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Weniger Corona-Tote: Warum das kein Grund zur Entwarnung ist | BR24

© Peter Kneffel/dpa

20.08.2020, Bayern, München: Sonnenhungrige bevölkern die Wiesen im Englischen Garten.

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    Weniger Corona-Tote: Warum das kein Grund zur Entwarnung ist

    Weltweit und auch in Deutschland nehmen die gemeldeten Neuinfektionen zu. Die Zahl der Corona-Toten steigt aber nicht in gleicher Geschwindigkeit an. Warum ist das so? Ein #Faktenfuchs.

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    Zum einen ist es eine gute Nachricht: Die Zahl der Corona-Toten steigt nicht so schnell wie die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen. Zum anderen wirft das Fragen auf: Warum sterben immer weniger Menschen an einer Covid-19-Erkrankung? Hat sich das Virus verändert? Liegt es am Alter der Infizierten? Ist das ein Zeichen für Entwarnung?

    Für die verhältnismäßig konstanten Zahlen an Corona-Toten gibt es einerseits wissenschaftliche Erklärungen, andererseits ist das auf ein Zusammenspiel vieler Gesundheitsmaßnahmen zurückzuführen. In diesem #Faktenfuchs führen wir einige Erklärungen auf und bilden den aktuellen Stand der Wissenschaft ab.

    Dass in diesem Bereich Aufklärungsbedarf besteht, zeigt sich auch daran, dass zahlreiche Spekulationen über die relativ niedrigen Sterbezahlen kursieren. Dabei sind es vor allem die Kritiker und Kritikerinnen der Corona-Maßnahmen, die die niedrigen Sterbezahlen benutzen, um von einer angeblichen "Harmlosigkeit" des Virus oder dem "Ende der Pandemie" zu sprechen. Diese Aussagen weisen Experten zurück. Das Virus sei weiterhin ansteckend - und gefährlich.

    Aktuelle Neuinfektionen in Deutschland - Jüngere betroffen

    Es sei vor allem die Altersgruppe der 15- bis 34-Jährigen, die sich aktuell mit dem neuartigen Coronavirus infiziere: Diese Aussage wiederholt das Robert-Koch-Institut (RKI) seit Beginn der Reisezeit immer wieder. Ein Blick auf die gemeldeten Neuinfektionen zeigt im Verlauf der Pandemie einen deutlichen Anstieg in dieser Altersgruppe. Allgemein steigen die gemeldeten Neuinfektionen in allen Altersgruppen unter 60 Jahren. "Die Inzidenzen in den Altersgruppen ab 60 Jahre bleiben weiterhin auf dem niedrigen Niveau der Vorwochen", schreibt das RKI im Situationsbericht vom 25. August 2020.

    © RKI/ BR24 Grafik

    Übermittelte Covid-19 Fälle nach Altersgruppen pro 100.000 Einwohner

    Auch hat das Durchschnittsalter der Erkrankten seit der Hochphase der Pandemie im März und April abgenommen. Lag das Durchschnittsalter aller gemeldeten Neuinfektionen Ende April bei 50 Jahren (21. April, KW14, Quelle) liegt es aktuell bei 46 Jahren (26. August KW34, Quelle).

    Mit dem Stand 28. August werden 38 Covid-19-Patienten und -Patientinnen in bayerischen Krankenhäusern behandelt. Davon sind 22 in Intensivbehandlung und werden beatmet. Das geht aus der öffentlich zugänglichen Datenbank "DIVI-Intensivregister" hervor. Die Gesamtzahl an Intensivbetten in bayerischen Krankenhäusern und Kliniken beträgt 4.313. Frei sind aktuell 1.243 Betten. Die Auslastung an Intensivbetten ist aktuell nicht an der Belastungsgrenze. Das Alter der aktuell behandelten Covid-19-Patienten und -Patientinnen ist aus Datenschutzgründen nicht einsehbar. (Quelle)

    In der Wissenschaft gibt es bereits seit längerem Diskussionen darüber, ob eine Covid-19-Erkrankung bei jungen Menschen zu einem milderen Krankheitsverlauf führt als bei Risikogruppen (älteren Personen, Menschen mit Vorerkrankungen).

    Alter und Viruslast entscheidend

    Tatsächlich scheinen zwei Faktoren ausschlaggebend zu sein. Zum einen das Alter der Erkrankten, zum anderen die sogenannte Viruslast.

    Das durchschnittliche Alter der an oder mit Corona verstorbenen Personen in Deutschland liegt aktuell bei 81 Jahren (Stand 26.08.2020). Von den insgesamt 9.280 Corona-Toten hierzulande waren 85 Prozent (7.932) über 70 Jahre. Der Anteil der unter 40-Jährigen an der Gesamtzahl der Corona-Toten liegt bei 0,4 Prozent (36 Personen). Das geht aus dem Situationsbericht des Robert-Koch-Instituts vom 26. August 2020 hervor. (Quelle)

    Bereits Ende Juni veröffentlichten Susanna Felsenstein und Christian Hedrich in der Fachzeitschrift "The Lancet" einen Beitrag über Krankheitsverläufe bei jüngeren Menschen und Kindern. (Quelle)

    Darin schreiben die beiden Mediziner, dass zwischen 10 und 20 Prozent aller Covid-19-Patienten und Patientinnen ein "schweres oder lebensgefährdendes Lungenversagen" erleiden oder eine Überreaktion des Immunsystems, ein sogenannter Zytokin-Sturm, einsetzt.

