Bayern 1 - Experten-Tipps


30

Onlineshopping Umweltbilanz Shopping im Netz oder im Laden?

Immer mehr Waren und Weihnachtsgeschenke werden im Internet gekauft und nach Hause geliefert. Praktisch, ja? Aber ist es umweltfreundlich? Oder ist es ökologischer, im Laden einzukaufen? Der Bayern 1-Umweltkommissar ermittelt.

Von: Alexander Dallmus

Stand: 18.11.2018

Frau vorm Computer beim Onlineshopping | Bild: mauritius-images

Onlineshopping Statistik

Der Boom des Online-Handels ist ungebrochen. Jahr für Jahr kann die Branche Umsatzzuwächse im zweistelligen Bereich vermelden. Allein für 2018 werden –geschätzt – weit über 50 Milliarden Euro über den Einkauf im Internet umgesetzt (Prognose HDE).

Natürlich zum Leidwesen der ortsansässigen Einzelhändler, die auch mit der Lage des Geschäfts, den Mieten oder dem Personal zu kämpfen haben. Aber die Online-Besteller lieben eben die Bequemlichkeit: das gesamte Sortiment auf einen Blick, die Filtermöglichkeiten. In aller Ruhe zuhause im Internet eine Jeans bestellen, dann warten bis der große Transporter auch mein Paket (mit vielen anderen) ausliefert, anziehen, fertig. Klingt auch noch ökologisch sinnvoll.

Wie umweltfreundlich ist Onlineshopping?

Das Kaufhaus oder auch der kleine Laden müssen das ganze Jahr über aufwändig klimatisiert werden. Ware wird nicht nur gelagert, sondern auch entpackt und präsentiert. Dann wieder verpackt und womöglich fährt der Kunde auch noch mit dem Auto hin.

Wie gesagt, in der Theorie hört sich das eindeutig an: Online-Shopping ist umweltfreundlicher, selbst wenn ich den Stromverbrauch meines Notebooks miteinrechne. Schließlich bleibt das Auto in der Garage. Gerade bei Einkäufern in ländlichen Regionen, die also längere Strecken mit dem PKW unterwegs wären oder gar keine Chance haben den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, macht sich das bemerkbar.

Aber so einfach ist die Sachlage eben nicht. Für einen echten Vergleich müssen auch Einkaufsverhalten, die logistischen Anstrengungen des Handels und der Zulieferer miteinander verglichen werden.

Anreiz der Onlinehändler

Eines der zentralen Verkaufsargumente im Online-Handel, ist die Möglichkeit der kostenlosen Rücksendung. Mindestens 14 Tage, zur Weihnachtszeit aber auch länger, können Kunden die Ware, die nicht gefällt oder nicht passt, kostenlos an den Händler zurückschicken.

Seit Jahren wird bereits darüber diskutiert, ob dieses kostenlose Rückgaberecht nicht erst recht dazu verführt, sinnlos Dinge zu bestellen und allzu leichtfertig wieder zurückzusenden. Die Händler selbst, hat Hilka Bergmann vom EHI in Köln, einem wissenschaftlichen Institut des Handels, bei einer Befragung von über 100 Onlinehändler erfahren, wollen daran auch nicht rütteln: „Der Kunde ist es gewohnt, dass er die Ware kostenlos zurückschicken kann und vor allem im Fashion-Bereich wird es als wichtig gesehen, dem Kunden die Möglichkeit zu bieten, dass er mehrere Varianten zur Auswahl bestellen und die Ware, wenn sie einem nicht gefällt, dann auch kostenlos zurückschicken kann."

Beim Einkaufen im Internet haben zudem die älteren Nutzer in den vergangenen Jahren mächtig aufgeholt. Inzwischen sind selbst im Alterssegment zwischen 60 und 69 bereits drei Viertel im Internet unterwegs. In der Generation 50+ geben mittlerweile fast 70 Prozent an, online schon einmal etwas gekauft zu haben. Da ist für die Branche noch viel Luft nach oben.  

Positive Umweltbilanz ist schnell im Eimer

Die Kunden selbst machen mit einem Schlag alle theoretischen Umweltvorteile des Online-Einkaufs zunichte: Sie schicken nämlich ihre Pakete in Massen wieder zurück. Bei hunderten Millionen von Päckchen und Paketen, bedeutet das nämlich auch Rücksendungen im dreistelligen Millionenbereich.

Die Rücksendequote hängt natürlich stark vom bestellten Artikel ab. Im Frischebereich, bei Lebensmitteln, geht relativ wenig retour. Auch Möbel oder Heimtextilien oder auch Bücher werden nicht sehr häufig zurückgeschickt. Hier liegt die Quote im unteren zweistelligen Bereich.

