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Spanische Grippe Die schlimmste Influenza-Pandemie der Geschichte

Die Spanische Grippe umrundete 1918 binnen weniger Monate die Erde. Bis 1920 tötete sie mehr Menschen, als im gesamten Ersten Weltkrieg starben. Warum war sie ein solcher Todbringer?

Stand: 05.03.2018

Im Ersten Weltkrieg, der von 1914 bis 1918 andauerte, kamen rund 17 Millionen Menschen um. Die Spanische Grippe, die 1918 plötzlich auftrat und bis 1920 weltweit wütete, sogar in Inuitdörfern und auf Samoa, raffte je nach Schätzung 20 bis mehr als 100 Millionen Menschen dahin. Sie hinterließ wahrscheinlich mehr Tote als jede andere Krankheit davor und danach in der Geschichte. Dieses Ausmaß ist vielen nicht bewusst. In vielen Ländern wurden Todesfälle gar nicht nicht dokumentiert, zeitweise starben auch einfach zu viele Menschen gleichzeitig. Allein im damaligen Deutschen Reich soll die Spanische Grippe rund 426.000 Menschen das Leben gekostet haben - so viele Einwohner haben Augsburg und Regensburg heute zusammen. In Wellen hatte sich die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 zur schlimmsten Grippe-Pandemie der Geschichte entwickelt.

Grippe (auch: Influenza)

Grippe wird auch Influenza genannt und durch Viren ausgelöst. Influenza-Viren sind hochansteckend und werden durch Tröpfchen- oder Kontaktinfektion übertragen. Grippe beginnt meist schlagartig und verursacht hohes Fieber, Schüttelfrost, Husten, Kopf-, Glieder- und Muskelschmerzen. Ist der Körper bereits geschwächt, haben Bakterien leichtes Spiel und können zu weiteren Folgeerkrankungen, etwa zu Herzmuskel- und Lungenentzündungen führen. Weil sich Grippeviren ständig verändern, müssen dauernd neue Impfstoffe entwickelt werden.

Die Spanische Grippe kam nicht aus Spanien

Die Spanische Grippe verbreitete sich rasend schnell. Vom Falschen angeniest zu werden oder etwas Falsches anzufassen, konnte den Tod bedeuten.

Woher die Grippe kam, ist nicht endgültig geklärt - aber wohl nicht aus Spanien. Wilfried Witte, Berliner Historiker und Oberarzt der Charité, hat über die Pandemie geforscht. Ihm zufolge wird angenommen, dass die Grippe im März 1918 zuerst Schüler und Soldaten in Kansas, USA, heimsuchte.

Der erste Patient?

Als erster Patient wird oft der Koch Albert Gitchell vom Army-Stützpunkt Fort Riley in Kansas bezeichnet. Er hatte sich am 4. März 1918 mit Fieber krank gemeldet. Binnen weniger Tage erkrankten in diesem Militärlager mehr als 500 Männer.

Schon im Juni wurden Epidemien aus China, Australien, Neuseeland und Indien gemeldet. Mit Truppenschiffen gelangte das Virus dann auch nach Europa. Durch winzige Tröpfchen beim Husten oder Niesen steckten sich die Menschen reihenweise an.

"Spanische" Grippe?

Aus Spanien kamen ab 22. Mai 1918 in der Madrider Zeitung "El Sol" die ersten Nachrichten, dass massenhaft Menschen an einer rätselhaften Krankheit litten. Selbst der damalige spanische König Alfons XIII. war erkrankt. In Spanien war die Krankheit aber nicht das erste Mal aufgetreten. Spanien war nur aufgrund der sonst vorherrschenden Zensur das erste Land, das über die Krankheit schrieb. In anderen Ländern sollten schlechte Nachrichten während des Krieges nicht das Durchhaltevermögen der Bevölkerung und Soldaten schwächen.

