Bayern 1 - Experten-Tipps


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Umweltbilanz beim Einkaufen Shopping im Netz oder im Laden?

Immer mehr Waren und Weihnachtsgeschenke werden im Internet gekauft und nach Hause geliefert. Praktisch, ja? Aber ist es umweltfreundlich? Oder ist es ökologischer, im Laden einzukaufen? Der Bayern 1-Umweltkommissar ermittelt.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 19.11.2013

Illustration: Der Umweltkommissar hält in der einen Hand ein @-Zeichen, mit der anderen Hand schiebt er einen Einkaufswagen | Bild: BR/Susanne Baur

Das klingt doch zunächst einmal einleuchtend: Bequem zuhause im Internet eine Jeans bestellen, womöglich auch noch eine Jeans mit Öko-Label. Dann warten, bis der große Transporter auch mein Paket (mit vielen anderen) ausliefert - anziehen, bezahlen, fertig.

Kaufhaus und Lager müssen das ganze Jahr klimatisiert werden.

Das Kaufhaus oder auch der kleine Laden werden dagegen das ganze Jahr über aufwändig klimatisiert. Ware wird nicht nur gelagert, sondern auch entpackt und präsentiert. Dann wieder verpackt und womöglich fährt der Kunde auch noch mit dem Auto hin.

Wie gesagt, in der Theorie hört sich das eindeutig an: Online-Shopping kann doch dann nur umweltfreundlicher sein, selbst wenn ich den Stromverbrauch meines Computers oder Notebooks miteinrechne. Schließlich bleibt das Auto in der Garage.

Aber so einfach ist die Sachlage eben nicht. Für einen Vergleich müssen das eigene Einkaufsverhalten, die Anstrengungen des Handels und des Zulieferers und so weiter als ausschlaggebende Faktoren berücksichtigt werden.

Online-Handel boomt

Allein 2012 haben die Deutschen Waren im Wert von über 27 Milliarden Euro im Internet eingekauft. Tickets, Bücher, CDs, Klamotten oder Fahrräder. Mittlerweile ist alles erhältlich. Ein Rückgang ist nicht zu erwarten, auch wenn der Konkurrenzkampf im Netz härter wird und die Margen für die Anbieter dementsprechend sinken dürften.

Beim Einkaufen im Internet haben die älteren Nutzer in den vergangenen Jahren mächtig aufgeholt. Im Vergleich zu 2007 ist bei den Kunden ab 45 Jahren der Anteil der Online-Shopper am stärksten gestiegen (laut Statistischem Bundesamt, Dezember 2012). Inzwischen kaufen 42,3 Millionen Menschen in Deutschland über das Internet ein. Das sind mehr als die Hälfte der Bürger und knapp drei Viertel aller Internetnutzer.

Die Kunden zwischen 25 und 44 Jahren sind zwar immer noch die eifrigsten Besteller (89 Prozent), aber bei den Verbrauchern zwischen 45 bis 64 Jahren sind es auch schon 74 Prozent, die online einkaufen. Sie sind damit genauso aktiv wie die 16- bis 24-Jährigen.

Positive Umweltbilanz ist schnell im Eimer

Die Verbraucher selbst machen mit einem Schlag alle theoretischen Umweltvorteile des Online-Einkaufs zunichte: Sie schicken nämlich ihre Pakete in Massen wieder zurück.

Große Auswahl bestellen - und den Rest zurückschicken. Sehr praktisch - wenn da nicht die Umwelt wäre ...

Da nützt es auch wenig, wenn DHL herausstellt, dass jedes verschickte Paket über das Zustellsystem der Deutschen Post "nur" 500 Gramm CO2-Emmissionen verursacht und der Verbraucher – im Vergleich mit dem eigenen Auto – dafür nicht über einen Einkaufsradius von knapp zwei Kilometern hinauskäme (schließlich muss er ja auch wieder nach Hause fahren).

Laut aktuellen Zahlen geht im Online-Handel aber mindestens jede zweite Paket zurück an den Händler. Wer drei Paar Schuhe bestellt, davon aber zwei Paar wieder zurückgibt, muss sich also nicht wundern, wenn der Schadstoffausstoß für EIN online gekauftes Paar Schuhe sich plötzlich verdoppelt, weil das gelieferte Paket wieder zurückgeht.

