Bildrechte: BR/Katharina Häringer

Inhaberin Carola Böhm in ihrem Unverpackt-Laden

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Nachhaltigkeit zu teuer? Unverpackt-Läden in der Krise

Der Passauer Unverpackt-Laden "Tante Emmer" kämpft ums Überleben und ist damit kein Einzelfall. Die Branche steckt in der Krise. Doch allein an den gestiegenen Lebensmittelpreisen liegt es laut Experten nicht.

Im Sommer hingen in Passaus Schaufenstern Plakate mit einem Hilferuf. Darauf stand: "Wir befinden uns in einer akuten finanziellen Notlage – Spendenaktion für den Unverpackt-Laden Tante Emmer." Inhaberin Carola Böhm machte ihre Sorgen öffentlich. Denn während sie ihren Laden deutlich vergrößerte, griff Russland die Ukraine an. Die Energie- und Lebensmittelkosten stiegen, ihre Kunden blieben aus.

Etwa 20 Prozent des Umsatzes ist weggebrochen, schätzt Böhm. "Ich hatte nach dem Umbau Angst, Insolvenz anmelden zu müssen", sagt sie. Deshalb startete sie den Spendenaufruf – mit Erfolg: 20.000 Euro kamen zusammen, mit denen sie die vergangenen Monate überbrücken konnte. Doch auch jetzt steht Carola Böhm wieder an einem Punkt, an dem sie nicht weiß, wie es weitergehen soll. Damit ist sie nicht allein. Auf den Höhepunkt der Unverpackt-Bewegung folgte die bisher größte Krise der Branche.

Es schließen mehr als eröffnen

Nie gab es mehr Unverpackt-Läden in Deutschland als Anfang 2022. Und nie haben mehr Unverpackt-Geschäfte geschlossen als im Jahr 2022. Gab es im Januar des vergangenen Jahres noch 337 Läden in Deutschland, sind es zum 1. Januar dieses Jahres nur noch 286, teilt der Verband der Unverpackt-Läden mit.

Auch in Bayern gibt es diese Entwicklung: 19 Unverpackt-Läden haben im Jahr 2022 zugesperrt. Es gibt jetzt noch 53. Die meisten liegen im Großraum München und Nürnberg. Aber auch in Pfreimd im Landkreis Schwandorf, Parsberg im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz oder Vilsbiburg im Landkreis Landshut gibt es Unverpackt-Läden.

Lebensmittelpreise um 21 Prozent gestiegen

Der Grund liegt auf der Hand: Die Lebensmittelpreise sind enorm gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt von November 2021 auf November 2022 um 21 Prozent. Hinzu kommen gestiegene Energiekosten und die Inflation. Viele Leute haben weniger Geld auf dem Konto und sparen beim Essen. 30 Prozent der Verbraucher geben an, weniger Bio-Produkte zu kaufen, 21 Prozent der Verbraucher kaufen weniger regionale Lebensmittel, so steht es im Konsummonitor des Handelsverbands Deutschland.

Doch wie viel teurer sind Lebensmittel im Unverpackt-Laden wirklich? Eine kleine Stichprobe zeigt: Äpfel und Karotten beispielsweise kosten fast genau so viel wie in einem herkömmlichen Supermarkt. Nudeln und vor allem Butter sind aber deutlich teurer, sie kosten fast das Doppelte.

💡 Denn Nudeln sind im Supermarkt häufig im Angebot und zu Discounter-Preisen zu kriegen. Unverpackt-Läden hingegen verkaufen Lebensmittel wie Nudeln oft von nur einem Produzenten, wodurch der Kunde nicht zwischen verschiedenen Preisklassen wählen kann. Allein schon aufgrund ihres kleinen Sortiments bieten viele Läden keine Angebote im Supermarkt-Stil an. Hinzu kommt: Unverpackt-Läden wie der aus Passau sind häufig auch zertifizierte Bio-Läden. Biologisch erzeugte Produkte sind in der Herstellung für den Landwirt und damit auch im Geschäft teurer. Manche Produkte kosten also mehr, andere können aber auch günstiger sein - gerade weil die Einzelverpackung fehlt und Verpackungen immer wieder Preisschwankungen unterliegen.

