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Bildrechte: picture alliance / HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.com

Der Statistik-Professor Helmuth Küchenhoff (LMU) erläutert, warum seine Forschungsgruppe die alleinigen Orientierung an Inzidenzwerten kritisiert.

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Inzidenz, R-Wert, Intensivpatienten: Welcher Wert zählt?

Ob Schulen öffnen und wo wir einkaufen gehen, das hängt laut "Bundesnotbremse“ allein von der Sieben-Tage-Inzidenz ab. Helmut Küchenhoff, Statistiker an der LMU, fordert, weitere Kriterien heranzuziehen, um die Pandemie-Dynamik sicher zu bewerten.

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Von
  • Stefan Geier
  • Ortrun Huber

Inzidenz, R-Wert, Intensivpatienten – wenn es um die Bewertung des Pandemieverlaufs geht, kommen viele Parameter in Betracht. In der am Samstag, 24. April in Kraft getretenen Neufassung des Bundesinfektionsschutzgesetzes ist aber nur EIN Parameter entscheidend: die Sieben-Tage-Inzidenz von über 100 in einem Landkreis. Einige Wissenschaftler kritisieren diese Fokussierung auf nur einen Messwert als zu ungenau und einseitig.

Unterschiedliche Szenarien machen regionales Handeln notwendig

Auch Professor Helmut Küchenhoff, Statistiker an der Ludwig-Maximilians-Universität München, ist ebenso wie Kollegen seiner Forschergruppe, nicht sehr glücklich mit dieser Fassung des Gesetzes. Eine mehrdimensionale Betrachtung des Pandemiegeschehens wäre seiner Ansicht nach besser gewesen - und zwar auf Länderebene.

"Es geht unterschiedlich zu und deswegen finde ich, sollte die Hoheit bei den Bundesländern liegen. Ich sehe keinen Grund dafür, dies sehr einheitlich in Deutschland zu machen." Professor Helmut Küchenhoff, Institut für Statistik, LMU München

Der Messwert „Sieben-Tage-Inzidenz“ ist unpräzise

Ein Hauptproblem sei, kritisiert der Statistiker Küchenhoff, dass es sich bei der für die bundeseinheitliche Notbremse herangezogenen Sieben-Tage-Inzidenz nur um eine Melde-Inzidenz handele - also um die Zahl der gemeldeten Infektionen. Dies sei aber eine ungenaue Messung.

"Die Zahl der gemeldeten Infektionen weicht von der tatsächlichen ab, weil eben einige übersehen werden (…) Aber das kann sich ändern, gerade mit dem vermehrten Testen gibt’s ja die Hoffnung, dass die Dunkelziffer kleiner wird. Dann sehen wir mehr Meldungen, aber in Wirklichkeit ändert sich möglicherweise gar nichts an dem Infektionsgeschehen." Professor Helmut Küchenhoff, Institut für Statistik, LMU München

Inzidenzwert nach Altersgruppen relevanter

Erschwerend käme hinzu, dass der Messwert Sieben-Tage-Inzidenz zeitlich verzerrt wird, da das Robert-Koch-Institut seine Daten immer erst mit Zeitverzug publiziere, sagt Helmut Küchenhoff. Und zusätzlich problematisch sei, dass die Sieben-Tage-Inzidenz über alle Altersstufen hinweg ermittelt werde. Nicht berücksichtigt werde dabei, dass die Infektion in der Altersgruppe der über 60-Jährigen viel relevanter sei, weil hier schwere Verläufe auftreten.

"Wenn man Inzidenzen nehmen würde zur Beurteilung, dann aus meiner Sicht besser die Inzidenz der über 60-Jährigen." Professor Helmut Küchenhoff, Institut für Statistik, LMU München

Mehr Geimpfte verfälschen Aussagekraft des Inzidenzwertes

Durch die steigende Zahl von Geimpften in jenen Bevölkerungsgruppen, die ein erhöhtes Risiko haben, schwer an COVID-19 zu erkranken, nehmen die schweren Verläufe bei Corona-Erkrankung insgesamt ab, sagt Helmut Küchenhoff. Gleichzeitig bleibe aber die Inzidenz möglicherweis hoch, weil sich mehr der Noch-Nicht-Geimpften, Jüngere und Menschen ohne Vorerkrankungen, ansteckten. Da hier insgesamt nicht so ein großes Risiko für schwere Verläufe zu erwarten sei, müssten Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen oder Ausgangssperren anders beurteilt werden. Die Situation derzeit sei eine andere, als während der zweiten Welle, als es sehr viele Todesfälle gab, so der LMU-Forscher.

Mehrere Messgrößen hilfreich

Da das Pandemiegeschehen insgesamt komplex sei, plädiert Küchenhoff, mehrere Messgrößen zur Beurteilung heranzuziehen. Neben der Sieben-Tage-Inzidenz könne dies etwa die Auslastung der Intensivstationen sein. Die Größe „Neuaufnahmen auf Intensivstationen“ habe den Vorteil, dass sie genau messe, wo es schwere oder tödliche Erkrankungen gibt. Diese Größe sei zudem nicht zuletzt deshalb besser, weil es keine Dunkelziffer gäbe.

"Wer auf die Intensivstation muss, wird gemeldet. deswegen ist das eine bessere Größe, um die Pandemie zu beschreiben." Professor Helmut Küchenhoff, Institut für Statistik, LMU München

Die Gefahr, zu spät zu reagieren, wenn die Zahl der Intensivbetten knapp werde, sieht Helmut Küchenhoff nicht. Man müsse den Wert eben entsprechend niedrig ansetzen. Und man könne sich auch die Trends in den Neuaufnahmen anschauen. Verglichen mit dem Meldeverzug der Infektionszahlen sei dies weniger dramatisch.

Ein mögliches Vorbild: die Berliner Ampel

Insgesamt rät Küchenhoff, sich das Gesamtbild der Pandemie anzuschauen. Als Beispiel nennt der Statistiker die Infektions-Ampel, die der Berliner Senat im Mai 2020 beschlossen hat. Diese berücksichtigt drei Indikatoren, die die epidemiologische Corona-Lage gemeinsam widerspiegeln: die Reproduktionszahl R (wie viele Menschen steckt ein Infizierter im Schnitt an), die Intensivbettenauslastung und die Sieben-Tage-Inzidenz.

Steigen die jeweiligen Größen über eine gewisse Messlatte, springt die entsprechende Ampel von grün auf gelb oder rot. Zwei Mal Gelb bedeutet für den Senat Redebedarf. Für den Fall von zwei roten Ampeln hat der Senat Handlungsbedarf vereinbart. Für drei rote Ampeln war bei der Einführung im Mai 2020 allerdings keine spezielle Konsequenz festgelegt worden.

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