Retouren bei Onlinehändlern

Ein explosionsartiger Anstieg der Rücksendungen ist dagegen im Modebereich zu verzeichnen. Je nach Händler, kann hier die Retourenquote auch bei über 50 Prozent liegen. Die Kosten für eine mögliche Rücksendung sind zwar in den Waren eingepreist, allerdings kann Hilka Bergmann vom EHI in Köln den „wirtschaftlichen Schaden“ relativ genau beziffern: „Wir haben über die unterschiedlichen Händler hinweg herausgefunden, dass die Kosten, im Schnitt, für einen zurückgesendeten Artikel bei zehn Euro liegen. Besonders hohe Retouren-Kosten fallen zum Beispiel bei Händlern aus dem Bereich Einrichten und Wohnen an.“ Aber natürlich gibt es auch eine Art wirtschaftliche Schmerzgrenze für die Anbieter, rechnet Björn Asdecker vor, er erforscht das Retourenmanagement an der Uni Bamberg in Oberfranken: „Eine Retourenquote von 50 Prozent bedeutet im Schnitt, dass der Händler zweimal versendet und einmal retournieren muss, bevor er das Ding verkauft bekommt. Bei einer Retourenquote von 80 Prozent bedeutet das, dass er im Schnitt fünf Mal versendet und vier Mal die Retoure entgegennimmt, bis der Artikel einmal verkauft ist. An der Stelle wird erkenntlich, dass es eine Grenze geben muss und diese Grenze liegt in vielen Fällen zwischen 60 und 70 Prozent.“

CO2-Emissionen von Paketen

Da nützt es auch wenig, wenn DHL herausstellt, dass jedes verschickte Paket über das Zustellsystem der Deutschen Post „nur“ 500 Gramm CO2-Emissionen verursacht und der Verbraucher – im Vergleich mit dem eigenen Auto – dafür nicht über einen Einkaufsradius von knapp zwei Kilometern hinauskäme (schließlich muss er ja auch wieder nach Hause fahren).

Wer vier Paar Schuhe bestellt, davon aber drei Paar wieder zurückgibt, muss sich also nicht wundern, wenn der Schadstoffausstoß für EIN online gekauftes Paar Schuhe sich plötzlich vervielfacht, weil das gelieferte Paket wieder zurückgeht. Über genaue Rücklaufquoten reden aber viele Händler recht ungern.

Weitere Punkte, die eine gute Ökobilanz des Onlinehandels verwässern

  • Wenn der Paketzusteller niemanden antrifft und kein Ablageort vereinbart wurde, kommt das Paket – im günstigsten Fall – weiter zur nächsten Abholstation. Dorthin muss der Kunde aber auch wieder hinfahren. Manche Zusteller bieten auch den Service, zwei oder sogar drei Mal vorbei zu kommen. Entsprechend vervielfachen sich die Treibhausemmissionen pro Paket.  Die Händler sind hier unter Druck, allerdings eher unter Kostendruck. Überlegungen das Retoure-Verfahren zu verändern, sind daher der Ökonomie und weniger der Ökologie geschuldet.
  • Viele Kunden fahren aber auch erst in den Laden (womöglich noch mit dem Auto), lassen sich dort beraten, probieren an und aus, fahren dann zurück nach Hause und bestellen online um ein paar Euro zu sparen. Auch hier schlägt jeder Online-Einkauf voll ins Umweltkontor.
  • Zeitfenster-Zustellung, d.h. der Kunde kann eingrenzen, wann die Zustellung am besten passt. Dieser Service ist sehr problematisch. Zum einen, weil an sich logische Touren dann anders geplant werden müssen, zum anderen sind die LKW oder Transporter dadurch oft nicht voll beladen, was sich ebenfalls negativ in der Ökobilanz niederschlägt.
  • Viele Händler verpacken ihre Waren noch zu luftig, d.h. bedeutet, dass mehr Fahrten notwendig sind, um eine bestimmte Zahl von Artikeln auszuliefern. Das liegt aber auch an den Logistikunternehmen, erklärt Björn Asdecker von der Uni Bamberg: „Da gibt es eben verschiedene Paketgrößen, bis zu denen eben gewisse Preise berechnet werden und an denen richten sich die Händler aus und verschicken weiterhin, in vielen Fällen leider, immer noch Luft.“ 

So werden Retouren für die Händler gemanagt

In Hamburger Stadtteil Bramfeld steht das „Retourenauffanglager“ von Hermes Fulfilment. Der Logistik-Dienstleister gehört zwar zu 100 Prozent zur Otto-Group, also einem der größten deutschen Online-Händler, bietet seine Leistungen aber der gesamten Branche an.

Etwa 80.000 zurückgeschickte Päckchen kommen allein hier täglich an, werden entpackt sortiert und dann genau geprüft. „Das sind dann so circa 200.000 Artikel pro Tag“, sagt Olaf Wallace, Betriebsleiter von Hermes, „das ist auch unsere Bearbeitungskapazität, die wir hier bearbeiten können.“ Das Verfahren ist standardisiert und pro Artikel wird normalerweise eine Stunde Bearbeitungszeit veranschlagt. Anschließend kann die Ware wieder zurück in den Kreislauf, also in den Wiederverkauf. In Hamburg werden zurückgesendete Kleidungsstücke, Miederwaren, Schuhe und Kleinelektroartikel wieder „aufgefrischt“. Pro Artikel der A-Kategorie veranschlagt Hermes etwa 1 Euro Kosten für die Händler.