Fakten

  • Wenn der Paketzusteller niemanden antrifft, wird das Paket außerdem – im günstigsten Fall – weiter zur nächsten Abholstation befördert. Manche Zusteller bieten auch den Service, zwei oder sogar drei Mal vorbeizukommen. Entsprechend vervielfachen sich die Treibhausemmissionen pro Paket. Die Händler sind hier unter Druck, allerdings eher unter Kostendruck. Überlegungen, das Retoure-Verfahren zu verändern, sind daher der Ökonomie und weniger der Ökologie geschuldet.
  • Viele Verbraucher fahren aber auch erst in den Laden (womöglich noch mit dem Auto), lassen sich dort beraten, probieren an und aus, fahren dann zurück nach Hause und bestellen online, um ein paar Euro zu sparen. Auch hier schlägt jeder Online-Einkauf voll ins Umweltkontor.
  • Die Kunden wollen ihre Ware möglichst sofort haben. Das hat dazu geführt, dass viele Anbieter mittlerweile eine "taggleiche Zustellung" oder eine Expresszustellung gegen Aufpreis anbieten. Dieser Service ist jedoch umwelttechnisch sehr problematisch. Zum einen, weil unterschiedliche Waren nicht zusammengeführt werden können und damit mehrteilig zugestellt werden müssen. Zum anderen sind die LKW dadurch oft nicht voll beladen, was sich ebenfalls negativ in der Ökobilanz niederschlägt.
  • Viele Händler verpacken ihre Waren noch zu luftig, das bedeutet: Mehr Fahrten sind notwendig, um eine bestimmte Zahl von Bestellungen auszuliefern. Die Otto-Gruppe mit ihrer Versandtochter "Hermes" hat mittlerweile das Volumen ihrer Pakete um 1,5 Liter verringert. Damit belasten, nach Unternehmensangaben, etwa 500 LKW-Fahrten weniger die Umwelt.

Online - Wachstumschance für den Handel

Es tut sich viel, auch wenn selbst der deutsche Branchenprimus "Zalando" in der Gesamtbilanz – trotz eines atemberaubenden Wachstumstempos – sich schwer tut, aus den roten Zahlen zu kommen.

Die Modehersteller können sich immerhin noch damit trösten, dass die neuen Shopping-Plattformen ihnen einen zusätzlichen Vertriebskanal zu jungen Kundengruppen eröffnen. Die mittelständischen Textil- und Schuhhändler, aber auch Mode-Kaufhäuser bangen dagegen um ihre Zukunft. Wenn der mit dem Internet aufgewachsene Shopping-Nachwuchs überhaupt noch in die Fußgängerzone zum Stöbern kommt, dann hat er sich vorher im Web schlaugemacht. Das bedeutet, sie fragen nach einem bestimmten Wunschprodukt, probieren es im Laden an, bestellen es aber dann vielfach dort im Netz, wo es laut Preisvergleichs-Portalen am günstigsten ist.

Nicht jede Einkaufsberatung vor Ort ist so charmant. Online-Käufer schätzen die Anonymität.

Ernüchternd für den Handel sind auch Studien, die der New Yorker Marketing-Wissenschaftler Scott Galloway in München präsentierte: Danach ist eines der weltweit stärksten Motive für den anonymen Online-Einkauf, den Kontakt zum Verkaufspersonal zu vermeiden.

Eine Chance für die Händler könnte wiederum die Weiterentwicklung von Smartphones und Tablets werden, wenn sie die Verbraucher in Zukunft als lokale Shopping-Lotsen und Ersatz für die Geldbörse nutzen. Wenn der Kunde auf dem Touchscreen sehen kann, wo das gesuchte Kleidungsstück noch auf Lager ist, wenn er es mit dem Handy auch gleich bezahlen und dank eines Rabattservices sogar noch einige Prozent spart, dann bleibt er vielleicht doch dem Händler vor Ort treu. Ebay testet derzeit in Berlin-Mitte eine Variante des Einkaufens der Zukunft: Kunden wählen im Laden ein Produkt aus, kaufen per Handy und QR-Code und lassen sich die Waren nach Hause liefern.

Fazit

In der Theorie ist der Online-Handel tatsächlich umweltfreundlicher als der direkte Einkauf im Geschäft. Also dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

  • Der Verbraucher überlegt sich genau, was er braucht.
  • Er bestellt mittels einer Standardzustellung, damit das Paket in einem optimal ausgelasteten LKW transportiert werden kann.
  • Er ist da, wenn der Paketzusteller kommt oder der Nachbar nimmt es in Empfang.
  • Die Ware passt und wird nicht zurückgeschickt.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Allein in Deutschland werden schätzungsweise eine Viertel Million Pakete zurückgeschickt. Das freut die Logistikunternehmen, die mit dem Online-Handel mittlerweile 70 Prozent ihres Umsatzes machen. Weniger die Umwelt. Vor allem, wenn die Kunden vorher auch noch in den Laden gehen, um sich über Produkte zu informieren oder Kleidung anprobieren und später online bestellen. Das ist nicht nur unfair, sondern auch schlecht für die Umweltbilanz.

Außerdem: Nur weil der Kunde ein Paket bekommt, lässt er sein Auto ja nicht in der Garage. Denn auch der deutsche Lebensmittel-Einzelhandel versucht seit gut zwei Jahren verstärkt im online-Geschäft Fuß zu fassen. Bislang noch mit mäßigem Erfolg.


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