bilder nicht nachzuvollziehen, schreibt Peter Boor. Der Begriff sei weder medizinisch definiert noch hätten ihn die Autoren definiert.

    Auch Organschäden kann Boor auf den gezeigten Fotos nicht erkennen: "In der Regel sollten die Zellen der Organe eine erkennbare akute Schädigung zeigen, wenn die Lymphozyten die Zellen so sehr angreifen, dass ein tödlicher Verlauf plausibel erscheint. Dies war auf den gezeigten Bildern nicht erkennbar."

    Keine Kausalkette für "Lymphozyten-Amok"

    Bei der Erklärung des "Lymphozyten-Amok" bleibt die Methodik wieder einmal unklar. Wenn die Covid-Impfung all diese Schäden und Tode verursacht hätten, dann müssten Burkhardt und Lang eine Kausalkette nachweisen können, sagen die Experten. Eine Spur, die von der Injektion des Impfstoffes bis zu den Schäden und den Todesfällen führt und beweist, dass der Impfstoff dafür verantwortlich ist. Das Spike-Protein, das etwa bei den mRNA-Impfungen vom Körper nachgebaut werde, könne man zum Beispiel auch bei toten Menschen mithilfe von Antikörpern "markieren" und so sichtbar machen, wo es zu finden ist, sagt Steinestel.

    Alleine die Gewebe-Befunde trügen die Behauptung, die Impfung könne zu Autoimmunerkrankung führen nicht. "Man hätte zumindest nachweisen müssen, dass irgendwo das Spike-Protein zu finden ist oder irgendwo ein Link zu der Impfung", sagt Steinestel. Eine ursächliche Verbindung zwischen Covid-Impfung und schweren Nebenwirkungen bis hin zu Todesfällen sei von Burkhardt und Lang schlicht nicht nachgewiesen worden.

    Der Bundesverband Deutscher Pathologen sieht es genauso und teilt in einer Pressemitteilung mit: "Der Nachweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen Impfung und Tod ist in den vorgestellten Fällen nicht untermauert." Außerdem kritisiert der BDP die Arbeit der "Pathologenkonferenz" scharf:

    "Der Bundesverband Deutscher Pathologen e.V. distanziert sich von derartigen Initiativen, da sie einer faktenbasierten Beantwortung komplexer Fragestellungen bei COVID-19-Impfungen entgegenwirken und nicht geeignet sind, das Vertrauen in die wissenschaftliche Methode der Obduktion zu erhöhen."

    Kurioserweise sprechen die beiden Pathologen auf der "Pathologenkonferenz" die Limitierungen ihrer Arbeit und die fehlende Nachweiskette selbst an. Walter Lang sagt dort: "Wir können das Phänomen sehen. Aber wir müssen eben durch die weitergehenden Untersuchungen beweisen, was für ein Typ von Lymphozyten ist da. Und dann können wir schauen: Entspricht dieser Typ der Lymphozyten, der da zu sehen ist, auch dem, was die Toxizität der Spike-Proteine macht. Ist das identisch das Bild?"

    Fremdkörper in den Impfstoffen sind ebenfalls nicht belegbar

    Auf der "Pathologenkonferenz" wird weiterhin behauptet, dass sie Fremdkörper in Impfstoffen gefunden hätten. Arne Burkhardt präsentiert mikroskopisch vergrößerte Bilder, die "kastenförmige", "nadelförmige" und "fadenförmige" Elemente im Impfstoff zeigen sollen - offen bleibt, in welchem. Burkhardt unterstellt, dass dies Metalle sein könnten. Er zeigt Bilder von Lungen-Gewebeschnitten, auf denen bräunliche Stellen angeblich Fremdmaterial der Corona-Impfung darstellen sollen.

    Wieder einmal werde dieser Befund methodisch nicht eingeordnet, sagt Steinestel: "Aber es ist ja gar nicht gesagt worden: Wie wurde der Impfstoff aufgetragen auf das Präparat? Wurde da ein Eindeckmedium oder eine Fixierlösung dazugegeben? Bei welcher Temperatur wurde das drauf gegeben? Wurde es vorher geschüttelt oder nicht? Das sind alles Sachen, die sind extrem wichtig. Wie lange lag das offen? Wurde sofort eingedeckt? Oder ist es luftgetrocknet?"

