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13.01.22: Zwei Krankenbetten in einem nicht belegten Zimmer der Corona-Normalstation in einem Thüringer Krankenhaus (Symbolbild).

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Bildrechte: pa/dpa/Bodo Schackow
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    Corona-Fälle in Bayerns Kliniken - Verzerrtes Bild

    Der Blick in die Krankenhäuser sollte eigentlich dabei helfen, die Corona-Gefahr besser einschätzen zu können. Aber die Zahlen von den Normalstationen verwirren: Auch in Bayern sind viele Corona-Patienten wegen ganz anderer Leiden in Behandlung .

    Von
    Petr JerabekPetr JerabekMaximilian HeimMaximilian Heim
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    Die Sieben-Tage-Inzidenz als zentraler Maßstab in der Corona-Pandemie war gestern - inzwischen muss laut dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) die Lage in den Kliniken wichtigstes Kriterium für Beschränkungen sein. Angesichts der Knappheit von PCR-Tests drohe bei den Sieben-Tage-Inzidenzen "ein völlig unklares Bild", sagte Söder am Montag im BR Fernsehen.

    Wenn nun wegen Überlastung der Gesundheitsämter auch noch die Kontaktnachverfolgung eingeschränkt werde, "dann kann man ehrlicherweise nicht mehr davon sprechen, dass die Inzidenz irgendein Maßstab ist", räumte Söder ein. Dann bleibe als einziger Parameter die Belastung der Krankenhäuser. Doch wie aussagekräftig sind die Daten dazu aktuell?

    LGL listet "gemeldete hospitalisierte Fälle der letzten 7 Tage" auf

    Schon jetzt ist die Zahl der Covid-19-Patienten, die stationär behandelt werden müssen, einer der Werte, mit dem die Staatsregierung die Schutzmaßnahmen in Bayern begründet. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) vermeldete auf seiner Webseite zuletzt einen deutlichen Anstieg der "hospitalisierten Fälle": Die Zahl der gemeldeten neuen Corona-Patienten der vergangenen sieben Tage stieg demnach gegenüber der Vorwoche um 47,6 Prozent auf 685 (Stand: Freitag, 28.1.). Die Prozentzahl ist auf der LGL-Seite rot hinterlegt, eine Fußnote zu den Details der Daten findet sich nicht.

    Dabei gibt es bei dieser Zahl mehrere Probleme. Eines davon: Es wird nicht unterschieden zwischen Patienten, die wegen ihrer Corona-Infektion in die Klinik müssen, und Menschen, die aus einem anderen Grund im Krankenhaus aufgenommen wurden und bei denen dann zusätzlich eine Infektion festgestellt wurde. In der Argumentation vieler Politiker taucht diese wichtige Unterscheidung bisher kaum auf. Bayerns Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) twitterte zum Beispiel am 17. Januar: "Vorsicht und Umsicht auch bei Omikron: Wenn die Hospitalisierungsrate niedrig und Krankheitsverläufe weniger schwer bleiben, sind Lockerungen in Sicht."

    Kliniken in Bayern: Viele Patienten aus anderem Grund eingewiesen

    Da weder das LGL noch Bayerns Gesundheitsministerium die Daten mit genaueren Gründen für den Krankenhausaufenthalt zur Verfügung stellen können, hat der BR stichprobenartig bei mehreren Krankenhäusern in größeren bayerischen Städten nachgefragt. Alle berichten mit Blick auf ihre Normalstationen: Die Mehrzahl der positiv getesteten Patienten ist wegen anderer Erkrankungen stationär in Behandlung - Corona ist eine Nebendiagnose.

    Damit zeichnet die vom LGL gemeldete Zahl der hospitalisierten Corona-Fälle ein ungenaues Bild - weil sie nicht zwangsläufig abbildet, wie viele Patienten durch die Pandemie zusätzlich zum gewöhnlichen Patientenaufkommen behandelt werden müssen. Angesichts der stark steigenden Infektionszahlen wegen der Omikron-Variante dürfte sich diese Problematik noch verstärken.

    So teilt etwa das Universitätsklinikum Regensburg am Donnerstag mit, dass dort im Januar bisher insgesamt 35 Patienten auf der Covid-Allgemeinstation aufgenommen worden seien - 14 davon primär wegen einer Corona-Infektion, 21 aufgrund anderer medizinischer Grunderkrankungen.

