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Seit der Pandemie glauben zahlreiche Menschen an Verschwörungstheorien. Wie geht man am besten damit um?

Seit der Pandemie glauben zahlreiche Menschen an Verschwörungstheorien. Wie geht man am besten damit um?

Bildrechte: YANN SCHREIBER / AFP
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    Wie rede ich mit Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben?

    2021 verbreiten sich Falschmeldungen und Verschwörungstheorien besonders rasant - ob zur Pandemie, Bundestagswahl oder zum Hochwasser. Was tun, wenn ein Familienmitglied oder Freund dem glaubt? Zwölf Tipps vom #Faktenfuchs.

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    Elisabeth KagermeierElisabeth Kagermeier
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    Wenn Menschen aus dem eigenen Umfeld über WhatsApp, bei der Familienfeier oder am Stammtisch zweifelhafte Informationen verbreiten, wissen viele nicht, wie sie am besten darauf reagieren sollen. Antworten und einen Streit riskieren? Nicht weiter darauf eingehen? Und warum drehen sich Gespräche mit diesen Menschen oft im Kreis? Der #Faktenfuchs gibt 12 Tipps, wie man mit Freunden und Verwandten umgehen kann, die an eine Verschwörungstheorie glauben – ob beim Thema Impfen, Great Reset oder 5G.

    Wie erkenne ich, ob eine Person an eine Verschwörungstheorie glaubt?

    Nicht hinter jeder Falschmeldung steckt eine Verschwörungstheorie. Deswegen ist es gut, herauszufinden, ob das Gegenüber nur eine falsche Information aufgeschnappt hat oder wirklich an eine solche Theorie glaubt. Verschwörungstheorie-Expertin und Autorin Ingrid Brodnig sagt, man sollte vorsichtig werden, wenn jemand nicht nur etwas Unbelegtes oder Falsches behaupte, sondern andeute, dahinter stecke ein größerer, böser Plan, den eine machtvolle Person oder Gruppe verfolgt.

    Nichts ist, wie es scheint – soll dabei suggeriert werden – und nur einige wenige meinen erkannt zu haben, was wirklich geschieht. Die Welt wird dabei ganz klar in Gut und Böse eingeteilt. Hinter dem Glauben an Verschwörungstheorien liegt laut dem Psychologen Jan-Willem van Prooijen von der VU Amsterdam die Tendenz, hinter Ereignissen von großer Tragweite noch andere schwerwiegendere Ursachen zu vermuten.

    Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien?

    Um mit Menschen zu sprechen, die an Verschwörungstheorien glauben, ist es gut, verstehen zu wollen, wie sie zu ihren Ansichten gekommen sind. Natürlich sind die Gründe bei jedem individuell – aber die Forschung gibt Hinweise zu häufigen Zusammenhängen. Folgende drei Dinge machen Verschwörungstheorien attraktiv:

    • Sie liefern eine einfache Erklärung der Welt. Das kann einem das Gefühl geben, sich besser in der Welt zurechtzufinden und sie zu verstehen, anstatt sich von komplexen Zusammenhängen überfordert zu fühlen.
    • Sie geben Menschen ein Gefühl von Überlegenheit: Die angeblich "wahren" Strippenzieher hinter komplexen und oft einschneidenden Ereignissen wie etwa der Corona-Pandemie zu kennen, kann Menschen das Gefühl geben, dass sie zu einer Minderheit gehören, die mehr weiß als die anderen. In einer Untersuchung stellten Roland Imhoff und Pia Lamberty einen Zusammenhang zwischen dem Bedürfnis nach Einzigartigkeit und Verschwörungsdenken fest.
    • Verschwörungstheorien können Menschen ein Gefühl von Kontrolle und Sicherheit geben, gerade in ungewissen Zeiten wie einer Pandemie. Umfragedaten der Hochschule Innsbruck weisen zum Beispiel darauf hin, dass es bei Menschen, die in der Pandemie überdurchschnittlich viel Ängste hatten – zum Beispiel vor den finanziellen Folgen – wahrscheinlicher war, dass sie an Verschwörungserzählungen glaubten. Der Psychologe Marius Raab von der Universität Bamberg forscht seit Jahren zur Psychologie von Verschwörungstheorien. Er sagt, Auslöser für einen Verschwörungsglauben sei oft ein Ereignis, das einen persönlich betrifft, bei dem man aber nicht wisse, wie man damit umgehen könne. "Also sucht man sich Erklärungen, in denen vielleicht solche Handlungsmöglichkeiten wieder möglich werden – und das kann auch eine Verschwörungstheorie sein".

