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Jenseits der Ritterspiele: Was Mittelalter-Forscher umtreibt | BR24

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An der Bayerischen Akademie der Wissenschaften werden 2600 Urkunden ausgewertet, die Kaiser Friedrich II. (links dargestellt) hinterlassen hat.

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Jenseits der Ritterspiele: Was Mittelalter-Forscher umtreibt

Ob Ritterspektakel oder historischer Roman - das Mittelalter ist populärer denn je. Doch die Arbeit der Mediävistik geschieht von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet. Dabei hat diese Forschung auch in der digitalen Moderne wichtige Aufgaben.

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Die Epoche zwischen 500 und 1500 nach Christus: Sie mag in grauer Vorzeit liegen, doch bewegt sie viele heutige Menschen wie kaum ein anderes Zeitalter. Tausende Mittelaltermärkte und Rittertuniere in Deutschland geben davon Jahr für Jahr ein buntes Zeugnis ab. Und auch in Film und Literatur ist das Mittelalter stets gut vertreten: Serien wie Game of Thrones, Vikings oder eine Unzahl historischer Romanen über Henkerstöchter und Wanderhuren spiegeln die Lust des modernen Menschen am Mittelalter.

Widersprüchlicher Begriff

Doch was ist das für ein Mittelalter, das wir uns heute ausmalen? Und was erforschen jene, die sich wissenschaftlich mit Burgen, Ständen und Adelsgeschlechtern beschäftigen? Valentin Groebner, österreichischer Historiker für mittelalterliche Geschichte an der Universität Luzern, verweist zunächst einmal auf die Widersprüchlichkeit des Begriffs „Mittelalter“:

"Die Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts haben gesagt: Wir sind der Beginn von etwas Neuem. Das, was vor uns war, die düstere Zeit, ist das Mittelalter. Und dann wird dieser Begriff nochmal 300 Jahre später umgedreht: Die Romantiker sagen, das ist nicht das Düstere, sondern das Echte, das Eigene. Und diese beiden Mittelalterbilder, das Dunkle, Düstere der Humanisten, und das Echte, Eigene der Romantiker, die haben wir jetzt in dem Wort eingepackt." Valentin Groebner, Mittelalterhistoriker, Universität Luzern

Das idealisierte Bild vom Mittelalter, mit dem wir heute auf Festen, in Büchern und Filmen häufig konfrontiert werden, speist sich dabei aus der Ideenwelt des 19. Jahrhundert, einer Zeit voller Umbrüche zu Beginn der Industrialisierung.

"Riesige Kirchen wurden in dieser Zeit neu gebaut, in mittelalterlichem Stil: Die Neogotik ist der Baustil der Industriellen Revolution. Das heißt, immer dann, wenn sich gerade ganz viel verändert, dann braucht man das Mittelalter als geträumte Stabilität von früher." Valentin Groebner, Mittelalterhistoriker, Universität Luzern

Leben wie vor 1000 Jahren

Eine Sehnsucht, die bis heute anhält - und gelebt wird, zum Beispiel in Bärnau-Tachov. Das hiesige archäologischen Freilandmuseum ist mit rund 30 rekonstruierten Gebäuden aus dem Mittelalter die größte Sammlung seiner Art im deutschsprachigen Raum. Vor 10 Jahren startete das ehrgeizige deutsch-tschechische Projekt: Die Häuser aus drei mittelalterlichen Epochen werden erbaut nach den Regeln der experimentellen Archäologie, errichtet mit Materialien und Techniken der jeweiligen Zeit. Und die Ansprüche an die potentiellen Bewohner des Museumsdorfes sind hoch: Ob als Krieger, Händler, Bauer, Adeliger – nicht Mittelalter-Show, sondern Authentizität sind gefragt – so weit wie möglich.

Vor allem bei Veranstaltungen vermitteln Handwerker und auch Familien, die über den Sommer am Wochenende in den historischen Wohnhäusern wohnen, wie die Menschen vor mehr als 1000 Jahren arbeiteten, wohnten, aßen. Für den Wissenschaftlichen Leiter des Living-History-Experiments Stefan Wolters sind die Bewohner unverzichtbarer Bestandteil seiner Forschungsarbeit:

"Rekonstruieren kann ich viel, mir vorstellen bei einem Grabungsbefund, wo etwa die Pfosten eine Hauses sind. Aber allein die Benutzung kann mir zeigen, ob der Bau funktioniert. Kann ich heizen? Zieht der Rauch ab? Man muss nicht glauben, dass die Menschen in feuchten Löchern gehaust hätten, sondern die hatten auch Ansprüche ans Wohnen." Archäologe Stefan Wolters, Geschichtspark Bärnau-Tachov
© Archäologisches Freilandmuseum Bärnau-Tachov

Im archäologischen Freilandmuseum Bärnau-Tachov werden Wohngebäude und andere mittelalterliche Gebäude originalgetreu rekonstruiert.