Erstaunlich hoch ist die Wiederverkaufsquote. Etwa 97 Prozent der retournierten Artikel bekommt Hermes Fulfilment, nach eigenen Angaben, bereits im ersten Schritt wiederverkaufsfähig. Die restlichen drei Prozent sind dann eine echte Herausforderung für die Mitarbeiter, sagt Olaf Wallace: „Wir haben hier auch eine eigene Reinigung, sodass wir sagen können: Die Hälfte davon bekommen wir wieder verkaufsfähig.“ Bei einer Befragung des EHI in Köln, gaben die befragten Online-Händler mehr Ausfälle an. Wie Studienleiterin Hilka Bergmann herausfand, wird aber auch Ware, die aus dem üblichen Wirtschaftskreislauf herausgenommen wird, in der Regel nicht vernichtet: „Zum einen kommt die nicht mehr verkäufliche Ware zu Retourenaufkäufern, teilweise wird sie auch über Outlets verkauft oder gespendet oder an Lieferanten zurückgesendet oder kommt in den Personalverkauf.“  

Bereits getragene Kleidung zurückschicken?

Nicht immer sind Kunden auch ehrlich. Natürlich kommt es auch vor, dass Online-Einkäufer die bestellte Ware benutzen und dann doch wieder zurückschicken, als kostenlose Retoure eben. „Das kommt durchaus vor, dass Bilder auf der Speicherkarte oder im internen Speicher verbleiben. Die setzen wir dann zurück“, sagt Olaf Wallace. Der Betriebsleiter hat aber auch schon kuriose Dinge erlebt: „Den Fall finde ich ganz lustig, wo wir einen Anzug zurückbekommen, in dem wir dann 300 Euro finden und einen Reisepass. Der Kunde war dann auch ganz lieb und hat den Anzug zurückgenommen, die 300 Euro und seinen Reisepass. Den Anzug hat er dann auch behalten.“ Manchmal ist aber sicher auch freche Mutwilligkeit da, wenn beispielsweise völlig abgewetzte Schuhe einfach zurückgesendet werden.

Ideen für weniger Retouren

  • Genaue und detaillierte Produktbeschreibung. Nach wie vor äußerst wichtig. Je besser ein Artikel schon bei der Bestellung beschrieben ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder zurückgesendet wird. Die virtuelle Umkleidekabine für Zuhause, ist aber immer noch in der Entwicklung. Die unterschiedlichen Größen und Passformen bei Kleidung, löst aber auch diese visuelle Möglichkeit nicht. Die falsche Größe ist der meist genannte Grund für Rücksendungen im Modebereich.  
  • Schnelle Lieferung. Am besten noch am selben Tag. Logistisch eine Herausforderung, aber für die Online-Händler und –Plattformen rechnet es sich, wenn weniger Ware wieder zurückkommt. Die Überlegung der Anbieter lautet: Je weniger Zeit der Kunde hat über seinen Kauf nachzudenken, desto eher behält er den Artikel.
  • Schwarze Schafe aussperren. Die entstehenden Kosten für eine kostenlose Rücksendung teilen sich Anbieter und Kunden. Verbraucher, die das System aber ausnutzen, schaden diesem Preisgefüge natürlich. Retourenforscher Asdecker von der Uni Bamberg fordert deshalb die Online-Händler zum Handeln auf: „Jeder Versandhändler ist da gefordert die entsprechenden Rückschlüsse zu ziehen. Man darf da auch nicht davor zurückschrecken. Amazon macht das auch konsequent als Marktführer vor.  Das werden Kundenkonten, die über längere Zeit exorbitant viel retournieren, auch geschlossen und nicht mehr beliefert werden.“

Fazit:

In der Theorie ist der Online Handel tatsächlich umweltfreundlicher als der direkte Einkauf im Geschäft. Also dann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

  1. Der Verbraucher überlegt sich genau, was er braucht.
  2. Er bestellt mittels einer Standardzustellung, damit das Paket in einem optimal ausgelasteten LKW transportiert werden kann.
  3. Er ist da wenn der Paketzusteller kommt oder der Nachbar nimmt es in Empfang.
  4. Die Ware passt und wird nicht zurückgeschickt.

Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Allein in Deutschland werden schätzungsweise pro Jahr mehr als eine Viertel Milliarde Pakete zurückgeschickt. Das freut die Logistikunternehmen, die mit dem Online-Handel mittlerweile 70 Prozent ihres Umsatzes machen. Weniger die Umwelt. Vor allem wenn die Kunden vorher auch noch in den Laden gehen um sich über Produkte zu informieren oder Kleidung anprobieren und später online bestellen. Das ist nicht nur unfair, sondern auch schlecht für die Umweltbilanz.


30