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Warum reagieren wir so unterschiedlich auf die Coronakrise? | BR24

© dpa-Bildfunk/Claudio Furlan

Die einen horten Klo-Papier, die anderen gehen ohne Angst vor Ansteckung ins Fußballstadion. Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Bedrohung durch Covid-19. Ein Interview mit dem Risikoforscher Ortwin Renn.

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Warum reagieren wir so unterschiedlich auf die Coronakrise?

Die Coronakrise offenbart das Innerste eines Menschen: Die einen horten Klopapier, die anderen pfeifen auf Hygienemaßnahmen. Wieso reagieren Menschen so unterschiedlich? Das liegt an den drei archaischen Grundtypen, so Risikoforscher Ortwin Renn.

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Die einen missachten sorglos alle Ratschläge rund um das Coronavirus und finden den "Hype" übertrieben, die anderen hamstern Vorräte und bunkern sich ein. Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf die Bedrohung durch Covid-19. Der Risikoforscher Ortwin Renn vom Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam weiß auch, warum.

Drei Grundtypen bestimmen unser Sein

Es gibt, so Renn, drei Grundtypen, die ihren Ursprung in unserer kulturellen/biologischen Evolution haben. Der erste Typ ist derjenige, der sich bei Gefahren "tot" stellt, der zweite Typ sucht sein Heil in der Flucht und der dritte Typ ist eine Kämpfernatur. Drohte einst die Gefahr, von einem Löwen gefressen zu werden, konnte man sich "tot" stellen, in der Hoffnung, dass der Löwe einen übersieht, man konnte fliehen, in der Hoffnung, dass der Löwe einen nicht gesehen hat, oder man konnte kämpfen, in der Hoffnung, stärker als der Löwe zu sein, beschreibt Renn die Grundtypen. Ein Typ schließt einen anderen aber nicht aus. Die unterschiedlichen Formen des Umgangs mit einer Gefahr können auch hintereinander vorkommen.

Coronavirus: Alles Wissenswerte finden Sie hier.

Aarchaische Muster bestimmen uns immer noch

Diese drei Grundtypen sind tief in uns verwurzelt und bestimmen unsere Verhaltensweisen auch heute noch. Auf die Bedrohung durch das Coronavirus übertragen bedeutet das, dass es einen Großteil der Bevölkerung gibt, der sich totstellt, das heißt, er ignoriert das Risiko, als wenn es gar nicht da wäre und lebt weiter wie bisher. Eine weitere Gruppe versucht - im übertragenen Sinne - zu fliehen, indem sie allen Gefahren aus dem Weg geht und dem Virus ausweicht. Sie sagt Treffen ab und geht nach Möglichkeit nirgendwo mehr hin, um sich nicht anzustecken. Die dritte Gruppe ist die der "Kämpfer". Das ist diejenige, die gegen das Virus angehen will. Sie kauft sich zum Beispiel Unmengen von Hygienemitteln oder legt sich Vorräte an. Und da man das Virus nicht direkt angreifen kann, werden, so Renn, auch mal Stellvertreter angegriffen - sei es die Regierung oder seinen es chinesische Einwanderer, die für das Dilemma verantwortlich gemacht werden. Solche Ersatzhandlungen finden sich zurzeit immer wieder.

Die Übersichtskarte zu den aktuellen Coronavirusfällen in Bayern finden Sie hier.

Wie lernt man, Gefahren richtig einzuschätzen?

Die Informationsflut zum Coronavirus und zu Covid-19 bestimmen die Medien - auch über die sozialen Netzwerke werden wir mit mehr oder weniger seriösen News überschwemmt. Sollte man die Sozialen Netzwerke daher am besten meiden?

"Die sozialen Medien sollte man auf alle Fälle meiden. Da wird schon von der zweiten Pest gesprochen. Das ist völlig irrsinnig. Es gibt einige Plattformen, wie zum Beispiel das Robert-Koch-Institut (RKI), das verlässliche Informationen liefert." Ortwin Renn

Ansteckung und Sterblichkeit

Bei jeder Epidemie oder auch Pandemie gibt es zwei wichtige Parameter, so Renn: Erstens wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, sich anzustecken, und zweitens, wie viele Menschen daran sterben. Die Ansteckungsgefahr beim Coronavirus ist hoch, denn sie wird durch Tröpfcheninfektion übertragen. Das sorgt für eine schnelle Ausbreitung. Die Mortalitätsrate hingegen ist zumindest hierzulande - so Renn - klein. Die Sterberate sei auch nicht viel größer als bei den etwas schwereren Grippewellen. "Um es deutlich zu sagen: Von 100 Menschen überleben es mehr als 99." Das kann zur Beruhigung beitragen. Man kann gewiss sein, meint Renn, dass dieses Virus kein Virus ist, dass die Menschheit nicht überleben wird.

Entdecke den archaischen Typen in Dir!

Seriöse Informationen können also helfen, die Situation richtig einschätzen zu lernen. Aber was kann man tun, um die "archaischen Typen" in sich in den Griff zu bekommen? Selbsteinschätzung ist da der erste wichtige Schritt: Zu welchem der drei Typen zähle ich mich? Und dann sollte man versuchen, so Renn, zu ermitteln, wie man sich im Rahmen seines Typs angemessen verhalten kann, ohne "hysterisch" zu werden.

Derjenige, der die Gefahr ignoriert - also für den "Totsteller" - wäre es also angemessen, sein Verhalten, alle Sicherheitsmaßnahmen zu ignorieren, zu hinterfragen. Ist es zum Beispiel wirklich nötig, jetzt noch private Partys zu feiern? Das gilt auch für die beiden anderen Typen? Ist es zum Beispiel wirklich nötig, 20 Packungen Klopapier zu horten?

Man sollte das tun, was empfohlen ist

Richtig ist, das zu tun, was in der jeweiligen Situation angemessen ist. Im Moment gehören dazu: Hygienemaßnahmen einhalten, Abstand halten, Menschenansammlungen vermeiden und die gefährdeten Personengruppen schützen. Renn empfiehlt, sich auf sinnvolle Formen im Umgang mit der Bedrohung durch das Coronavirus zurückziehen und nicht verantwortungslos zu handeln. Dazu gehört zum Beispiel, dass Desinfektionsmittel oder Schutzmasken gestohlen wurden, dass Menschen im Supermarkt aufeinander losgingen, um die letzten Mehlpackungen zu ergattern oder gar andere Menschen für die Krise verantwortlich machen.

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