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Pocken-Pandemie: Bereits Wikinger verbreiteten tödliche Viren | BR24

© The Swedish National Heritage Board

Forscher entdeckten auf der schwedischen Insel Öland ein ursprünglich mit Pocken infiziertes Wikinger-Skelett.

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    Pocken-Pandemie: Bereits Wikinger verbreiteten tödliche Viren

    Vor 1400 Jahren segelten Wikinger gen Süden, um Beute zu machen oder Handel zu treiben. Sie brachten anderen Völkern nicht nur Gewalt und Güter, sondern auch Krankheitserreger. Forscher fanden in Wikingerzähnen nun die älteste Form des Pockenvirus.

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    Es gehört zu den tödlichsten Keimen, die die Menschheit je heimgesucht haben: das Variola-Virus. Der Krankheitserreger löst Pocken aus (zu deutsch auch Blattern genannt), eine Virusinfektion, die durch Tröpfchen übertragen wird. Bis in die Neuzeit zählte die Krankheit in Europa und Amerika zu den häufigsten Todesursachen.

    Frühester genetischer Fingerabdruck der Pocken

    Seit wann genau Pocken-Infektionen Menschen heimsuchen, galt bislang als nicht abschließend geklärt. Nun konnte aber ein europäisches Forscherteam um Eske Willerslev, Direktor des Lundbeck Foundation GeoGenetics Centre der Universität Kopenhagen, den frühesten Fingerabdruck des Pockenvirus genetisch nachweisen. Das berichten die Wissenschaftler am 23.7.2020 im Magazin "Science".

    Den Forschern gelang es, einen in der Natur ausgestorbenen Pockenstamm aus den Zähnen von Wikinger-Skeletten zu extrahieren: der Nachweis, dass Pocken die Menschheit bereits im frühen Mittelalter heimsuchten.

    "Die genetischen Strukturen, die wir gefunden haben, unterscheiden sich durchaus vom modernen Pockenvirus, das im 20. Jahrhundert ausgerottet wurde. Diese 1400 Jahre alte genetische Information ist deshalb besonders bemerkenswert, da wir daraus viel über die Evolutionsgeschichte des Variola-Virus lernen können." Eske Willerslev, Direktor des Lundbeck Foundation GeoGenetics Centre, Universität Kopenhagen

    Geschichte des Virus liegt im Dunklen

    Historiker vermuten, dass die die ersten Pocken-Fälle bereits vor 12.000 Jahren im Nordosten Afrikas auftraten. Auch die sechste ägyptische Plage aus dem Alten Testament wird mitunter als Beschreibung einer Pocken-Epidemie gelesen. Und auch Läsionen an der Mumie des Pharao Ramses V. haben Histologen als Hinweise auf Pockennarben interpretiert. Medizinische Evidenzkriterien hielten diesen Entdeckungen aber nicht stand.

    Epidemien besser verstehen

    Durch die Analyse des historischen Pocken-Genoms hoffen die Forscher die Entwicklung dieser und anderer Viren zu entschlüsseln, um so die Entstehung von Epidemien, wie etwa die des Corona-Virus, besser zu verstehen. Tatsächlich weisen die gefundenen, historischen Virenstämme spezifische Muster aktiver und inaktiver Gene aus, die sich stark vom modernen Pockenvirus unterscheiden. Sie standen damit genetisch der Virusfamilie der Tierpocken näher, etwa der Kamel- oder Taterapocken der Wüstenrennmaus.

    "Dies ist ein bedeutender Einblick in die Entwicklungsstufen, die das Variola-Virus im Laufe seiner Evolution genommen hat." Ko-Autorin Barbara Mühlemann, Institut für Virologie der Charité Universitätsmedizin Berlin.

    Symptome der Wikinger unklar

    Viren können im Laufe der Zeit in vielfältiger Weise in harmlose oder gefährlichere Stämme mutieren. Die am Forschungsprojekt beteiligten Virologen können deshalb nicht sagen, welche Symptome das historische Pockenvirus zur Wikingerzeit hervorrief. Und auch nicht, ob der in dem Skelett gefundene Virus den Tod des Wikingers verursachte.

    "Dass sich der Pocken-Stamm der Wikinger genetisch derart stark von modernen Pockenviren unterscheidet, ist höchst bemerkenswert. Niemand hat überhaupt erwartet, dass diese Pockenstämme existieren. Denn man nahm eher an, Pocken um 600 nach Christus, also dem Zeitpunkt aus dem unser Fund stammt, in West- und Südeuropa zu finden." Terry Jones, Co-Autor, Institut für Virologie der Charité Universitätsmedizin Berlin und Centre for Pathogen Evolution, University Cambridge

    Virenfunde überall in Europa

    Insgesamt fand das europäische Forscherteam Pockenviren in elf Wikinger-Grabstätten in Dänemark, Norwegen, Russland und in Großbritannien sowie auf der schwedischen Insel Öland, das für seinen lebhaften Handel im frühen Mittelalter bekannt war. Aufgrund der über ganz Europa verstreuten Fundorte gehen die Wissenschaftler um Eske Willerslev davon aus, dass die Wikinger als Virenträger auf dem Kontinent eine Pocken-Epidemie ausgelöst oder zumindest immer wieder angestoßen haben:

    "Wir wussten bereits, dass die Wikinger in Europa und drüber hinaus unterwegs waren und jetzt wissen wir, dass sie Pocken hatten. Menschen, die um die Welt reisen, können Covid-19 rasend schnell verbreiten. Und es ist anzunehmen, dass die Wikinger die Pocken verbreiteten. Nur, dass sie damals mit dem Schiff unterwegs waren und nicht mit dem Flugzeug.“ Eske Willerslev, Direktor des Lundbeck Foundation GeoGenetics Centre, Universität Kopenhagen

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