"Morgens krank, abends tot"

Die Erkrankung begann mit Fieber, Husten, Kopf- und Gliederschmerzen und endete für viele mit einer begleitenden bakteriellen Lungenentzündung und dem Tod wenige Tage später. Bewohner der Insel Java beschrieben den Krankheitsverlauf so: "Morgens krank, abends tot; abends krank, morgen tot." Die Haut der Erkrankten verfärbte sich aufgrund der Unterversorgung mit Sauerstoff oft dunkelblau bis bräunlichviolett. Deshalb dachten viele Menschen damals zuerst an die Pest. Der "schwarze Tod" gehe wieder um, war nur eines der kursierenden Gerüchte. Die Mediziner waren ratlos. Manche hielten ein "Grippe-Bakterium" für die Ursache. Der wahre Auslöser einer Grippe, das Influenza-Virus, wurde erst 1933 von drei Forschern in London entdeckt.

"Es dauert nur einige wenige Stunden, bis der Tod kommt. Und es ist ein einziger Kampf um Luft, bis sie ersticken. Es ist schrecklich."

Roy Grist, Militärarzt in Camp Devens, Massachusetts, am 29. September 1918 in einem Brief an einen anderen Arzt

Spanische Grippe befiel ungewöhnliche Altersklasse

Die Sterblichkeitsdiagramme waren W-förmig, schreibt die Mikrobiologin und Wissenschaftsjournalistin Gina Kolata in ihrem Buch "Influenza - Die Jagd nach dem Virus": Betroffen waren vor allem Babys und Kleinkinder unter fünf Jahren, ältere Menschen zwischen 70 und 74 Jahren - und auffallend viele robuste 20- bis 40-Jährige. Eine Altersklasse, die normalerweise von Infektionskrankheiten eher verschont bleibt.

Tödlicher Verlauf ab Herbst 1918

Kurz vor ihrem Tod verfärbten sich an der Spanischen Grippe Erkrankte stellenweise blau, weil die Lunge versagte.

Heute weiß man, dass die Grippe von 1918 als gewöhnliche Influenza begann, sich dann jedoch veränderte. Wilfried Witte sagt, dass die Spanische Grippe anfangs noch relativ harmlos verlaufen ist: In der ersten Ansteckungswelle im Frühjahr 1918, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, erkrankten sehr viele Menschen, bekamen etwa drei Tage lang Schüttelfrost und Fieber, aber nur wenige starben daran. Im Herbst folgte jedoch eine zweite, diesmal tödliche Welle. Die entfaltete vor allem dort, wo viele Menschen zusammenkamen, ihre große Wucht. In Rekruten- und Kriegsgefangenenlagern steckten sich auf einen Schlag viele Menschen an. "Die meisten sind an einem akuten Lungenversagen gestorben. Das ging rapide schnell vonstatten", erzählt Witte. Therapien wie invasive Beatmung standen Ärzten noch nicht zur Verfügung. Wenn überhaupt, hätten Kranke Mittel zur Kreislaufstärkung bekommen. "So etwas hat natürlich nicht geholfen."

Egon Schiele und die Spanische Grippe

Im Oktober 1918 hatte das Virus Wien erreicht. Der 28 Jahre alte Maler Egon Schiele bangte um seine hochschwangere Frau Edith und das ungeborene Kind. Als ihr Fieber immer höher und ihre Atemnot schlimmer wurden, zeichnete Schiele ein Porträt der Sterbenden. Die Kreidezeichnung sollte seine letzte sein: Kaum hatte er Frau und Kind zu Grabe getragen, legte er sich mit Schüttelfrost zu Bett. Am 31. Oktober, drei Tage nach den beiden, starb auch er an der Spanischen Grippe.

Manchmal war das Immunsystem schon vorbereitet

Der Spanischen Grippe konnte höchstens entkommen, wer schon einmal mit einem ähnlichen Erreger zu tun hatte und ausreichend fit war.