Bauen mit hölzernem Kran

Auf einer Baustelle des Geschichtsparks in der Abteilung Spätmittelalter steht ein beeindruckender hölzerner Kran. Hier wird ein Fachwerkhaus gebaut, in Modulbauweise, wie einst im 14. Jahrhundert, zur Zeit Karls IV.

"Hier sieht man, was alles zu so einer Baustelle gehört. Es ist nicht getan, dass man Steine aufeinandertürmt. Wir haben da einen Kran, der an einem großen Handrad von zwei Personen betrieben wird und der komplett schwenkbar ist. Das Fachwerkhaus wird in Modulbauweise aufgebaut: Jede Wand wird einzeln gebaut, dann aufgerichtet und mit Holzverbindungen verbunden." Archäologe Stefan Wolters, Geschichtspark Bärnau-Tachov

Zwar arbeiten im Museumsdorf neben den Laien auch Studenten der Partneruniversitäten Prag, Pilsen und Bamberg. Trotzdem ist Stefan Wolters viel daran gelegen, dass gerade auf der Baustelle alles Hand und Fuß hat. Deshalb gibt es eine Kernmannschaft aus tschechischen und deutschen Handwerksmeistern - ein Steinmetz, ein Landschaftsbauer, ein Maurer, ein Zimmermann.

Quellenstudium - Grundlage der Mittelalterforschung

Gut 200 Kilometer weiter südlich, in München wird in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Mittelalterforschung im klassischen Sinn betrieben - mit der Untersuchung und Edition von Handschriften und Texten. Eine Frau und zwei Männer arbeiten hier an der Auswertung von 2600 Urkunden, die der Stauferkaiser Friedrich II., Enkel von Friedrich I. Barbarossa, hinterlassen hat. Und nicht nur das, sagt Christian Friedl, der Leiter des Projekts „Herausgabe der Urkunden Kaiser Friedrichs II.“:

"Wir erstellen eine Kritische Edition, das ist ganz wichtig. Denn jeder, der Latein kann, ist auch in der Lage, den Text zu entziffern oder auch transkribieren. Kritisch heißt, dass wir von den äußeren Befunden, vom Latein und auch historisch alles dem Benutzer liefern, was in irgendeiner Weise interessant ist – und das für 2600 Urkunden." Christian Friedl, Projektleiter „Herausgabe der Urkunden Kaiser Friedrichs II.“, Bayerische Akademie der Wissenschaften

Die Arbeit an einer solchen Edition gehört zu den Grundlagen der Mittelalterforschung. Sie ermöglicht Historikern überhaupt erst den Zugang zu Quellen – in diesem Fall Urkunden Friedrichs II. – ohne dafür mühsam von Archiv zu Archiv reisen zu müssen. Dazu kommt die akribische Überprüfung jeder einzelnen Handschrift auf ihre Herkunft – und damit auch auf ihre Echtheit. Neben dem Inhalt des Textes erfassen die Forscher aber auch Zustand und äußere Form des Originals, anhand von 44 forensischen Merkmalen, wie Größe, Falten, Beschädigungen, Mäusefraß, Tintenfarbe, ob der Schreiber mit links oder rechts geschrieben hat.

50 Jahre währendes Forschungsprojekt

Das Projekt der Akademie der Bayerischen Wissenschaften ist auf fast 50 Jahre angelegt. Begonnen wurde es 1985. Die ersten 15 Jahre stand die Arbeit an den originalen Schriftstücken in den Archiven im Vordergrund. Katharina Gutermuth ist schon als Studentische Hilfskraft zum Projekt gestoßen.

"Ich wollte als Kind Detektiv werden. Und genau das mache ich jetzt, nur auf andere Art und Weise eben dass die Leute, um die es geht, schon seit 800 Jahren tot sind. Wenn ich zum Beispiel hinter einer Überlieferung her bin oder einem Druck aus dem 17. Jahrhundert – ich bin dann der einzige Mensch, der noch weiß, dass dieser Druck überhaupt existiert. Ich finde es unheimlich spannend." Katharina Gutermuth, Historikerin, Bayerischen Akademie der Wissenschaften

Etwa alle drei Jahre werden die Arbeiten in Bänden der Monumenta Germaniae Historica, der großen Sammlung Deutscher Urkunden, veröffentlicht, als Open Access, also zugänglich für jedermann. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, wird Projektleiter Christian Friedl das Rentenalter erreicht haben.