Diese Passage haben wir aufgrund der Kommentare mehrerer unserer Nutzer im Rahmen des BR24 Projekts "Dein Argument" ergänzt. 💡

Auch Supermärkte spüren Trend zum Angebot

Für Petra Süptitz, Nachhaltigkeitsexpertin beim Nürnberger Marktforschungsinstitut GfK, ist das aber nicht der einzige Grund, der die Krise der Unverpackt-Läden erklärt. Plastik zu vermeiden, spiele für viele Verbraucher auch in der Krise eine große Rolle. Doch darauf hätten auch Supermärkte in den vergangenen Jahren reagiert. Wie zum Beispiel Edeka-Schwaiberger in Passau, in dem es auch Produkte mit alternativer Verpackung und eine Unverpackt-Ecke gibt. "Aber auch wir merken, dass die Leute sparen. Sie kaufen vor allem Angebote", sagt Simon Schwaiberger, der mit seiner Familie mehrerer Edeka-Märkte in und um Passau betreibt. Die Abfüllstationen werden nicht mehr so häufig genutzt.

"Manchmal füllen Leute was ab, erschrecken dann über den Preis und lassen die Tüte liegen. Das ist für uns bitter, weil wir diese Lebensmittel aus Hygienegründen wegwerfen müssen." Simon Schwaiberger, Supermarkt-Betreiber

Dennoch will die Familie Schwaiberger an den Unverpackt-Ecken festhalten. "Ich halte sie für wichtig und bin zuversichtlich, dass das Geschäft wieder anläuft, sobald sich die finanzielle Situation der Leute bessert", sagt Schwaiberger. Solange überarbeitet er das Unverpackt-Sortiment. Teure Produkte wie Pinienkerne oder Macadamianüsse gehen im Moment nicht und werden durch günstigere Nüsse ausgetauscht.

Lebensmittel auch im Online-Shop

"Die Laufkundschaft fehlt einfach komplett", bilanziert Carola Böhm, Chefin des Passauer Unverpackt-Ladens. Das könne aber auch daran liegen, dass das Einkaufen in Innenstädten generell große Konkurrenz durch den Online-Handel hat, nimmt der Unverpackt-Verband an. Auch Lebensmittel kann man mittlerweile per Mausklick bestellen und sich an die Haustür liefern lassen.

Nachhaltigkeit ist unsichtbar

Der Trend geht außerdem zum "All-in-one"-Einkauf, sagt Petra Süptitz vom Marktforschungsinstitut GfK. "Viele Leute sind gestresst, haben wenig Zeit und wollen alles an einem Ort erledigen", erklärt sie. "In Unverpackt-Läden ist das Sortiment kleiner, außerdem muss man Behälter mitnehmen. Der Einkauf ist mit einem höheren Aufwand verbunden."

Die Expertin rät Unverpackt-Läden, gerade deshalb die positiven Effekte noch deutlicher zu machen. Denn Nachhaltigkeit ist unsichtbar. "Wie wäre es, wenn man den Kunden ausrechnet, wie die Ökobilanz ihres Einkaufs aussieht? Das würde ein positives Gefühl hinterlassen", glaubt Süptitz. Denn die Nachfrage sei da. Die Mehrheit der Deutschen setze weiter auf Nachhaltigkeit, über 60 Prozent planten, in Zukunft bio und unverpackt einzukaufen, weiß Süptitz.

Hoffen auf sinkende Preise

Carola Böhm steht hinter dem Tresen ihres "Tante Emmer"-Ladens in der Passauer Altstadt. Sie wiegt Karotten, schneidet Butter, macht Kaffee und ratscht vertraut mit ihren Stammkunden. Sie hofft, dass die Preise fallen und es im Frühjahr wieder besser läuft. "Ich denke mir oft: Warum mach ich das eigentlich? Aber es gibt auch Momente, in denen ich es weiß. Weil es mir Spaß macht, und weil die Leute begeistert sind. Das motiviert mich, weiter zu machen."

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