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Am letzten Sonntag im Januar ist jedes Jahr Welt-Lepra-Tag.

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Hinsehen statt Übersehen: Lepra - die vernachlässigte Krankheit

Verstümmelte, teilweise gelähmte Menschen: Lepra ist in vielen Ländern immer noch nicht ausgerottet. Dabei ist die Erkrankung relativ einfach zu diagnostizieren und heilbar. Aber durch die Corona-Pandemie wird der Kampf gegen Lepra ausgebremst.

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Von
  • Marlene Riederer

Lepra gibt es nicht mehr? Doch! Jährlich erkranken weltweit über 200.000 Menschen daran und leiden nicht nur körperlich. Millionen Menschen müssen ihr Leben lang mit den Folgen der bakteriellen Infektion zurechtkommen - verkrüppelte Hände oder Füße, entstellte Gesichter und vieles mehr. Aber auch die gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung sind ein großes Problem für die Betroffenen. Daran will der Welt-Lepra-Tag am 31. Januar erinnern. Auch wenn die Zahlen 2019 im Gegensatz zum Vorjahr gesunken sind - das Jahr 2020 war kein gutes Jahr für Menschen mit Lepra.

Lepra-Bekämpfung während der Corona-Pandemie

Noch gibt es für das Corona-Jahr keine weltweiten Zahlen, aber es ist klar, dass die Diagnose von neuen Leprafällen, die Therapie, die Aufklärung und Betreuung in den Gemeinden durch die Corona-Pandemie beeinträchtigt ist. Ausgangsbeschränkungen und Unterbrechungen in der Gesundheitsversorgung könnten in den nächsten Jahren zu abertausenden zusätzlichen Infektionen führen, die es ohne Corona womöglich nie gegeben hätte, warnen Hilfsorganisationen weltweit. Was die Beeinträchtigung bei den Aktivitäten zur Leprabekämpfung für Folgen haben, wird sich erst im Herbst 2021 zeigen, wenn die WHO die Zahlen für das Jahr 2020 bekannt gibt.

Helfer erreichen die Betroffenen nicht

Die Schutzmaßnahmen gegen die Corona-Ausbreitung machen es den Helfern vor Ort unmöglich, an die Menschen heranzukommen. Besonders kritisch sei die Situation in den ärmeren Ländern, so Jenifer Gabel von der Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) in Würzburg. "Neue Fälle können wir nicht finden und dementsprechend nicht behandeln", so Gabel. Aber je später eine Behandlung beginnt, desto größer sei das Risiko für eine bleibende Behinderung. Frühzeitige Behandlungen mit einem Mix aus Antibiotika seien wichtig, um solche Schäden zu verhindern. "Das ist eine Riesensorge von uns." meint Gabel.

Immer noch Hunderttausende von Lepra betroffen

2019 wurden 202.185 neue Leprafälle registriert, das sind 6.506 Fälle weniger als im Jahr 2018, so das Robert-Koch-Institut (RKI). Die Erkrankungszahlen schwanken regional. In Südostasien gingen sie in den vergangenen fünf Jahren stetig zurück, wohingegen sie in anderen WHO-Regionen stagnierten oder auch zunahmen. Die meisten Neuerkrankungen wurden 2019 aus Indien (144.451), Brasilien (27.863) und Indonesien (17.439) gemeldet.

Ansteckung durch engen Kontakt mit Leprakranken

Lepra ist eine Infektionskrankheit, die durch das Bakterium Mycobacterium leprae ausgelöst wird. Der Ansteckungsweg ist bis heute nicht genau geklärt, obwohl das Lepra-Bakterium schon 1873 von dem Norweger Gerhard Armauer Hansen entdeckt wurde. In vielen Ländern halten sich hartnäckig falsche Annahmen: Zum Beispiel, dass Lepra vererbt wird, oder dass man sich ansteckt, wenn man an einem Erkrankten auf der Straße vorbeigeht. Mittlerweile geht man davon aus, dass selbst eine einfache Berührung hierfür nicht ausreicht. Höchstwahrscheinlich überträgt sich Lepra über Tröpfcheninfektion. Weil Lepra nur schwach ansteckend ist, ist ein längerer und enger Kontakt mit einem Leprakranken Voraussetzung. Meist erkranken Menschen, deren Immunsystem vorher schon geschwächt war.

Lepra verursacht Hautflecken und Verstümmelungen

Lepra hat eine lange Inkubationszeit, sie kann neun Monate bis zu zwanzig Jahre betragen, in Einzelfällen sogar dreißig Jahre. Die Erreger befallen das Nervensystem. Im Frühstadium bekommen Leprakranke Flecken auf der Haut, meist an Armen, Beinen oder am Kopf. An den betroffenen Körperregionen empfinden die Personen vor allem im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf keine Wärme, Kälte, Berührungen und Schmerzen mehr. Wenn sie sich dann an diesen Stellen verletzen und es nicht spüren, entzünden sich die Wunden. Oft infizieren sie sich über die Verletzungen zusätzlich mit anderen Krankheiten. Am Ende sterben diese Bereiche ab und es kommt zu den für Lepra typischen Verstümmelungen.