    12 Tipps: Wie rede ich mit Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben?

    Das Grundproblem bei Gesprächen mit Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, ist laut Marius Raab, dass sie etwas annehmen, was sich der Sichtbarkeit entzieht. “Deswegen ist es sehr schwer, dagegen anzukommen, weil ich nicht beweisen kann, dass es etwas Verborgenes, eine Verschwörung, nicht gibt”. Man könne nur über Indizien argumentieren und daraus Schlüsse ziehen. “Und damit kommt man dann eben auf eine sehr lange Diskussion, bei der man das Gefühl hat, sich im Kreis zu drehen.” Gemeinsam mit Experten hat der BR24 #Faktenfuchs 12 Tipps zusammengetragen, die helfen können.

    Tipp 1: Reagieren ist gut - denn Schweigen wird oft als Zustimmung interpretiert

    Grundsätzlich sei es gut, zu reagieren, sagt Raab. Wenn zum Beispiel jemand zweifelhafte Links in einen Gruppen-Chat postet und niemand widerspreche, werte unser Gehirn das normalerweise als Zustimmung. "Dann wird er oder sie sich darin vielleicht bestärkt fühlen." Keine Reaktionen zu bekommen könne auch dazu führen, dass sich der- oder diejenige weiter reinsteigere und immer mehr Links schicke – in der Hoffnung, so irgendeine Rückmeldung zu bekommen. Außerdem empfiehlt Raab, immer auch selbstkritisch zu sein – vielleicht liegt man selbst bei einem Aspekt auch mal falsch.

    Tipp 2: Diskutieren mit realistischen Zielen

    Wer mit einer verschwörungsgläubigen Person diskutieren möchte, sollte sich nicht zu viel für ein Gespräch vornehmen. “Das Problem beim Diskutieren mit Menschen, die Falschbehauptungen oder Verschwörungserzählungen glauben, ist, dass wir oft zu viel auf einmal erwarten”, sagt Ingrid Brodnig. Umdenken sei ein langsamer Prozess und brauche – wenn es überhaupt funktioniere – oft viele Gespräche. Deswegen rät sie, sich realistische Ziele zu setzen:

    "Versuchen Sie in solchen Gesprächen nicht sofort jemanden zum Umdenken zu bringen, sondern gehen Sie mit der Gewissheit rein: Niemand geht in eine Debatte, um nachher die Welt anders zu sehen. Aber es ist schon viel erreicht, wenn jemand nur Zweifel hat." Ingrid Brodnig, Verschwörungstheorie-Expertin und Autorin

    Ein Beispiel für so ein realistisches Vorhaben: Sich nur eine Theorie herausgreifen und über die gemeinsam diskutieren – darüber, warum die Person die Theorie logisch findet, was sie glaubt, was dahintersteckt. Und dann ins Gespräch die Widersprüche einbringen, die man selbst sieht.

    Tipp 3: Fragen stellen

    Menschen, die fest an eine Verschwörungstheorie glauben, erreicht man mit Fakten oft nicht mehr. Das liegt auch daran, dass solche falschen Informationen oder Theorien meistens nicht auf einer Fakten-Ebene funktionieren, sondern auf einer emotionalen Ebene. Zum Beispiel, indem eine Verschwörungserzählung ein Vorurteil oder eine Angst bestätigt.

    Ingrid Brodnig empfiehlt deswegen: Empathisch zuhören und nicht einfach dagegenhalten, sondern mit Fragen versuchen, das Gespräch auf Unstimmigkeiten in den Verschwörungstheorien zu lenken. Zum Beispiel zu fragen: Wieso findest du das schlüssig? Warum machen die angeblichen Verschwörer das? Wie passen für dich diese widersprüchlichen Aspekte zusammen? "Wenn sie mit ehrlich gestellten Fragen kommen, dann bringt man manchmal das Gegenüber dazu, sich selbst diese Fragen zu stellen", sagt Brodnig.

    Marius Raab rät zudem, mit Fragen versuchen zu verstehen, warum das Gegenüber an die Theorie glaubt und was es ihm oder ihr bringt. Denn wie oben genannt steckten oft eine Angst oder Unbehagen hinter einem Verschwörungsglauben.