    Steinestel kann auch diese Befunde der "Pathologenkonferenz" nicht nachvollziehen. Er beurteilt die gezeigten Bilder nicht als metallische Fremdkörper: "Für mich hat manches davon wirklich ausgesehen wie einfach eine Verunreinigung, also Staub."

    Im Rahmen der Konferenz erwähnt Burkhardt auch die Verunreinigung von Moderna-Impfstoffchargen in Japan. Dort waren tatsächlich Edelstahlpartikel in drei Chargen gefunden worden, die dann aussortiert wurden. Moderna betonte damals, dass durch die Stahlpartikel "kein erhöhtes Risiko" bestanden hätte.

    In Deutschland wird jede Charge eines Arzneimittels durch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) geprüft, bevor sie in den Verkehr kommt. "Bei der Chargenprüfung wird die Identität, die Menge und Konzentration sowie die Integrität der im Impfstoff enthaltenen RNA untersucht. Zusätzlich wird der Anteil der RNA bestimmt, der in Lipidpartikeln verpackt ist. Zudem wird das Aussehen des Impfstoffs geprüft", schreibt das PEI dazu auf seiner Webseite. Berichte von Verunreinigungen mit Metall gab es in Deutschland bisher nicht.

    Frühwarnsystem bei Impf-Nebenwirkungen funktioniert

    Die Fachgesellschaften und auch Steinestel sprechen sich prinzipiell durchaus für Obduktionen aus. "Der Bundesverband Deutscher Pathologen e.V. befürwortet generell die Durchführung von Obduktionen an Verstorbenen, deren Tod im zeitlichen Zusammenhang mit der COVID-19-Impfung eingetreten ist. Nur eine Obduktion kann in solchen Fällen Aufschluss darüber geben, ob die PatientInnen im Einzelfall ‘an oder mit’ der Impfung gestorben sind", schreibt der BDP.

    Steinestel sagt, dass mehr Obduktionen in Deutschland sinnvoll wären. Allerdings nicht explizit auf Corona bezogen, sondern um bei allen Todesursachen ein genaueres Bild zu bekommen: "Ich glaube, dass die Todesursachenstatistik einfach nicht annähernd das wiedergibt, was in Realitas passiert. Und wenn Sie mich fragen, sollten wir mehr obduzieren? Ja, auf jeden Fall!" Doch das erfordere Infrastruktur und Personal, Ressourcen, die derzeit niemand wirklich investieren wolle.

    Steinestel vermutet aber auch, dass mehr Obduktionen keine schweren Impf-Nebenwirkungen aufdecken würden. Denn bei der Menge an geimpften Menschen in Deutschland würde ein solches Krankheitsbild im klinischen Alltag rasch auffallen. Dass die sehr seltenen Nebenwirkungen bei AstraZeneca und Biontech/Pfizer so schnell entdeckt wurden, zeige, dass es ein sehr gut funktionierendes Frühwarnsystem in Deutschland gebe: "Und zwar sowohl auf der staatlichen Seite mit einer Änderung der Impfempfehlung als auch auf der wissenschaftlichen Seite." Bei den vom AstraZeneca-Impfstoff verursachten Sinusvenenthrombosen seien zum Beispiel sehr schnell wissenschaftliche Publikationen in renommierten Fachzeitschriften erschienen."

    Fazit

    Die in der "Pathologenkonferenz" aufgestellten Behauptungen zu Nebenwirkungen und Todesfolgen von Covid-Impfungen sind nicht haltbar, sagen Experten. Der Vortrag der beiden Pathologen entspreche nicht wissenschaftlichen Standards. Insbesondere die wissenschaftliche Methodik sei nicht nachvollziehbar - auf der "Pathologenkonferenz" könne keine Verbindung zwischen der Covid-Impfung und den Todesfällen nachgewiesen werden. Auf der Konferenz wird dies sogar eingeräumt.

    Die Anzahl an obduzierten Fällen ist außerdem viel zu klein, um eine hohe Dunkelziffer von Impf-Todesfolgen in ganz Deutschland anzunehmen. Die Befunde aus den Obduktionen, zum Beispiel zu angeblichen Herzmuskelentzündungen und Lungen-Schäden, sind für Experten und Fachgesellschaften nicht belegbar. Für die Behauptung, dass Fremdkörper in Impfstoffen zu finden seien, fehlen ebenfalls die Belege.

    "Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!

    Schlagwörter