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Schlechte Klima-Bilanz für Holzpellets | BR24

© picture alliance/imageBROKER

Klimafreundlich oder Raubbau am Wald? Holzpellets sind umstritten.

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    Schlechte Klima-Bilanz für Holzpellets

    Das Heizen mit Holzpellets gilt als umweltfreundlich und klimaneutral. Die kleinen Sägemehl-Stäbchen werden als nachwachsender Rohstoff sogar vom Bund gefördert. Europäische Forscher stellen Holzpellets jetzt aber ein schlechtes Klima-Zeugnis aus.

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    Die Idee ist einfach: Wenn man Holz verbrennt, wird nur genau so viel CO2 frei, wie der Baum zuvor für sein Wachstum in den letzten Jahrzehnten aus der Atmosphäre geholt hat. Anders als bei fossilen Brennstoffen wie Kohle gerät also kein zusätzliches CO2 in die Atmosphäre, das den Klimawandel beschleunigt. Deshalb gelten Holzpellets als regenerativer Brennstoff und werden gefördert. Eine Folge: Der Holzverbrauch in Deutschland hat sich nach Angaben des Zentrums Holzwirtschaft der Universität Hamburg seit Beginn der 1990er Jahre verdoppelt. 50 Prozent des Holzaufkommens werden bei uns mittlerweile energetisch genutzt.

    Brennstoff für Privathaushalte und Kraftwerke

    Holzpellets, kleine runde Stäbchen aus Sägemehl, kann man im Kaminofen oder im Kessel einer Zentralheizung verbrennen. Dabei bestehen Holz-Pellets zu rund 70 Prozent aus Holzresten der verarbeitenden Holzindustrie. In manchen EU-Ländern, etwa in den Niederlanden, in Dänemark oder in Großbritannien, ersetzen Holzpellets inzwischen sogar Kohle in Kraftwerken. Das wirkt sich positiv auf die CO2-Bilanz dieser Länder aus, denn die Pellets gelten ja als CO2-neutral. Wissenschaftler der Europäischen Akademie der Wissenschaften halten dies aber für einen Etikettenschwindel.

    "In den Kraftwerken dort werden jetzt Millionen Tonnen Holzpellets verbrannt, anstelle von Kohle, weil die Länder nach den Regeln des EU-Emissionshandels die CO2-Emissionen von Biomasse nicht angeben müssen. Dasselbe gilt für die Regeln des UN-Systems. Ich glaube, das ist ein schwerer Fehler in den Berechnungs-Regeln, und der wird ausgenutzt." Michael Norton, wissenschaftlicher Beirat der Europäischen Akademie der Wissenschaften

    Die Idee hinter dieser Regelung ist: Weil die Bäume, die da verbrannt werden, ihr CO2 erst in den letzten Jahrzehnten aus der Atmosphäre geholt haben, ist das Verbrennen nur Teil eines CO2-Kreislaufs. Kein zusätzliches CO2 gelangt in die Umwelt, wie beim Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Kohle und Öl. Aber es ist eine massiver CO2-Ausstoß in sehr kurzer Zeit, wie Michael Norton sagt: "Da geht ein CO2-Schub in die Atmosphäre, und bleibt dort bis neue Bäume nachgewachsen sind. Was bekanntlich nicht über Nacht passiert, sondern 30, 40 oder sogar 60 Jahre dauert."

    Es gehen also Jahrzehnte ins Land, um die CO2-Schulden abzutragen. Im Prinzip stimmt das zwar mit dem Kreislauf zwischen Baum und Atmosphäre – aber es dauert zu lange. Denn die nächsten Jahrzehnte sind genau die Zeitspanne, in der wir dringend die CO2-Emissionen senken müssen.

    Ökologische Schäden und zusätzliche Emissionen durch Pellet-Importe

    Es wäre also besser, wenn die Bäume im Wald blieben, oder zu Bauholz verarbeitet würden, damit der Kohlenstoff im Holz gespeichert bleibt. Zudem werden die Pellets zum Teil aus den USA nach Europa importiert – die CO2-Emissionen für den Transport kommen also noch oben drauf.

    Und dann stellt sich auch noch die Frage: Sorgt der Pellet-Boom auch für ökologische Schäden dort, wo das Holz herkommt? Das ist vor allem der Südosten der USA. Pita Verweij von der Universität Utrecht hat die ökologischen Auswirkungen des Holzpellet-Booms untersucht.

    "Wenn ein natürlicher Wald abgeholzt und als Fichten-Plantage aufgeforstet wird, dann hat das natürlich große negative Auswirkungen. Vor allem wenn dort viele endemische Arten leben, die also nur in dieser Region vorkommen. Die könnten dort sogar aussterben. Wenn aber Äcker oder Grünland in Fichten-Plantagen umgewandelt werden, kann sich das positiv auf die Artenvielfalt auswirken." Pita Verweij, Universität Utrecht

    Verschiedene Szenarien zeigen, dass vor allem die Nachfrage der Bauindustrie ausschlaggebend ist für die Abholzung von Wäldern. Denn Pellets werden aus Sägemehl, Ästen und anderen Überbleibseln der Sägewerke hergestellt. Und nur ein kleiner Teil des Holzes wurde bislang zu Pellets verarbeitet. Aber Umweltschützer klagen, dass durch den Boom im Umkreis von 80 bis 100 Kilometern um die Pellet-Werke mehr Bäume gefällt werden. Zwar sind große, gut gewachsene Bäume zu teuer zum Verbrennen. Aber für dünne und krumme Bäume, die nicht als Bauholz taugen, gibt es jetzt eine neue Nachfrage, sagt Michael Carr von der Umweltbewegung Natural Resources Defense Council: "Waldbesitzer haben jetzt einen Anreiz, Bäume früher zu fällen. Die werden zu Pellets verarbeitet, anstatt im Wald stehen zu bleiben. Und das passiert in der Atlantischen Küstenebene, die als Hotspot der Artenvielfalt gilt."

    Wissenschaftler: Pellet-Verbrennung im großen Stil nicht klimaneutral

    Die Subventionen, die manche Länder für Pellets zahlen, sorgen also nicht nur für höhere CO2-Emissionen in einer Zeit, in der sie dringend sinken müssten. Sondern stellenweise auch für ökologische Schäden. Zwar haben Wissenschaftler die EU-Kommission immer wieder auf die schädlichen Nebenwirkungen hingewiesen und gefordert, dass die Verbrennung von Pellets im großen Stil nicht als CO2-neutral gelten darf. Aber bisher ohne Erfolg. Die durch Subventionen gewachsene Pellet-Industrie hatte mehr Erfolg, sagt Michael Norton: "Mit einer großen Industrie entsteht auch eine starke Lobbygruppe. Und die findet Gehör bei der EU-Kommission."