    Tipp 4: Themen-Hopping vermeiden

    Es ist auch nützlich, typische Argumentationsmuster von Verschwörungstheoretikern zu kennen. Eines dieser Muster ist das Themenhopping: Das bedeutet, dass das Gegenüber das Thema wechselt und ausweicht, anstatt auf Gegenargumente einzugehen. So komme man oft vom Hundertsten ins Tausende im Gespräch, sagt Brodnig. Am Ende habe man viele Themen angerissen, aber nichts wirklich diskutiert. Ihr Tipp: "Versuchen Sie, das Gespräch auf die ursprüngliche Aussage hinzulenken und rhetorisch darauf zu achten, dass die Person nicht ausflüchtet". Wenn es beispielsweise zu Beginn um Bill Gates ging, zu fragen: "Was du über Bill Gates gesagt hast, wie meinst du das? Darüber würde ich gerne genauer reden."

    Tipp 5: Bei Link-Bombing eine Sache herausgreifen

    Ähnlich lautet der Tipp beim sogenannten "Link-Bombing" – wenn also die Person in einer Online-Diskussion statt auf ein Gegenargument einzugehen zahlreiche Links schickt. Davon kann man sich leicht überrollt fühlen. Brodnig rät deswegen, nicht auf alle Links zu reagieren, sondern sich einen herauszugreifen: "Versuchen Sie in solchen Debatten, die schnell ausufern, einen Fokus zu setzen und immer wieder darauf einzugehen." Ein Beispiel für einen solchen Gesprächsansatz: ‘Du hast da diesen Link geschickt. Wer ist denn da der Absender? Warum glaubst du gerade dieser Quelle?’

    Natürlich besteht die Möglichkeit, dass die Person als Reaktion weitere Links schickt. Hier rät Brodnig: "Versuchen Sie im Gespräch, immer wieder an eine gewissen Fokussierung zu appellieren und kommen Sie selbst immer wieder auf das eine Beispiel zurück." Auch wenn das oft Zeit und Mühe koste: Wenn man das Gegenüber so dazu bringt, eine Sache näher zu betrachten, sei das schon ein Erfolg.

    Tipp 6: An kritischen Geist appellieren

    Wer an eine Verschwörungstheorie glaubt, sieht sich selbst meist als kritischen Menschen, was sich oft in einem starken Misstrauen in Institutionen von Politik bis Wissenschaft äußert. Brodnig rät, dieses Selbstbild im Gespräch zu nutzen, indem man beispielsweise sagt: "Ich weiß, du bist ein kritischer Mensch und dir ist es wichtig, alles zu hinterfragen. Was ist denn dann mit dieser Person, von der du die Info hast?" Es könne schon ein Teilerfolg sein, wenn man es so schaffe, dass jemand eine problematische Quelle hinterfrage.

    Tipp 7: Das wichtigste Argument in den Mittelpunkt stellen

    Es besteht die Gefahr, dass man in solchen Diskussionen nur Falsches ausräumt, also ständig verneint und dagegenhält anstatt eigene Argumente vorzubringen. Brodnig empfiehlt deswegen, nicht nur Falsches anzusprechen, sondern das Richtige in den Mittelpunkt zu stellen. Dafür solle man sich zu Beginn überlegen, was das wichtigste Argument ist, und es in der Diskussion einbringen. "Dieses Hören von Argumenten ist wichtig, weil die Psychologie darauf hindeutet, dass die Wiederholung von Fakten wirkt. Das heißt: Wenn Menschen etwas öfters hören, halten Sie es eher für wahr."

    Tipp 8: Nicht von "Technobabble" einschüchtern lassen

    Oft verwenden Menschen, die Verschwörungstheorien verbreiten, sehr viele Fachbegriffe. Diese rhetorische Strategie nennt sich "Technobabble" (von Englisch “Technologie” (technology) und Gebrabbel (babble)): Mit vermeintlichen Fachwörtern wird Expertise vorgetäuscht. "Achten Sie darauf, wenn jemand Fachbegriffe einstreut und ob diese korrekt verwendet werden", sagt Brodnig. Wenn man nicht weiß, was ein Wort bedeutet, sollte man sich nicht in der Diskussion verunsichern lassen – sondern zum Beispiel hinterher googeln, was dahintersteckt.

    Tipp 9: Privater statt Gruppenchat

    Wenn jemand Falschinformationen in eine Chatgruppe postet, ob von der Familie oder dem Fußballverein, empfehlen Experten, die Person zunächst privat anzuschreiben. Beispielsweise könnte man sagen: "Du, ich hab gerade gesehen, was du in unsere Gruppe geschrieben hast. Das kam mir neulich auch unter, und dann hab ich gemerkt, das ist eine Falschmeldung. Hier findest du die Infos."

