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Eine Milliarde Hektar Wald gegen die Klimakrise | BR24

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Die Erde heizt sich immer weiter auf, deshalb muss die Menschheit ihren Ausstoß an Treibhausgasen senken. Wissenschaftler propagieren nun ein weiteres Mittel im Kampf gegen den Klimawandel: Bäume pflanzen, und zwar sehr viele.

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Eine Milliarde Hektar Wald gegen die Klimakrise

Wissenschaftler von der ETH Zürich haben berechnet, dass sich die Erderwärmung bremsen ließe, wenn man sehr viele Bäume pflanzen würde. Forscher von der Universität Bonn ziehen diese Studie aus mehreren Gründen in Zweifel.

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Wie viele Bäume könnten auf der Erde wachsen und wie viel Kohlendioxid könnten sie speichern? Eine ganze Menge, schrieben Forscher von der ETH Zürich und der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO in Rom im Juli in der Fachzeitschrift Science: Auf der Erde könnten so viele Bäume wachsen, dass sie den C02-Gehalt der Atmosphäre um fast 25 Prozent reduzieren könnten.

"Wir alle wissen, dass die Wiederaufforstung von Wäldern eine Rolle bei der Bewältigung des Klimawandels spielen könnte. Allerdings fehlte uns das wissenschaftliche Verständnis, wie groß der Effekt wäre. Unsere Studie zeigt, dass Wiederbewaldung das beste Mittel gegen den Klimawandel ist, das wir heute haben." Thomas Crowther, Departement Umweltsystemwissenschaften ETH Zürich

Bäume fangen Kohlendioxid

Bäume fangen Kohlendioxid aus der Atmosphäre ein und beseitigen es. Weitreichende Aufforstung gilt daher als eine der effektivsten Waffen gegen den Klimawandel. Laut des jüngsten Berichts des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) wären eine Milliarde Hektar zusätzlicher Wald notwendig, um die Erderwärmung bis zum Jahr 2050 auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Das entspricht etwa der Fläche der USA. Unklar war bisher jedoch, ob diese Wiederaufforstungsziele überhaupt erfüllbar sind, denn die Forscher wissen nicht, wie viel Waldfläche unter derzeitigen oder künftigen Klimabedingungen auf der Erde möglich ist.

© ETH Zurich / Crowther Lab

Weltkarte mit denjenigen Flächen, die bereits bewaldet sind (blau) und denjenigen, auf denen zusätzlicher Wald wachsen könnte.

Ein Drittel mehr Wald

Für ihre Studie nutzten die Wissenschaftler Beobachtungen von fast 80.000 Wäldern weltweit und kombinierten diese Daten mit dem Kartierungsprogramm Google Earth Engine. Daraus entwickelten sie ein Modell, mit dem sie bestimmten, wo auf der Erde unter gegenwärtigen Bedingungen Wald wachsen könnte. Das Ergebnis der Wissenschaftler lautet: Wenn man bereits existierende Bäume sowie Landwirtschafts- und Stadtflächen ausschließt, könnte knapp eine Milliarde Hektar Waldfläche zusätzlich die Erde bedecken. Das wäre ein Drittel mehr als heute.

Zwei Drittel weniger Kohlendioxid

Vorausgesetzt hatten die Forscher, dass der Wald nicht auf Flächen wachsen sollte, die heute Grasland oder Feuchtgebiete sind. Das Wachstum würde einige Zeit dauern, doch voll entwickelt könnten die Bäume der Atmosphäre rund 205 Gigatonnen Kohlenstoff entziehen, eine Tonne Kohlenstoff ist in der Atmosphäre in 3,67 Tonnen CO2 gebunden. Das entspricht etwa zwei Dritteln der von der Menschheit bisher verursachten CO2-Emissionen. Die Länder mit den größten Flächen, auf denen Wiederbewaldung möglich wäre, sind (in absteigender Reihenfolge) Russland, die USA, Kanada, Australien, Brasilien und China.

Kritik: Modell zu undifferenziert

Kritik an der Studie von ETH Zürich und FAO kommt von Wissenschaftlern der Universität Bonn und von World Agroforestry, ebenfalls in der Fachzeitschrift Science. "Das Modell ist viel zu undifferenziert", urteilt Eike Lüdeling vom Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn. So würden etwa nur drei Bodenparameter in die Analyse eingehen. Außerdem gebe es in vielen der heute waldfreien Gebiete Erosion. Auch aus anderen Gründen könne die Bodenqualität schlechter sein und eine Wiederbewaldung daher weniger erfolgversprechend. An den klimatischen Faktoren üben die Bonner Wissenschaftler ebenfalls Kritik. Die Software berücksichtige zwar die Jahresdurchschnitts-, nicht aber die niedrigste und höchste Temperatur eines Orts.

"Als Folge sieht die Studie zum Beispiel erhebliches Wiederaufforstungs-Potenzial in der Tundra. Dort herrscht aber vielerorts Permafrost: Der Boden taut auch im Sommer nur oberflächlich auf. Unter diesen Bedingungen ist keine bedeutende Steigerung der Baumbedeckung möglich." Katja Schiffers, Institut für Gartenbauwissenschaften Universität Bonn

Aufforstung in Millionenstadt?

Bemängelt wurde auch, dass die ETH-Forscher Weideland, das momentan für die Viehhaltung genutzt wird, als potenzielle Wiederaufforstungsflächen gewertet haben. Gleiches gelte für Dörfer, kleinere Ansiedlungen und selbst für manche Millionenstädte wie etwa Kinshasa, die Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo.

"In den Gebieten, die die Studie für eine Wiederbewaldung vorschlägt, leben rund 2,5 Milliarden Menschen. Es ist sehr fraglich, ob diese Regionen wirklich geeignet sind." Eike Lüdeling, Institut für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz der Universität Bonn

Kritisch sehen die Forscher auch die Angaben zum Potenzial der neu gepflanzten Bäume, zusätzliches Kohlendioxid zu binden. "Die Rechenmethode unterschlägt zum Beispiel, dass auch Weideland oder Ackerflächen große Mengen CO2 enthalten", sagt Lüdeling. Die berechneten gut 200 Gigatonnen Klimagas, die sich durch Wiederaufforstung aus der Atmosphäre entfernen ließen, hält er daher für erheblich zu hoch gegriffen. "20 bis 30 Gigatonnen halte ich für realistischer."

Keine schnellen Effekte

Die Idee, Flächen zu renaturieren, wo immer es möglich ist, begrüßt Lüdeling grundsätzlich. Ein Grund sei schon, dass die Ökosysteme davon enorm profitierten. Schnelle Brems-Effekte für die globale Erwärmung seien davon aber nicht zu erwarten. Denn es dauert mehrere Jahrzehnte, bis ein Wald herangewachsen ist. Abgeholzte Regenwaldgebiete lassen sich manchmal gar nicht wiederherstellen: Zu groß sind die Auswirkungen der Entwaldung auf das lokale Klima, zu nährstoffarm die dortigen Standorte.