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Coronavirus: Wann spricht man von einer "zweiten Welle"? | BR24

© picture alliance / Winfried Rothermel

Hygieneregeln, Abstand halten und Mundschutz: der Dreiklang gegen eine zweite Coronawelle.

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Coronavirus: Wann spricht man von einer "zweiten Welle"?

Bayerns Kultusminister Michael Piazolo spricht im BR-Interview von einer möglichen zweiten Welle und in dem Zusammenhang von flächendeckenden Schulschließungen. Doch was ist die "zweite Welle" – für Wissenschaft und Politik?

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Wer wissen möchte, wie in Deutschland die Lage zum Infektionsgeschehen mit Covid-19 ist, der wendet sich an das Robert Koch Institut (RKI). Hier werden die Kriterien zur nationalen Risikobewertung zusammengetragen und beurteilt. Fest steht, dass die Anzahl der neu übermittelten Fälle in Deutschland seit etwa Mitte März rückläufig ist und viele Kreise derzeit nur sehr wenige bzw. keine Fälle an das RKI übermitteln.

Das heißt, die Lage hierzulande ist derzeit relativ entspannt. Es gibt einen bestimmten Parameter, der die Situation recht gut beschreibt: die 7-Tage-Inzidenz. Überschreitet die Zahl der Neuinfektionen binnen sieben Tagen auf 100.000 Einwohner gerechnet den Wert 50, dann können lokal Konsequenzen gezogen werden. Das ist in Göttingen, Gütersloh und Berlin der Fall gewesen.

Für Bayern hat die Staatsregierung am 19. Mai 2020 eine niedrigere Obergrenze festgelegt. Hier gilt der Wert von 35 Neuinfizierungen auf 100.000 Einwohner bei der 7-Tage-Inzidenz.

Wir surfen auf der ersten Welle des Corona-Geschehens

Aus epidemiologischer, virologischer und klinischer Sicht befinden wir uns weltweit noch in der ersten Corona-Welle. Laut WHO steigen die Fallzahlen weltweit an, auf rund 14 Millionen Infizierte derzeit. (Stand 20. Juli 2020)

Für Deutschland aber gilt: Die Inzidenz der letzten sieben Tage lag deutschlandweit bei 3,1 Fällen pro 100.000 Einwohner und ist damit auf niedrigem Niveau leicht angestiegen. Aus 109 Landkreisen wurden in den letzten sieben Tagen keine Fälle übermittelt. In weiteren 240 Landkreisen liegt die 7-Tage-Inzidenz unter 5,0/100.000 Einwohner.

In Bayern liegt die 7-Tage-Inzidenz mit 3,5 Fällen pro 100.000 Einwohner knapp über dem bundesweiten Durchschnittswert. (Stand: 20. Juli 2020)

Lokale Peaks, Welle oder Dauerwelle der Corona-Infektionen

Während der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast bereits Ende Juni davor gewarnt hatte, dass das Virus wiederkomme, vermeidet der Bonner Virologe Hendrik Streeck, Verfasser der "Heinsberg-Studie", den Begriff der "zweiten Welle". Für ihn ist es eine kontinuierliche Welle, die immer wieder hoch- und runtergeht, Streeck spricht in dem Zusammenhang von einer "Dauerwelle".

Sehr viel wahrscheinlicher sind vereinzelte lokale Ausbrüche, die auch so behandelt werden. Wichtig ist, dass solche Cluster frühzeitig erkannt und Infektionsketten schnell unterbrochen werden. Im Falle einer Schule bedeutet das: Erkrankt ein Schüler oder eine Schülerin, dann wird die Klasse in den Distanzunterricht geschickt. Aber es wird nicht gleich die gesamte Schule geschlossen. Allerdings ist nicht klar, was geschieht, wenn ein Lehrer oder Lehrerinnen erkranken, die in mehreren Klassen unterrichtet haben. Zu Beginn der Pandemie, also im März, wurde in so einem Fall die gesamte Schule vom Gesundheitsamt geschlossen.

