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Aus eins mach zwei: Wikinger recycelten ihre Grabstätten | BR24

© Arkikon

Modellhafte Darstellung der Beerdigung eines Mannes in einem Bootsgrab der Wikingerzeit in Norwegen.

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Aus eins mach zwei: Wikinger recycelten ihre Grabstätten

Bei Ausgrabungen fanden norwegische Archäologen die Bootsgräber eines Mannes und einer Frau - sauber ineinander geschichtet. Das Merkwürdige daran: Die Toten wurden im Abstand von 100 Jahren beerdigt. Nun rätseln die Experten, warum dies geschah.

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Bootsgräber, versteckt in einem Grabhügel - das ist für skandinavische Archäologen durchaus keine Besonderheit. Die Bestattung in größeren Schiffen, oft innerhalb eines Hügelgrabs, ist nicht nur in Nordeuropa, sondern auch aus dem Baltikum, Deutschland, Frankreich und Großbritannien bekannt. Doch die Entdeckung zweier Bootsgräber in Vinjeøra, rund 500 Kilometer nordwestlich von Oslo, stellt norwegische Altertumsforscher nun doch vor größere Rätsel:

"Ich habe schon von mehreren Bootsgräbern gehört, die in einem Grabhügel bestatten wurden, aber niemals von einem Boot, das in einem anderen bestattet wurde." Raymond Sauvage, Archäologe, Museum der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU)

Tatsächlich waren die Forscher der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens im Oktober bei Grabungen auf die Ruhestätte eines Mannes aus dem 8. und einer Frau aus dem 9. Jahrhundert gestoßen. Das Besondere: Statt für die Grabstätte der Frau ein neues Grab zu schaufeln, wurde das rund zehn Meter lange Bootsgrab eines Mannes ausgegraben. In dessen Boot wurde das kleinere Boot der Frau sorgfältig platziert und beide schließlich gemeinsam bestattet. Wer die beiden waren und warum die beiden Wikinger im Abstand von 100 Jahren zusammen beerdigt wurden, versuchen die Wissenschaftler nun herauszufinden.

Nieten verraten Position der Boote

Entdeckt wurde der ungewöhnliche Fund bei Ausgrabungen auf dem Gräberfeld eines norwegischen Bauernhofs aus der Wikingerzeit. In den Gräbern fanden die Archäologen nur geringe Überreste der hölzernen Planken der Boote. Allerdings konnten die Wissenschaftler aufgrund der Lage der verbliebenen Nieten die ursprüngliche Position der Boote ermitteln und daraus schließen, dass tatsächlich das jüngere im älteren platziert worden war.

"Dies ist deshalb besonders, weil wir zum ersten Mal wirklich klar sehen können, dass die Wikinger ein altes Grab wiederverwendet haben." Raymond Sauvage, Archäologe, Museum der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU)

Wertvolle Grabbeigaben

Bestattet wurden sowohl der Mann als auch die Frau mit diversen Grabbeigaben. So fand man im Boot des Mannes Speer, Schild und Schwert, die die Archäologen ins 8. Jahrhundert, die Ära der Merowinger in Nordeuropa, datieren konnten.

Die Frau trug im Grab ihre beste Kleidung, die mit zwei muschelförmigen Broschen aus vergoldeter Bronze und einer kreuzförmigen Brosche geschlossen wurden. Letztere war aus einem irischen Gurtbeschlag gefertigt worden. Als Grabbeigaben fand man bei ihr neben einer Perlenkette, zwei Scheren und einem Spindelwirbel auch einen ganzen Kuhkopf. Der Schmuck und die Broschen der Frau lassen auf einen höheren Status der Verstorbenen schließen. Die Herkunft der irischen Gurtbeschläge gebe Hinweise darauf, dass die Frau an einer Wikinger-Expedition teilgenommen habe, so Aina Heen Pettersen vom Fachbereich für Historische Studien der NTNU.

"Es war wichtig, an solchen Expeditionen teilzunehmen - nicht nur wegen der materiellen Güter, die diese einbrachten, sondern auch um das eigene Ansehen und das der Familien zu erhöhen." Aina Heen Pettersen, Fachbereich für Historische Studien, Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens
© Raymond Sauvage, Museum der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU)

Die kreuzförmige Brosche wurde im Grab der Wikinger-Frau gefunden.

© Astrid Lorentzen, Museum der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU)

Obwohl die Bodeneigenschaften in der Ausgrabungsregion eher ungünstig für den Erhalt von Knochen sind, fand man Reste des Frauenschädels.

© Raymond Sauvage, Museum der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU)

Die archäologischen Grabungen in Norwegen lassen auf die Wiederverwendung der Wikinger-Grabstätte schließen.

Erkenntnisse über Herkunft und Ernährung

Zur großen Freude der Archäologen entdeckte man im Grab der Frau auch Reste des Schädels der Verstorbenen - und das, obwohl die Bodeneigenschaften in der Region für den Erhalt von Knochen eher schwierig sind.

"Wir hoffen, wir können aus den Schädelresten DNA extrahieren, sodass wir mehr Informationen über die Frau erhalten, zum Beispiel darüber, wie sie aussah." Raymond Sauvage, Archäologe, Museum der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität Norwegens (NTNU)

Darüber hinaus lassen sich durch eine Isotopenanalyse der Schädelreste Rückschlüsse auf die Lebensumstände der Bestatteten herstellen, etwa darüber, wo sie geboren wurde, wo sie lebte und wovon sie sich ernährte.

Waren die Verstorbenen verwandt?

Doch was war nun die Verbindung zwischen dem Mann und der Frau? Die Forscher nehmen an, dass die beiden Toten miteinander verwandt waren. Vermutlich wussten die Wikinger in Vinjeøra, wer in welchem Grabhügel bestattet worden war. In einer Gesellschaft, die nur sehr wenig schriftlich fixierte, wurden wichtige Informationen wie diese mündliche überliefert. Da für Wikinger-Familien neben Macht und Status auch die Sicherung des Landbesitzes entscheidend war, versuchte man diesen durch Zeugnisse des eigenen Geschlechts nachzuweisen, sagt Archäologe Sauvage. Vor diesem Hintergrund sei es durchaus nachvollziehbar, dass zwei Ahnen gemeinsam beerdigt wurden, um den Familienbesitz auf diesem Land zu markieren.

Beeindruckendes Landschaftsdenkmal

Die Tatsache, dass die beiden ineinander gelegten Boote in einem Grabhügel beigesetzt wurden, der einst direkt am Rande eines Kliffs über dem Fjord platziert wurde, machte diese Grabstätte einst zu einem echten Monument in der Landschaft. Die Größe und das sehr hohe Alter des Grabhügels aus der frühen merowingischen Ära lässt die Forscher hoffen, auf noch mehr Zeugnisse aus einer Zeit zu stoßen, aus der es bislang nicht sehr viele archäologische Funde gibt.