Frau bei einer Corona-Impfung (Symbolbild)

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Corona-Impfstoffe: Stimmt es, dass Langzeitstudien fehlen?

Corona-Impfstoffe: Stimmt es, dass Langzeitstudien fehlen?

Bayern-Star Joshua Kimmich hat mit seiner Aussage, nicht gegen Covid-19 geimpft zu sein, eine heftige Diskussion ausgelöst. Seine Bedenken wegen fehlender Langzeitstudien der Corona-Impfstoffe seien aber unbegründet, sagen Experten.

Gerade ist die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Corona-Infektionen innerhalb von sieben Tagen pro 100.000 Einwohner, deutschlandweit wieder über den Wert von 100 gestiegen. Wissenschaftler und Politiker appellieren deshalb verstärkt an noch Ungeimpfte, sich nun doch gegen Covid-19, der durch SARS-CoV-2 ausgelösten Erkrankung, impfen zu lassen.

Inmitten dieser Impfdiskussion und steigender Inzidenzen sorgt der Impfstatus eines Fußball-Profis und Nationalspielers vom FC Bayern für Irritationen: Joshua Kimmich ist nicht geimpft. Das bestätigte er auf Nachfrage nach dem Bundesligaspiel am Samstag. Er habe "persönlich noch ein paar Bedenken, gerade, was fehlende Langzeitstudien angeht", sagte der Fußball-Star. Doch sind diese Bedenken berechtigt?

Experte Klein: "Keine Langzeitnebenwirkungen bekannt"

Nein, sagen Experten wie Florian Klein, Direktor am Institut für Virologie an der Uniklinik Köln im BR-Interview. "Wir haben mittlerweile, meine ich, über sieben Milliarden Impfdosen weltweit verimpft. Es gibt kaum ein Medikament, das besser untersucht ist", beruhigt der Virologe Klein im Interview mit dem BR.

Gesundheitliche Nebenwirkungen, die erst Jahre nach der Corona-Impfung auftreten, seien sehr unwahrscheinlich und er sieht auch "keine Daten oder auch Rationale, die dafür sprechen würden". Wegen solcher Missverständnisse wie bei Kimmich spricht sich der Mediziner für mehr Aufklärung über die Corona-Impfstoffe aus.

Impfstoff-Nebenwirkungen treten nicht erst nach langer Zeit auf

Zuvor hatten schon andere Experten die Bedenken Kimmichs über fehlende Langzeitstudien bei den Corona-Impfstoffen zurückgewiesen. So sagte Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur: Wenn ein Impfstoff zur Verwendung an Menschen freigegeben wird, gebe es begleitende Studien, die genau untersuchten, ob es bei der Anwendung zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen könne. "Dass es bei der Anwendung eines Impfstoffes über knapp ein Jahr keine Zehnjahres-Beobachtungsstudien geben kann, ist klar", erklärte Mertens. Das gelte aber nicht nur für jeden anderen Impfstoff auch, der neu angewendet werde, sondern auch für jedes neue Medikament.

"Neben den Zulassungsstudien wissen wir aus den begleitenden Studien, dass es nur zu einigen Nebenwirkungen gekommen ist, die alle recht kurze Zeit nach der Impfung aufgetreten sind", sagte der STIKO-Chef. In der Wissenschaft sei man sich einig, dass spät auftretende Nebenwirkungen nach einer Impfung "nicht vorkommen, beziehungsweise eine extrem seltene Rarität bei einzelnen Impfstoffen" gewesen seien.

"Corona-Vakzine bereits besser erforscht als andere Vakzine"

Ähnlich äußerte sich auch Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. "Der große Vorteil bei den Covid-19-Impfungen ist ja, dass wir diesen Impfstoff in kurzer Zeit bei vielen Menschen angewendet haben", sagte Watzl unter anderem im ARD-Morgenmagazin. "Daher kennen wir die seltenen Nebenwirkungen wie Sinusvenenthrombosen, Myokarditis und andere bereits."

Die Covid-19-Impfstoffe seien in Bezug auf seltene Nebenwirkungen bereits besser erforscht als andere Vakzine. "Nebenwirkungen einer Impfung treten immer innerhalb von wenigen Wochen nach der Impfung auf", betonte auch Watzl. "Dass ich heute geimpft werde und nächstes Jahr eine Nebenwirkung auftritt, das gibt es nicht, hat es noch nie gegeben und wird auch bei der Covid-19-Impfung nicht auftreten."

Und auch Martin Stürmer, Virologe an der Mainzer Uniklinik, sagte im ZDF: "Wir haben eine sehr, sehr gute Datenlage und da ist eigentlich nichts Außergewöhnliches bis jetzt rausgekommen, was uns verschrecken sollte und da wird auch nichts weiter passieren, insofern muss man auch nicht auf Langzeitstudien warten."

Corona: Warum eine Infektion gefährlicher ist als eine Impfung

"Die gesundheitlichen Risiken bei Covid-Infektionen sind viel, viel größer als bei Impfungen", warnt auch Dirk Brockmann, Physiker am Institut für Biologie der Humboldt-Universität Berlin. Und: "Das Coronavirus wird in der Welt bleiben, es wird sicher neue Varianten bilden, aber es wird nicht verschwinden", sagt der Wissenschaftler.

Eine Corona-Infektion von Ungeimpften sei daher quasi unausweichlich. Außerdem sei das, was nach einer Impfung geschehe, relativ gut untersucht. Bei Langzeitwirkungen nach einer Infektion sei hingegen noch vieles unverstanden, warnt der Berliner Forscher.

Experten: Herdenimmunität nicht erreichbar

Was ebenfalls fürs Impfen spricht: Eine Herdenimmunität scheint angesichts der auftretenden Virusvarianten – anders als zu Beginn der Pandemie gehofft – unerreichbar. Im Klartext heißt das: Keiner kann sich darauf verlassen, durch ein weitgehend geimpftes Umfeld geschützt zu sein und sich deshalb nicht impfen lassen zu müssen.

Ohne die stark ansteckenden Varianten waren Forscher davon ausgegangen, dass eine Herdenimmunität vorliegt, wenn etwa zwei Drittel der Bevölkerung durch Impfung oder Infektion immun geworden sind.

Im Video: Hat Kimmich eine Vorbildfunktion?

Umfrage zu Kimmichs Impf-Zweifel

Bildrechte: BR

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