    "Indem ich das unter vier Augen mache, versuche ich der Person ganz niederschwellig die richtige Information anzubieten", sagt Brodnig. Wenn man das vor Publikum in der Gruppe mache, bestehe die Gefahr, dass die Person sich bloßgestellt fühlt. An der Reaktion könne man möglicherweise auch ablesen, ob eine Person nur auf eine falsche Information gestoßen ist oder tiefer drinsteckt.

    Tipp 10: Überlegen, für wen man diskutiert

    Bei Diskussionen beispielsweise bei Familienfeiern ist es dagegen schwieriger, eine Person beiseite zu nehmen als im Chat. Hier sollte man sich laut Brodnig überlegen, für wen man diskutiert. Wenn beispielsweise ein Onkel Gerüchte verbreitet: Geht es einem wirklich darum, den Onkel selbst zu erreichen? Oder eher darum, dass die anderen am Tisch – zum Beispiel die eigenen Eltern – nicht verunsichert werden? Die Argumente sollte man dann an dieser Person ausrichten, also an ihren Werten oder indem man Bezug auf Quellen nimmt, die sie schätzt ("Das schreibt die Zeitung, die du gerne liest, auch so"). Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sie einem glaubt.

    Tipp 11: Wertschätzung zeigen

    Wenn man jemandem sagt, dass er oder sie der eigenen Meinung nach an etwas Falsches glaubt, dann besteht die Gefahr, dass die Person es als Angriff auf die gesamte Persönlichkeit wahrnimmt und nicht mehr bereit ist zuzuhören. Deswegen ist es wichtig zu zeigen, dass man in einer Sache zwar unterschiedlicher Ansicht ist, die Person aber schätzt. "Sagen Sie zum Beispiel: ‘Ich weiß, du willst eigentlich nur das Beste, für dein Umfeld, für deine Familie’ und widersprechen Sie dann in der Sache", rät Brodnig.

    Was man vermeiden sollte, ist eine Person als Verschwörungstheoretiker oder Verschwörungstheoretikerin zu bezeichnen: "In dem Moment, wo sie dazu beitragen, dass die Fronten größer werden, werden sie es gleichzeitig schwieriger haben, dass die Person ihnen noch zuhört", sagt Brodnig.

    Tipp 12: In Kontakt bleiben

    Auch wenn man viele Gesprächsversuche macht, muss man immer damit rechnen, dass die Person bei ihren Ansichten bleibt. Doch wie bleibt man in Kontakt und macht jemandem verständlich, dass man beispielsweise nicht mehr Links zu verschwörungstheoretischen Inhalten zugeschickt bekommen möchte?

    Marius Raab von der Uni Bamberg empfiehlt, offen anzusprechen, dass man bei dem Thema nicht auf einen Nenner komme und über andere Dinge sprechen möchte: "Wichtig ist zu signalisieren: Ich bin weiter für dich da. Ich mag dich als Mensch, auch wenn du jetzt Überzeugungen hast, die mir gegen den Strich gehen, die ich vielleicht sogar gefährlich finde." Er rät, zu versuchen, in der Nähe zu bleiben und Gesprächsbereitschaft zu signalisieren.

    Wenn es schwer ist, mit der Person andere Themen zu finden, könnten auch gemeinsame Beschäftigungen helfen wie Sport oder ein Engagement in einem Verein. "Irgendetwas, wo die Person merkt: Es ist wichtig, dass es mich gibt. Und was ich tue, hat sogar positive Konsequenzen."

    Fazit

    Auf einen Menschen zu reagieren, der an eine Verschwörungstheorie glaubt, und ihm zu widersprechen, ist grundsätzlich gut – wichtig ist aber, dabei wertschätzend zu bleiben. Man sollte sich realistische Ziele setzen anstatt jemanden komplett zum Umdenken bewegen zu wollen. In der Diskussion sollte man besser bei einem Thema bleiben und einfühlsam Fragen dazu stellen. Anstatt nur zu verneinen, empfehlen Experten, zu betonen, was für einen selbst das wichtigste Argument ist. Von "Technobabble" mit vielen Fachbegriffen sollte man sich nicht einschüchtern lassen. In Gruppen-Chats ist es besser, die Person privat anzuschreiben anstatt sie in der Gruppe bloßzustellen. Wenn jemand viele zweifelhafte Links über Chats verschickt, ist es ratsam, nur einen davon herauszugreifen und gezielt über diesen zu sprechen. In größeren Gruppen kann es helfen, es sich zu überlegen, für wen man diskutiert: Denjenigen, der Behauptungen aufstellt oder die anderen, die nur zuhören und verunsichert sein könnten. Und zuletzt: Auch wenn man nicht auf einen Nenner kommt, ist es gut, trotzdem den Kontakt aufrechtzuerhalten.

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