    Uniklinik Würzburg: Mehrzahl "mit anderem führenden Leiden"

    Die Uniklinik Würzburg liefert auf BR-Anfrage Daten zu allen Corona-positiven Patienten, nicht nur auf der Allgemein- sondern auch auf der Intensivstation. Demnach wurden in der Klinik zuletzt (Stand: 27.1.) insgesamt 31 Covid-Patienten stationär behandelt - davon 10 beatmet und folglich auf der Intensivstation. Für die verbleibenden 21 Covid-Patienten auf Normalstation galt: 19 davon, also fast alle, wurden "mit anderem führenden Leiden und begleitender SARS-CoV-2-Positivität behandelt"

    Im Universitätsklinikum Augsburg besteht "bei weit über der Hälfte der stationären SARS-CoV-2-infizierten Patienten eine asymptomatische oder milde verlaufende Infektion und die stationäre Krankenhausbehandlung erfolgt aus anderen Gründen". Das bedeute, dass circa 30 Patienten einen symptomfreien oder symptomarmen Verlauf hätten, teilte das Klinkum mit. "Es handelt sich hierbei häufig um gegen SARS-CoV-2 geimpfte und/oder geboosterte Patienten."

    Bereits vergangene Woche zeichnete ein Sprecher des LMU Klinikums in München ein ähnliches Bild für die dortigen Covid-Stationen. Für den 18. Januar teilte er mit: "Insgesamt behandeln wir aktuell 50 Covid-19 Patienten im LMU Klinikum (Intensiv- und Normalstationen). Auf den Covid-Normalstationen sind knapp die Hälfte der Patienten wegen anderer Erkrankungen aufgenommen worden, haben nun aber ein positives Testergebnis." Das Klinikum Nürnberg konnte auf Anfrage zunächst keine Aufschlüsselung der Zahlen zur Verfügung stellen.

    Grafiken zu hospitalisierten Fällen und belegten Intensivbetten in Bayern

    Bildrechte: LGL

    "Beeinträchtigung der Regelversorgung"

    Mehrere Pressestellen der angefragten Krankenhäuser weisen darauf hin, dass wegen des Infektionsrisikos sämtliche Corona-positiven Patienten grundsätzlich mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen auf einer Covid-Station versorgt werden. Klar ist laut der Deutschen Krankenhausgesellschaft: Jeder Corona-positive Patient bedeutet deshalb "eine Beeinträchtigung der Regelversorgung".

    Eine Sprecherin des Klinikums Nürnberg ergänzt auf BR-Anfrage: "Manche Patienten mit Zweit-Diagnose Covid werden auch wegen Covid behandelt, wenn die Infektion Probleme macht." Die Charité Berlin hat laut einem "Tagesspiegel"-Bericht bereits reagiert: Dort kommen positiv getestete, aber symptomlose Patienten künftig auf die für die Haupterkrankung zuständige Station.

    Verzerrte Daten: Gradmesser für Corona-Belastung?

    Besonders politisch sind die offenbar verzerrten Daten aber brisant. Denn die Zahl der Corona-Hospitalisierungen dient in der Argumentation vieler Politiker auch als Gradmesser dafür, wie sehr die Krankenhäuser durch die Corona-Pandemie zusätzlich belastet werden - und wie gefährlich eine Corona-Infektion ist.

    Der Wissenschaftsjournalist Jan-Martin Wiarda beklagt in seinem Blog auf jmwiarda.de, dass es keine bundesweiten Statistiken zu der Frage gebe, "wie viele der Krankenhaus-Einweisungen wegen ernster Covid-19-Symptome erfolgen und bei wie vielen eine Corona-Infektion nebenbei festgestellt wird, aber nicht der Einlieferungsgrund ist". Klar sei: "Bei stark steigenden Inzidenzen und einem überwiegend milden Verlauf wie bei Omikron springt der Anteil der Nebenher-Infektionen hoch und verzerrt das Bild."

    Holetschek: "Problem in der Meldefrage"

    Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) räumte nach einer Kabinettssitzung vergangene Woche auf Nachfrage eines Journalisten ein, dass bei der Erfassung der Hospitalisierung zwischen beiden Gruppen nicht unterschieden werde: "Mit welcher Diagnose man sozusagen ins Krankenhaus kommt - mit oder wegen Corona -, ist tatsächlich ein Problem in der Meldefrage." Dennoch habe das Krankenhaus mit jedem Corona-positiven Patienten einen größeren Mehraufwand, da er isoliert werden müsse. "Und letztendlich müssen wir schauen, dass das Gesundheitswesen insgesamt nicht überlastet ist."