Interdisziplinäres Arbeiten

Mittelalterliche Forschung ist ein Wissenschaftsbereich im Umbruch: Die Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften hat auch in den Mittelalterinstituten Einzug erhalten. Historiker Steffen Patzold von der Universität Tübingen sieht in der Zusammenarbeit mit den Naturwissenschaften die große Chance für moderne Mittelalterforschung.

"Das beginnt bei der Datierungsmöglichkeit von Objekten, es geht weiter über neues Datenmaterial, das es früher nicht gegeben hat, etwa alte DNA, die man aus Knochen aus dem Mittelalter isolieren kann. Ähnliches kann man mit Klimadaten machen, Pollenanalysen und weiterem Material." Steffen Patzold, Seminar für mittelalterliche Geschichte, Universität Tübingen

Gerade für das frühe Mittelalter, das Spezialgebiet des Tübinger Historikers, tun sich hier große Möglichkeiten auf.

Mittelalterliche Geschichte: Mehr als Herkunftsgeschichte

Aber wo kommen die Deutschen, die Franzosen, die Italiener denn nun her? Mittelalterliche Geschichte galt in den vergangenen beiden Jahrhunderten vor allem als Herkunftsgeschichte: Die Grenzen des jeweiligen historischen Horizonts waren oft genug die Staatsgrenzen der Nationen, die nach ihren angeblichen Ursprüngen suchten. Ein Blickwinkel der Historiker, der sich zunehmend verschiebt.

"Man kann beobachten, dass wir immer stärker zur Kenntnis nehmen, dass die Nation nicht immer schon das Gehäuse gewesen ist, in dem Geschichte funktioniert hat. Wir versuchen, Verflechtungsgeschichten zu schreiben zwischen Regionen, wir versuchen, den Rahmen der Nation aufzulösen, und stattdessen entweder kleinteiliger oder größer zu schauen. Und das bringt ganz neue und interessante Erkenntnisse." Steffen Patzold, Seminar für mittelalterliche Geschichte, Universität Tübingen
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Immer wieder von Nationalisten für ihre politischen Zwecke missbraucht: der fränkische Hausmeier Karl Martell (ca. 688 - 741)

Instrumentalisierung historischer Figuren

Zugleich aber lässt sich gerade in der jüngsten Vergangenheit ein gegenläufiger Trend beobachten: Die Instrumentalisierung von Symbolen, Figuren, Ereignissen des Mittelalters für politische Zwecke: Der Staufenkaiser Friedrich I. Barbarossa, der sagenumwoben im Kyffhäuser-Berg schläft und auf dessen Erwachen rechtsnationale Gruppen im Netz hoffen – oder Karl Martell. Der Attentäter von Christchurch hatte neben anderen Namen und Symbolen auch den des fränkischen Hausmeiers aus dem 8. Jahrhundert auf seine Tatwaffe geschrieben – ein Baustein seiner obskuren Weltverschwörungstheorien.

"Karl Martell wird zum christlichen Helden gegen den Islam stilisiert, der bei Pegida eine Rolle spielt, und das ist eine Form der Instrumentalisierung, die nichts mehr zu tun hat mit unserem wissenschaftlichen Stand der Forschung." Steffen Patzold, Seminar für mittelalterliche Geschichte, Universität Tübingen

Der fränkische Hausmeier wurde bis in die jüngste Zeit noch für seinen Sieg gegen die Araber in der Schlacht von Tours und Poitiers im Jahr 732 als „Retter“ des Abendlandes überhöht. Die aktuelle Forschung geht aber mittlerweile davon aus, dass diese „Schlacht“ erst in der Neuzeit bedeutend gemacht wurde: Nach heutigem Stand der Wissenschaft führte Karl Martell vor allem Beutezüge gegen die benachbarten Sachsen, Friesen und Franken durch, um sich dann gegen die Araber zu wenden – und das vor allem, um die eigene Macht zu festigen.

Aufgaben moderner Mittelalterforschung

Auf Fehler hinweisen, den Missbrauch und die Klitterung der Geschichte durch Fakten verhindern – das kann die ganz aktuelle Aufgabe einer modernen Mittelalterforschung sein. Und sie hat das Zeug dazu, den unhistorischen nationalen und zunehmend nationalistischen Narrativen von einem zusammenfantasierten Mittelalter die gemeinsamen Wurzeln europäischer Geschichte entgegenzusetzen: ob im slawischen Blockhaus von Bärnau-Tachov oder in einer Urkunde des Stauferkaisers Friedrich II., der als Sizilianer über das Deutsche Reich herrschte und eine arabische Leibgarde hatte.

Mehr zum Thema auch in der radioWelt, Bayern 2, 28.11.2019, 06:05 Uhr