Gesetze gegen Leprakranke

In den Schriften vieler Religionen, etwa im Christentum, Hinduismus oder Buddhismus, wird Lepra als Strafe für Verfehlungen im aktuellen oder früheren Leben angesehen. Laut der Internationalen Vereinigung der Lepra-Hilfswerke (ILEP), der auch die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) angehört, werden Leprakranke, aber auch geheilte Patienten, in vielen Ländern nicht nur zwischenmenschlich geächtet, sondern sogar per Gesetz stigmatisiert. Allein in Indien, dem Land, in dem es Jahr für Jahr die meisten neudiagnostizierten Lepra-Fälle gibt, existieren mehr als 100 solcher Vorschriften. Sie versagen den Erkrankten die gesellschaftliche Teilhabe in verschiedensten Lebensbereichen und wirken sich zum Beispiel auf den Wohnort, die Beschäftigung, das Wahlrecht und sogar das Eheleben aus. Den Vereinten Nationen liegen aus vielen Ländern Berichte vor, dass auch leprakranke Kinder diskriminiert werden, insbesondere im Bildungsbereich.

Diskriminierung begünstigt Lepra-Verbreitung

Viele Erkrankte scheuen sich, aus Scham, Schuldgefühlen und der Furcht vor Diskriminierung einen Arzt aufzusuchen. Zudem leiden sie unter Depressionen und Angstzuständen. Der Arztbesuch fällt dann erst recht aus. Um auf diese Not und den daraus resultierenden Teufelskreis aufmerksam zu machen, wurde 1954 der Welt-Lepra-Tag eingeführt. Er findet jedes Jahr am letzten Sonntag im Januar statt. Der diesjährige Welt-Lepra-Tag am 31. Januar steht unter dem Motto: "Hinsehen statt Übersehen". Damit wollen die DAHW und zwölf weitere Mitgliedsorganisationen auf die vielen Mythen, Unbekannten und Ungerechtigkeiten rund um die Krankheit Lepra hinweisen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählt Lepra zu den vernachlässigten Tropenkrankheiten.

Lepra ist frühzeitig ohne dauerhafte Schäden heilbar

Dabei ist Lepra gut zu behandeln. Es gibt seit rund 35 Jahren eine wirksame Medikamententherapie aus drei kombinierten Antibiotika. Bei einer rechtzeitigen Diagnose und Einnahme kann die Krankheit ohne dauerhafte Schäden geheilt und weitere Übertragungen verhindert werden. Allerdings leiden weltweit schätzungsweise vier Millionen Menschen an von Lepra verursachten Behinderungen, weil die Krankheit zu spät behandelt wurde.

Klinische Tests für Impfungen in diesem Frühjahr

An einem Impfstoff gegen Lepra wird seit gut 20 Jahren gearbeitet. Im vergangenen Jahr sollte in Brasilien, das besonders von Lepra betroffen ist, mit wichtigen klinischen Tests begonnen werden. "Doch da hat uns und unseren Partnern die Pandemie leider einen Strich durch die Rechnung gemacht", meint DAHW-Forschungskoordinatorin Christa Kasang. Begonnen wird daher erst in diesem Frühjahr. Sollten sich die bisherigen Testergebnisse im Verlauf der Studie bestätigen, sei mit einer Zulassung des Impfstoffes 2025 zu rechnen.

Leprakranke Schimpansen entdeckt

Anlässlich des Welt-Lepra-Tags teilten Wissenschaftler mit, bei Schimpansen Lepra nachgewiesen zu haben. Dabei ist noch unklar, wie sich die Tiere im Dschungel infiziert haben, so die DAHW. Denn die Affen aus Guinea-Bissau und der Elfenbeinküste hatten wahrscheinlich nie Kontakt zu Menschen. Die bisherige Vermutung der Forscher war, dass der Mensch das Hauptreservoir für den Lepra-Erreger ist und dass sich Tiere durch Kontakt zum Menschen infizieren, so Jenifer Gabel von der DAHW.

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Schimpanse mit Lepra entdeckt

"Doch der Genotyp des Bakterienstamms, den wir in Stuhl-und Gewebeproben der betroffenen Affen in West-Afrika finden konnten, tritt beim Menschen äußerst selten auf", erklärte Wildtierexperte Fabian Leendertz vom Robert Koch-Institut. "Es müsste daher andere Quellen in der Tier- und Umwelt geben." Daraus folgt:

"Für die Bekämpfung der Lepra heißt das, wir dürfen uns nicht nur auf den Menschen fokussieren, sondern müssen das Tierreich mit einbeziehen", so August Stich, Lepra-Experte und Chefarzt der Klinik für Tropenmedizin am Klinikum Würzburg Mitte

Lepra gehört zu den Zoonosen

Dass Tiere Lepra haben können, ist nichts Neues. Bereits vor zehn Jahren konnten Forscher mithilfe von DNA-Analysen nachweisen, dass Menschen sich bei Gürteltieren mit Lepra anstecken können. Lepra zählt damit zu den sogenannten Zoonosen. Das sind Infektionskrankheiten, die auf natürlichem Weg vom Tier auf den Menschen übertragen werden können.

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Wenn wir Menschen die Lebensräume von Tieren zerstören, dann gefährden wir unsere Umwelt und Gesundheit. Studien belegen einen Zusammenhang von Umweltzerstörungen und mehr Infektionskrankheiten aus dem Tierreich, sogenannter Zoonosen.

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