Kommt im Herbst die zweite Welle?

Sollten die Zahlen deutschlandweit oder auch in Bayern im Herbst deutlich steigen, wenn die Ferien zu Ende sind und die Urlauber nach Hause zurückkehren, stellt sich die Frage nach dem Beginn einer zweiten Welle. Dieser Begriff ist wissenschaftlich schwer zu fassen, noch unmöglicher klar zu definieren. Das Phänomen der "zweiten Welle" rührt eigentlich von der Spanischen Grippe her, die im Frühjahr 1918 ausbrach und im Herbst desselben Jahres in einer zweiten, stärkeren Welle wiederkehrte.

Einen festen Schwellenwert für die Definition einer zweiten Welle gibt es nicht. Das unterstreicht auch Katrin Grimmer, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL):

"Eine mögliche zweite Welle hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel der konsequenten Einhaltung von Infektionsschutzmaßnahmen, der Mobilität der Bevölkerung und der schnellen Ermittlung und Identifikation von Fällen, Clustern, Ausbrüchen und Kontaktpersonen."

Die Gesundheitsbehörden setzen daher auf eine kontinuierliche Risikoeinschätzung des COVID-19-Geschehens, aufgrund von virologischen, epidemiologischen und klinischen Daten. Die Bayerische Staatsregierung bewertet die entsprechenden Entwicklungen kontinuierlich und befindet sich im regelmäßigem Austausch mit dem Robert Koch-Institut, das die nationale Risikobewertung vornimmt. "Diese ist auch für Bayern maßgeblich, allerdings müssen regionale Besonderheiten immer im Blick behalten werden", so Grimmer.

Ein möglicher zweiter "Lockdown" – und wie man ihn verhindert

Es wäre wohl eine Mischung aus steigenden Fallzahlen und einer Belastung des öffentlichen Gesundheitswesens, die nicht nur lokal isoliert stattfinden, die schließlich Wissenschaftler und Politiker von einer zweiten Welle sprechen und daraus Konsequenzen ziehen lassen würden.

Doch auch wenn Politiker wie der bayerische Kultusminister Michael Piazolo bereits Szenarien entwerfen, in denen flächendeckende Schulschließungen bei einer zweiten Welle vorkommen, muss es nicht soweit kommen.

"Es gibt auch ein Szenario B, C und D, je nach Infektionslage. Bei einzelnen Hotspots kann es Schulschließungen geben und dann auch Distanzunterricht vor Ort. Es kann aber auch - nicht zu unterschätzen - eine zweite Welle geben. Dann müssten wir darauf reagieren: Entweder mit einem Lernen im Wechsel oder aber - im schlimmsten Fall, was wir alle nicht hoffen - mit flächendeckenden Schulschließungen." Bayerns Kultusminister Michael Piazolo am 20. Juli 2020 auf B5 aktuell

Die Zahlen sind auf einem verhältnismäßig niedrigen Niveau und könnten es auch im Herbst und Winter bleiben, wenn die notwendigen Hygienemaßnahmen konsequent eingehalten werden: Mindestabstand von 1,5 bis zwei Metern, Händewaschen, das Tragen von Alltagsmasken und das Meiden von Großveranstaltungen. Dann sollte es - selbst wenn sich das SARS-CoV-2-Virus, ähnlich wie das Grippevirus, in der kälteren Herbstluft wohl fühlt und wieder zu steigenden Infektionszahlen führt - nicht zu einer zweiten Welle im Sinne einer Überforderung des Gesundheitssystems kommen.

© Bayerischer Rundfunk

Die Münchner Virologin Ulrike Protzer sieht trotz gestiegener Corona-Ansteckungszahlen in Ländern wie Frankreich, Spanien oder Luxemburg noch keine Vorboten für eine zweite Infektionswelle.

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