    © Quelle: RKI/ Grafik BR24

    Todesfälle nach Datum

    Kinder, schreiben Felsenstein und Hedrich, leiden statistisch seltener an einen schweren Covid-Verlauf. Entsprechend sei das Risiko einer stationären Behandlung im Krankenhaus geringer - und damit auch die Wahrscheinlichkeit lebensbedrohlicher Komplikationen: "Daraus ergeben sich Fragen, ob altersspezifische Vorzeichen schützend wirken." Die Ergebnisse dieser Studie bestätigen auch weitere Forschungen aus Großbritannien.

    Niedrige Virus-Dosis bei Ansteckung: Hinweis auf Wirksamkeit der AHA-Regeln

    Der zweite Aspekt ist die sogenannte Viruslast. Sie bezeichnet die Anzahl an Viren, die sich bei Corona-Patienten und -Patientinnen nachweisen lässt.

    Entscheidend für eine erhöhte Viruslast ist dabei auch, wie hoch die Dosis (Anzahl an Viren) bei der Ansteckung ist. Viren vermehren sich im Rachen. Schon zu Beginn der Pandemie gingen Virolog*innen davon aus, dass Personen, die viele Viren im Rachen aufwiesen, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf aufweisen.

    Der Berliner Virologe Christian Drosten sagte damals im NDR-Podcast (Folge 25): "Unter diesem Eindruck mache ich mir selber den Reim, dass ein Tragen einer Maske von dem Infizierten, also wenn ich selber infiziert bin, dann kann ich durch diese Maske zumindest meiner Umgebung etwas ersparen."

    Studien: Viruslast wohl entscheidend für Krankheitsverlauf

    Zwei Studien, ebenfalls in der Zeitschrift "The Lancet" veröffentlicht, befassen sich mit dem Zusammenhang von Viruslast und Krankheitsverlauf. Beide Studien stammen aus China. (Quelle) Die aktuellere wurde im Juni veröffentlicht, die ältere bereits im März. (Quelle)

    Zusammenfassend kann man sagen, dass die Forscher davon ausgehen, dass eine hohe Viruslast ein Anzeichen für einen schweren Krankheitsverlauf sei: "Im Mittelwert lag die Viruslast bei schweren Krankheitsverläufen rund 60 Mal höher als bei Patient*innen mit milden Verlauf. Dies weist darauf hin, dass Viruslast mit schweren klinischen Auswirkungen zusammenhängt", so die Studie vom Juni.

    Um die Dosis bei Übertragungen und damit die daraus resultierende Viruslast zu verringern (und schwer Krankheitsverläufe möglichst du reduzieren), leiteten die zuständigen Behörden Hygiene-Maßnahmen wie Maskenpflicht, Mindestabstand und Hygieneregeln ab (AHA-Regel: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske).

    Großveranstaltungen oder Konzerte wurden abgesagt. Wer kann, ist angehalten, von zu Hause aus zu arbeiten. All diese Maßnahmen führten dazu, dass sich nach Einschätzung von Wissenschaftler*innen, die Anzahl der schweren Krankheitsverläufe verringerte - und damit auch die Anzahl der Verstorbenen.

    Zugleich mehren sich Berichte, die "verändertes Verhalten bezüglich der AHA-Regeln" zeigten, so Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, gegenüber dem "Science Media Service". Dies erkläre die gestiegene Anzahl an bestätigten Neuinfektionen, so Reintjes. Sprich: Die Abstands- und Hygieneregeln würden vor allem von jungen Menschen nicht mehr beachtet. Entsprechend warnt Reintjes:

    "Zwei wichtige Punkte sind zu bedenken: Je weiter sich das Virus bei jungen Menschen verbreitet, desto stärker und diverser kann es sich in der Gesellschaft verbreiten. Junge Menschen haben in der Regel einerseits mehr soziale Kontakte, an die sie das Virus weitergeben können, als ältere. Andererseits bemerken sie eine Infektion angesichts ausbleibender Symptome häufig nicht und isolieren sich daher auch nicht. Stecken sich mehr Menschen an, steigt auch die Zahl der schweren Krankheitsverläufe." Ralf Reintjes, Professor für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung, Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg

    Ähnlich äußert sich auch das RKI. Im Situationsbericht vom 26. August heißt es:

    "Einerseits muss der Anstieg in den jüngeren Bevölkerungsgruppen gebrochen werden, andererseits gilt es, zu verhindern, dass auch die die älteren und besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen wieder vermehrt betroffen werden. Sobald sich wieder vermehrt ältere Menschen infizieren, muss auch mit einem Anstieg der Hospitalisierungen und Todesfälle gerechnet werden." Robert Koch-Institut, Situationsbericht, 26. August 2020

    Schutz von Risikogruppen verbessert

    Es waren vor allem die Corona-Ausbrüche in Alten- und Pflegeheimen, die dazu führten, dass ältere Personen in diesen Einrichtungen eine Covid-Erkrankung nicht überlebten.