Ein Team um Michael Worobey von der University of Arizona hat erforscht, wie der Erreger entstand und das Ergebnis 2014 publiziert: Vermutlich entwickelte er sich kurz vor dem Ausbruch 1918 durch die Kreuzung eines Vogelgrippevirus mit einem menschlichen Virus, das bereits seit rund 10 bis 15 Jahren kursierte. Laut der Wissenschaftler könnte das auch erklären, warum die Grippe besonders viele 20- bis 40-Jährige dahinraffte: Menschen, die 1918 jünger als 20 oder bereits älter als 40 waren, hatten als Kinder saisonale Grippewellen durchlebt, deren Erreger denen der Spanischen Grippe ähnelten. Ihr Immunsystem war bereits darauf vorbereitet. Als die im Jahr 1918 20- bis 40-Jährigen noch Kinder waren, kursierten allerdings andere Influenzaviren. Sie waren für die Spanische Grippe leichte Opfer.

Ließ die Spanische Grippe das Immunsystem verrücktspielen?

Ein amerikanisch-japanisches Forscherteam veröffentlichte bereits im Jahr 2007 die Vermutung, dass die Spanische Grippe das Immunsystem der Erkrankten überreagieren ließ, sodass sich ihre Abwehrkräfte gegen den eigenen Körper richteten und unter anderem das Lungengewebe zerstört wurde. Nachweisen konnten sie dies an Menschenaffen mit dem nachkonstruierten Virus von 1918. Dies könnte ebenfalls erklären, warum so viele junge, eigentlich robuste Menschen starben. Deren starke Abwehrkräfte könnten ihnen mehr geschadet als genutzt haben.

Das Risiko einer erneuten Pandemie

"Genau die gleiche Situation wie 1918 wird so nicht mehr passieren", sagt Silke Buda, Grippe-Expertin vom Robert Koch-Institut (RKI). Damals seien die Umstände andere gewesen, die Lebensbedingungen schlechter. Viele Menschen litten zusätzlich bereits an anderen Krankheiten wie Tuberkulose. Gegen die oft tödlichen bakteriellen Lungenentzündungen, die auf die Grippe folgen, konnten die Ärzte nicht viel tun: Antibiotika gab es noch nicht. Heute gibt es laut Buda andere große Herausforderungen: Keime, die immun sind gegen Antibiotika. Reisende, die die Viren noch schneller als damals in die entlegendsten Winkel der Welt tragen. "Die Menschen werden heute zudem sehr viel älter als früher, haben dann aber oftmals Grunderkrankungen und sind anfälliger für schwere Krankheitsverläufe", sagt Buda.

Zum Weiterlesen:

  • Wilfried Witte: Tollkirschen und Quarantäne. Die Geschichte der Spanischen Grippe. Berlin 2008.
  • Gina Kolata: Influenza. Die Jagd nach dem Virus. Frankfurt am Main 2001.
  • Manfred Vasold: Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen und Epidemien vom Mittelalter bis heute. München 1991.

Das RKI beobachtet akute Atemwegserkrankungen und hat potenziell pandemische Viren im Blick. Das größte Pandemie-Potenzial werde aktuell dem Vogelgrippe-Virus H7N9 in China zugeschrieben. "Aber diese Einschätzung bedeutet noch lange nicht, dass es dieses Virus dann sein wird", betont Buda. Der Mensch kann sich in Asien bei engem Kontakt mit Geflügel anstecken, fortlaufende Mensch-zu-Mensch-Übetragungen sind aber noch nicht vorgekommen. Zuletzt in Deutschland nachgewiesene Vogelgrippe-Viren bei Geflügel würden als wenig risikoreich für den Menschen gelten. Käme eine neue Pandemie, können Experten Schutzmaßnahmen empfehlen und Impfungen mit einem speziell dafür entwickelten Impfstoff in die Wege leiten. Davon konnten die Menschen 1918 nur träumen.

  • Spanische Grippe - Ein Lehrstück für Pandemien: 14.02.2018, 18.05 Uhr, IQ - Wissenschaft und Forschung, Bayern 2.
  • Vor 100 Jahren: Die Spanische Grippe foderte 50 Millionen Todesopfer: 23.01.2018, 19.00 Uhr, Gesundheit!, BR Fernsehen.
  • Raffinierte Verwandlungskünstler - Grippeviren: 25.11.2017, 21.30 Uhr, Schatten des Todes - Die Geschichte der Seuchen, ARD-alpha.

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