    Daten aus anderen Bundesländern

    Laut "Bild" liegen Covid-Patienten in Deutschland inzwischen "immer öfter" aus einem anderen Grund in der Klinik. Die Boulevardzeitung fragte nach eigenen Angaben in Bundesländern nach, in denen differenziertere Daten vorliegen. Demnach war im Saarland in den vergangenen zwei Wochen "nur jeder vierte offiziell gemeldete Corona-Patient tatsächlich wegen Corona im Krankenhaus". Im Dezember - also vor Omikron - sei es noch jeder Zweite gewesen.

    Ähnlich sieht es demnach in anderen Bundesländern aus: In Bremen sei vergangene Woche nur bei 40 Prozent der Corona-Patienten Covid auch der Einweisungsgrund gewesen - im Dezember seien es noch 68 Prozent gewesen. In Rheinland-Pfalz habe in den vergangenen zwei Wochen mit 44 Prozent ebenfalls weniger als die Hälfte der Corona-Patienten wegen des Virus im Krankenhaus gelegen. In Baden-Württemberg sei es mit 58 Prozent noch die Mehrzahl, die Tendenz sei aber fallend.

    Zahl der Intensivpatienten deutlich gesunken

    Die Frage, ob Patienten wegen oder mit Corona im Krankenhaus sind, spielt vor allem auf den Normalstationen eine Rolle. Auf den Intensivstationen ist die Sache offenbar klarer, wie die Antworten der bayerischen Krankenhäuser nahelegen. Demnach war vergangene Woche im LMU Klinikum lediglich einer von 13 Patienten auf einer Covid-Intensivstation wegen einer anderen Erkrankung dort.

    Generell ist die Zahl der Covid-Intensivpatienten in Bayern zuletzt deutlich gesunken. Am Freitagvormittag waren laut Divi-Intensivregister in Bayern 317 Covid-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung. 161 Patienten davon mussten beatmet werden. In der Vorwoche war die Zahl der Covid-Fälle auf den Intensivstationen laut LGL gut zehn Prozent höher. Deutlich höher war die Zahl Anfang Dezember: Damals waren knapp 1.100 Corona-positive Patienten auf den bayerischen Intensivstationen.

    Meldeverzögerung bei Hospitalisierungen

    Und eine weitere Sache kann die Hospitalisierungszahl verzerren: die Meldeverzögerung zwischen Krankenhäusern und beteiligten Behörden. Auch deshalb gab es Kritik an der zwischenzeitlich eingeführten bayerischen Krankenhausampel.

    Auf BR-Nachfrage teilte das Landesamt Anfang der Woche mit: "Für die Bestimmung der Sieben-Tage-Hospitalisierung werden am LGL alle übermittelten Meldungen der vergangenen sieben Tage der Gesundheitsämter zu Hospitalisierungen berücksichtigt, unabhängig vom Tage der Hospitalisierung." Wie groß oder klein die Verzerrung ist, bleibt offen: Das LGL gibt an, der Tag der Hospitalisierung liege bei den übermittelten Fällen "größtenteils" innerhalb des Sieben-Tage-Zeitraums.

    Lauterbach stellt bessere Daten in Aussicht

    Wie es weitergeht mit der Zahl der hospitalisierten Corona-Fälle, ist vorerst offen. Bayerns Gesundheitsminister Holetschek erklärte vergangene Woche, dass er Handlungsbedarf sehe - aber wohl eher mittel- bis langfristig. Das Thema der Daten sei "keines, das uns insgesamt befriedigen kann", sagte er. Es brauche eine zentrale Bund-Länder-Plattform. "Wir müssen das Thema unbedingt angehen", betonte Holetschek, "als eine Lehre aus der Pandemie".

    Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) argumentierte am Freitag in der Bundespressekonferenz, in der Praxis spiele die Unterscheidung oft keine Rolle, ob ein Patient wegen oder mit Corona in die Klinik gekommen sei. Komme zu schweren Erkrankungen Covid dazu, sei die Prognose für Patienten schließlich deutlich schlechter. Dennoch stellte der Minister in Aussicht, dass mit Meldeverzögerungen und der fehlenden Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebendiagnose bald Schluss sein werde: Schon in wenigen Wochen könnten tagesaktuelle Daten zur Verfügung stehen. Daran werde gerade intensiv gearbeitet.

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