    Als Reaktion darauf erließ das Gesundheitsministerium am 19. Mai ein Besuchsverbot. (Quelle)

    Seit Ende Juni sind nun Besuche in diesen Einrichtungen unter Einhaltung der Hygienestandards wieder erlaubt. (Quelle)

    Die bayerische Gesundheitsminsiterin Melanie Huml (CSU) sprach jedoch davon, dass der "Schutz der Bewohner und Patienten" oberste Priorität habe. (Quelle)

    Hinzu kommt, so Biologe Brandon Ogbunu von der US-amerikanischen Universität Yale in der "New York Times", dass sich ältere Menschen besser selbst schützen. Ogbunu hält es für wahrscheinlich, dass die vielen Corona-Toten in Alten- und Pflegeeinrichtungen ein Signal an die entsprechenden Risikogruppen gesandt habe, sich besser zu schützen. (Quelle)

    In dem Artikel wird ebenfalls der Faktor Krankenhäuser erwähnt. Heute wüssten Pflegekräfte und Ärzteschaft deutlich genauer, wie Covid-Patienten und -Patientinnen zu behandeln seien, als noch zu Beginn der Pandemie.

    Hat sich das Virus verändert?

    Das Ziel eines Virus ist es eigentlich, sich möglichst weit zu verbreiten. Aus diesem Grund, so Virologen, habe jedes Virus ein Interesse daran, dass Personen, die es befällt, nicht daran sterben. Aus dieser Erkenntnis heraus argumentieren einige Mediziner, vor allem aus Italien, dass sich das Virus verändert haben könnte.

    Die Krankheit sei aktuell (Stand Juni/Juli 2020) nicht mit der zu vergleichen, die sich im März und April zeigte. Davon sind die Mediziner des San-Rafaele-Krankenhauses in Mailand überzeugt und entsprechend äußern sie sich auch in der Öffentlichkeit. Hat sich das Virus selbst also verändert? Mutiert es, wie Virologen und Virologinnen den Vorgang nennen?

    Tatsächlich gibt es keine Hinweise für eine "mildere" Version des Virus. Zwar mutiert das neuartige SARS-CoV-2-Virus ohne Unterlass. Und während die italienischen Ärzte Anzeichen für eine Abschwächung des Virus sehen, gehen andere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen davon aus, dass eine neue Mutation des Virus ansteckender sei als vorherige Versionen.

    Gerade die Weltgesundheitsorganisation (WHO) widerspricht den Andeutungen der italienischen Ärzte. In einer Pressekonferenz unterstrich ein Sprecher: "Es handelt sich noch immer um ein Killer-Virus. Täglich sterben Tausende Menschen. Wir müssen weiterhin außerordentlich vorsichtig mit Aussagen sein, die in die Richtung gehen, dass sich das Virus verändert und beschossen hat weniger pathogen (krankheitserregend) zu sein." (Quelle)

    Erstaunlich ist dabei, dass sowohl die WHO auf die Viruslast verweist als auch die italienischen Ärzte - zumindest in ihrer Studie von Anfang Juni. (Quelle)

    Darin sprechen sie nicht von einer möglichen Mutation des Virus, sondern davon, dass die Viruslast entscheidend für den Krankheitsverlauf zu sein scheint. Die milderen Verläufe bei Patienten und Patientinnen (ab dem Monat Mai) führen sie in dem Papier auf strikte Hygienemaßnahmen und weitreichende Ausgangsbeschränkungen in Italien zurück.

    Fazit

    Es gibt viele Gründe, weshalb die Zahl der an oder mit Corona verstorbenen Personen derzeit niedrig ist.

    Die Einhaltung der Hygienemaßnahmen führt dazu, dass die Dosis, die übertragen wird, geringer ist. Dadurch ist die Viruslast bei Infizierten geringer und die Chance auf einen milden Krankheitsverlauf höher.

    Das Alter scheint ein wichtiger Faktor bei der Frage zu sein, ob man einen schwer (und damit potenziell lebensgefährdend) an Covid-19 erkrankt, oder nicht. Jüngere Menschen erleiden seltener schwere Verläufe, sie sind statistisch gesehen eine Minderheit bei den Zahlen der Corona-Toten.

    Die Risikogruppen in Alten- und Pflegeheimen werden besser geschützt - und schützen sich vermutlich auch selbst besser. Krankenhäuser haben im Verlauf der Pandemie hinzugelernt.

    WHO und RKI sowie zahlreiche Virologinnen und Virologen sehen aktuell keine Anzeichen einer Entwarnung. Auch wenn aktuell vor allem jüngere Menschen die Gruppe der bestätigten Corona-Infizierten ausmachen, sind WHO und RKI überzeugt: Das Virus ist weiterhin gefährlich, auch wenn die Todesrate aktuell gering ist.

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